Antriebstechnik

Jörg Heilmann | Günter Herkommer,

Bremsen - Was steckt hinter dem High-Torque-Konzept?

Permanentmagnet-Bremsen als Haltebremsen mit Not-Stopp-Funktion gehören aus guten Gründen zu den am meisten verbreiteten Sicherheitsbremsen in der Robotik und im Maschinenbau. Bei konventionellem Design der PM-Bremsen gibt es allerdings Grenzen bedingt durch das Wirkprinzip. Welche Alternativen bieten sich an?

© Kendrion

Permanentmagnet-Bremsen (PM-Bremsen) zum Halten oder für die Not-Stopp-Funktion werden an der Festlagerseite des Motors entweder A- oder B-seitig montiert. Im un­bestromten Zustand ist die Bremse ­geschlossen; der Anker wird vom Permanentmagnetfeld gegen den Stator beziehungsweise das Erregersystem gezogen (Bild 1). Im bestromten Zustand entsteht ein elektromagnetisches Feld, das die Anziehungskraft der Permanentmagnete aufhebt und so den Anker durch die Zugkraft der Federn zwischen Anker und Flanschnabe vom Erregersystem löst. Die Bremse lüftet.

Bild 1: Aufbau beziehungsweise Schnitt einer klassischen Permanentmagnetbremse

© Kendrion

Durch die kraftschlüssige Verbindung zwischen Anker, Nabe und Welle ist die PM-Bremse spielfrei. Außerdem überzeugt sie vor allem durch ihre kompakten Abmessungen und ihr vergleichsweise geringes Gewicht. Die Leistungsdichte ist dank der Permanentmagnete doppelt so hoch wie beispielsweise bei Federdruckbremsen (FD) üblich. Da der Anker vollständig durch die Feder gelüftet wird, gibt es anders als bei FD-Bremsen auch keinen Abrieb. Bei letzteren entsteht immer ein Anlaufverschleiß, da sich bei Drehzahlerhöhung erst ein Luftpolster zwischen Belag und Reibflächen aufbauen muss. PM-Bremsen mit ihrer Reibpaarung Stahl/Stahl sind zudem sehr temperaturstabil und haben über den gesamten Temperaturbereich ein garantiert hohes Drehmoment, während bei FD-Bremsen der organische Reibbelag mit Änderungen des Reibwerts und erhöhtem Verschleiß auf Temperaturerhöhung reagiert.

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Bild 3: Magnetischer Fluss einer konventionellen PM-Bremse bei bestromter (links) und unbestromter Spule (rechts).

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Die Grenzen des Magnetkreises

Der Betriebstemperaturbereich ist allerdings bei PM-Bremsen ebenso nicht für alle Anwendungen ausreichend, was mit dem normalerweise üblichen Aufbau des Magnetkreises zusammenhängt. Bild 3 zeigt den magnetischen Fluss einer konventionellen PM-Bremse bei bestromter und unbestromter Spule. Liegt keine Spannung an, ist die Bremse geschlossen; sie öffnet, sobald die Lüftungsspannung (U1) anliegt (Bild 4). Wenn der Wert U2 erreicht wird, kommt es zu einer Überkompensation; das bedeutet, die – eigentlich geöffnete – Bremse schließt wieder. Konventionelle PM-Bremsen sind deshalb im Spannungsabstand zwischen U1 und U2 so ausgelegt, dass eine ­sichere Funktion bei den im industriellen Umfeld üblichen Temperaturen zwischen –5 und +120 °C gewähr­leistet ist.

An dem Temperaturfenster lässt sich jedoch nicht so einfach rütteln, da sich der Spulenwiderstand linear mit der Temperatur verändert. Liegen die Umgebungstemperaturen nun außerhalb des Fensters, kommt es zu ­Fehlfunktionen. Schließlich bleibt die angelegte Spannung mit typischer­weise 24 V gleich, der Widerstand der Spule verändert sich jedoch in ­Abhängigkeit von der Temperatur, was wiederum Auswirkungen auf den ­Spulenstrom und damit die Stärke des elektromagnetischen Feldes hat. Wird es zu kalt, sinkt der Widerstand und dadurch steigt der Spulenstrom; die Überkompensationsspannung U2 sinkt unter 24 V und die Bremse schließt fälschlicherweise wieder. ­Andersherum steigt bei zu hohen Temperaturen die Lüftungsspannung U1 auf über 24 V; die Bremse kann nicht öffnen.

