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Artikel und Hintergründe zum Thema

Frank Stührenberg im Interview

Andrea Gillhuber,

Eine Frage der Balance

Im Interview spricht Frank Stührenberg, CEO von Phoenix Contact, über die Zukunft der Energieversorgung, werteorientiertes Handeln, die Konkurrenz aus China und welche Ausreden er in Bezug auf die Weiterentwicklung seines Unternehmens nicht gelten lässt.

© Phoenix Contact

Als Verfechter der All Electric Society – welchen Handlungsbedarf sehen Sie in diesem Zusammenhang für Ihr Unternehmen und die Gesellschaft?

Frank Stührenberg: Im Grunde definiert die ‚All Electric Society‘ drei Handlungsfelder: Erstens, die primäre Energieform der Zukunft ist regenerativ erzeugte elektrische Energie. Zweitens, diese Energie muss zeitlich und regional passgenau zur Verfügung gestellt werden. Und drittens, energieeffizienzsteigernde Technologien müssen entwickelt und implementiert werden. Alle drei Handlungsfelder greifen ineinander und müssen diskutiert werden – ohne irgendeine Form von ideologischen oder dogmatischen Positionen. Was bedeutet das?

Unserer Überzeugung nach ist regenerativ erzeugte elektrische Energie die Zukunft, auch, weil sie perspektivisch die mit Abstand kommerziell wettbewerbsfähigste sein wird. Aber es ist auch zulässig zu diskutieren, welche Rolle beispielsweise Nuklearenergie oder Wasserstoff in der Energieversorgung spielen können.

Im nächsten Schritt gilt es, die dezentral erzeugte Energie tatsächlich zeitlich und regional umfassend als auch stabil verfügbar zu machen. Am Ende des Tages geht es um die Wandlung von elektrischer Energie als Primärform, sprich ‚Power to X‘.

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Nach unserer Darstellung der ‚All Electric Society‘ zwingend hinzuzurechnen sind effizienzsteigernde Technologien. Da gibt es zum einen die unmittelbare Effizienzsteigerung, die sich durch einen direkten Wechsel auf die Primärenergieform Elektrizität ergibt, zum Beispiel im Automobilbereich von Verbrennungs- auf Elektromotoren. Zum anderen sind es klassische Effizienztechnologien, wie sie sich durch Automatisierung oder Sektorenkopplung ergeben.

Bei der Sektorenkopplung geht es darum, Energieformen zu verbinden, um Verluste zu vermeiden, zum Beispiel indem der elektrische Erzeugungsbereich mit thermischen Energiebereichen verbunden wird. Wie eine solche Sektorenkopplung aussehen kann, zeigen wir in unserem ‚All Electric Society Park‘ am Standort Blomberg.

Mit dem wachsenden Anteil an KI-Applikationen, der zunehmenden Digitalisierung und Elektrifizierung des Verkehrs steigt der Energiebedarf enorm. Wie soll der Bedarf mit erneuerbaren Energien gedeckt werden?

Stührenberg: Mehr Elektrifizierung, mehr Digitalisierung, mehr Vernetzung und damit mehr Daten lassen den Bedarf an elektrischer Energie ansteigen – weltweit. Laut der Studie World Energy Outlook 2023 geht man dort von Steigerungen von zusätzlichen 80.000 TWh bis 2050 aus. Die Frage nach der Energieversorgung ist daher eine sehr Wesentliche, jedoch nicht ausschließlich eine nach der Primärenergie. Es gilt, die Systemvernetzung und Sektorenkopplung voranzutreiben. Durch die Vernetzung wird Transparenz beispielsweise über den Energieverbrauch in einem Sektor und die Energieerzeugung in einem anderen hergestellt. Auf dieser Datenbasis lassen sich Energieflüsse automatisieren und optimieren.

Mit Gleichstrom lässt sich die Produktion effizienter gestalten. Erste Projekte für die Umsetzung von DC in der Industrie laufen bereits, auch bei Phoenix Contact. Wie schätzen Sie das Potenzial dieser Technologie ein und wie lange wird es dauern, bis sich Gleichstrom in der Fabrik durchsetzen wird?

Stührenberg: Der Vorteil der DC-Technologie liegt darin, Wandlungsverluste zu minimieren und die Effizienz zu steigern. Insofern ist es sinnvoll zu prüfen, wo ein DC-Netz in der Produktion betrieben werden kann. Vor allem in Applikationen mit viel Bewegung ergibt sich ein erheblicher Effizienzvorteil: Beispielsweise lässt sich in Robotik-Anwendungen oder Dreh- und Fräszentren mit jeder Bremsbewegung Energie zurückgewinnen.

