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Artikel und Hintergründe zum Thema

Omron

Dr. Lucian Dold | Inka Krischke,

Dark Factory – realistisch und erstrebenswert?

Ist der Mensch in der Fabrik von morgen überflüssig? Werden ausschließlich Maschinen und Künstliche Intelligenz Fabriken und Produktionsabläufe steuern? Gedanken zum Konzept der ‚Dark Factory‘.

© Omron

Utopien zu einer ‚Dark Factory‘, in der Maschinen und Künstliche Intelligenz Fabriken und Produktionsabläufe ohne menschliches Zutun steuern, treiben Fantasie und Ängste so mancher Industrieentscheider und Mitarbeiter an. Die ‚Dark-Factory‘ wird in diesem Zusammenhang oft als Zukunftsvision dargestellt, die von Herstellern angestrebt werden sollte. Aber ist dieses Konzept, das im Wesentlichen eine Fertigung ohne Menschen beinhaltet, überhaupt ein realistisches und erstrebenswertes Ziel?

Vollständig automatisierte Fabriken wie das Foxconn-Werk im chinesischen Shenzen, das vom Weltwirtschaftsforum als führend in der vierten industriellen Revolution anerkannt wurde, gibt es bereits. Allerdings sind derartige Beispiele selten. Am meisten Anklang finden ‚Dark Factories‘ dort, wo so wenig menschliche Interaktion wie möglich angestrebt wird – hierzu gehören beispielsweise Produktionsabläufe mit signifikantem Risiko von Kontamination beispielsweise in der Lebensmittelverarbeitung oder bei der Herstellung spezieller elektronischer Komponenten. Interessant sind aber auch Bereiche, in denen die Produktmargen höher sind, etwa in der pharmazeutischen Produktion, wo ein Return on Investment (ROI) leichter zu erzielen ist.

Diese Anwendungen erfordern jedoch fast alle ein Szenario mit hohen Stückzahlen und geringem Produktmix (High-Volume-Low-Product-Mix), um rentabel zu sein. Dies steht im Widerspruch zur allgemeinen Entwicklung hin zu niedrigen Stückzahlen und hohem Produktmix (Low-Volume-High-Product-Mix) in vielen Wertschöpfungsketten, da die Unternehmen eine größere Auswahl für ihre Kunden schaffen wollen. Daher ist die zu 100 % automatisierte, autonome, vollständig unbeleuchtete und menschenleere Fabrik für die meisten Fertigungsunternehmen kein realistisches Ziel.

Vielmehr gibt es für jeden Hersteller ein Optimum zwischen 0 und 100 % Automatisierung, an dem er die beste Nutzenschöpfung für Investitionen in Automatisierungstechnologie erzielen kann. Wird dieser Punkt überschritten, sinkt die Rentabilität bei fortschreitender Automatisierung. Eine Gartner-Studie aus dem Juni 2020 kommt zu dem Ergebnis, dass lediglich 17 % der Befragten glauben, dass sie bis 2025 vollständig auf digitale, umfassend automatisierte Produktionsanlagen setzen werden. Die Mehrheit (79 %) geht davon aus, dass ihre Produktionsabläufe auf menschengesteuerten Prozessen basieren werden, die durch digitale Prozesse sinnvoll unterstützt werden.

Ein Hauptgrund, warum sich eine vollständig automatisierte Fabrik nicht realisieren lässt, ist, dass die Produktion menschliche Fähigkeiten braucht. So fortschrittlich die heutigen Automatisierungstechnologien auch sein mögen – es gibt Situationen, in denen die Flexibilität des Menschen immer noch am besten geeignet ist, um komplexe Prozesse auszuführen: Wenn etwa Improvisation oder komplizierte Entscheidungsfindung erforderlich sind, um auf ein unerwartetes Ereignis zu reagieren. Ein gutes Beispiel sind Abläufe in einer Flaschenabfüllanlage: Klemmt eine Flasche, ist es nicht einfach, dies automatisch zu beheben. Für einen Menschen hingegen ist es ein recht einfaches Problem, das leicht zu lösen ist.

Ohne menschliche Mitarbeiter? Geht nicht!

