ISW Stuttgart
TSN im Verbund mit EtherCAT
TSN ist ein wichtiger Baustein für die konvergente Kommunikation in der flexiblen Produktion. Für den Übergang ist die Beherrschung und Integration bestehender Feldbustechnologien wie EtherCAT ein wichtiger Bestandteil. Eine Bestandsaufnahme, was inzwischen schon möglich ist.
Die Globalisierung, Regionalisierung und Personalisierung von Märkten haben tiefgreifende Auswirkungen auf produzierende Unternehmen. Um diesen Anforderungen gerecht zu werden, sind Flexibilität und Wandelbarkeit notwendig. Verschiedene Technologien, Paradigmen und Perspektiven werden als Enabler dieser Flexibilität und Wandelbarkeit angesehen. Diese Ansätze haben als Gemeinsamkeit eine zunehmende Vernetzung der in der Fertigung eingesetzten Systeme. Denn nur wenn alle beteiligten Systeme jederzeit über transparente Informationen verfügen, lässt sich Flexibilität gewährleisten. Für die zunehmende Vernetzung müssen allerdings Kommunikationsströme aus Betriebstechnologie (OT) und den Leitebenen (IT) zusammengeführt werden. Das Time-Sensitive Network (TSN) ermöglicht die Koexistenz von OT- und IT- Kommunikationsströmen durch die Standardisierung einer echtzeitfähigen Datenverbindungsschicht (Layer 1 und 2 des OSI-Schichtenmodells) durch die IEEE. TSN ermöglicht damit die Beibehaltung der Echtzeitanforderungen der OT-Kommunikation und gleichzeitig die Nutzung des Netzwerks durch die IT-Kommunikation. TSN gilt daher als Schlüsseltechnologie für diese konvergente Kommunikation. Unter dem Begriff Industrie 4.0, der 2011 auf der Hannover Messe geprägt wurde, wird daher seit vielen Jahren mittels TSN auf die Flexibilität und Wandelbarkeit hingearbeitet. Was ist schon erreicht?
| 9. TSN/A Conference |
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»Application of TSN« - unter diesem Motto steht die internationale TSN/A Conference, die dieses Jahr am 01. - 02. Oktober in Stuttgart stattfindet. Werden Sie Teil der Community und diskutieren Sie mit Experten und Anwendern über den Einsatz des Echtzeit-Ethernet-Standards. Werfen Sie einen Blick in das Programm und sichern Sie sich bis Ende Juli Ihr Early-Bird-Ticket! |
TSN als Schlüsseltechnologie?
Eine Herausforderung bei der Entwicklung der TSN-Standardisierung ist der Zeitaufwand. Dies führte dazu, dass erst in der letzten Zeit tatsächlich produktreife Technologien verfügbar sind, die für die Automatisierung wichtige TSN-Standards unterstützen.
Eine weitere Herausforderung ist, dass TSN nur die unteren Kommunikationsschichten abdeckt und die höheren Schichten implementierungsspezifisch sind. OPC UA mit der Pub/Sub-Erweiterung für die Echtzeitkommunikation ist einer der vielversprechendsten Kandidaten, um diese Schichten auf der grünen Wiese auszufüllen. Der Übergang zu neuen Technologien wird jedoch aufgrund der Komplexität, der ungelösten Abhängigkeiten und der Netzwerkkonfiguration nicht nahtlos sein. Die Interoperabilität bestehender Technologien ist deshalb ein wichtiger Schritt hin zu einer konvergenten Kommunikation auf Grundlage von TSN. Daher setzen viele Feldbusse auf Kompatibilität und verwenden TSN auf den unteren zwei Schichten, beispielsweise genannt seien EtherCAT und Profinet. Inwiefern sind die Feldbusse aber tatsächlich schon konvergent in einem TSN-Netzwerk nutzbar?
