Dezentrale Automation
Intelligenz gezielt verteilen
Die Industrie sucht nach Konzepten, die dazu beitragen, die immer komplexer werdenden Maschinen und Anlagen zu vereinfachen beziehungsweise die Produktionsprozesse effizienter, vernetzter und sicherer zu gestalten. Multiprozessor-Architekturen in Form von verteilten Intelligenzen sind hier ein guter Lösungsansatz – insbesondere auch unter dem Kostengesichtspunkt.
Die Vielschichtigkeit beginnt bereits bei den Schaltschrankzeichnungen, die sich mittlerweile als ganze Bücher darstellen beziehungsweise die Komplexität einer Raumfahrtstation erreicht haben. Hier noch eine ungeplante Erweiterung und dort eine mögliche Option, die sich der ein oder andere Endkunde wünschen könnte. Kurzum: Modularität ist schon beim Schaltschrankbau das Zauberwort, das sich durch das komplette Maschinen- und Anlagenkonzept zieht. Mit anderen Worten: Maschinen werden in standardisierte, autonome Funktionsmodule zerlegt, die sich dann individuell und anwenderspezifisch zusammenstellen lassen.
In der Automatisierungstechnik geht der Trend daher aktuell zu dezentralen Intelligenzen in Kombination mit „smarten“ Usability-Konzepten, die für eine einfache Handhabung und Bedienung sorgen. Smart Phones beispielsweise haben mindestens ebenso viel Rechenleistung wie ein IPC, besitzen aber keine Lüfter und haben keinen Platz für interne Erweiterungen. Benötigt man etwas, wird die Erweiterung einfach an eine Standard-Schnittstelle angeschlossen. In Analogie dazu sind kleine, verteilte Intelligenzen gleichermaßen ein smarter Ansatz, um Maschinensteuerungen flexibler zu gestalten. Die Maschine wird in logische Einheiten unterteilt und dort, wo es sinnvoll ist, setzt man „vor Ort“ kleine Recheneinheiten mit so wenig Verlustleistung wie möglich inklusive der dazugehörigen I/Os ein.
Auf diese Weise wird der Schaltplan wieder überschaubar und die Pflege der Software gestaltet sich wesentlich einfacher. Auch auf Änderungen oder Sonderwünsche kann der Maschinenhersteller schneller reagieren.
Verlustleistung – ein entscheidender Faktor
Die neue Kompakt-CPU-Generation von Sigmatek basiert auf einem 800-MHz-Edge2-Technology-Prozessor samt tauschbarer MicroSD-Karte, nullspannungssicherem RAM, DDR3 Arbeitsspeicher mit 256 MByte sowie einer Echtzeituhr.
© SigmatekFür eine effiziente Unterteilung der Maschine oder Anlage in funktionale Einheiten sind entsprechend kleine, kompakte I/O-Systeme erforderlich, die vor Ort einsetzbar sind. Dazu CPUs im Miniformat, die genug Rechenleistung und Speicher bieten und Safety als integralen Bestandteil des Systemansatzes beinhalten. Die Verslustleistung des Systems und der CPU sind dabei wichtige Faktoren, da man ansonsten wieder vor einem komplexen Schaltschrank steht und nicht vor einer kompakten Box, die sich in die Maschine beziehungsweise Peripherie integrieren lässt.
Dem Rechnung tragend hat Sigmatek passend zur neuen, im letzten Jahr erstmals auf der SPS IPC Drives vorgestellten superkompakten I/O-Generation S-Dias nun die CPU im Pocket-Format entwickelt: 25 mm breit, 103,5 mm hoch und 72 mm tief. Das so genannte CPU-Hutschienenmodul CP 111 mit Edge2-Technology weist eine Verlustleistung von nur 2 W bei einer Taktfrequenz von 800 MHz auf. Für die Verbindung in die Außenwelt stehen eine USB-Device, eine Ethernet- und zwei konfigurierbare Varan-Schnittstellen mit einer Busgeschwindigkeit von 100 Mbit/s zur Verfügung, die als Manager oder Client konfigurierbar sind. Der Zugriff auf einzelne I/O-Module kann innerhalb von 1,12 µs erfolgen. Somit ist es möglich, die Mini-CPU taktsynchron zu einer anderen CPU zu betreiben und es lassen sich auch komplexe Maschinen in einem dezentralen Verbund abbilden. Das Debuggen und der Software-Austausch können entweder von einer zentralen Stelle aus oder lokal vor Ort erfolgen. Außerdem erweitert das Stromversorgungsmodul PS 101 die Hutschienen-CPU um eine Pufferbatterie, eine USB-Host- sowie eine CAN-Bus-Schnittstelle. Nicht zuletzt sorgen die für Industrieanwendungen konzipierten Standardstecker von Tyco Electronics mit ihrem 2-Punkt-Kontaktprinzip für eine passgenaue und vibrationsfeste Steckverbindung – ebenfalls im Miniformat.
