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Phoenix Contact Electronics

Gunnar Lessmann | Meinrad Happacher,

KI – Wegbereiter für TSN?

Welche Anforderungen stellt der Einsatz von KI an die Automatisierung und die Vernetzung? Bilden vielleicht die Mechanismen von Time Sensitive Networks in Kombination mit Profinet die optimale Architektur für Anwendungen der KI?

© Phoenix Contact

In Kombination mit Profinet können Time Sensitive Networks (TSN) ein Game Changer in der Automatisierung sein. Allerdings sind dazu die folgenden Fragen zu beantworten: Welche neuen Applikationen und Lösungen werden ermöglicht? Wie tragen TSN-Standards dazu bei? Wie sieht die Migration dahin aus? Und wie geht es mit der Technologie in Zukunft weiter?

Neue Technologien erweisen sich immer dann als erfolgreich, wenn sie neue Anwendungen mit großen Vorteilen realisierbar machen. Eine dieser neuen Anwendungen ist der Einsatz von künstlicher Intelligenz in der Automatisierung. Nutzbare Rechenleistung und Werkzeuge, die sich beispielsweise für maschinelles Lernen, Bilderkennung oder Data Mining verwenden lassen, werden stetig preisgünstiger und einfacher anwendbar. ChatGPT ist dafür ein gutes Beispiel. Es wird erwartet, dass diese Entwicklung mit hoher Geschwindigkeit weiter voranschreitet.

Welche Anforderungen stellt der Einsatz von KI daher an die Automatisierung und Vernetzung? Folgende Punkte sind zu beachten:

  • Es müssen große Datenmengen aus dem Feld zur KI transportiert werden.
  • Das Ergebnis der KI-Operation wirkt sich auf den zu steuernden Prozess aus.
  • Hochgenaue Uhrzeitsynchronisation ist essenziell zur Verarbeitung und Auswertung von verteilten Daten aus der Feldebene.

Als optimal zeigt sich ein Konzept, bei dem all diese Anforderungen in einem einzigen Netzwerk erfüllt werden können. Profinet stellt mit TSN die Lösung dar.

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Bild 1. Stand der Technik: Getrennte Netzwerke für Feldbus und IT.

© Phoenix Contact

Der Status Quo

Die beschriebenen Anforderungen werden mittlerweile meistens in getrennten Netzwerken umgesetzt (Bild 1). Als Beispiel sei eine Kamera-Applikation zur optischen Anomalie-Erkennung mittels KI-Werkzeugen genannt. Zu diesem Zweck ist mindestens eine Gigabit-Infrastruktur notwendig. Aktuell verbreitete Feldbussysteme basieren aber oftmals nur auf einer Übertragungsrate von 100 MBit/s und lassen sich deshalb nicht für den Transport dieser Datenmengen verwenden. Eine hochgenaue Uhrzeitsynchronisation steht derzeit ebenfalls nicht in IT-Netzwerken und Systemen wie Profinet RT zur Verfügung. Aus diesem Grund werden häufig getrennte Netzwerke für den jeweiligen Zweck installiert. Eine Trennung hat zwar den Vorteil, dass per Prinzip kein negativer Einfluss der IT-Kommunikation auf die Echtzeitfähigkeit möglich ist. Demgegenüber ergeben sich jedoch Nachteile wie Aufwand und Kosten für die Installation, Wartung und Inbetriebnahme von getrennten Systemen für Feldbus, IT und Synchronisation. Außerdem sind zukünftige Erweiterungen oder Änderungen – wie etwa der nachträgliche Einbau neuer Geräte – nicht oder lediglich aufwendig realisierbar.

Bild 2. TSN ermöglicht die Integration von Feldbus und IT in einem gemeinsamen Netzwerk.

