TSN-Serie Teil 19
Enabler einer SW-definierten Produktion?
Digitalisierung wird oft auf die Erweiterung klassischer Systeme um digitale Dienste reduziert. Das eigentliche Potenzial aber liegt in einem digitalen Ökosystem, welches es im Rahmen des Software-defined Manufacturings zu etablieren gilt – TSN spielt dabei eine wichtige Rolle.
Die Digitalisierung ist seit vielen Jahren das zentrale Thema in der Produktionstechnik. Einerseits werden damit die klassischen Ziele wie Produktivität und Präzision verfolgt, andererseits auch zunehmend digitale Mehrwerte wie prädiktive Wartung, KI-basierte Ansätze oder Nachverfolgbarkeit realisiert. Die Entwicklungsprozesse sowie die Sicht auf das Gesamtsystem sind dabei traditionell mit einem Fokus auf die Mechanik und Elektrik verbunden; die digitalen Dienste werden typischerweise als Zusatz gesehen und als konkrete Lösungen für eine konkrete Aufgabe entwickelt. Während es manche dieser Lösungen erfolgreich in die Anwendung schaffen, scheitern viele Ansätze auf dem Weg in die industrielle Praxis. Die Gründe hierfür liegen an einer mangelnden Skalierbarkeit, an hohen Kosten, an Integrationsproblemen und dem komplexen Engineering. Der oft beschworene „Wert der Daten“ wird nicht selten durch die „Kosten der Daten“ zunichte gemacht. Dabei wird oft neidisch auf die Innovationsdynamik anderer Branchen geblickt. Als erfolgreicher Gegenentwurf gilt die IT-Welt mit ihrer hohen Innovationskraft, welche sich durch Anpassungsfähigkeit, schnelle Innovationszyklen und einer flexiblen Reaktion auf Kundenwünsche auszeichnet.
Bild 1. Software-defined Manufacturing – Kontinuität und Konsistenz auf Basis eines Ökosystems.
© ISWErfolgreich digitalisierte Branchen, etwa die der mobilen Kommunikation, zeigen einen strukturellen Unterschied auf: Die Digitalisierung dient nicht der Umsetzung einzelner Lösungen. Vielmehr etabliert sich daraus ein Ökosystem, in welchem Lösungen auf Basis der zur Verfügung stehenden Ressourcen erwachsen. Ein solches Ökosystem geht weit über ein rein technisches System hinaus: Methoden, Prozesse, Geschäftsmodelle und insbesondere das Mindset sind integrale Bestandteile.
Ein solches Ökosystem zu etablieren, steht im Fokus des Software-defined Manufacturings (SDM). Bild 1 verbindet die zentralen Elemente dieses Ansatzes: Produktionstechnische Anwendungen werden auf Basis von Ressourcen, die mittels Modellen und Schnittstellen abstrahiert sind, realisiert. Dabei wird keine lineare Entwicklungsmethode verfolgt, sondern Engineering, Betrieb und Optimierung stellen einen kontinuierlichen Prozess dar, welcher auf Basis konsistenter Datenmodelle umgesetzt wird. Um den kritischeren Anforderungen der Produktionstechnik Rechnung zu tragen, werden neue Lösungen erst gegen digitale Zwillinge erprobt und nicht, wie im Softwareumfeld üblich, direkt im Feld.
Ein digitales Ökosystem
Heutige Produktionssysteme sind meist relativ starr, häufig speziell für ein zu fertigendes Produkt optimiert, Hardware und Software sind fest miteinander gekoppelt, eine Vielzahl an proprietären Lösungen kommt zum Einsatz und die Kopplung mit IT-Systemen ist limitiert. Dem gegenüber steht der Ökosystem-basierte Ansatz. Mit ihm stehen verschiedene Module als Ressourcen zur Verfügung. Sie erfüllen spezifische Aufgaben und interagieren über standardisierte Schnittstellen. Zudem können diese mittels Methoden der Softwaretechnik zur Erfüllung geänderter Produktionsaufgaben neu orchestriert werden. Sie sind außerdem konsistent und direkt mit IT-Systemen gekoppelt.
Doch wie kann ein solches Ökosystem für die Produktionstechnik entstehen? Der SDM-Ansatz unterscheidet sich zwar signifikant vom Stand der Technik, doch „Software-defined“ an sich ist weit verbreitet: Software-defined Networking (SDN), die gesamte IT-Welt sowie jedes Smartphone setzen diese Idee um. Alle vereinen Software, Hardware und Konnektivität.
Bild 2. Vereinfachte SDM-Architektur: Lösungen und Ressourcen sind durch Daten und Dienste gekoppelt.