Der Kandidat EtherCAT
EtherCAT ist ein etablierter Feldbus, der sich wachsender Beliebtheit erfreut, was zum einen an der Realtime-Performance liegt, die auch kritische Zeitanforderungen wie Motion gerecht wird, aber auf der anderen Seite auch eine Offenheit besitzt und damit verbunden eine große Anzahl an Software Stacks verfügbar sind. Damit ist EtherCAT ein idealer Kandidat für die konvergente Kommunikation über TSN.
Ein EtherCAT-Netzwerk besteht aus einem einzelnen Master und mehreren Slaves. Die physikalische Verdrahtung kann als Kombination aus Stern-, Baum- und Linientopologie ausgeführt werden. Die logische Topologie ist immer ein Ring. Der Master ist das einzige Kommunikationsgerät, das EtherCAT-Telegramme sendet. Dieses Sammeltelegramm enthält die EtherCAT-Daten aller Slaves und durchläuft alle Kommunikationsteilnehmer, die die Ausgangsprozessdaten empfangen, die Eingangsdaten eintragen und das Telegramm weiterleiten. Das Telegramm wird vom letzten Gerät an den Master zurückgesendet. Neben den zyklischen Prozessdaten werden auch azyklische Daten über Mailboxen ausgetauscht.
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Die Synchronisation zwischen den Geräten in einem EtherCAT-Netzwerk basiert auf dem Distributed Clock (DC)-Mechanismus. Die Uhren aller DC-fähigen Geräte werden typischerweise auf die Uhr des ersten DC-fähigen Slaves mit einer Genauigkeit von weniger als 100 ns synchronisiert. Dadurch lassen sich hochpräzise Zeitstempel zu aufgezeichneten Daten zuordnen und eine Synchronisation erreichen, die für Motion-Control-Anwendungen unerlässlich ist.
Das Konvergenz-Projekt
Die Analyse und Bewertung des bereits möglichen Konvergenzpotenzials erfolgte am ISW mittels eines Cloud-basierten Szenarios. Dieses Szenario basiert auf der Vision des Software defined Manufacturing (SDM), das für die Trennung von Hardware und Software steht. In dem realisierten Szenario steuert ein einzelner IPC mehrere Maschinen.
EtherCAT verwendet Broadcast Media-Access-Control- Adressen (MAC-Adressen), um Telegramme an alle Slaves zu senden. Folglich ist die Verwendung desselben Kabels für mehrere EtherCAT-Netzwerke nicht möglich. Es gilt, zusätzliche Mechanismen zu implementieren. Die EtherCAT Technology Group (ETG) hat das TSN-Kommunikationsprofil ETG.1700 veröffentlicht, das dieses Problem durch Mapping auf zwei unidirektionale Streams mit definierter MAC-Adresse behebt. Die Umsetzung erfolgt durch eine Adaptionsschicht im EtherCAT-Master und in EtherCAT-Slaves, die als Stream-Adaption bezeichnet wird. Im erläuterten Projekt wird nicht die im ETG.1700-Profil beschriebene Stream-Adaption verwendet, sondern mehrere Virtual Local Area Networks (VLANs), die im IEEE 802.1Q-Standard definiert sind. Damit ist es möglich, herkömmliche EtherCAT-Buskopplern zu verwenden, anstelle von spezialisierten TSN-fähigen Kopplern.
Nun kann zwar der Datenverkehr mehrerer EtherCAT-Netzwerke durch dasselbe Kabel fließen, allerdings ist noch die Synchronisation der Uhren festzulegen. TSN sieht eine Synchronisation aller Netzwerkteilnehmer auf eine globale Uhr mittels des Precision Time Protocol (PTP) vor. Dies ist also eine andere Technologie, als der DC-Mechanismus von EtherCAT. Dies lässt sich kann brownfield freundlich lösen, indem der EtherCAT Master als Referenzuhr im DC-Mechanismus verwendet und der EtherCAT Master auf die globale TSN-Zeit synchronisiert wird. Dieses Vorgehen ist auch im ETG.1700 Profil beschrieben.
Bild 2. TSN Schedule: Die drei EtherCAT-Netzwerke werden in drei separate Zeitscheiben eingeplant.