Digitalisierung ermöglicht die Erfassung wertvoller Prozessinformationen, die sich analysieren lassen, um die grundlegenden Ursachen von Produktionsproblemen zu identifizieren. Dies kann dann in die Anpassung von Linien und Maschinen einfließen, um Maschinenstillstände zu minimieren oder sogar zu vermeiden. Um beim Beispiel der Flaschenabfüllanlage zu bleiben: Hier wäre es möglich, die Zuführabläufe der Abfüllmaschine neu zu designen, um den Flaschenstau zu beseitigen. Aber: Entspricht eine spätere Charge der Flaschen des Lieferanten nicht den Spezifikationen, könnte das Problem trotz aller Bemühungen erneut auftreten. Zwar ließen sich Schritte zur Abmessung der Flaschen einbauen, bevor sie in die Linie eingespeist werden, doch dann könnte ein Materialproblem auftauchen, das einen weiteren Maschinenfehler verursacht. So lassen sich im Grunde immer wieder Schritte zur Optimierung einer Linie hinzufügen. Doch niemand kann wirklich hundertprozentig garantieren, dass alle potenziellen Probleme beseitigt werden.

Beispiele wie dieses zeigen, dass es nicht praktikabel sein kann, die letzten 10 % einer Produktionsanlage zu automatisieren, um die vollständige ‚Dark Factory‘ zu realisieren. Unabhängig davon geht eine allgemeine Entwicklung jedoch dahin, dass Mitarbeiter in der Fertigung statt traditionell operativer Aufgaben vermehrt Aufsichtsfunktionen übernehmen.

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Omrons Innovation Labs unterstützen Kunden vor Ort in der jeweiligen Landessprache bei der Automatisierung und verfügen über Robotik-Demozellen für praktische Automatisierungsanwendungen.

© Om

‚Proof of Concept‘ bringt Klarheit

Ein entscheidender Schritt für Hersteller ist es also, herauszufinden, in welchem Umfang und in welchen Bereichen Automatisierung den optimierten Return-on-Investment bietet. Viele Systemintegratoren und Technologieanbieter helfen dabei, eine Analyse durchzuführen und ein ‚Proof-of-Concept‘ zu realisieren – von einzelnen Anwendungen bis zu ganzen Anlagen. Omron beispielsweise verfügt über spezielle ‚Proof-of-Concept‘-Labore in Stuttgart, Dortmund und Langenfeld als Bestandteil einer globalen Infrastruktur aus Technologiezentren. Diese Standorte werden regelmäßig genutzt, um Prototypen zu konstruieren, die physische Demonstrationen als Teil des ‚Proof-of-Concept‘-Prozesses ermöglichen.

Von Bildverarbeitung bis Robotik

Fortschritte in der Automatisierungstechnologie bedeuten, dass sich Produktionsprozesse stetig der Vollautomatisierung annähern. Ein Beispiel ist die industrielle Bildverarbeitung, wo immer leistungsstärkere 3D-Vision-Systeme immer komplexere Pick-and-Place-Vorgänge ermöglichen. Mussten früher Bauteile präzise übergeben werden, kann die moderne Bildverarbeitungstechnologie problemlos Objekte identifizieren, die in zufälliger Anordnung in Transportbehältern liegen.

Eine grundlegende Voraussetzung für die automatisierte Fabrik – und entscheidend für ‚Dark Factory‘-Projekte – ist die Robotertechnologie, speziell der Transport von Materialien, Unterbaugruppen und anderen Gegenständen um und innerhalb des Produktionsprozesses.

Während in der Vergangenheit unterschiedlichst geführte Flurförderzeuge sowie Gabelstapler eingesetzt wurden, können heute mobile Roboter derartige Aufgaben automatisieren. Gesteuert werden sie über ein übergeordnetes Kontrollsystem, das sicherstellt, dass die richtigen Materialien an die Maschinen geliefert, laufende Arbeiten zwischen den Produktionssystemen übertragen und fertige Waren zurück ins Lager gebracht werden. Dabei können mobile Roboter beträchtliche Lasten tragen und nahtlos miteinander und sicher mit Menschen zusammenarbeiten.

Cobots im High-Mix-Low-Volume-Einsatz

Cobots erwecken die flexible Fabrik der Zukunft zum Leben, da sie es Maschinen und Menschen ermöglichen, Seite an Seite (und Hand in Hand) zu arbeiten. Kombiniert zu einem Gesamtpaket mit mobilen Robotern, Bildverarbeitungstechnologie, Risikomanagement und Sicherheitsservices können Cobots Unternehmen im Industrieumfeld erhebliche Vorteile bringen.

