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Artikel und Hintergründe zum Thema

EDAG

Heiko Ehmer und Thomas Franke | Inka Krischke,

Der Griff in die Kiste

Der Prozess des Bin Picking beziehungsweise der ‚Griff in die Kiste‘ löst veraltete Methoden – wie beispielsweise Rütteltische mit Vereinzelungstechnik oder händische Sortierung – ab. Was steckt konkret dahinter?

© EDAG Group


Eine Kiste Schrauben, vom Hersteller als Schüttgut geliefert, direkt für die Produktion verwenden, mit entsprechender Software-Unterstützung effizient sortiert und entnommen durch einen Roboter? Das war lange Wunschdenken. Die Aufgabe „Eine lange Schraube, bitte!“ kann ein Mensch mit einem Blick in die Kiste sofort erledigen. Ein Industrieroboter hingegen kann dies nicht, ohne dass es ihm vorher explizit beigebracht wurde. Dazu wird der Prozess vom Menschen auf den Roboter übertragen – mit entsprechenden Anpassungen. Der Roboter muss mit zusätzlicher Hard- und Software ausgestattet werden, die Hände und Augen für ihn ersetzen. Hierfür wird der Prozess zunächst in seine grundlegenden Bestandteile aufgeschlüsselt:

  • Sehen: Menschen sehen mit den Augen, die bei einem Roboter, insbesondere einem Industrieroboter, durch eine oder mehrere Kameras mit Beleuchtungstechnik ersetzt werden. Die Kameratechnik kann sowohl am Roboterhandgelenk als auch an einer beweglichen Portalanwendung oder statisch über dem Bauteilträger mit den zu entnehmenden Objekten befestigt werden. Anschließend nehmen die Kameras mehrere Bilder auf, die von entsprechender Software weiterverarbeitet werden.
  • Erkennen: Das gewünschte Objekt wird durch ein dreidimensionales Referenzmodell identifiziert, das zuvor durch ein entsprechendes Computerprogramm erstellt wurde. Auf diesen Bildern können sowohl unterschiedliche als auch nur Objekte der gleichen Art identifiziert werden. Wird in diesem Prozess kein Objekt erkannt, erfolgt eine Rückmeldung an das entsprechende Kontrollsystem.
  • Auswählen: Analog zu den gespeicherten Referenzmodellen des Objekts sind auch verschiedene Griffmöglichkeiten hinterlegt. Diese definieren, wie der Roboter das Objekt mit seinem Greifwerkzeug aufnehmen kann. Die zuvor identifizierten Objekte werden analysiert und das Objekt, das am leichtesten vom Roboter entnommen werden kann, wird ausgewählt. Die Auswahl sowie die Bewertung des Objekts erfolgen gemäß einer zuvor festgelegten Prioritätenliste. Dabei gibt es Bereiche, die als Störkontur hinterlegt sind – beispielsweise Umgebungen, in denen der Roboter möglicherweise mit der Objektentnahmekiste, Stahlbauelementen, Zäunen oder benachbarten Robotern kollidieren kann. Dies wird bei der Auswahl des Objekts ebenfalls berücksichtigt, um eine Kollision bei der Objektentnahme zu vermeiden. Ist kein Objekt kollisionsfrei zu entnehmen, wird diese Information an das entsprechende Kontrollsystem weitergegeben.
  • Planen: Nach Auswahl des zu greifenden Objekts wird eine sogenannte Bahnplanung für den Roboter durchgeführt. Für diese Bahnplanung verwendet eine entsprechende Software eine dreidimensionale Nachbildung von den örtlichen Gegebenheiten und deren Störkonturen. Zusammen mit den gespeicherten Greifmöglichkeiten wird der komplette Bewegungsablauf erstellt.
  • Ausführen: Nachdem alle vorherigen Schritte erfolgreich abgeschlossen wurden, wird die kollisionsfreie Bewegung ausgeführt. Der Roboter fährt seine Zielposition gemäß der geplanten Bewegung an, greift das Objekt und legt es an einen zuvor definierten Ablageort in einer genau definierten Position ab. Anschließend beginnt der Prozess erneut.

Bin Picking im Wandel der Zeit

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Schrauben als Schüttgut – das vereinzelte Herausgreifen einer Schraube gilt als Herausforderung für Roboter.