© ISWDer Aufbau und die Auswertemethoden sind in Bild 1 dargestellt. Der IPC und der TSN-Switch wurde mit frei verkäuflichen Produkten von Kontron realisiert. Die EtherCAT-Klemmen kommen von der Firma Beckhoff. Für den EtherCAT Master kommt der libethercat-Stack des DLR zum Zuge.
Die Umsetzung des TSN-Schedule erfolgt wie in Bild 2 dargestellt: Es kommen drei Datenverkehrsklassen zum Einsatz; Die drei EtherCAT-Netzwerke werden in drei separate Zeitscheiben eingeplant. Das bedeutet, die EtherCAT-Master senden in ihren Zeitscheiben die zyklischen Prozessdatenpakete.
Die Analysemethode
Zur Bewertung der Echtzeitleistung des Systems kommen zwei Messverfahren zum Einsatz. Zunächst erfolgt die Überwachung und Messung des Datenverkehrs jeden Kabels mit einem Netzwerk-Test Access Point (TAP), der eine konstante und deterministische Überwachungslatenz hat. Mittels des TAP wird der Datenverkehr gespiegelt und in einem separaten Auswerte-PC analysiert. Die Uhren dieses PCs werden mit der TSN-Zeit synchronisiert. Auf diese Weise lassen sich die Latenzzeiten von Netzwerkpaketen gemäß der TSN-Zeitdomäne exakt bestimmen.
Zudem erzeugt ein EtherCAT-Slave mit digitalem Ausgang ein periodisches Rechtecksignal, indem der Ausgang in jedem Zyklus umgeschaltet wird. Dieses Signal wird anschließend mit einem Oszilloskop gemessen und der Signal-Jitter bestimmt.
Die Ergebnisse
Die Bestimmung der Latenzen erfolgt anhand der geplanten Sendezeitpunkte der zyklischen Prozessdatentelegramme. Sie ergeben sich aus der Differenz zwischen dem Zeitpunkt des Eintreffens eines Pakets am TAP und des geplanten Sendezeitpunktes. Die Überwachung erfolgt in beiden Paketrichtungen getrennt vom TAP. Daher werden die vier Überwachungspunkte Master->Switch, Switch->Slave, Slave->Switch und Switch->Master verwendet. Es kommen zwei unterschiedliche Methoden zum Einsatz, um die geplanten Sendezeitpunkte mit einem Linux RT System einzuhalten.
Zunächst wird ein klassischer RAW_SOCKET verwendet (Bild 3). Dabei kann ein Jitter von 30µs der Pakete gemessen werden, den der Netzwerkstack des Linux-Kernels verursacht. Der TSN-Switch fügt keinen messbaren Jitter hinzu. Reduzieren lässt sich der Jitters mittels der SO_TXTIME Funktion des Linux-Kernels (Bild 4). Hierbei wird der geplante Sendezeitpunkt an die Netzwerkkarte weitergegeben und die Netzwerkkarte verwendet diesen Zeitpunkt, um das Paket im geplanten Moment auszusenden. Die Messungen zeigen, dass die Anzahl der Ausreißer zwar abnimmt und sich der Jitter leicht senkt. Ein Paketverlust anhand der Telegramm-Distanz jedoch lässt sich nicht beobachten.
Die Messungen mit dem Oszilloskop werden eine Minute lang durchgeführt (Bild 5). Für SO_TXTIME wird eine Zeitspanne ohne Paketverlust gewählt. Der Jitter bei der Verwendung von RAW_SOCKET beträgt ca. 7 µs, was etwas höher ist als der von SO_TXTIME, der ca. 2 µs beträgt. Der Signaljitter ist damit geringer als der Telegrammjitter des periodischen EtherCAT-Pakets, was am Ausgleich des DC-Mechanismus liegt.
Die Quintessenz
Der Autor: Marc Fischer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter Software- und Engineeringmethoden am ISW, Stuttgart.