Funktionalität liegt im Engineering
Der dezentrale Ansatz basierend auf kleinen, verteilten Intelligenzen, die ihre Maschinenfunktion exakt erledigen, einfacher in der Wartung sind und sich flexibel an neue Anforderungen anpassen lassen, funktioniert allerdings nur mit einem effizienten Projektierungstool, das solche Maschinen- und Anlagenkonzepte unterstützt. Des Weiteren ist ein hochperformantes Kommunikationsnetzwerk erforderlich, dessen Manager sich automatisch synchronisieren.
Im Fall von Lasal lassen sich die benötigten Hardwaremodule über den Hardware-Editor einfach zusammenstellen: über gruppierte Listen, Suchdialog oder – bei einer bereits bestehenden Anlage – per automatischem Upload über die Online-Verbindung.
© SigmatekÜber der kompakten und modularen Hardware muss demnach ein durchgängiges Engineering-Tool sitzen, das den modularen, mechatronischen Ansatz unterstützt. Objektorientierte Konzepte sind hier die ideale Wahl. Das bedeutet: Maschinenkomponenten werden als Softwarekomponenten (Objekte) nachgebildet und Code sowie Daten in logische Einheiten (Objekte) zusammengefasst. Dazu wird die Komplexität des Programms gekapselt, das heißt der Programmcode ist auf den ersten Blick nicht ersichtlich. Die gekapselten Objekte werden mit Parametern und Schnittstellen ausgestattet, über die sie mit der „Außenwelt“ kommunizieren. Wenn diese Schnittstellen klar definiert sind, sind Objekte später mit Leichtigkeit gegen andere austauschbar. Beim Erstellen des eigentlichen Programmcodes kann der Software-Ingenieur trotz Objektorientierung auf die vertrauten Sprachen zurückgreifen: Structured Text, Kontaktplan, Ablaufsprache, Anweisungsliste (alle nach IEC-61131-3-Norm) und C.
Beim grafischen Ansatz, den das Disziplin-übergreifende Toolset Lasal von Sigmatek seit Beginn verfolgt, werden die von Klassen erzeugten Objekte (Maschinenmodule) in sogenannten Netzwerken dargestellt. Mit anderen Worten: Der Entwickler sieht auf den ersten Blick die Eigenschaften eines Maschinenteils sowie die Kommunikation mit anderen Objekten, sprich Maschinenteilen. Einmal erstellte und getestete Softwaremodule (Objekte) lassen sich in Bibliotheken ablegen uns später in unterschiedlichen Projekten oder Systemteilen wieder verwenden beziehungsweise auch zu hochkomplexen Programmstrukturen zusammenfügen.
Die smarte Kommunikation
Ein Kunde bestellt den Basistyp A einer Maschine, dazu möchte er die Funktionsoptionen 1, 3, 6 und 7. Die Applikationssoftware lässt sich basierend auf den gekapselten Software-Bausteinen durch die Scripting-Funktionalität vollautomatisch erstellen.
© SigmatekWie bereits angedeutet, kommt bei einer dezentralen, modularen Maschinengestaltung der intelligenten Vernetzung eine entscheidende Rolle zu. Im Konzept von Industrie 4.0 können Geräte miteinander kommunizieren und sind zudem eindeutig identifizierbar und lokalisierbar – Stichwort „Internet der Dinge und Dienste“ in der Automatisierung. Moderne Echtzeit-Ethernet-Bussysteme bilden das Rückgrat für die „smarte“ und durchgängige Kommunikation von der Feldebene bis zur Office-Ebene. Entscheidend dabei ist: Unautorisierte Fremdzugriffe über das Firmennetzwerk dürfen die Funktionsweise einer Maschine oder Fertigungsstraße und die Echtzeit-Kommunikation unter keinen Umständen beeinflussen.