»Ich glaube, dass die DC-Technologie auf absehbare Zeit nur in Inselanwendungen zu finden sein wird.«

Im Moment sind Fabriken fast ausschließlich mit AC-Netzen ausgestattet. Das heißt es müsste erst eine DC-Infrastruktur installiert werden. Im Gegensatz zu den klassischen Netzen gilt es bei Gleichstrom gewisse Anforderungen auch bezüglich der Sicherheit zu erfüllen – denken Sie nur an das Ziehen eines Steckers unter Last. Trotz aller Herausforderungen werden wir bei Phoenix Contact DC-Komponenten entwickeln und auch selbst DC-Netze aufbauen. In unserem neuen Gebäude 60 setzen wir unter anderem auf Gleichstrom, um einen möglichst effizienten Energiefluss zur ermöglichen – von der Energieerzeugung mittels Photovoltaik über Energiespeicher, bidirektionalem Laden und LED-Beleuchtung bis hin zur Wärmeversorgung mittels eines Eisspeichers. Das Ziel für den Standort Blomberg ist es, ihn zu einem geschlossenen Campus zu entwickeln, dem möglichst wenig Energie aus dem öffentlichen Netz zugeführt werden muss.

Aber lange Rede, kurzer Sinn: Ich glaube, dass die DC-Technologie auf absehbare Zeit nur in Inselanwendungen zu finden sein wird. Mittelfristig wird es über Jahrzehnte eine Koexistenz von DC- und AC-Netzen geben, denn ein sofortiger Wechsel einer etablierten Infrastruktur ist allein unter dem Gesichtspunkt Ressourceneffizienz nicht sinnvoll.

Ein Ziel der All Electric Society ist, die Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen zu reduzieren. Allerdings werden für die Elektrifizierung auch Rohstoffe benötigt, zum Beispiel Gallium, Platin, Kupfer, etc. Wird damit eine Rohstoffabhängigkeit durch eine andere ersetzt?

Stührenberg: Die vorrangige Zielsetzung der All Electric Society ist es, eine CO2-Neutralität zu schaffen und die negativen Auswirkungen des Klimawandels zu stoppen. Dazu zählt, die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen als Treiber des Klimawandels zu lösen. Als zweiten Effekt reduziert man die regionale Abhängigkeit von den Erzeugerländern.

»Wir sollten also versuchen, über ein Gleichgewicht in der Wertschöpfungskette eine gegenseitige Abhängigkeit herzustellen.«

Erneuerbare Energien sind viel dezentraler, aber auch hier kommen an vielen Stellen der Wertschöpfungskette Rohstoffe zum Einsatz, die Abhängigkeiten zu deren Herstellern schaffen. Nehmen wir als Beispiel Energiespeicher: Die meisten Batterien basieren auf Lithium, für Elektroden werden unter anderem Nickel, Kobalt und weitere Rohstoffe benötigt. Jeder kennt die Quellen und auch die Umstände, unter denen die Materialien gewonnen werden. Diese Sachlage führt dazu, dass Rohstoffabhängigkeiten kritisch hinterfragt werden, und das ist aus meiner Sicht gut und richtig.

Um diese Abhängigkeiten zu reduzieren, werden verschiedene Wege gegangen. Zum einen wird an neuen Technologien geforscht, zum Beispiel an Natrium-Ionen-Batterien. Die Energiedichte ist noch geringer, aber die Rohstoffe wären gut verfügbar. Zum anderen werden in Europa wieder Minen geöffnet, zum Beispiel in Spanien und Skandinavien, um Lithium und andere Rohstoffe zu fördern. Prinzipiell ist dies möglich, doch aktuell oft unwirtschaftlich im Vergleich zu den Bezugskonditionen anderer Regionen. Aber eine vollständige Autarkie oder lediglich eine Abhängigkeit von Wirtschafts- und Gesellschaftskreise, die einen persönlich näherstehen, wird es nicht geben. Es gibt rohstoffreiche Länder, doch sie haben wenig Know-how in anderen Bereichen der Wertschöpfungskette; hier sind europäische Länder im Vorteil. Wir sollten also versuchen, über ein Gleichgewicht in der Wertschöpfungskette eine gegenseitige Abhängigkeit herzustellen.

