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Artikel und Hintergründe zum Thema

Schildknecht

Meinrad Happacher | Meinrad Happacher,

Profisafe über 5G

Wie leistungsfähig ist eine 5G-Infrastruktur hinsichtlich der funktionalen Sicherheit? Der dritte und letzte Teil dieser Artikelserie beschreibt durchgeführte Laborexperimente mit Profisafe über Profinet innerhalb eines 5G-Netzes unter Einsatz industrietypischer Komponenten.

© Schildknecht

Die Untersuchungen wurden auf dem ‚5G-Industry Campus Europe‘ in Aachen durchgeführt. Der 5G-Industry Campus Europe ist Europas größtes 5G-Forschungsnetz und um-spannt insgesamt vier Werkshallen und 1 km2 offene Fläche, auf denen industrielle Anwendungsfälle untersucht werden. Die Werkshallen des WZL, des Fraunhofer IPT und des FIR an der RWTH Aachen sind mit ihrer maschinellen Ausstattung und ihren Prozessen mit industriellen Produktionsumgebungen vergleichbar. Der für den 5G-Test genutzte Versuchsaufbau besteht im Wesentlichen aus drei Komponenten:

  • der 5G-Kommunikationsinfrastruktur, 
  • einer S7-SPS und einem IO-Gerät (beide Siemens), auf welchen eine Profisafe-Anwendung mit funktionaler Sicherheit läuft 
  • und einem 5G-Device, IPCs sowie zwei Dataeagle-Geräte von Schildknecht, welche das Profinet Protokoll von der SPS an das IO-Gerät über das 5G-Netz tunneln.

Die Datenfunksysteme

Die Dataeagle-Geräte von Schildknecht sind Datenfunksysteme, welche die SPS und das IO-Modul drahtlos verbinden, dabei eine Wireless Profinet-Kommunikation zwischen diesen beiden Geräten ermöglichen und zugleich die Schicht-2-Profinet-Frames in Schicht-3-IP-Pakete umwandeln. Die Datenfunksysteme führen neben einer Überwachung eine Vorverarbeitung der Profinet-Feldbus-Telegramme durch, um die Feldbus-Kommunikation aufrechtzuerhalten, unabhängig davon, welche Verbindung zwischen den beiden Knoten angewendet wird, um die Anforderungen der Steuerungstechnik zu erfüllen (beispielsweise Anforderungen an die Übertragungszeit, Anzahl der erneuten Übertragungen). Darüber hinaus halten sie den Zustand des Profinet-Protokolls mittels Vorverarbeitungs-Algorithmen stabil, um harte kabelbasierte Timing-Anforderungen der Steuerung einzuhalten. Ohne eine solche Prozedur können Feldbus-Fehler auftreten, die zu Maschinen-Stillstandzeiten von Minuten führen, wenn ein Datenpaket sein Ziel außerhalb des Profinet/Profisafe-Zeitfensters erreicht.

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Bild 1. Das Testbed des ersten Szenarios mit einem 5G-Device (UE) und einer zentralen SPS, die kabelgebunden über das 5G-Campus-Netzwerk angeschlossen ist (UE to Local Breakout).

© Schildknecht

Die 5G-Infrastruktur

Als Kommunikationsinfrastruktur für das 5G-Testbed wurde der 5G-Industry Campus Network Europe von Ericsson in Aachen genutzt. Die Infrastrukturen an jedem Standort dieses Netzwerks enthalten alle Knotenpunkte, die für den Aufbau eines voll leistungsfähigen 5G-Netzwerks nach dem neuesten Stand der Technik erforderlich sind. Dieses 5G-Campus Netzwerk basiert auf dem B40-Band (2,3 GHz) als Ankerband und nutzt das NR-Band N78 (3,7 GHz) mit einer Bandbreite von 100 MHz für die Datenübertragung. Die aktuelle 5G-Infrastruktur basiert auf dem Release 15 der 3GPP-5G-Spezifikation. Außerdem ist die Infrastruktur mit einem 5G-RAN- und Core-Netzwerk ausgestattet, das momentan jedoch nicht für die Latenz-optimierte Kommunikation (URLLC) optimiert ist.

Bild 2. Das Testbed des zweiten Szenarios mit einem 5G-Device (UE) und einer zentralen SPS (UE), die ebenfalls über 5G verbunden wird (UE to UE).

© Schildknecht

Auf der mobilen Seite des Testaufbaus ist ein Qualcomm X55 Chipset-basiertes 5G-Device im Einsatz, um die drahtlose Netzwerk-Verbindung herzustellen. Die IPCs verfügen über die Funktionalität, das Layer-2-Tunneling zu übernehmen, da es nicht direkt auf dem UE (User Equipment) möglich ist. Außerdem unterstützt die 5G-Technologie nur IP-Konnektivität (Layer 3). Das User Equipment stellt die 5G-Konnektivität zur Basisstation her. Im Testbed übernimmt die Funktion ein 5G-Device.

Die beiden Testbeds ‚UE to Local Breakout‘ und ‚UE to UE‘ sollen zwei reale Fälle in einer Produktionsumgebung nachbilden und sind in den Bildern 1 und 2 dargestellt: Die Messdaten können direkt aus dem Dataeagle-Datenfunksystem (links im Bild) über dessen Wartungs- und Konfigurationsschnittstelle ausgelesen werden; dabei dient die Diagnosefunktion zur Bestimmung der Latenz der Kommunikationsverbindung.

