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Artikel und Hintergründe zum Thema

Sick

Dr. Christoph Reinke | Inka Krischke,

AGV und AMR – quo vadis?

Mobile Plattformen sind mehr als reine Transportlösungen. Als Technologiepakete sind sie zudem Quellen und Lieferanten von Daten für Applikationen im digitalisierten Prozess- und Assetmanagement.

© Sick

Mobile Plattformen wie Automated Guided Vehicles (AGVs) und Autonomous Mobile Robots (AMRs) sind in Produktion und Intralogistik vieler Unternehmen inzwischen Normalität. Beide Technologien haben sich für die Automatisierung von Materialtransporten in der industriellen Fertigung, Logistik und Lagerhaltung etabliert – und werden in Zukunft noch wichtiger: Laut ‚Trendreport Intralogistik und Werkstransport 2021‘ des Industrielogistikers Inform bescheinigen 76 % der Befragten aus Logistik und Supply Chain Management den innerbetrieblichen Transporten eine hohe oder sehr hohe Relevanz für den gesamten Unternehmenserfolg, da sie in der Lage sind, die Logistikkosten der internen Warenwirtschaft signifikant zu senken.

Diese Bedeutung steht im Einklang mit Wachstumsprognosen verschiedener Marktforschungsberichte für den globalen AGV- und AMR-Markt, die bis 2025 ein milliardenschweres Marktpotenzial voraussagen. Dem Beratungsunternehmen logistic iq zufolge, soll allein der Markt für AMRs voraussichtlich auf etwa 18 Mrd. US-Dollar anwachsen.

Herausforderungen nehmen zu

Produktivität im Einsatz sowie Sicherheit für Personen und Assets im Betriebsumfeld sind seit jeher die Kernanforderungen an AGVs und AMRs. Mit der fortschreitenden Automatisierung und Digitalisierung von Prozessen werden beide Begriffe um neue funktionale Inhalte erweitert. So wird Produktivität je nach Applikation beispielsweise auch dadurch bestimmt, wie situativ und dynamisch mobile Plattformen auf sich ändernde Anforderungen, Umgebungen und Logistikprozesse reagieren können.

Dabei geht der Trend weg von starren Infrastrukturen und Parcours-Layouts hin zur autonomen und dezentralen Routenplanung durch die Fahrzeuge selbst. Dafür müssen die AGVs und AMRs imstande sein, sich eigenständig zu lokalisieren – für eine optimierte Navigation oder Navigationsunterstützung und auch, um Transparenz in den Materialfluss sowie den Einsatz und den Verbleib von Fahrzeugen und Transportgütern zu bringen.

Um diese Daten für die Steuerung von AGVs und AMRs sowie für das digitale Flottenmanagement nutzen zu können, bedarf es einer nahtlosen Integrationsfähigkeit von Fahrzeugen und Fahrzeugflotten in bestehende IT-Systeme sowie der Vernetzung mit Maschinen und Anlagen, aber auch von Fahrzeugen untereinander. Gleichzeitig werden Technologien auf Basis Künstlicher Intelligenz dazu führen, dass Fahrzeuge immer komplexere Aufgaben übernehmen können.

Auch die sicherheitstechnischen Anforderungen an AGV und AMRs nehmen zu. Damit mobile Plattformen flexibel reagieren und navigieren können, bedarf es geeigneter Sicherheitssysteme, die es den Fahrzeugen ermöglichen, Hindernisse auf den Fahrwegen und im Raum zu erkennen und zu umfahren. Um Fahrzeuge kompakter auslegen zu können und eine kosteneffiziente Serienfertigung zu ermöglichen, sind zudem schlankere Sicherheitsarchitekturen nötig, die hohen Sicherheitsanforderungen bis hin zu kollaborativen Einsatzszenarien gerecht werden. Merkmale davon sind beispielsweise kompaktere Antriebe mit integrierten Sicherheitskonzepten, weniger steuerungstechnische Komponenten, weniger Verkabelung und mehr dezentrale Intelligenz und Kommunikationsfähigkeit in der mitfahrenden Sicherheitssteuerung.

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Datenschätze an Bord

Kollisionsgefahren vermeiden: Mit einem 3D-Schutzfeld können mobile Plattformen Hindernisse auch im Raum sicherheitsgerichtet überwachen.

