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Artikel und Hintergründe zum Thema

SSV Software Systems

Meinrad Happacher,

Der Modellbau der Zwillinge

Digitale Zwillinge erfordern ein Umdenken: Physikalische Schnittstellen und Kommunikationsprotokolle verlieren an Bedeutung. Modell-basierte Datenschnittstellen zur Vernetzung verschiedener Zwillingskategorien innerhalb einer IoT-Anwendung sind die aktuelle Herausforderung.

© chesky/stock.adobe.com

Für Cloud-Betreiber sind digitale Zwillinge ein sehr bedeutender Baustein im Funktionsportfolio, der ein sehr großes Wachstumspotenzial mit hoher Kundenbindung bietet. Die in diesem Bereich führenden US-Unternehmen Amazon (AWS IoT TwinMaker), IBM (Digital Twin Exchange), Microsoft (Azure Digital Twin) und Oracle (IoT Digital Twin) sehen daher zahlreiche Nutzungsmöglichkeiten für die virtuelle Darstellung physischer Objekte und Systeme. In erster Linie auf Grund der vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten und des damit verbundenen Marktpotenzials. Schließlich lassen sich mit dieser Methodik digitale Modelle ganzer Umgebungen realisieren. Bei einer solchen Umgebung kann es sich um einzelne Antriebselemente, Fahrzeuge und Maschinen, Gebäude oder Produktionsprozesse, aber auch vollständige Fabriken, Betriebsgelände, komplexe Energieversorgungsnetze, Bahnstrecken, Sportstadien und sogar ganze Städte (Smart City) handeln. Auch noch sehr viel größere Verbundsysteme sind möglich. Daraus lässt sich ableiten, dass es auch mit Blick auf die jeweilige Anwendung unterschiedliche digitale Zwillinge gibt.

Gruppen von Zwillingsinstanzen

IBM hat das Zwillingsthema sehr früh aufgegriffen, verfügt daher bereits über umfangreiche Praxiserfahrungen und differenziert mit dem aktuellen Stand der Technik inzwischen vier verschiedene Zwillingskategorien:

  • Komponentenzwillinge/Teilzwillinge: Sie bilden die Grundeinheit - digitaler Zwilling für eine Entität - komplexer digitaler Zwillinge und repräsentieren in der Regel eine Funktionskomponente, wie beispielsweise den Elektromotor oder Frequenzumrichter einer Maschine.
  • Asset-Zwillinge: Ein Verbundsystem aus mindestens zwei Komponentenzwillingen, die miteinander interagieren, wie etwa die Funktionskomponenten eines Maschinenantriebsstrangs. Hier entstehen schon relativ große Datenmengen, mit denen sich die Interaktionen untersuchen und verwertbare Informationen gewinnen lassen.
  • System- oder Unit-Zwillinge: In dieser Integrationsstufe werden Asset-Zwillinge zu einem funktionierenden Gesamtsystem zusammengefügt, das sich beispielsweise als sternförmiger Graph darstellen lässt. Ein solcher digitaler Zwilling für eine Maschine spiegelt beispielsweise die Kommunikation und Interaktionen der Assets untereinander transparent wider und eignet sich grundsätzlich für automatisierte Optimierungsentscheidungen beziehungsweise kognitive Fähigkeiten.
  • Prozesszwillinge: Diese Kategorie bildet die Makroebene der Detaillierung für die Zusammenarbeit der Subsysteme, zum Beispiel für eine vollständige Produktionsanlage. Sprich: ein digitaler Zwilling für ein Szenario. In dieser Ebene lassen sich mit Hilfe eines digitalen Zwillings komplexe Fragestellungen beantworten: Sind alle Subsysteme synchronisiert? Haben alle Systeme die maximale Effizienz oder haben Verzögerungen im System Auswirkungen auf andere Systeme? Solche Szenario-Zwillinge helfen dabei, die Gesamteffektivität und Produktivität zu beeinflussen.
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Die Datenschnittstellen einer IoT-Hardware für einen Komponentenzwilling sind mit einer Beschreibungssprache, wie der Digital Twin Definition Language (DTDL), modellierbar: (1) Ein JSON-Objekt dient als DTDL-Interface-Beschreibung. (2) Die „Telemetry“-Definition lässt sich über eine „Unit“-Eigenschaft mit einer semantischen Typannotation erweitern. (3) Im ausgangsseitigen IoT-Sensordatenstrom ist ein zum Modell passendes Datenobjekt enthalten. Das Ziel beim DTDL-Einsatz ist ein IoT-Daten-Plug-and-Play, um auch komplexe Projekte zu ermöglichen.