»Wir Deutschen neigen aber auch dazu, alles problematisch zu sehen«

Auch um die Menschen in den rohstoffreichen Ländern zu schützen, wird an einem Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz gearbeitet. Wie sehen Sie das geplante Gesetz?

Stührenberg: Bisher sind die Diskussionen um das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz sehr kritisch, die Rede ist von einem Bürokratiemonster. Wir als Familienunternehmen stehen für gewisse Werte, die mit jeder neuen Generation an Gesellschaftern in den letzten 100 Jahren weitergewachsen sind. Das heißt wir haben einen sehr klaren Blick darauf, wie sich ein Unternehmen verhalten sollte – unabhängig von rechtlichen Rahmenbedingungen. Daher sehe ich das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz positiv, da es auch andere Unternehmen in die Pflicht nimmt, so zu handeln, wie wir es aufgrund unserer Werteorientierung bereits tun – es schafft in gewisser Weise also ein wirtschaftliches Gleichgewicht.

Allerdings geht es an der Elektroindustrie vorbei. Anders als bei einem T-Shirt sind auf einer Leiterplatte schnell 150 Komponenten verbaut, kein Mensch ist in der Lage, diese Wertschöpfungsstufen zu erfassen. Bei einem T-Shirt gibt es die Baumwollplantage, die Weberei, die Näherei, die Färberei und den Lieferanten – hier kann ich den Käufer in Europa in die Pflicht nehmen. In der Industrie werden fertige Komponenten zugekauft. Man spricht mit der ersten und zweiten Lieferantenebene, an die Rohstoffquelle gelangt man in der Regel gar nicht. Es ist frustrierend, Aufwände in etwas zu stecken, wodurch wahrscheinlich kein prekäres Arbeitsverhältnis oder kritischer Umstand verhindert wird. Macht man dies aber nun bürokratisch notwendig, führt das nur zu mehr Widerwillen – durch das Gesetz würde nichts gewonnen.

Als ein Ausweg aus der Lage sprechen einige Expertinnen und Experten davon, die Wertschöpfungstiefe in Deutschland bzw. Europa zu erhöhen.

Stührenberg: Unternehmerisches Handeln bedeutet, eine Balance zwischen Umsatz- und Wertschöpfungsverteilung herzustellen. Das heißt, man muss mit den Produktionsbedingungen in einer Region die Wettbewerbsbedingungen in einer anderen Region erfüllen. Hinzu kommen Währungseffekte. Es ist nicht immer leicht, alles in Einklang zu bringen.

»Unternehmerisches Handeln bedeutet, eine Balance zwischen Umsatz- und Wertschöpfungsverteilung herzustellen.«

Bei Phoenix Contact findet die Wertschöpfung zu etwa 60 Prozent in Deutschland beziehungsweise rund 70 bis 75 Prozent in Europa statt. Rund 75 Prozent unseres Umsatzes machen wir aber außerhalb Deutschlands. Insofern sind wir im Moment auf dem Pfad, unsere Wertschöpfung näher an die Absatzmärkte zu bringen. Wir fokussieren uns gerade auf Indien und die USA.

Also lokale Produktionen für regionale Märkte.

Stührenberg: Genau. In China haben wir z.B. das Setup, vor Ort zu entwickeln und zu produzieren und auch regionale Märke zu bedienen. Märkte in Südostasien erfordern beispielsweise eine gewisse Preisorientierung, daher werden wir das Konzept ‚Local for Local‘ dort weiter forcieren.

Das führt uns zu der Frage, wie konkurrenzfähig Deutschland und Europa im internationalen Vergleich sind.

Stührenberg: Bei der Frage muss ich zwischen der allgemeinen Wirtschaftsperspektive und der Perspektive unseres Unternehmens unterscheiden. Beispiel Energiekosten, die sind in Deutschland schwer kalkulierbar. Doch als Phoenix Contact fällt es mir schwer, sie als wettbewerbsentscheidend anzusehen, denn sie haben nur einen Anteil zwischen drei und fünf Prozent an unseren Kosten. Sie sind also nicht ausschlaggebend für die Entscheidung, Produktionen beispielsweise in die USA zu verlagern. In aller Neutralität: Wir sind gerade dabei, in den USA bestimmte Kompetenzen aufzubauen. Da lernt man schnell das Ausbildungsniveau in Deutschland zu schätzen.

