Werkzeugmaschinen-Studie
Chinesen definieren den Weltmarkt neu
China bietet den weltweit größten Absatzmarkt und Produktionsstandort für Werkzeugmaschinen (WZM). Die Stieler Technologie- & Marketing Beratung aus Lörrach hat sich 215 global agierende WZM-Hersteller angesehen und den Einfluss des chinesischen Marktes auf die weltweiten WZM-Branche analysiert - das Fazit.
Die Volksrepublik China ist bereits seit 2003 weltweit der größte Absatzmarkt für Werkzeugmaschinen (WZM). 2011 entfielen auf das Reich der Mitte etwa 37 % des globalen Umsatzes mit WZM. Auch bei der Produktion konnte sich das Land in den vergangenen Jahren auf den Spitzenplatz vorarbeiten.
Entsprechend war das Wachstum der einheimischen Werkzeugmaschinenindustrie: Während der vergangenen zehn Jahre wuchs die chinesische Werzeugmaschinenproduktion durchschnittlich um 25 % pro Jahr. Betrachtet nach Umsatz stieg der größte chinesische Werkzeugmaschinenbauer, Shenyang Machine Tool Group (SMTCL), innerhalb von neun Jahren vom 36. auf den 1. Platz in der Rangliste aller weltweit tätigen Werkzeugmaschinenhersteller – bei einem Exportanteil von bisher lediglich 5 %!
Angesichts der Tatsache, dass in den für WZM wesentlichen Absatzbranchen Automobilbau, Luft- und Raumfahrt, Eisenbahnbau, Schiffsbau, Elektronik, Energie und Rüstung weiterhin Kapazitäten aufgebaut werden, wird die Nachfrage nach WZM im Reich der Mitte auf absehbare Zeit weiter beachtliche Wachstumsraten aufweisen.
Schwächen der chinesischen Werkzeugmaschinenindustrie
Trotz der beeindruckenden Zuwachsraten in der Vergangenheit und den guten Prognosen für die Nachfrageentwicklung sieht sich die chinesische Werkzeugmaschinenindustrie mit ernsten Herausforderungen konfrontiert:
- Mangel an eigenen NC-Steuereinheiten und anderen Schlüsselkomponenten für das mittlere und obere Segment. Nach Aussage von chinesischen Branchenexperten beträgt der Anteil ausländischer Technologie in diesem Bereich zwischen 80 und 90 %.
- Schwach im Bereich Bearbeitungszentren und starker Fokus auf Maschinen für einzelne Arbeitsschritte
- Schwache Produktqualität durch nach wie vor hohen manuellen Fertigungsanteil. Daraus resultieren mangelnde Zuverlässigkeit und Haltbarkeit sowie Reputationsprobleme.
- Geringe Innovationsfähigkeit - vorrangig aufgrund schwacher Technologiebasis und einem Mangel an fähigem Personal zur Steuerung komplexer, interdisziplinärer Entwicklungsprojekte
- Stark fragmentierter Markt mit ausgeprägtem Anteil von Maschinen im Low-Cost-Bereich, aggressive Preiskriege, geringe Profitabilität, ausgeprägtes Kurzfrist-Denken auf Unternehmens- und Mitarbeiterebene mit Auswirkungen auf R&D-Erfolge
Dementsprechend bewegte sich in den vergangenen Jahren der Anteil ausländischer Hersteller in einem wachsenden Gesamtmarkt je nach Schätzung zwischen 29 und 41 %. Da chinesische Hersteller insbesondere die Nachfrage nach verlässlichen und präzisen Maschinen nicht befriedigen konnten, wuchs der Absatz von ausländischen WZM und Schlüsselkomponenten im oberen Preissegment überproportional an.
Ehrgeizige Ziele der chinesischen Regierung
Den Schwierigkeiten der einheimischen Werkzeugmaschinenindustrie stehen ehrgeizige Ziele der chinesischen Regierung gegenüber. Eine starke und unabhängige Werkzeugmaschinenindustrie betrachtet die chinesische Regierung als eine der wesentlichen Grundlagen dafür, das Land zum weltweit führenden Standort für Hochtechnologie zu machen. Leistungsfähige WZM sind eine elementare Voraussetzung für den Aufbau der Schlüsselindustrien Automobilbau, Luft- und Raumfahrt, Eisenbahnbau, Schiffsbau, Elektronik und Energie. Ferner ist eine unabhängige Werkzeugmaschinenindustrie die Grundlage für eine moderne Rüstungsindustrie – eine Branche, deren Entwicklung in Peking in den vergangenen Jahren ebenfalls an Gewicht gewonnen hat.