© SSV Software Systems

In der Praxis lässt sich ein einzelnes physisches Objekt für mehrere Zwillingsvarianten nutzen. So verwendet der US-Autokonzern Ford für jedes produzierte Fahrzeug insgesamt sieben unterschiedliche digitale Zwillinge. Die Anwendungsbandbreite reicht dabei vom Fahrzeugdesign über die Produktion und den Betrieb bis zum Kundenerlebnis.

Im Umfeld der German Edge Cloud hat sich eine Arbeitsgemeinschaft gebildet, die im Bereich der industriellen Fertigung die Digitalisierung mit einem Verbund aus drei Zwillingen voranbringen will: Ein Anlagenzwilling - also ein Systemzwilling - dient als Repository für alle technischen und elektrischen Daten, den Schalt- und Verdrahtungsplänen, Funktionsbeschreibungen zu Komponenten und zur gesamten Anlage selbst sowie möglichst hochwertigen 3D-Modellen. Als zweite Zwillingsvariante wird ein Produktzwilling verwendet. Er ermöglicht die Produktkonfiguration und wird von der Kundenanforderung bis zur Auslieferung genutzt. Er wird lange vor der eigentlichen Produktherstellung erzeugt und beinhaltet ebenfalls 3D-Modelle. Mit dieser Zwillingsinstanz können Vertriebspartner und Kunden die Produktfunktionen simulieren und austesten. Über diese 3D-Modelle lassen sich Form, Fit und Function (FFF) prüfen. Der dritte Vertreter im Bunde ist der Fertigungszwilling. Dieser Prozesszwilling unterstützt den Produkthersteller bei der Produktivitätsoptimierung, indem Sensordaten aus dem laufenden Fertigungsbetrieb mit Stammdaten verknüpft und ausgewertet werden.

Geeignete Werkzeuge erforderlich

Die Sichtweisen und Aktivitäten der Cloud-Anbieter lassen erahnen, dass eine Anwendung mit digitalen Zwillingen ein hochkomplexes Gebilde werden kann. Es geht in der Praxis nicht nur darum, zwei oder drei Komponentenzwillinge zu einem datentechnischen Gesamtsystem zu koppeln und zur Informationsgewinnung, Entscheidungsfindung und für daraus abgeleitete operative Handlungen zu nutzen. Es sind vielmehr Applikationen mit einigen Tausend oder sogar Millionen einzelner digitaler Zwillinge realistisch, etwa bei dem Beispiel Smart City. Insofern existiert ein Bedarf an universellen und hochwertigen Entwicklungswerkzeugen, Architekturkonzepten und Datenstrukturen, die möglichst keinen (Cloud-) Vendor-Lock-in erzeugen.

Bei der Entwicklung von IoT-Lösungen für die Automatisierung müssen Datenqualität, Datennutzung und Systemverbundfähigkeiten eine zentrale Rolle spielen. Eine besondere Herausforderung ist der Kommunikationsprotokoll-unabhängige Daten-Plug-and-Play über verschiedene Anwendungsebenen. Dafür sind digitale Zwillinge, die auf Datenmodellen mit hochentwickelten semantischen Fähigkeiten basieren, ein solide Funktionsbasis, um datentechnische Medienbrüche zu vermeiden.

