Kommunikation per WLAN
Wie drahtlose Sensor-Netzwerke funktionieren
Funksysteme in der Industrie sind bis dato meist Punkt-zu-Punkt-Verbindungen. Werden diese zu einem Netzwerk mit Anbindung an übergeordnete IT-Systeme ausgebaut, so lassen sich damit komplett neue Infrastrukturen aufbauen – zum Beispiel für E-Kanban-Systeme.
Nach anfänglichen Vorbehalten haben sich Funklösungen in der Automatisierungstechnik inzwischen etabliert. Das gilt selbst für sensible Anwendungsbereiche wie die funktionale Sicherheit und explosionsgefährdete Umgebungen. Im Zuge dieser Entwicklung kommen zunehmend auch Wireless-Schaltgeräte zur Anwendung – zum Beispiel Positions-, Seilzug- oder Fußschalter, aber auch berührungslos wirkende Schaltgeräten wie Induktiv-, Magnet- und optische Sensoren. Allerdings handelt es sich dabei zumeist um Insellösungen mit jeweils eigenen Auswertegeräten, die erst auf der darüber liegenden Ebene in die IT-Lösungen des Anwenders integriert werden. Gerade die Diskussion um Industrie 4.0 zeigt aber, dass künftig Weiterentwicklungen und neue Standards erforderlich sind, um die Vorteile der Funkkommunikation auf ‚Shopfloor‘-Ebene noch besser auszuschöpfen.
Der amerikanische Begriff ‚Internet of things‘ macht noch besser als ‚Industrie 4.0‘ deutlich, worum es hier geht: Wenn Maschinen, Werkzeuge und (Halbfertig-) Produkte miteinander kommunizieren, werden Punkt-zu-Punkt-Verbindungen nicht ausreichen. Vielmehr müssen dann Funknetzwerke bereitstehen, die idealerweise mit Schnittstellen zur Unternehmens-IT wie etwa ERP-Systemen oder Lagerverwaltungs-Software ausgestattet sind und direkt mit diesem Systemen kommunizieren können.
Kanban-Regale sind eine typische Anwendung von Funknetzwerken. Wird ein Behälter entnommen, erfolgt ein Signal an die Steuerung und es wird Nachschub angefordert.
© Steute SchaltgeräteAllerdings führt der Begriff ‚Internet of things‘ auch ein wenig in die Irre, denn er geht davon aus, dass künftig jedes Werkzeug und jedes Produkt über eine eigene IP-Adresse erreichbar sein wird. Eine solche Lösung ist schon aus Kostengründen oft schwer realisierbar. Sie ist aber – zumindest solange die Kommunikation innerhalb der Produktion stattfindet – auch gar nicht notwendig, wie aktuelle Beispiele und Projekte zeigen.
Zu den ersten derartigen Projekten, die von Steute umgesetzt wurden, gehörte ein E-Kanban-System, bei dem Funkpositionsschalter in Rollenbahnregalen melden, dass Nachschub erforderlich ist. Der Positionsschalter sendet automatisch und in Echtzeit per Funk ein Signal an eine Kommunikationseinheit, die per WLAN einen Bestellvorgang im übergeordneten ERP-System auslösen kann. Wenn es sich um besonders leichtes Lagergut handelt oder wenn die Regale so kompakt gebaut sind, dass eine Nachrüstung der Funkwippen nicht möglich ist, kann als Alternative ein Funklichttaster zur Anwendung kommen. Auch Bediensysteme, über die etwa Material angefordert oder dessen Entnahme / Bereitstellung quittiert wird, lassen sich in derartige Netzwerke integrieren. Das besagte E-Kanban-System ist inzwischen unter anderem in den Montagewerken von Automobilzulieferern im Einsatz.
Polling versus Event
Auf dieser Beschreibungsebene klingt die Substitution von kabelgebundenen durch kabellose Schalter oder Sensoren ganz simpel. So einfach ist es jedoch nicht. Um ein industrietaugliches Funknetzwerk aufzubauen, muss die Energieversorgung der Teilnehmer geklärt sein. Ein Funksensor, bei dem einmal im Monat die Batterie getauscht werden muss, ist in der Praxis unbrauchbar. Deshalb spielen gerade bei Funksensoren Low-Power-Architekturen und Energie-Management eine tragende Rolle.