Die Anforderungen für die Testfälle

Für eine bestmögliche Sicherheitskommunikation im Zusammenspiel mit Profinet muss ein 5G-System folgende Anforderungen erfüllen: Die Profinet-Aktualisiersierungszeit der SPS ist auf 1 ms einzustellen, womit jede Millisekunde ein Profinet-Paket generiert und an das IO-Modul übertragen wird.

Im 5G-System ist das Standard-TDD-Muster (Time Division Duplex) mit Dynamic Scheduling zu verwenden; auf eine Optimierung im 5G Radio Access Network wie etwa Pre-Sheduling wird bewusst verzichtet.

Die Datenaustausch-Zeit

Bild 3. Die kumulative Verteilfunktion (Complementary Cumultative Distribution Function, CCDF) der Datenaustauschzeit bei Nutzung von WLAN (blau) im Vergleich zu 5G (orange: Testbed 1 und grün: Testbed 2).

© Schildknecht

Als Schlüsselindikator für die Leistungsuntersuchungen dient die Datenaustauschzeit (Data Exchange Time, DX). Diese kann als Applikationszeit verstanden werden. Zusätzlich wird bei Profisafe die Watchdog-Zeit (Safety-Überwachungszeit) definiert. Die Datenaustauschzeit sollte unter der Safety-Überwachungszeit liegen, da die Anwendung bei deren Überschreiten in den sicheren Zustand geht. In den beiden Testbeds ist die Datenaustauschzeit jeweils auf der Seite des IO-Moduls zu messen (siehe Bilder 1 und 2 auf der vorherigen Seite).

Bild 3 zeigt die Verteilung der gemessenen Datenaustauschzeit für einen beispielhaften Satz von Profisafe-Daten, die über verschiedene drahtlose Kommunikationssysteme (5G und WLAN) übertragen wurden. Die Visualisierung der übertragenen 5G-Daten bestätigt erwartungsgemäß die vergleichsweise geringe Varianz der Austauschzeit. Das wichtigste Übertragungsmerkmal ist jedoch die maximale Übertragungszeit, die vom Profisafe-Protokoll zur Ermittlung des Verbindungsstatus bestimmt wird. Selbst bei Messung über einen langen Zeitraum zeigt 5G keine Ausreißer im Verteilungsdiagramm, was zu einer maximalen Übertragungszeit von 25 ms (orangene und grüne Kurve, oben) im betrachteten Datensatz führt. Zum Vergleich: Bei der Verwendung von IEEE 802.11 WLAN betrug die maximale Übertragungszeit 200 ms.

Thomas Schildknecht ist CEO bei Schildknecht.

© Schildknecht

Eine vergleichende Messung mit Profinet über IEEE 802.11 WLAN im 2,4-GHz-Band und dem oben beschriebenen 5G-Testaufbau zeigt, dass sowohl 5G als auch WLAN die Anforderung nach „Kommunikation der funktionalen Sicherheit“ erfüllen. Die Messung für WLAN wurde in einem abgeschirmten Labor ohne weitere störende Funksysteme durchgeführt. Dies lässt sich daran erkennen, dass 100 % der Telegramme empfangen wurden. Die Latenzzeit ist bei WLAN wegen der nicht angewendeten Ko-existenz-Mechanismen geringer als im 5G Campus-Netz. In einer realen Produktionsumgebung wurde jedoch eine höhere Latenz bei IEEE 802.11 WLAN beobachtet, da 802.11 WLAN mit anderen lizenzfreien Kommunikationstechnologien koexistieren muss.

Alle IEEE-802.11-Geräte arbeiten im lizenzfreien Spektrum, während 5G-Geräte in verschiedenen lizenzierten Bändern arbeiten. In lizenzierten Bändern sind jedoch keine Koexistenzmechanismen erforderlich, welche die Leistung von IEEE 802.11 im lizenzfreien Spektrum einschränken. In Europa definiert die harmonisierte Norm (HS) EN 300 328 die Regeln für den Betrieb im 2,4-GHz-ISM-Band (Industrial, Scientific, and Medical).

Martin Stümpert ist 5Gang-Projektkoordinator bei Ericsson.

© Schildknecht

Der von IEEE 802.11 verwendete Koexistenzmechanismus ist beschrieben als Listen-before-talk (LBT) mit truncated exponen-tial backoff. Nach diesem Mechanismus wird der Funkkanal als unbelegt eingestuft, wenn kein Signal oberhalb bestimmter Schwellenwerte vorhanden ist. Dann wartet ein IEEE-802.11-Gerät für eine zufällige Dauer, um die Wahrscheinlichkeit zu verringern, dass zwei oder mehr Geräte gleichzeitig senden. Im letzteren Fall spricht man von einer Kollision, die beide Übertragungen unlesbar macht und eine erneute Übertragung erfordert.

Für die Mess-Ergebnisse bedeutet dies, dass es in der Praxis einen undefinierbaren nicht deterministischen Einfluss auf die WLAN-Latenzzeit gibt. Es ist daher festzustellen, dass die über WLAN beobachtete Latenz nicht vorhersagbar und nicht deterministisch ist. Dies ist der Schlüsselansatz für den Nutzen von 5G-Campus-Netzen: Hier gibt es keine störenden externen Einflüsse, 5G muss keine Koexistenzmaßnahmen durchführen und die Latenzzeit ist vorhersehbar und deterministisch.

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