© O

Geht es darum, traditionell von Menschen ausgeführte Aufgaben zu automatisieren, bei denen ein gewisses Maß an Geschicklichkeit erforderlich ist, sind Cobots oder kollaborierende Roboter eine gute Lösung. Obwohl der Name etwas anderes vermuten lässt, können sie auch eine wertvolle Ergänzung in ‚Dark Factory‘-Szenarien sein. Hierbei spielt dann der kollaborative Aspekt eine untergeordnete Rolle, doch sind Cobots für die Ausführung komplexerer Aufgaben ausgelegt, eignen sich also dazu, Montage- oder Verarbeitungsaufgaben zu übernehmen. Da sie im Vergleich zu traditionellen Industrierobotern einfach zu programmieren sind, bieten sie sich für High-Product-Mix-Szenarien an – hier übertreffen die Kosten für die Neuprogrammierung eines Industrieroboters tendenziell oft die Grenzen der Rentabilität. Ein Cobot hingegen lässt sich problemlos für verschiedene Aufgaben einsetzen.

Unterstützung durch smarte Robotik

Geht es um hohe und schnelle Wiederholgenauigkeit, bieten sich Industrieroboter wie etwa Delta-Roboter an. Fortschritte im Werkzeug-Bereich unterstützen hier neue Anwendungen. So war zum Beispiel das automatisierte Verpacken von Früchten bis dato eine schwierige Angelegenheit, da sie sehr vorsichtig gehandhabt werden müssen. Jüngste Entwicklungen in Sachen Greifer-Technologie haben jedoch dazu geführt, dass etwa das automatisierte Verpacken von Beerenobst mithilfe von Industrierobotern immer praktikabler erscheint.

Die Mobile Manipulator-Lösung von Omron automatisiert nicht nur den Transport von Waren, sondern ermöglicht auch die Umsetzung komplizierter Kommissionierungsaufgaben.

© Omron

Aktuelle Robotik-Entwicklungen eröffnen zudem neue Wege für einen effizienten Technologieeinsatz. Genannt sei hier der ‚Mobile Manipulator‘ (kurz MoMa) von Omron. Dieses hybride Konzept kombiniert einen mobilen Roboter, einen flexiblen kollaborativen Roboterarm und ein Bildverarbeitungssystem. Das System ist in der Lage, Aufgaben wie Maschinenbedienung, automatisierte Bestückung, Montage, Verpackung und Palettierung, automatisierte Entnahme sowie das Kleben und Versiegeln zu übernehmen. Als Teil einer integrierten Produktionslinie lässt sich der ‚MoMa‘ für mehrere Aufgaben einsetzen, wodurch sich beispielweise der Umlaufbestand und die Durchlaufzeit reduzieren lassen – Materialien und Waren befinden sich so kurz wie möglich in Warteschlangen und werden nach der Bearbeitung umgehend weitertransportiert. Auch Fehlern bei der Teileversorgung wird durch den ‚MoMa‘-Einsatz vorgebeugt.

Zentral für das reibungslose Funktionieren des ‚MoMa‘-Ansatzes – etwa bei Pick-and-Place-Anwendungen, der Maschinenbestückung oder in der Kommissionierung – ist die Bildverarbeitung. Dank seiner 3D-Vision-Kamera ist der Roboter beispielsweise in der Lage, bekannte Objekte, die sich nach dem Zufallsprinzip überschneiden, aus einem Behälter zu entnehmen. Üblicherweise wurde diese Aufgabe bisher von Menschen übernommen, da Gewicht, Form und Ausrichtung der Gegenstände unterschiedlichen Kraftaufwand und verschiedene Greiftechniken beim Aufnehmen erfordern. Dies ist nun nicht mehr notwendig, da die 3D-Kamera die Gegenstände lokalisiert und ihre Koordinaten an den Roboter sendet, während die Software die erforderlichen Berechnungen für die optimierte Bewegung und Greifkraft vornimmt.

Der Autor: Dr. Lucian Dold ist General Manager Tactics and Operations bei Omron Europe am Standort in Stuttgart.

© Om

Wie ‚dunkel‘ ist die Zukunft?

Wird eine ‚Dark Factory‘, eine vollkommen automatisierte Produktion, also künftig die Norm sein? Sicher ist: Auch wenn sie heute noch eine Seltenheit sind, wird aufgrund der immer leistungsstärkeren Automatisierungstechnologien klar, dass eine vollständig automatisierte Produktion in den kommenden Jahren für eine wachsende Zahl von Unternehmen realisierbar werden kann. Wo ein Hersteller heute vielleicht nicht in der Lage ist, die Automatisierung der letzten 10 % seines Produktionsprozesses zu rechtfertigen, wird diese Zahl auf 8 % und dann 5 % schrumpfen und eventuell sogar nahe Null erreichen. Wichtig ist, dass Hersteller genau verstehen, wo die Automatisierung den optimalen Nutzen für ihr Unternehmen schöpfen kann.

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