Wir Deutschen neigen aber auch dazu, alles problematisch zu sehen: zu viel Bürokratie, zu hohe Preise, Löhne zu hoch, Fachkräfte fehlen und überhaupt ist die Wiese woanders immer grüner. Ja, es stimmt: Es ist nicht leicht, es ist auch manchmal zermürbend und es müssen auch politische Entscheidungen einfach mal herbeigeführt werden. Aber dies als Gründe anzuführen, sich als Unternehmen nicht weiterentwickeln, nicht im Wettbewerb bestehen zu können, lasse ich zumindest für unser Unternehmen nicht als Ausrede gelten.

Im Grunde also Jammern auf hohem Niveau?

Stührenberg: Lassen Sie mich klarstellen: Ich möchte Bedenken aus der Industrie und Wirtschaft nicht kleinreden, es kommt immer auf die Perspektive an. Bleiben wir beim Beispiel Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz: Für uns als Phoenix Contact ist es leicht, eine kleine Personengruppe für den bürokratischen Aufwand abzustellen; für ein Unternehmen mit rund 250 Millionen Euro Jahresumsatz ist es eine ganz andere Belastung.

»Es dringlichere Probleme gibt als Berichtspflichten.«

Was ich sagen möchte, ist, dass es dringlichere Probleme gibt als Berichtspflichten. Für viele Unternehmen – auch für unseres – liegen sie eher im Bereich Steuern. Natürlich führt die hohe Steuerlast zu der Entscheidung, eine Investition gar nicht oder in einer anderen Region zu tätigen. Sehr viel kritischer sehe ich aber die Erbschaftssteuerregelung für Familienunternehmen. Ich verstehe den gesellschaftspolitischen Ansatz, vererbtes Vermögen auf die Allgemeinheit zu verteilen. Für Familienunternehmen ist es aber eine kritische Situation: Erben können es sich gar nicht mehr leisten, Gesellschafter zu bleiben, wenn die Mittel nicht aus dem Unternehmen bereitgestellt werden.

Wie schätzen Sie denn die Konkurrenz aus China grundsätzlich an?

Stührenberg: Seit gut 30 Jahren sind wir in China tätig und haben einige Erfahrungen in dem Markt gesammelt. In dieser Zeit hat sich der chinesische Wettbewerb stark gewandelt. Am Anfang war die Sorge groß vor Plagiaten, also Produkten, die zu 100 Prozent unseren Komponenten nachempfunden werden und auch unter unserem Namen verkauft wurden. Außerhalb Chinas hat man gute rechtliche Möglichkeiten, gegen Produktnachahmungen vorzugehen. Über diese Zeit sind wir hinaus: Der chinesische Wettbewerb ist deutlich qualifizierter geworden und hat die Eigenentwicklung stark vorangetrieben. Mittlerweile zählen chinesische, vor allem aber taiwanesische Wettbewerber zum klassischen Wettbewerb, wie wir ihn aus Deutschland, Europa oder den USA kennen.

Technologisch oder preislich gesehen?

Stührenberg: Die Unternehmen sind extrem wettbewerbsfähig. Doch im Moment finden wir immer noch Wege, entweder durch innovative Weiterentwicklungen oder Größenvorteile unseres Portfolios bestehen zu können. Technologisch ist der chinesische Wettbewerb auf Augenhöhe angekommen, preislich sind sie zumindest bei einzelnen Produkten oder Wettbewerbskategorien noch stark positioniert. Vor allem in China haben chinesische Unternehmen den politischen Vorteil, jetzt gilt es für sie aber, den Heimatmarkt zu verlassen, um Standorte in Europa oder den USA aufzubauen und Kundennähe zu schaffen. Sie benötigen ein Logistiknetzwerk und müssen auf einmal länderspezifische Zertifikate vorlegen – und die gibt es nicht für umsonst.

»Mittlerweile zählen chinesische, vor allem aber taiwanesische Wettbewerber zum klassischen Wettbewerb, wie wir ihn aus Deutschland, Europa oder den USA kennen.«

China achtet aber sehr darauf, eigene Technologieführer aufzubauen und diese sehr prominent in China zu positionieren. Im ITK-Bereich sind Huawei, im E-Commerce-Bereich Alibaba zu nennen. Das beginnt nun auch zunehmend im Bereich Automatisierungstechnik. Es gibt extrem leistungsfähige Unternehmen in Applikationsbereichen wie Antriebstechnik oder Sensorik, aber ich sage es einmal so: Den chinesischen Siemens gibt es in der Form heute noch nicht, dennoch achten wir sehr darauf, Abhängigkeiten im Griff zu behalten.

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