Interview mit Barbara Frei

Alexandra Hose,

»Der Fachkräftemangel ist definitiv real«

Die Digitalisierung in Unternehmen sorgt für einen Wandel hinsichtlich Arbeitsorganisation und -gestaltung. Aber wie steht es um die begehrten Fachkräfte? Barbara Frei von Schneider Electric schätzt die Lage ein.

Barbara Frei, Executive Vice President für den Bereich Industrial Automation bei Schneider Electric.

© Schneider Electric

Frau Frei, wie wettbewerbsfähig ist Deutschland auf dem internationalen Arbeitsmarkt?

Barbara Frei: Mein Eindruck: sehr wettbewerbsfähig! Was aber nicht heißt, dass es kein Verbesserungspotenzial gibt. Im Gegenteil, gerade wenn es um die Einwanderung von Fachkräften geht, könnten die Rahmenbedingungen deutlich besser sein. Ohne qualifizierte Zuwanderung wird sich die Fachkräftelücke nicht schließen lassen. Außerdem teile ich die Auffassung einiger Beobachter, dass Deutschland und die EU Maßnahmen ergreifen müssen, mit denen ein attraktiveres Umfeld für High-Tech-Unternehmen im IT- und KI-Bereich geschaffen wird. So ließen sich hochqualifizierte Hochschulabsolventinnen viel leichter gewinnen und halten. Ich habe allerdings den Eindruck, dass bei beiden Themen ein Umdenken erfolgt. Und davon abgesehen: Deutschland ist und bleibt ein international attraktiver Arbeitsmarkt. 

Apropos Fachkräftemangel: Es gibt Stimmen, die bezweifeln, dass es diesen überhaupt gibt. Wie schätzten Sie die aktuelle Situation am Arbeitsmarkt ein?

Angesichts der Rasanz, mit der sich Automatisierung und KI weiterentwickeln, müssen manche Stellen, die heute noch ausgeschrieben sind, in Zukunft vielleicht nicht mehr von einem Menschen besetzt werden. Aber das ist zum jetzigen Zeitpunkt reine Spekulation. Ich kann nur für die Märkte von Schneider Electric sprechen: Da ist der Fachkräftemangel definitiv real und lässt sich auch nicht wegdiskutieren. Und für Unternehmen kann das existenzbedrohend sein. 

Digitalisierung und Vernetzung haben Einfluss auf beinahe jede Berufsgruppe. Welche Kompetenzen und Qualifikationen sind in Bezug auf Industrie 4.0 bzw. dem IoT besonders gefragt?

Wenn Sie nach der fachlichen Qualifikation fragen, dann sind vor allem IT-Kenntnisse gefragt. Also Menschen, die sich mit Themen wie Big Data, Blockchain, Cloud oder Künstlicher Intelligenz auskennen. Und da spreche ich nicht nur von dedizierten IT-Fachkräften. Im Grunde genommen ist das für alle (technischen) Berufsgruppen von Relevanz. Heißt aber wiederum nicht, dass wir uns jetzt alle nur noch mit Raketenwissenschaft beschäftigen müssen. Um aber den Anschluss nicht zu verlieren oder bestimmten Marktentwicklungen hilflos ausgeliefert zu sein, braucht es zumindest ein technisches Grundverständnis – und, ganz wichtig, für die Auswirkungen der Digitalisierung auf Produktionsweisen und Geschäftsmodelle. Ich appelliere vor allem an die Führungskräfte im Mittelstand: Beschäftigen Sie sich kontinuierlich mit den technologischen Entwicklungen, pflegen und leben Sie eine offene Grundhaltung vor und begreifen Sie Digitalisierung als unternehmerische Kernkompetenz.

Welche Herausforderungen kommen auf Unternehmen im Zuge des demografischen Wandels zu? 

Klar, künftig werden noch weniger erwerbstätige, und vor allem jüngere erwerbstätige Menschen zur Verfügung stehen. Und das hat für ein Wirtschaftssystem erst einmal negative Konsequenzen. Gleichzeitig ist es aber so, dass die für Deutschland charakteristische demographische Entwicklung keinesfalls repräsentativ für die gesamte Weltbevölkerung ist. Im Gegenteil, auf vielen Erdteilen gibt es extrem junge und aufstrebende Gesellschaften. Also ist das Schaffen von attraktiveren Einwanderungsbedingungen und -möglichkeiten ein wichtiger Lösungsansatz. Außerdem bin ich mir nicht sicher, ob sich die Reduzierung der Erwerbsbevölkerung tatsächlich so negativ auswirkt, wie oft befürchtet. Denn es gibt ja nicht nur einen demographischen, sondern auch einen technologischen Wandel. Fast all unsere Kunden aus Industrie und Maschinenbau beschäftigen sich gegenwärtig damit, wie sie das Automatisierungsniveau ihrer Anlagen massiv erhöhen können. Ganz stark merken wir das etwa bei der Nachfrage nach unserem kürzlich vorgestellten kollaborativen Roboter. Der kann Tätigkeiten übernehmen, für die sich schon jetzt einfach kein Personal mehr finden lässt. 

Was tut Schneider Electric, um qualifizierte Fachkräfte von sich zu überzeugen?

Hier sind wir zum Glück in einer vergleichsweise komfortablen Lage. Denn allein unser Geschäftsmodell – Unternehmen nachhaltiges Wirtschaften zu ermöglichen – besitzt für jüngere Fachkräfte eine große Attraktivität. In den Bewerbungsgesprächen hören wir das immer wieder. Um Fachkräfte zu binden und ihnen für sie passende Karrieremöglichkeiten zu bieten, nutzen wir eine Matching-Software namens „Open Talent Market“, die offene Positionen oder Projekte im Unternehmen abdeckt. Wir verfolgen die so genannte 3E-Strategie: Experience, Exposure, Education. Neben einer klassischen Weiterbildung können Mitarbeiter in diesem Rahmen auch an Projekten mitwirken, die nicht in ihre eigentlichen Aufgabenbereiche fallen. Und das kommt sehr gut an. 

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Videotipp: Was hat sich in 10 Jahren Industrie 4.0 getan

Auf der Hannover Messe 2023 gab die Acatech eine Abschlusserklärung ab, mit klaren Umsetzungsempfehlungen für Industrie 4.0. Auf der diesjährigen Messe warf Dr. Barbara Frei einen reflektierenden Blick zurück auf das vergangene Jahrzehnt.

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