© Sick

Über ihre eigentlichen Transportfunktionen hinaus sind AGVs und AMRs durch ihre Sensorik, Steuerungstechnik und Software in der Lage, im Betrieb Unmengen von Betriebs- und Umfelddaten zu sammeln. Standort, Orientierung, 2D-Umgebungspunkte und 3D-Umfeldkonturen, Beladung, Geschwindigkeit, Zustand von Komponenten und Gesamtsystemen, Ladezustand, Diagnose von Fahrzeug-Uptime und Störungen – dies sind nur einige Beispiele von Daten, die für die Digitalisierung intralogistischer Prozesse von Relevanz sind. Hinzu kommt der Trend, AGVs und AMRs in sicheren Netzen miteinander zu verbinden – und auch verschiedene sichere Netze untereinander sicherheitsgerichtet zu koppeln. Für den erforderlichen drahtlosen Datenaustausch eignen sich Technologien wie Datenfunk oder industrielle WLAN-Netze.

Mehr Produktivität durch Lokalisierung

Intelligente Lokalisierungslösungen schaffen die Voraussetzung dafür, dass mobile Plattformen Routen autonom festlegen, Fahrwege bei Bedarf anpassen und situativ auf Änderungen reagieren können. Als Technologien dienen hier beispielsweise Laserscanner, optisch-magnetische Spurführungssysteme oder Rasterlokalisierungs- und Konturlokalisierungssysteme. Insbesondere letztere werden verstärkt genutzt, da sie in der Lage sind, anhand der Umfeld-Mess- daten von 2D- oder 3D-LiDAR-Sensoren oder von Sicherheits-Laserscannern an Bord der Fahrzeuge exakt die Entfernung und Richtung jeglicher Art erkannter Konturen zu messen. Wände, Tore, Pfeiler oder Regale, die sich vor oder um das Fahrzeug herum befinden, liefern eine Vielzahl statischer Orientierungspunkte, die eine präzise Lokalisierung ermöglichen. Veränderungen im Umfeld, wie beispielsweise das zeitweise Abstellen einer Palette vor einer Hallenwand, haben keinen Einfluss auf die Zuverlässigkeit der Ortung.

Neueste Lösungen zur Umfelddetektion sind sogar in der Lage, 3D-Messdaten zur Kartierung der Umgebung (Simultaneous Localization and Mapping, SLAM) zu nutzen. Dadurch können mobile Plattformen eigenständig eine neue Umgebung erkunden und eine Karte davon erstellen, die dann im Produktivbetrieb zur Selbstlokalisierung und Navigation nutzbar ist.

Uptime per App optimieren

Mit der App ‚SARA‘ können Mitarbeiter Störungsursachen per Smartphone oder Tablet direkt vor Ort per Augmented Reality auf den Grund gehen.

© Sick

Was aber, wenn ein Fahrzeug stoppt oder wenn sich der Roboter auf einem Fahrzeug aus unerklärlichen Gründen nicht mehr bewegt? Damit Ursachenforschung und Fehlerbehebung möglichst wenig Zeit, Produktionsausfall und Geld kosten, setzen Betreiber von AGVs und AMRs zunehmend auf Augmented-Reality-Apps, beispielsweise die ‚Sick Augmented Reality App (SARA)‘. Diese Apps ermöglichen es, Störungsursachen per Smartphone oder Tablet direkt vor Ort auf den Grund zu gehen. In der Anwendung der App wird per Augmented Reality die Sicht des Sensors, zum Beispiel die Größe und Geometrie der Schutzfelder eines Sicherheits-Laserscanners, mit seiner realen Umgebung verschmolzen. Die visuelle Überlagerung beider Ebenen macht die Störungsursache sofort auf dem mobilen Endgerät sichtbar. Shopfloor- Mitarbeitende können auf einer smarten grafischen Benutzeroberfläche sofort erkennen, wann, wo und wodurch Feldverletzungen stattgefunden haben, die zum Stopp einer mobilen Plattform geführt haben. So können sie diese Ursachen in der Regel sofort beseitigen, ohne auf Fachpersonal warten zu müssen.