Konventionelle Funkschaltgeräte mit Punkt-zu-Punkt-Verbindung zwischen Schaltgerät und Empfänger kommen bereits in vielen Bereichen der Industrie zum Einsatz. In Zukunft werden diese vermehrt in ausgedehnte wireless Netzwerke eingebunden.
© Steute SchaltgeräteAußerdem ist die Art der Datenabfrage grundsätzlich verschieden. Der Automatisierungstechniker ist gewohnt, dass eine Steuerung zyklisch arbeitet. Ist ein analoger oder digitaler Sensor angeschlossen, können die anliegenden Sensordaten mit dem Zyklus der Steuerung abgetastet werden. In Funksystemen ist das anders. Bei einem digitalen Sensor macht es aus der Sicht des Energieverbrauchs Sinn, nur dann Daten zu übertragen, wenn tatsächlich eine Statusänderung vorliegt. Ist das Signal unkritisch, wie etwa bei einem Seilzugschalter für Türöffnungsfunktionen, lässt sich der Sensor mit einem Energiegenerator versehen, so dass ein vollständiger energieautarker Betrieb möglich wird. In der Praxis findet man vielfach Lösungen auf der Basis von Enocean-Technologie, um diesen Anwendungsfall abzudecken.
Ist jedoch eine größere Zuverlässigkeit gefordert, wird eine bestätigte Kommunikation notwendig. Steute realisiert dies durch die eigens für diese Zwecke entwickelte sWave-Technologie im 868- beziehungsweise 915-MHz-SRD-Band. Die Schalter und Sensoren können dann über kleine Pufferbatterien oder Energiegeneratoren genug Energie aufnehmen, um das Ereignis mehrfach bestätigt zu senden. Der Vorteil dieser Technologie: Der Schalter oder Sensor bemüht sich, dem Funkempfänger zuverlässig die Schaltzustände zu übermitteln.
Ist es für den Prozess von Bedeutung, die Funkschalter permanent auf ihre Betriebsbereitschaft hin zu kontrollieren, so kommt man an einem ‚Lebenssignal‘ nicht vorbei. Sensor und Empfänger tauschen dann in einem lokalen Zyklus Statusinformationen aus, wobei auch hier aus Energiegründen der Sensor die aktive Rolle einnimmt. Geräte dieser Kategorie sind nur noch mit Batterien sinnvoll zu betreiben.
So funktioniert das Funknetzwerk
Solch eine energiesparende und dennoch zuverlässige Kommunikation ist bei standarisierten Funktechnologien nicht möglich – deshalb die Eigenentwicklung der sWave-Funktechnologie. Sie stellt ein Funkprotokoll bereit, das die jeweilige Empfangseinheit unter den oft ungünstigen Umgebungsbedingungen der industriellen Produktion mit hoher Zuverlässigkeit und Übertragungsqualität erreicht.
Die Verbindung der Funkschaltgeräte und -sensoren auf der Feldebene geschieht über neu entwickelte Access Points. Diese arbeiten wie ein Netzwerk-Router und empfangen die Signale der Funkschaltgeräte, bündeln sie und senden sie zum Beispiel per Ethernet oder WiFi an einen oder mehrere Applikationsserver. Auf diesem Server läuft eine Datenbank, die alle Informationen der Feldebene ‚einsammelt‘ und entweder direkt oder über eine Middleware an die anwenderseitige IT-Plattform (ERP, Betriebsdatenerfassung/BDE, Condition Monitoring/ CMS, Lagerverwaltung/LVS usw.) weitergibt.
Die neuen Access Points bilden die Schaltstelle der anwenderspezifischen Funknetzwerke, die so aufgebaut sind, dass bei Übertragungsfehlern einzelne Access Points umgangen werden können.