Bild 4. Spannungsdiagramm einer klassischen PM-Bremse.

© Kendrion

Diese Eigenschaften des Magnetkreises konventioneller PM-Bremsen lassen sich kaum verändern, sind sie doch mit der möglichen Spulen­leistung und Bauform eng verknüpft. So lässt sich beispielsweise die ­Spulenleistung wegen der damit verbundenen Wärme-Entwicklung nicht beliebig erhöhen. Bezüglich Temperaturbereich, Haltemoment und Spannungstoleranzen haben konventionelle PM-Bremsen also durchaus ihre ­Grenzen. Allerdings sind diese weit gesteckt und kommen in den meisten Anwendungen in Handhabungstechnik und Robotik nicht zum Tragen. Es gibt jedoch auch Bereiche, die durchaus höhere Anforderungen an die Bremsen haben.

Outdoor-Anwendungen zum Beispiel in Windkraftanlagen erfordern einen ­erweiterten Temperaturbereich. Außerdem gibt es Anwendungen, bei denen eine ‚saubere‘ 24-V-Versorgungsspannung nicht immer gewährleistet ist. Hier sollten die Bremsen auch bei ­Spannungsschwankungen zuverlässig arbeiten. Daneben gibt es zunehmend neue Motorbaureihen am Markt, die ­höhere Drehmomente liefern und bei gleichem Bauraum stärkere Bremsen benötigen.

 

Schalenmagnet statt Scheibe

Bild 2. Aufbau einer ‚High Torque‘-PM-Bremse: Der Permanentmagnet ist hier nicht ring-, sondern schalenförmig ausgeführt.

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Eine Lösung, die diesen erhöhten Anforderungen gerecht wird, sind ‚High-Torque‘-PM-Bremsen. Sie kennzeichnet ein völlig neuer Aufbau des magnetischen Kreises und eine optimierte Lage der Pol-Flächen. Im Gegensatz zur konventionellen PM-Bremse ist bei der High-Torque-Ausführung der Permanentmagnet nicht ring-, sondern schalenförmig ausgeführt (Bild 2). Durch diesen patentierten Aufbau verändert sich bei bestromter Spule – das heißt bei geöffneter Bremse – der Verlauf des magnetischen Flusses (Bild 5). Dadurch fallen Reaktionen auf Temperaturänderungen oder Spannungsschwankungen deutlich geringer aus. Eine Überkompensation – also ein unerwünschtes Schließen der Bremse – bei extremen Temperaturen oder unsauberer Versorgungsspannung wird so sicher vermieden.

Bild 5. Magnetischer Fluss einer High-Torque-PM-Bremse bei bestromter (links) und unbestromter Spule (rechts).

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Die zulässigen Betriebstemperaturen bei High-Torque-Bremsen dürfen dann zwischen –15 und +120°C liegen; bei Sonderbauformen sind sogar bis –40°C zulässig.

Kurzum: Man muss nicht zwangsläufig zu FD-Bremsen greifen und die damit verbundenen Nachteile wie niedrigere Leistungsdichte oder Verschleiß der Reibbeläge durch das Anlaufmoment in Kauf nehmen. Letzteres ist gerade in Windkraftanlagen unerwünscht, da Wartungsarbeiten hier besonders aufwendig und kostenintensiv sind. Ähnliches gilt aber durchaus auch für anspruchsvolle Anwendungen in Robotik oder Medizin- und Sicherheitstechnik. Die High-Torque-Bremsen gibt es in unterschiedlichen Ausführungen mit Drehmomenten von 0,1 bis 500 Nm. Als Option stehen unterschiedliche Ankerausführungen zur Verfügung.

Autor: Jörg Heilmann ist Global Key Account Manager bei Kendrion, Villingen.

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