Für den Zeitraum des 12. Fünfjahres-Plans (2011-2016) wird die Erreichung der folgenden Ziele angestrebt:
- Jährliche Produktion von 250.000 NC-Werkzeugmaschinen (Produktion 2010: >190.000 Einheiten)
- Dauerhafte Steigerung des Marktanteils inländischer Werkzeugmaschinen auf mehr als 70 %
- Steigerung des Exports auf 15,7 % der Gesamtproduktion, im Vergleich zu 8,9 % in 2010
- Steigerung des R&D-Anteils am Umsatz auf mehr als 4 % (in den wichtigen Unternehmen)
Ferner sind für den Zeitraum der kommenden 10 bis 15 Jahre die folgenden Ziele formuliert:
- Aufbau einer einheimischen Wertschöpfungskette von NC-Werkzeugmaschinen, einschließlich Steuerungssystemen und weiteren Schlüsselkomponenten - Top-Produkte sollen auf Augenhöhe mit der Weltspitze sein.
- Reduzierung des Anteils ausländischer Technologien von 50 auf 30 % bis zum Jahr 2020
- Reduktion des CO2-Ausstoßes und des Energieverbrauches
- Einheimische Hersteller sollen auch im mittleren und oberen Segment den chinesischen Markt beherrschen, insbesondere in den nationalen Schlüsselindustrien.
- Etablierung mehrerer chinesischer Werkzeugmaschinenkonzerne mit starker Stellung auf dem Weltmarkt
Der Aufbau einer leistungsfähigen, einheimischen Werkzeugmaschinen- sowie einer damit verbundenen Komponentenindustrie wird stärker und deutlicher formuliert als in anderen Branchen, die Stieler in der Vergangenheit in China untersucht hat. Vor diesem Hintergrund nimmt Stieler die hier formulierten Absichten ernst.
Großzügige staatliche Förderung
Entsprechend den ambitionierten Zielen wird der Werkzeugmaschinenbranche in einer Reihe von Förderplänen großes Gewicht eingeräumt:
- 'Medium and Long-term National Plan for Science and Technology Development (2006-20)': Definition der Entwicklungsziele.
- Bestandteil der '7 Strategic Emerging Industries' als 'High-end equipment manufacturing industry' (Oktober 2010): Stärkere Subventionen, Steuererleichterungen, günstigere Finanzierungskonditionen bei Banken und am Kapitalmarkt.
- '863 Program': Staatliches Zuschussprogramm für Forschungssubventionen, insbesondere die beiden Branchengrößen SMTCL und DMTG (Dalian Machine Tool Group) profitierten in der Vergangenheit davon.
Ferner legte die Zentralregierung Anfang 2010 ein Förderprogramm für den Bereich 'High-end NC Machine Tools and Fundamental Manufacturing Equipment' mit einem Volumen von 22,1 Mrd. Renminbi (RMB) auf, von dem im Jahr 2010 ein Betrag von 6,136 Mrd. RMB ausgeschüttet wurde. Neben der großzügigen finanziellen Förderung für die einheimische Werkzeugmaschinenindustrie unterstützt die chinesische Regierung auch Unternehmensübernahmen, Joint-Ventures und Kooperationen mit globalenTechnologieführern, mit denen der Rückstand zu den weltweiten Technologieführern aufgeholt werden soll.
Unternehmensübernahmen, Joint-Ventures und Kooperationen
Unterstützt durch die Regierung in Peking haben chinesische Werkzeugmaschinenhersteller in den vergangenen zehn Jahren bereits einige westliche Unternehmen übernommen: Die deutschen Traditionsunternehmen Schiess und Waldrich Coburg befinden sich beispielsweise mittlerweile fest in chinesischer Hand. An WMH Herion und der EMAG Holding halten Chinesen nennenswerte Anteile. Zur Stärkung seiner Technologiebasis kündigte SMTCL innerhalb der vergangenen zwölf Monate eine Kooperationsvereinbarung mit der deutschen Schäffler-Gruppe sowie die Gründung eines Joint-Venture mit Deckel-Maho Gildemeister und Mori Seiki an. Durch die anhaltende Eurokrise wird sich die Anzahl der Übernahmemöglichkeiten in absehbarer Zeit erhöhen. Die großen chinesischen Werkzeugmaschinenhersteller sondieren bereits den Markt.