© ISWEin Ökosystem für SDM nach dem klassischen Vorgehen mit Anforderungen, Spezifikation und Umsetzung entwickeln zu wollen, wäre jedoch zum Scheitern verurteilt. Vielmehr müssen die Entstehungsprozesse der oben genannten Beispiele als Vorbild dienen. Eine iterative Entwicklung, welche sowohl applikations- als auch technologiegetrieben ist, muss parallel zur Etablierung des Ökosystems erfolgen. Technologisch gesehen entwickeln sich momentan eine Vielzahl an passender Lösungen, beispielsweise im Kontext echtzeitfähiger Kommunikation mittels Standardtechnologien oder deterministische Compute-Lösungen in Prozessorarchitekturen. Diese Ansätze gilt es zu konsolidieren und zusammenzuführen, sowie wenn nötig, zu erweitern.
Entscheidend für die Etablierung des Ökosystems ist die branchenweite Entwicklung einer gemeinsamen Sichtweise und eines Systemverständnisses. Hierzu wird im Rahmen von SDM eine Architektur definiert, welche im Grundsatz SDM-Lösungen auf der Basis von Ressourcen definiert. Ressourcen müssen dabei durch geeignete Modelle abbildbar und mittels geeigneter integrierter oder externer Dienste software-definierbar sein. Gekoppelt sind Lösungen und Ressourcen über den SDM-Kern, in welchem alle Informationen und Modelle in einem Datenraum zusammengefasst sind und grundlegende Dienste – wie die Orchestrierung – zur Verfügung stehen. Bild 2 stellt die Architektur vereinfacht dar.
SDM-Lösungen können klassische Produktionsaufgaben, digitale Mehrwerte, aber auch eine optimierende Funktion sein. Auf der Ressourcenseite gibt es neben klassischen OT-Systemen – wie Sensoren und Aktoren – auch rein digitale Ressourcen – etwa virtuelle Steuerungen (vPLC) – sowie Infrastruktur, also Rechen- und Kommunikationsressourcen. Diese ganzen Ressourcen gilt es zu virtualisieren: zum Beispiel Plattformen durch virtuelle Maschinen oder Container-Technologien.
Die notwendige Konnektivität
Eine grundlegende Voraussetzung für ein Software-definiertes Ökosystem ist die Konnektivität. Das bedeutet: Alle Ressourcen, angefangen bei der virtualisierten Plattform, über die physischen Komponenten bis hin zum digitalen Dienst, müssen sich identifizieren und konfigurieren lassen. Aber auch miteinander, mit zentralen Diensten sowie mit internen und externen Akteuren kommunizieren. Diese Konnektivität muss den verschiedenen Rahmenbedingungen der Ressourcen genügen, eine hohe Flexibilität und Interoperabilität aufweisen, als auch deterministische Anforderungen erfüllen.
Im Kern gilt es daher, auf interoperable IT-Technologien zu setzen, welche mittels Time-Sensitive Networking (TSN) die deterministischen Anforderungen erfüllen können: Ethernet, drahtlose Verbindungen mit deterministischem Wi-Fi und 5G, sowie DetNet zur Konnektivität über geroutete Netze. Auf den oberen Schichten der Kommunikation kommen verschiedene Technologien zum Einsatz. OPC UA wird in diesem Zusammenhang ein großes Potenzial zugesprochen. Im Ergebnis ergibt sich ein Netzwerk, das (wie in Bild 3 dargestellt) sowohl hinsichtlich der Datenklassen als auch der der Technologien konvergent ist.
Konvergente Kommunikation als Ressource
Aus Sicht des SDM-Ökosystems ist die Kommunikationstechnik eine Ressource, welche verschiedene Aufgaben erfüllen kann: Einerseits ist diese für die grundlegende Konnektivität verantwortlich, andererseits kann sie aber auch eine limitierte Menge an deterministischen Verbindungen zur Verfügung stellen. Damit sich diese Ressource nutzen lässt, muss sie zum einen digital in geeigneten Modellen abbildbar sein. Andererseits muss sie sich aber auch konfigurieren lassen.
Zur Abbildung der Kommunikation gibt es bereits eine Vielzahl domänenspezifischer Modelle für Geräte, Topologien, Konfigurationen aber auch zur Beschreibung von konkretem Datenverkehr. Diese Modelle sind teils von der IEEE oder der IETF spezifiziert. Um diese in eine ganzheitliche Beschreibung eines SDM-Ökosystems zu integrieren, können diese beispielweise mittels Verwaltungsschalen referenziert werden.
Was die Konfiguration betrifft, so bringen die einzelnen Technologien ebenfalls eine große Anzahl an Lösungen mit. In der Regel handelt es sich um Standard-IT-Technologien, welche gemanaged werden müssen. Als zentraler Ansatz steht daher Software-defined Networking im Fokus, wodurch bereits viele Aspekte der Konnektivität abgedeckt werden können. Zur Nutzung der deterministischen Eigenschaften entwickeln sich momentan verschiedene, technologiespezifische Lösungen-Ansätze heraus, beispielweise der des zentralen Managements bei TSN.