© ISWDie eingangs gestellte Frage lässt sich damit wie folgt beantworten: Der Feldbus EtherCAT lässt sich schon heute konvergent in einem TSN-Netzwerk nutzen. Allerdings verursacht der Linux-Netzwerkstack auf dem verwendeten Testsystem einen Jitter von rund 30 µs. Eine weitere Linux-Netzwerkfunktion ist der eXpress Data Path (XDP), der das Senden und Empfangen von Paketen unter Umgehung des Kernel-Netzwerkstacks ermöglicht und den Jitter reduziert. Derzeit lässt sich SO_TXTIME nicht in Kombination mit XDP verwenden, aber es gibt bereits einige Patches, die versuchen, diese Funktion in das Mainline-Linux zu bringen. XDP ist also ein offenes Thema für zukünftige Arbeiten, das von Seiten des ISW angegangen wird.
Der Autor: Moritz Walker ist wissenschaftlicher Mitarbeiter Software- und Engineeringmethoden am ISW, Stuttgart.
© ISWEin Tunneling von EtherCAT durch TSN auf Basis von VLANs und die Verwendung von bestehenden EtherCAT-Kopplern ist möglich. Die detaillierte Analyse der Zeitsynchronisation zeigt, dass eine Synchronisation von EtherCAT-Slaves mit dem DC durch den EtherCAT-Master in einem TSN-Netzwerk möglich ist. Außerdem wurde nachgewiesen, dass mit der vorgestellten Architektur der Betrieb mehreren EtherCAT-Netzwerken über ein einziges Kabel möglich ist.
| TSN in der Praxis – Zeit für Pragmatismus |
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Die Konvergenz von IT- und OT-Systemen als zentraler Enabler für die Digitalisierung der Produktion ist branchenweit akzeptiert. Auch, dass konvergente Echtzeitkommunikation und somit TSN dafür eine zentrale spielt wird kaum noch zur Diskussion gestellt. Große Uneinigkeit gibt es jedoch hinsichtlich der Frage, wann TSN den notwendigen Reifegrad erreicht hat. Sicherlich ist es korrekt, dass für die Vision hinsichtlich einer vollständig Software-definierten Produktion noch viele Herausforderungen gelöst werden müssen, beispielweise in Bezug auf die Konfiguration. Aber macht es eigentlich Sinn auf die 100%-Lösung zu warten? Können wir vielleicht heute schon mehr von TSN profitieren als uns bewusst ist? Ein Thema, das dieser Frage neue Brisanz verleiht, ist die Diskussion über virtuelle speicherprogrammierbare Steuerungen. Es herrscht große Einigkeit darüber, dass diese künftig eine wichtige Rolle spielen werden, über die Konnektivität und Skalierbarkeit herrscht jedoch noch großes Rätselraten. Mit diesem und den nächsten Beiträgen dieser Artikelserie wollen wir den Aspekt, was heute eigentlich schon alles möglich ist, näher beleuchten. In dieser Ausgabe werfen wir zunächst einen detaillierten Blick auf die Frage, inwieweit sich EtherCAT und TSN ohne Anpassung der existierenden Komponenten gemeinsam nutzen. Der Artikel zeigt, dass mittlerweile mit dieser Kombi bereits mehr möglich ist, als den meisten bewusst sein dürfte. In der nächsten Ausgabe werden wir einen globaleren Blick auf die Thematik werfen und analysieren, wie verschiedene TSN-basierte und traditionelle Feldbusse über ein gemeinsames TSN-Netzwerk kommunizieren können – und dabei ganz nebenbei virtuelle SPSen zum Leben erwecken. Wie immer freuen wir uns über Rückmeldungen, Kommentare oder Anregungen zu unserer Serie. Ihr Florian Frick und Meinrad Happacher PS: Sie interessieren sich für TSN? Dann kommen Sie doch zu unserer 9. TSN/A Conference! Werfen Sie gleich einen Blick in das Programm! |




