Mit zunehmendem Wettbewerbsdruck und dem Trend hin zu höherwertigen Maschinen werden aber auch ineffiziente Unternehmen immer stärker gezwungen, aus dem Markt auszusteigen. Ferner greift die Zentralregierung aktiv in den Konsolidierungsprozess ein. Jüngstes Beispiel ist der Werkzeugmaschinenhersteller Wuzhong, der im Herbst 2011 mit dem Rüstungskonzern Norinco verschmolzen wurde. Das Unternehmen strebt an, zur weltweiten Nr. 3 aufzusteigen. Der Umsatz soll von 1,6 Mrd. RMB in 2009 auf 8 Mrd. RMB in 2015 gesteigert werden. Zudem gibt es immer mehr Innovationsallianzen: Führende chinesische Unternehmen um SMTCL und DMTG haben im November 2010 eine 'Technology Innovation Alliance for High-speed & high-efficiency Processing and Equipment' gegründet. Weitere vergleichbare Initiativen bestehen auf nationaler und regionaler Ebene. Ihren Erfolg müssen sie allerdings noch beweisen.
Initiativen auf Unternehmensebene
Neben der weitreichenden Unterstützung von Regierungsseite engagieren sich aber auch kapitalstarke und unternehmerisch erfahrene Investoren aus anderen Branchen im Werkzeugmaschinenbereich: Sany (Baumaschinen), Ningbo Haitian (Kunststoffmaschinen) und Wanxiang (Automobilzulieferer) haben in anderen Branchen bereits erfolgreich bewiesen, dass sie in der Lage sind, sich innerhalb kurzer Zeit an die Weltspitze zu kämpfen. Der Elektronikkonzern Foxconn produziert mit einem schweizerischen Partner jährlich 4.000 Bearbeitungszentren, die bisher nur in Werken des Unternehmens eingesetzt werden.
Darüber hinaus sind einige führende chinesische Werkzeugmaschinenhersteller dabei, tiefgreifende Maßnahmen zur Veränderung ihrer Organisationskultur zu implementieren, die wegweisend für die anderen chinesischen Unternehmen in diesem Bereich sein werden. Diese umfassen insbesondere die folgenden Aspekte:
- Tiefgreifender Wandel der Produktstruktur: SMTCL hat angekündigt, in den kommenden drei Jahren in erster Linie auf Produkte zu setzen, die im Wesentlichen in Deutschland mitentwickelt wurden. Nicht-NC-Maschinen, die heute noch 30 % des Umsatzes ausmachen, sollen bis in drei Jahren aus dem Produktprogramm verschwunden sein.
- Automatisierung und Prozessoptimierung: Um den steigenden Arbeitskosten in China vorzubeugen, möchten SMTCL und DMTG den Fokus der menschlichen Wertschöpfung weg von der Produktion hin zu R&D, Marketing und Service verlegen sowie den Grad der Automatisierung erhöhen. Bei SMTCL soll der Anteil der Mitarbeiter in der Produktion bei steigender Gesamtbeschäftigtenzahl von 70 auf 50 % sinken. DMTG möchte die Anzahl der in der Produktionslinie beschäftigten Mitarbeiter von 3000 auf 500 Mitarbeiter reduzieren und dabei gleichzeitig den Output um das Zwei- bis Dreifache erhöhen.
- Schlagkräftigere Service- und Vertriebsorganisationen: SMTCL möchte bis 2015 etwa 50 bis 70 Vertriebsniederlassungen in China eröffnen, von denen jede zwischen 200 und 300 Mio. RMB Umsatz erwirtschaften soll.
- Langfristige Personalpolitik: In enger Zusammenarbeit mit den entsprechenden Behörden identifiziert der Branchenprimus SMTCL chinesische Ingenieure im Ausland und lädt sie zu Vorstellungsgesprächen ein. Das Unternehmen bezahlt außerordentlich gute Gehälter, achtet auf eine gute Arbeitsatmosphäre und lockt mit der Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen. Diese Maßnahmen reduzieren die Mitarbeiterfluktuation. Der wachsende Anteil international erfahrener Mitarbeiter verändert die Unternehmenskultur hin zu mehr Effizienz.