© EDAG Group

Im Laufe der letzten Jahre wurden Bin Picking-Anwendungen vermehrt weiterentwickelt. Verglichen mit der Anfangszeit des Bin Picking ist die Zielerkennung heute durch bessere Kameratechnik und stärkere Rechenleistung deutlich genauer, schneller und effektiver. Auch mögliche Kollisionen zwischen Roboter und Umgebung lassen sich durch stärkere Prozessoren besser und schneller berechnen.
Lange Rüstzeiten (Werkzeugwechsel) von Greifwerkzeugen entfallen durch flexible Greifvorrichtungen und bessere Simulation im Vorfeld. Im Gegensatz zu vorherigen, automatisierten Lösungen zur Vereinzelung, Sortierung und Konfektionierung ist das Bin Picking flexibler gegenüber Objektänderungen. Bei klassischen Rütteltischen mit Vereinzelungstechnik benötigt fast jede Formänderung des Objektes ein neues Werkzeug oder eine Anpassung. Beim Bin Picking-Prozess hingegen wird die neue Objektform mit ihren Greifmöglichkeiten in das System eingelernt und hohe Investitionen für neue Werkzeuge entfallen.

Vorteile gegenüber Menschenhand

Bild 1. Aufschlüsselung des Greifprozesses eines Roboters in Unterprozesse

© EDAG Group

Bin Picking ist vor allem dann sinnvoll, wenn Beschäftigte eintönige und/ oder risikobehaftete Tätigkeiten ausführen. Ziel hierbei ist es, die Belegschaft zu schützen und sie stattdessen für risikoärmere und zugleich anspruchsvollere Tätigkeiten einzusetzen. Dies ist besonders vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels von großer Bedeutung, um einen attraktiven Arbeitsplatz zu schaffen.

Ein Beispiel: Stanzteile sind vor dem Entgraten scharfkantig und stellen somit eine hohe Schnittgefahr für die Beschäftigten dar. Schnittfeste Handschuhe schränken die Mobilität, das Fingergefühl sowie die Fingerfertigkeit ein. Vor allem das Greifen kleiner Teile ist mit solchen Handschuhen problematisch. Doch diese Tätigkeit kann problemlos durch eine Bin Picking-Lösung ersetzt werden.

Auch besondere Umwelteinflüsse, wie beispielsweise Dämpfe oder Hitze, stellen eine Gefährdung für den Menschen dar. Auf einen Roboter hingegen haben diese keine Auswirkungen, während ein Mensch mit entsprechenden Atemschutzmasken und gegebenenfalls Schutzkleidung in einem solchen Bereich arbeiten muss. Desgleichen kann ein Roboter die Beschäftigten bei schweren Bauteilen oder ergonomisch schlecht erreichbaren Produkten entlasten und Arbeitsabläufe optimieren.

Besonders eintönige, manuelle Tätigkeiten wie beispielsweise das Sortieren, Kommissionieren oder Konfektionieren führen bei fehlender Abwechslung zu Konzentrationsverlust beim Mitarbeiter. Sobald diese Tätigkeiten in kurzen Zykluszeiten oder unter Zeitdruck durchgeführt werden, kommt es zu unbeabsichtigten Fehlern. Automatisierung mit Bin Picking hilft, diese Art von Fehlern zu verhindern.

Weitere Anwendungsfälle

Bild 2. Links: Kamerabild mit ausgewählter Schraube; rechts: unbearbeitetes Kamerabild

© EDAG Group

Einsatzmöglichkeiten und Einsatzbereiche des Bin Picking sind vielfältig. Die beschriebene Schrauben-Anwendung ist eine Mischung aus Pick & Place-Anwendung und dem Sortieren von unterschiedlichen Waren. Weiterhin kann Bin Bicking unter anderem zur Vorkommissionierung oder Konfektionierung von Teilen in der Logistik verwendet werden. Auch ein Einsatz bei Montageaufgaben sowie Qualitätskontrollen im Maschinen- und Automobilbau, der Lebensmittelindustrie sowie zahlreichen weiteren Bereichen ist möglich. Hierbei spielen Material und Form der Objekte keine Rolle. Zudem sind Mensch-Roboter-Kollaborationen möglich, wobei der Roboter beispielsweise schwere oder unhandliche Objekte bewegt und sie seinem menschlichen Gegenüber übergibt.

Von manueller Tätigkeit zum Griff in die Kiste

Vor der Einführung eines Bin Picking-Prozesses ist zunächst eine genaue Analyse des Ist-Prozesses notwendig. Dabei ist eine Vielzahl an Fragen zu beantworten – beispielsweise, welches Teilespektrum das Greifwerkzeug abdecken muss, wie stark sich diese in ihrer Form voneinander unterscheiden und um was für einen Prozess es sich handelt. Eine individuelle Machbarkeitsanalyse vor Ort klärt anschließend das weitere Vorgehen. Zudem gibt es optionale Erweiterungen, die sich in den Prozess einbinden lassen. Dazu gehört unter anderem die lückenlose Prozessüberwachung mit Dokumentation und Einbindung in eine übergeordnete Steuerung. 

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