Das erwähnte Varan-System trägt diesen Anforderungen wie folgt Rechnung: Datenpakete aus der Office-Umgebung und dem World Wide Web werden in kleine Datenpakete (bis 128 Byte) aufgeteilt, im Netzwerk durch Tunneln übertragen und am Zielknoten wieder zusammengesetzt. Dabei werden die fremden Telegramme nicht interpretiert, sondern „blind“ übertragen, wodurch höchste Sicherheit gegenüber beabsichtigten und unbeabsichtigten Beeinflussungen gegeben ist. Auch sicherheitsrelevante Nachrichten lassen sich mit dem Black-Channel-Prinzip einfach übertragen.
Bei der Unterteilung einer Maschine oder Anlagen in funktionale Einheiten – hier am Beispiel Holzbearbeitung – sind kleine, kompakte CPU- und I/O-Systeme, die vor Ort einsetzbar sind, ideal.
© SigmatekZudem benötigt eine mit Varan ausgestattete Maschine nur eine IP-Adresse, wodurch sich der Verwaltungsaufwand für die Netzwerk-Administration reduziert. Das System arbeitet voll synchronisiert – wenn gewünscht über die gesamte Produktionshalle – und das mit einem Synchronitäts-Jitter von unter 100 ns.
Eine Stern- oder Baumstruktur ermöglicht es zudem, aufgrund der Hot-Plug-Fähigkeit ganze Maschinen oder Bearbeitungszellen im laufenden Betrieb logistisch aus der Gesamtproduktion zu trennen und bei Bedarf durch eine andere Maschinen-Option auszutauschen – ohne dass der gesamte Maschinenverbund gestoppt werden muss. Jeder Busteilnehmer (Maschinenteil) erhält schließlich ein elektronisches Typenschild und ist somit eindeutig identifizierbar.
Wo geht die Reise hin?
Klar ist: Die Automatisierungswelt wird sich trotz der omnipräsenten Industrie-4.0-Diskussion nicht sofort verändern – wohl jedoch mittelfristig! Genau betrachtet ist der europäische Maschinenbau ein Kleinserien- beziehungsweise Sonderserien-Maschinenbau. Auch wenn er davon sehr gut lebt und weltweit für hohe Flexibilität und Innovationsstärke steht, fließt bis dato noch extrem viel Aufwand ins Engineering. Grund hierfür ist, dass man bis vor kurzem versuchte, Konzepte mit allen Optionen und der damit benötigten Rechenleistung in eine „Kiste“ zu zwängen. Wie Dezentralisierung wirklich funktioniert, zeigt das Beispiel Automobilbau: Hier würde es niemandem einfallen, die ganze Rechenleistung in einen zentralen Kasten zu verpacken. Vielmehr sind die Hersteller massiv bestrebt, alles in Funktionseinheiten zu zerlegen und diese über einen Bus kommunizieren zu lassen.
Von Seiten diverser Automatisierungstechnik-Anbieter ist in diesem Kontext häufig zu hören: Wir haben die bessere Hardware, wir den besseren Bus und wir die effizienteste Software. Für den Maschinenbauer liegt die Betrachtung jedoch eher im System und nicht in Teilkomponenten. Die Einführung einer „Scheiben-CPU“ wie die CP 111 gibt dem Anwender jedenfalls die Freiheit, sich für ein zentrales, dezentrales oder Mischsystem zu entscheiden. Gleichzeitig lassen sich so unterschiedliche Ausbaustufen in den verschiedenen Maschinentypen einfach sowohl in Software wie auch Hardware darstellen.
Ob dies jetzt bereits „Industrie 4.0“ ist, sei dahingestellt. Zumindest zeigt es aber deutlich den Weg in diese Richtung auf: Verteilte, kleine Intelligenzen, die vernetzt in einem System zusammenspielen. Energiemessung und Condition Monitoring übernimmt dabei die SPS, die Anbindungen an ERP- und MES-Systeme erfolgt über die TCP/IP-Schnittstelle der CP 111.
Auf den Punkt gebracht: Die vollständige Umsetzung der smarten und flexiblen Fabrik wird wohl noch ein wenig dauern. Und so besteht die Herausforderung der Maschinenbauer in Europa aktuell eher darin, möglichst flexibel und kostengünstig eine Vielzahl von Maschinentypen abzubilden und diese auch wartbar zu halten. Und dafür stehen mit objektorientierten Programmiersystemen, einer Vielzahl an verschiedenen CPU-Typen bis hin zur I/O-Ebene mit integrierter Safety und integrierter Motion Control heute schon durchgängige Lösungen zur Verfügung.
Autor: Franz Aschl ist Innovationsmanager bei Sigmatek