© Steute SchaltgeräteDabei besteht die Automatisierungspyramide dann aus ganz klar getrennten Ebenen, in denen die Schaltgeräte und Sensoren über das Funknetzwerk an eine Steuerung oder an eine Middelware ‚angeschlossen‘ sind. Die Steuerung veredelt diese Signale zu Daten, gibt sie an übergeordnete Leitebenen weiter, und über Webservices kann letztlich alles auf der MES-ERP-Ebene verarbeitet werden. Im Grundsatz geht dieses Modell von der Annahme aus, dass die Funksender aus Kommunikationssicht ‚dumm‘ sind, und immer nur auf Anfragen ‚von oben‘ antworten. Die höhere Ebene ist prinzipiell als Client ausgeführt und initiiert Datenanfragen, während die untere Schicht als Server arbeitet und entsprechend nur reaktiv tätig ist.
Auf der Hardware-Ebene bilden die erwähnten, speziell für das neue Funksystem entwickelten Access Points das ‚Backbone‘ des Netzwerks. Sie werden verteilt im Sendebereich installiert, wobei jeder Access Point die Signale von bis zu 100 Funkschaltern empfangen kann. Setzt ein Funkschalter eine Meldung ab, geht er jeweils nach einer festgelegten Reihenfolge von Access Points vor. Wenn das Senden an den ersten Zugangspunkt scheitert, sendet er das Signal an den zweiten und so weiter. Dies gewährleistet eine sehr hohe Übertragungssicherheit.
Die Netzwerk-Konfiguration
Die Access Points im so genannten sWave.Net-Netzwerk lassen sich über einen Web-Server an die jeweiligen Anforderungen anpassen. Auch Änderungen im Netzwerk sind auf diese Weise einfach realisierbar. Der bewährte 868-kHz-Standard, mit dem das Netzwerk arbeitet, bietet den Vorteil einer vergleichsweise hohen Reichweite: Im Freifeld sind bis zu 700 m möglich. Je nach Anwendungsfall kann eine Batterie die Energie für bis zu 1 Million Funkübertragungen liefern. Dies ist unter anderem darin begründet, dass die Funkschaltgeräte sich im laufenden Betrieb nicht in permanenter Empfangs- und Sendebereitschaft befinden, sondern ad-hoc ‚aufwachen‘ und erst dann die Kommunikation mit dem Access Point aufbauen.
Auch wenn das beschriebene Funksystem erst vor wenigen Monaten vorgestellt wurde und nun nach und nach diverse Anwendungsgebiete erschließt, stellen sich die Entwickler bereits die Frage, wie das System weiter ausdifferenziert werden kann und welche Einsatzfelder sich hier anbieten.
Um diese Fragen auch von der wissenschaftlichen Seite zu beantworten, hat Steute in einem Transferprojekt des Spitzenclusters „Intelligente Technische Systeme – it‘s OWL“ mit dem Institut für industrielle Informationstechnik (inIT) in Lemgo zusammengearbeitet. Dabei wurden von den Ingenieuren verschiedene Netztopologien konfiguriert, die eine hohe Übertragungssicherheit gewährleisten (Multihop-Funktion über Teilnehmer und über Repeater), sowie unterschiedliche Frequenzbereiche (Sub-GHz- und 2,4 GHz-Band). Zudem ermittelten sie die Latenzzeit verschiedener Funknetzwerke rechnerisch und messtechnisch.
Diese Arbeiten boten die Grundlage, um die untersuchten Netzwerke im Hinblick auf ihre Eignung für die Maschinensicherheit zu evaluieren. Dabei wurde als ‚Backbone‘ die von Phoenix Contact entwickelte ‚Trusted Wireless‘-Funktechnologie für die Funkkommunikation im industriellen Umfeld verwendet. Die Latenzzeiten wurden sowohl errechnet als auch gemessen. Das Ergebnis: Aktuell sind die Signallaufzeiten mit über 100 ms zu lang, um für sicherheitsrelevante Aufgaben verwendet zu werden. Bei der Konfiguration derartiger Low-Power-Netzwerke ist somit die Maschinensicherheit noch nicht integrierbar.
Dieses Resultat mag negativ klingen, aber der Erkenntnisgewinn ist dennoch groß, weil sowohl die Einsatzgrenzen aktueller Funktechnologien und Netzwerk-Topologien sowie konkrete Optimierungspotenziale vorhandener Funknetzwerk aufgezeigt wurden.
Autor:
Andreas Schenk ist Produktmanager Wireless bei Steute Schaltgeräte.