Ökosystem: Antwort auf die Komplexität
Die Konfiguration wird nach wie vor als zentrale Herausforderung für die TSN-Technologie insgesamt gesehen. Während für geschlossene TSN-basierte Systeme Lösungen gefunden wurden, sind für komplexe Systeme in einem offenen Ökosystem noch Fragen offen. Insbesondere mehrere, unabhängige Applikationen in Kombination mit virtualisieren Plattformen stellen noch Herausforderungen dar. Wird nicht nur das rein Ethernet basierte TSN betrachtet, sondern beispielweise auch drahtlose Technologien, steigt die Komplexität weiter. Die Meinungen, inwieweit sich diese Herausforderungen mit welchen Mitteln lösen lassen, gehen weit auseinander. So werden einerseits pragmatische Lösungen gesucht, intelligente Tools entwickelt oder auf die Nutzung komplexer Features verzichtet.
Ein Ökosystem bietet hier die Möglichkeit eines anderen Ansatzes: Die Akzeptanz und Ausnutzung der vollen Komplexität durch Kapselung mittels zentraler Dienste und geeigneter Abstraktionsschichten und Modellen. Dieser grundsätzliche Ansatz ist konsistent mit anderen Software-definierten Ökosystemen, beispielweise moderne Mobilfunktechnologien im mobilen Kommunikationssektor oder komplexe Peripherie über USB im Office-Bereich. Dabei kann nicht nur die Konfiguration der Kommunikation an sich gelöst werden, sondern insbesondere auch die Integration mit verwandten Themen wie der Virtualisierung.
Herausforderungen und Umsetzungsperspektiven TSN ist als Enabler für die konvergente Echtzeitkommunikation branchenübergreifend akzeptiert. Das wahre Potential liegt jedoch nicht in einzelnen Lösungen, sondern in der Etablierung von Ökosystemen. Diese brauchen Zeit und Akzeptanz, bieten aber auch die Möglichkeit die offenen Probleme hinsichtlich der Konfiguration für die Anwendung zu abstrahieren und nutzbar zu gestalten. Die Etablierung eines solchen Ökosystems steht beispielweise im Fokus des SDM4FZI (Software-defined Manufacturing für die Fahrzeug- und Zulieferindustrie, gefördert vom BMWK), in welchem sich 30 Partner mit dem Thema beschäftigen, verschiedene Aspekte betrachten und Referenzanwendungsfälle entwickeln.
| Zwischen Lösungen und digitalen Ökosystemen |
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Vom 27. bis 28. September fand die 8. TSN/A-Konferenz in Ludwigsburg statt. Neben vielen erfahrenen Experten, trafen sich Interessierte aus verschiedensten Branchen – vom Maschinenbauer, über den Flugzeughersteller bis zum Mediziner. Über 300 Teilnehmer informierten sich über Neuigkeiten aus der Standardisierung, lauschten 26 Fachvorträgen, besuchten Workshops und verfolgten eine Diskussionsrunde zum Thema „Virtualisierung der Steuerungstechnik“. Das Leitthema „TSN in Practice“ spiegelte sich in verschiedensten Beiträgen wider: TSN als Enabler für effiziente Board-Netze in Flugzeugen, als Lösung für intelligente Stromnetze, als Technologie für Medizinanwendungen und sogar sprichwörtlich für die Raketenwissenschaft. Im Automationsumfeld hingegen waren viele Beiträge durchaus noch etwas vager, so dass sich der Eindruck einstellen konnte, dass hochkritische Branchen schneller bei der Adaption vorankommen als die Produktionstechnik mit deutlich entspannteren Anforderungen. Zwar ließe sich dem ein oder anderen im produktionstechnischen Umfeld ein Hauch zu viel Politikbewusstsein oder übertriebenes Engineering vorwerfen, die Ursache für die schleppende Etablierung von TSN im Produktionsumfeld ist jedoch eine ganz andere: TSN ist einerseits eine Technologie für Lösungen als auch ein Schlüssel-Enabler für digitale Ökosysteme. Und während TSN bei Flugzeugen, Stromnetzen oder Raketen klare Funktionen und (sehr strikte) Anforderungen erfüllen muss, geht es in der Automatisierungsbranche um etwas viel Grundlegenderes: Die Transformation von spezifischen Lösungen hin zu einem digitalen Ökosystem. Die Etablierung eines solchen ist ein durchaus langwieriger und komplexer Prozess. Es ist jedoch zu hoffen und davon auszugehen, dass branchenspezifische Lösungen auf Basis von TSN hier als entscheidende Wegbereiter helfen werden. Der Beitrag in dieser Ausgabe befasst sich mit dem Thema, wie konvergente Netzwerke auf TSN-Basis dazu beitragen, eine software-definierte Produktion zu ermöglichen, sprich, ein digitales Ökosystem der Produktionstechnik zu generieren. Wie immer freuen wir uns über Rückmeldungen, Kommentare oder Anregungen zu unserer Serie. Ihr Florian Frick und Meinrad Happacher |



















