Anlernen neuer Abläufe
Imitation Learning in der Robotik
Imitation Learning ermöglicht, was klassische Robotik bislang nicht leisten konnte: schnelles Anlernen neuer Abläufe auch ohne Robotikfachkenntnisse und verbesserte Robustheit gegenüber Prozessvarianzen.
Trotz bedeutender Fortschritte in der Automatisierung ist die Programmierung von Robotern für neue oder abgeänderte Aufgaben ein zeit- und kostenaufwändiger Prozess, der eine sorgfältige Programmierung und Kalibrierung für jede Variante erfordert. Eine besonders vielversprechende Methode zur Vereinfachung des Programmieraufwands ist das Imitation Learning, bei dem ein Mensch dem Roboter zeigt, wie eine Aufgabe auszuführen ist, und der Roboter diese Abläufe anschließend selbstständig ausführen kann. Dieser Ansatz bietet gleichzeitig den Vorteil, sich flexibel an die im Demonstrationsprozess beobachteten Varianzen anzupassen, beispielsweise an Variationen in den Bauteilpositionen. Dadurch lassen sich nicht mehr starre Automatisierungsstationen, sondern anpassungsfähige, menschzentrierte Arbeitsumgebungen realisieren.
Beim Imitation Learning lernt der Roboter, Aufgaben auf Basis menschlicher Demonstrationen selbstständig auszuführen. Der erste Schritt ist die Datenaufnahme, wobei der zu lernende Prozess mittels Teleoperation des Roboters oder eines "Freedrive-Modus" (ein Betriebszustand, in dem der Roboter per Hand geführt werden kann) mehrfach demonstriert wird. Soll der Roboter später mit Varianzen im Prozess, wie verschiedenen Bauteilen oder Ausgangspositionen, umgehen können, müssen diese in den Demonstrationen vorkommen, so wird die Ausführung am Ende robuster. Für die Demonstrationen sind keine Roboterprogrammierkenntnisse notwendig, wichtiger ist, dass die Personen mit dem zu automatisierenden Prozess vertraut sind.
Während der Demonstrationen werden automatisiert Daten zum Roboterzustand (zum Beispiel Roboterposition, einwirkende Kräfte) und Kamerabilder aufgenommen. Diese Datensätze werden dann zum Training eines KI-Modells genutzt, hier lernt der Roboter, die beobachteten Bewegungen nachzubilden. Auch das Training kann so weit automatisiert werden, dass zum Anlernen neuer Baugruppen kein Robotik- oder KI-Expertenwissen benötigt wird. Nach Abschluss des Trainings folgt die Ausführungsphase, wobei der Roboter den gelernten Prozess anhand von Live-Bilddaten eigenständig ausführt und produktiv genutzt werden kann.
Anwendungsbeispiel automatisierte Kabelmontage
Das Fraunhofer-Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik (IPK) arbeitet im Bereich Automatisierungstechnik an der Weiterentwicklung von Imitation Learning in der Robotik und ist Partner zur Übertragung neuster Forschungsergebnisse in die Industrie. Im Rahmen des Forschungsprojekts "Converging" wurde Imitation Learning für das automatisierte Stecken von Kabelverbindungen (Flachsteckhülsen) mit einem kollaborativen Roboter in der Elektromontage integriert und evaluiert. Im Fokus der Untersuchungen stand die Robustheit des Ansatzes gegenüber Prozessvarianzen, wie veränderten Bauteil- und Roboterstartpositionen. Dabei wurde auch untersucht, wie viele Demonstrationen für eine zuverlässige Ausführung erforderlich sind. Es ließ sich zeigen, dass bei fixen Bauteilpositionen und geringen Varianzen bis zu 2 cm in der Roboterstartposition bereits zehn Demonstrationen ausreichen, um die Kabelsteckaufgabe anzulernen und zuverlässig auszuführen: die Erfolgsrate über zehn Ausführungen erreichte 100 %.
Gleichzeitig offenbaren die Untersuchungen auch aktuelle Grenzen des Imitation Learnings. Problematisch sind im Kamerasichtfeld verdeckte Zustände und Veränderungen, die nicht in den Demonstrationen abgebildet sind. Das Hinzufügen von weiteren Varianzen, wie der zufälligen Verschiebung der Bauteilposition von 0 bis 7 cm, erhöht die Anzahl benötigter Demonstrationen. Hier wurden Erfolgsraten von 43,8 %, 62,5 % und 75,0 % nach 20, 30 beziehungsweise 40 Demonstrationen erreicht. Für präzise Prozesse mit Toleranzen im Submillimeterbereich, wie das hier untersuchte Stecken von Flachsteckhülsen, sind also weitere Maßnahmen zur Sicherung der Montagequalität notwendig. Welche exakten Prozesse mit geringeren Toleranzanforderungen (beispielsweise Palettierung, Kistenhandhabung, Maschinenbeladung, Kommissionierung oder Montage mit größeren Passungen) mit Imitation Learning realisierbar sind, untersucht das Fraunhofer IPK auch in Zusammenarbeit mit Industriepartnern.
Voraussetzungen für die Praxisimplementierung
Zur Integration in industrielle Anlagen werden lediglich ein Roboter, ein PC mit einer handelsüblichen modernen Grafikkarte für das KI-Training, eine Kamera und eine einfache Teleoperationsschnittstelle (zum Beispiel 3D-Maus) benötigt. Sollte demnach bereits eine Roboterzelle oder ein Arbeitsplatz für Mensch-Roboter-Kollaboration vorhanden sein, ist das Verfahren auch nachrüstbar.
Imitation Learning macht Robotertraining intuitiver und effizienter, durch einfaches Demonstrieren statt Programmieren. Wie das Forschungsbeispiel zeigt, genügen bei einfachen Montageprozessen bereits wenige Demonstrationen, um eine zuverlässige Ausführung durch den Roboter zu gewährleisten. Neue Varianten können somit in wenigen Stunden angelernt werden, auch durch bestehendes Fertigungspersonal ohne Robotik- oder KI-Fachkenntnisse. Gleichzeitig ist Imitation Learning kein Allheilmittel, insbesondere bei hochpräzisen Prozessen und hohen Prozessvarianzen kann das Verfahren an seine Grenzen stoßen. Unternehmen haben schon jetzt die Möglichkeit, proaktiv zu werden und Imitation Learning in geeignete bestehende Prozesse zu integrieren, um sich einen Vorsprung im Bereich der KI-basierten Fertigung zu sichern.
Dieses Projekt wurde im Rahmen des Forschungs- und Innovationsprogramms "Horizon 2020" der Europäischen Union unter der Fördervereinbarung Nr. 101058521 – CONVERGING – gefördert.