Starkes Wachstum im High-end-Segment
Unabhängig von der gegenwärtigen Krise in der Eurozone erwartet die chinesische Regierung eine Abschwächung des Wirtschaftswachstums in den kommenden Jahren und damit auch eine Abkühlung der Nachfrage nach einfachen Werkzeugmaschinen. Durch den anhaltenden Kapazitätsaufbau in den Hauptabsatzbranchen für High-end-Werkzeugmaschinen sollen diese allerdings schneller wachsen als das Bruttoinlandsprodukt – besonders signifikant der Bereich Aerospace mit über 40 % pro Jahr.
Die Vielzahl der öffentlichen Äußerungen, die bestehenden Förderprogramme und veröffentlichten Dokumente, unterstreichen die Entschlossenheit, mit der die chinesische Regierung diese Industrien vorantreiben will. Dementsprechend sind die Wachstumserwartungen und Kapazitätsexpansionspläne der von Stieler befragten Unternehmen. Je nach Segment betragen diese zwischen 15 und 49 % im Zeitraum bis 2016.
Neudefinition der Werkzeugmaschinenindustrie
Mit dem fortschreitenden Aufbau von Produktionskapazitäten in China werden chinesische Hersteller in den Bereichen Aerospace, Automotive, Eisenbahnbau und Baumaschinen immer stärker die Standards definieren, wie Teile und Komponenten konstruiert, produziert und beschafft werden.
Chinesische Werkzeugmaschinenhersteller möchten kurz- bis mittelfristig 90 % statt wie bisher 75 % aller möglichen Anwendungen für Werkzeugmaschinen bedienen können. SMTCL nennt diesen Ansatz 'SMART - Simple, maintenance friendly, affordable, reliable and timely available'. Vor diese neue Auswahl gestellt, könnten sich chinesische Käufer von Werkzeugmaschinen immer häufiger für diese 'Gut-genug-Maschinen' entscheiden. Für die westlichen Technologieführer würde es dadurch immer schwieriger werden, ihre hohen Preise zu rechtfertigen.
Für chinesische Unternehmen ging diese Strategie bereits häufiger auf: Beispielsweise beherrschten Ende der Neunziger Jahre die beiden deutschen Unternehmen Putzmeister und Schwing noch mehr als zwei Drittel des chinesischen Marktes für Betonpumpen. Nur fünf Jahre später war ihr Marktanteil auf weniger als fünf Prozent geschrumpft. Chinesische Manager sagten bereits damals den Verlust der globalen Marktführerschaft der beiden deutschen Maschinenhersteller voraus. Keine Dekade später hatte sich diese Prophezeiung erfüllt. In der Zwischenzeit wurden beide Unternehmen von chinesischen Wettbewerbern übernommen.
Fazit für westliche Unternehmen
Für internationale Hersteller von High-Tech-Werkzeugmaschinen wird China auf absehbare Zeit der wichtigste Wachstums- und Absatzmarkt auf der Welt sein. Allerdings wird es latu Stieler auch der am härtesten umkämpfte Markt sein – und die einheimischen Wettbewerber werden stärker. Wer die Führung in seinem wichtigsten Absatzmarkt verliert – dieser liegt für Betonpumpen wie für Werkzeugmaschinen in China – wird mittelfristig auch auf dem Weltmarkt Probleme bekommen. Eine der wichtigsten Aufgaben für das Management etablierter Werkzeugmaschinenhersteller wird es deshalb laut dem Lörracher Beratungshaus sein, den Erfolgshunger und eine hohe Innovationskraft in eigenen Organisationen zu bewahren. Abhängig von der jeweiligen Situation, gewissenhaft vorbereitet und mit der nötigen Einsatzbereitschaft durchgeführt, können Kooperationen mit chinesischen Unternehmen durchaus eine attraktive Option darstellen.
Vergleichbares gilt für Komponentenhersteller. Insbesondere was Präzision und Verlässlichkeit angeht, haben etablierte Hersteller laut Stieler noch deutliche Wettbewerbsvorteile. Allerdings setzt die chinesische Regierung viel daran, dies im kommenden Jahrzehnt zu ändern. Ausländische Komponentenhersteller sollten daher sowohl ihre internationalen als auch ihre aufstrebenden Wettbewerber aufmerksam beobachten.