© Phoenix Contact

Das Beispiel zeigt, dass ein erhebliches Verbesserungspotenzial darin liegt, sämtliche erforderlichen Funktionen in einem einzigen Netzwerk zu vereinen. Dieses wird meist als „konvergentes Netzwerk“ tituliert (Bild 2). Als wichtig erweist sich dabei vor allem, dass sich die Disziplinen der IT- und OT-Welt in einem gemeinsamen Netzwerk nicht gegenseitig beeinflussen. Um dies sicherzustellen, müssen in Ethernet selbst einige Optimierungen vorgenommen werden, in ihrer Summe als Time-Sensitive Networks (TSN) bezeichnet.

TSN: Werkzeugkasten für spezielle Zwecke

Bild 3. TSN ist kein einzelner Standard, sondern ein Werkzeugkasten aus Mechanismen, über die ein gemeinsames Netzwerk möglich wird.

© Phoenix Contact

Es ist essenziell zu verstehen, dass sich hinter TSN kein einzelner Mechanismus oder ein einzelner Standard verbirgt. Vielmehr lässt sich TSN mit einem Werkzeugkasten vergleichen, der mehrere Werkzeuge enthält. Jedes dieser Werkzeuge dient einem speziellen Zweck. Erst im richtigen Zusammenspiel aller Werkzeuge entfaltet sich der volle Nutzen eines konvergenten Netzwerks (Bild 3). An dieser Stelle sei eine kurze Erklärung der Werkzeuge eingefügt:

  • Quality of Service (QoS): Bei QoS handelt es sich um ein bekanntes Konzept. Jedes beispielsweise an einem Switch empfangene Telegramm wird anhand eines integrierten Prioritätsfeldes (VLAN-Priorität) in getrennte Speicherbereiche (sogenannte Queues) einsortiert, die beim Senden entsprechend ihrer Priorität wieder genutzt werden. QoS sorgt dafür, dass echtzeitkritischer Traffic nicht durch andere Kommunikation gestört wird und zeigt sich damit als das wichtigste Werkzeug.
  • Pre-Emption: Ein weiteres Problem, das in einem konvergenten Netzwerk auftreten kann, liegt in der Verzögerung von echtzeitkritischen Telegrammen durch lange TCP/IP-Telegramme. Pre-Emption löst das Problem, indem ein langes niederpriores Paket sofort unterbrochen wird, wenn ein hochpriores Paket übertragen werden soll. Der noch zu sendende Rest des niederprioren Pakets wird gespeichert und später fortgesetzt. Pre-Emption stellt sicher, dass die Varianz der Datenweiterleitung bei 1 GBit/s auf etwa 1 µs sinkt – und das unabhängig von der Telegrammgröße.
  • Precision Time Protocol (PTP, IEEE 802.1AS):Viele Anwendungen in Kombination mit künstlicher Intelligenz (KI) benötigen eine hochgenaue Uhrzeitsynchronisation. Das verbreitete Synchronisationsprotokoll NTP (Network Time Protocol) reicht allerdings nicht mehr aus. Über PTP lassen sich Synchronisationsgenauigkeiten im µs-Bereich erzielen, weil die Laufzeiten auf den Leitungen und in den Switches gemessen und kompensiert werden.
  • Synchrone Kommunikation: Die hochgenaue Uhrzeitsynchronisation über PTP erlaubt auch die Synchronisation der Kommunikation und der Applikationen in den beteiligten Geräten. Ohne eine solche Synchronisation ist es möglich, dass die sogenannte Klemme-zu-Klemme-Reaktionszeit in weiten Bereichen variiert, da auf dem Weg vom Eingang zum Ausgang immer gerade ein Zyklus verpasst werden kann. Mit der synchronen Kommunikation wird dies ausgeschlossen.
  • Brownfield-Integration: Der Einsatz der beschriebenen Werkzeuge erfordert neue Hardware in allen beteiligten Geräten. Daher erfolgt die Einführung von TSN zuerst nur dort, wo sich ein signifikanter Vorteil ergibt. Ein sanfter Übergang von Profinet RT hin zu Profinet mit TSN ist machbar, indem jedes bestehende Profinet-Gerät an den „Grenzen“ eines TSN-Bereichs verwendet wird. So lassen sich Investitionen in Geräte und Know-how sichern.