© SSV Software

Microsoft hat diese Problematik vor einiger Zeit erkannt und mit der Digital Twin Definition Language (DTDL) eine JSON-basierte Beschreibungssprache entwickelt, die ein IoT-Daten-Plug-and-Play ermöglicht. DTDL eignet sich zur Beschreibung digitaler Zwillingsmodelle mit nahezu beliebiger Komplexität, also vom einfachen Komponentenzwilling eines Antriebselements bis zum hochkomplexen Szenario-Zwilling für ein größeres Betriebsgelände mit zahlreichen Gebäuden. DTDL basiert auf JSON-LD, einer Empfehlung des World Wide Web Consortium (W3C) für die weltweite Verknüpfung von Daten und ist somit als allgemein anerkannter Industriestandard einzuordnen. Ein elementarer DTDL-Grundbaustein sind die Metamodell-Klassen, die zur Definition des Verhaltens eines digitalen Zwillings und dem dazugehörenden physischen Objekt verwendet werden. Die wichtigsten Metamodell-Klassen zur Verhaltensbeschreibung sind Interface, Command, Component, Property, Relationship und Telemetry. Darüber nutzt DTDL eine JSON-basierte Datenbeschreibungssprache, so dass beispielsweise für jeden physischen IoT-Datenendpunkt in Zukunft ein Software Development Kit - als so etwas wie einen „Digital Twin Integration SDK“ - als Zubehör lieferbar wäre, um ihn auch per DTDL als Modell in eine IoT-Anwendung einzubinden. DTDL sorgt auch für semantische Typannotationen, also etwa die bedeutungsbezogene Kennzeichnung von Sensordaten. Dadurch können Benutzeroberflächen, Datenanalysen und andere Datennutzungsaufgaben in einer IoT-Anwendung auf die Semantik und nicht nur auf das Schema der jeweiligen Daten eines digitalen Zwillings schließen. Die Ausgangsdaten eines Temperatursensors lassen sich durch das DTDL-Modell beispielsweise als „Temperatur“ annotieren.

Veränderte Sicht- und Vorgehensweisen

Ein Anwendungsentwickler kann für seine individuellen Bedürfnisse entscheiden, wie der digitale Zwilling für eine Lösung aussieht, welche Fähigkeiten eine solche virtuelle Kopie besitzt und wie diese jeweils ausgeprägt sind (siehe Autonomie, Intelligenz, Lernfähigkeit und Datengenauigkeit in Teil 2 dieser Serie). Im einfachsten Fall werden lediglich ein paar Livedaten verschiedener Sensoren temporär gespeichert. Es lassen sich darüber hinaus auch noch persistierte Konstruktionsdaten aus unterschiedlichen CAD-Programmen, technische Handbücher als PDF, 3D-Modelle und zahlreiche weitere Datenobjekte hinzufügen. Das alles wird dann über eine Webseite miteinander verbunden und ist über einen QR-Code direkt an der Maschine für menschliche Nutzer zugänglich. Auf jeden Fall existiert durch einen solchen Lösungsansatz eine umfassende Geräte-, Maschinen- oder Anlagendokumentation, die für den laufenden Betrieb durchaus hilfreich ist. Ob so etwas im globalen Wettbewerb der digitalen Fähigkeiten ausreicht, entscheidet der Markt. Ein Datenfluss für eine automatisierte Entscheidungsfindung mit Hilfe von KI-Algorithmen für ein möglichst autonom agierendes System ist mit einer solchen Lösung in der Regel allerdings nicht möglich. Auch wenn die Echtzeitdaten aus den Sensoren über ein Application Programming Interface (API) für ein externes MES zugänglich sind, ändert sich daran wenig. Schließlich müsste das MES dann individuell an das Echtzeitdatenbild angepasst und diese Adaption über den gesamten Lebenszyklus hinweg manuell gepflegt werden.

Der Autor: Klaus-Dieter Walter ist Mitglied der Geschäftsführung bei SSV Software Systems.

© SSV Software

Die wirklich wichtigen Aspekte einer industriellen IoT-Automatisierungslösung dürften im Umfeld der Datenqualität, Datennutzung und den darauf basierenden Fähigkeiten des Systemverbundes liegen. Dafür sind Datenmodelle mit hochentwickelten semantischen Fähigkeiten erforderlich, die auf offenen Standards basieren. Zukünftige Anwendungen sollten als ein offener Verbund einzelner digitaler Zwillinge konzipiert werden, die allerdings auch ein hohes Niveau bezüglich der Cybersecurity aufweisen. 

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