Die aufgeführten Werkzeuge werden bei Profinet mit TSN in sinnvoller Kombination miteinander genutzt. Hieraus resultieren Vorteile, ohne dass sich das Look & Feel ändert.

Einsatzbereiche von Profinet mit TSN

Optische Anomalie-Erkennung: ein Beispiel für Profinet mit TSN-Mechanismen

© Phoenix Contact

Der Nutzen von Profinet mit TSN lässt sich konkret am Beispiel der optischen Anomalie-Erkennung erläutern (siehe Kasten und Bild). Zudem gibt es weitere Anwendungen, wie etwa Schwingungsdaten für Predictive Maintenance, 3D-Bilder über synchronisierte Kameras, Frequenzsynchronisation im Einspeise- und Lastmanagement von alternativen Energieerzeugern, hochgenaue Zeitstempel in Alarmmeldungen zum Nachvollziehen einer Sequenz oder lediglich das Update von großen Datenmengen im laufenden Betrieb. 

Der Autor: Gunnar Lessmann ist Master Specialist Profinet und TSN der Business Unit Automation Systems bei Phoenix Contact Electronics.

© Phoenix Contact

Alle Applikationen, in denen ein gemeinsames Netzwerk mit Uhrzeitsynchronisation einen Mehrwert verspricht, sind denkbar. Die beschriebenen Werkzeuge lassen sich für die Profinet-Kommunikation zwischen Steuerungen und Feldgeräten einsetzen, ohne dass sich die Anwendungssicht auf Profinet wandelt. In vielen Applikationen findet der Datenaustausch nicht nur zwischen Steuerungen und Feldgeräten, sondern auch zwischen verschiedenen Steuerungen statt. Dann eignet sich OPC UA mit einer Pub-/Sub-Kommunikation besser. Daher beschäftigt sich die OPC Foundation im Rahmen der Arbeiten zu OPC UA Field Exchange mit einem Nutzungskonzept für TSN. Ziel ist die gemeinsame Verwendung von Profinet-, OPC-UA- und IT-Daten in einem konvergenten Netzwerk.

KI-Anwendung: Die Anomalie-Erkennung

Die Vorteile von TSN lassen sich konkret am Anwendungsbeispiel der optischen Anomalie-Erkennung erläutern. In einen kontinuierlichen Produktionsprozess für Produkte soll eine optische Qualitätskontrolle integriert werden. Dazu kommen mehrere Kameras zum Einsatz, die sich über den durchlaufenden Produkten befinden und deren Bildeinzug auf ein Fertigungsprodukt synchronisiert ist. Aufgrund der Produktionsgeschwindigkeit kann eine Kamera allein kein scharfes Produktbild aufnehmen. Eine KI-Applikation, die sich beispielsweise auf einem Edge-PC befindet, liest die einzelnen Bilder ein, setzt sie auf Basis der Zeitstempel zu einem kompletten Produktbild zusammen und vergleicht dieses Bild mit einem gelernten Normal. Weicht dieses vom Normal ab, wird das betroffene Bauteil in einem späteren Schritt aussortiert (siehe Bild rechts).

  • Die folgenden TSN-Werkzeuge erweisen sich an dieser Stelle als hilfreich:
  • Profinet mit synchroner Kommunikation für die Fertigungssteuerung
  • PTP zur Synchronisation der Kameras
  • QoS für die parallele Übertragung von Realtime- und Bilddaten
  • Pre-Emption, um die Latenz der Echtzeittelegramme durch Kameradaten nicht zu beeinflussen.

All dies lässt sich in einem einzigen Netzwerk realisieren. Zukünftige Erweiterungen sind ebenfalls möglich, da beliebige Ports für neue Geräte genutzt werden können.

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