Sicherheitstechnik wird vielseitiger

In vielen intralogistischen Szenarien teilen sich Menschen und mobile Plattformen den gleichen Arbeitsraum. Ergo müssen AGVs und AMRs während des Transportvorgangs in der Lage sein, ihre Umgebung zu erkennen und wahrzunehmen. Dies verhindert Kollisionen mit Hindernissen und Personen und sorgt für sichere und zuverlässige Prozessabläufe. Personensicherheit und Kollisionsvermeidung sind beim Betrieb mobiler Plattformen somit oberstes Gebot. Hier kommt – abgesehen von der bewährten Technologie der 2D-Sicherheits-Laserscanner – sicherheitszertifizierte 3D-Time-of-flight-Kameras als zukunftsfähiges Sensorkonzept für AGVs und AMRs ins Spiel. Ihr dreidimensionales Schutzfeld ermöglicht es mobilen Plattformen, Hindernisse auch im Raum sicherheitsgerichtet zu überwachen. Auf diese Weise können auch oberhalb der 2D-Scanfläche eines am Fahrzeug installierten Sicherheits-Laserscanners mögliche Kollisionsgefahren detektiert und lokalisiert werden. Objekte, die in ein solches 3D-Feld hineinragen – beispielsweise Kranhaken – werden zuverlässig detektiert. Gleiches gilt für die Seitenabsicherung bei Dreh- und Wendemanövern von AGVs und AMRs bei Be- und Entladevorgängen. Mit Hilfe der Sensor- daten kann die Annäherungs- oder Drehgeschwindigkeit zunächst entsprechend der Distanz zum Hindernis reduziert werden, bevor zur Kollisionsvermeidung ein sicherer Stopp erfolgt. Je nach Ausrichtung des 3D-Schutzfeldes ist es zudem möglich, auch Bereiche unterhalb der Scanfeld-Ebene eines Sicherheits-Laserscanners zu überwachen und so AGVs und AMRs vor Kipp- und Absturzgefahren an Treppen, Rampen oder Bodenkanten zu schützen.
 

Der Autor: Dr. Christoph Reinke ist Head of Business Unit Mobile Platforms bei Sick in Waldkirch

© Sick

Die Verschlankung der sensor- und steuerungstechnischen Sicherheitsarchitektur ist ein weiteres Innovationsfeld bei AGVs und AMRs. Dabei geht es darum, die Anzahl sicherheitstechnisch erforderlicher Komponenten und damit auch den Verdrahtungsaufwand sowie mögliche Ausfallrisiken zu reduzieren. Damit bieten schlanke Sicherheitskonzepte für mobile Plattformen eine hohe Integrationsfreundlichkeit – zumal sich auch die sichere Steuerungstechnik in diese Richtung weiterentwickelt. So sammeln modulare Sicherheitssteuerungen, die speziell für mobile Plattformen konzipiert sind, auf smarte Weise die Daten aller Sensoren an Bord der Fahrzeuge ein. Alle Signale von Sensoren und Antrieben – sichere und nicht sichere – werden in der Steuerung ausgewertet. Aktuelle Sicherheitssteuerungen sind zudem in der Lage, über zwei Zählereingänge für Inkremental-Encoder in der CPU die Signale von Differenzial-Radantrieben zu empfangen und aus den Geschwindigkeitsdaten der beiden Räder des Differenzialantriebs eine Lenkwinkelinformation zu generieren. Dies ist eine einfach beherrschbare Möglichkeit zur Programmierung und Realisierung von Sicherheitslösungen für dieses Antriebskonzept, das bei AGVs und AMRs im Trend liegt. Ursächlich hierfür ist, dass Differenzialantriebe, die Lenkbewegungen und Richtungsänderungen der Fahrzeuge durch unterschiedliche Drehzahlen der beiden mittig platzierten Antriebsräder erzeugen, unter den Kinematiken mobiler Plattformen aktuell einen Anteil von mehr als der Hälfte aufweisen. Mit steigender Tendenz, da diese Antriebskonfiguration – auch durch den Verzicht auf einen separaten Lenkantrieb – sehr platzsparend ist und die Fahrzeuge sehr wendig macht.
 

Vielfältige Arten mobiler Plattformen

Der Begriff ‚Mobile Platforms‘ umfasst eine Reihe unterschiedlicher Fahrzeugtypen. In Anlehnung an die AN-SI/RIA R 15.08, die als erste Norm mobile Industrieroboter in Kategorien einteilt und die entsprechenden Sicherheitsanforderungen definiert, gibt es zum einen die schon fast ‚klassisch‘ zu nennenden Automated Guided Vehicles (AGV) – fahrerlose Transportfahrzeuge, die oftmals mit Lastaufnahmemitteln ausgestattet sind, beispielsweise zum Transport von Paletten oder Behältern. Zum anderen spezifiziert die Norm als zweiten Typ mobiler Plattformen sogenannte Industrial Mobile Robots (IMR) – ihrerseits unterteilt in Autonomous Mobile Robots (AMRs) ohne Aufbau, solche mit einem spezifischen Lastaufnahmemittel und solche mit integriertem Roboter.

Diese Einteilung von autonom-mobilen Plattformen ist grundsätzlich auch für die Servicerobotik gültig – wobei sich in Bezug auf Merkmale wie Fahrzeugdimensionen, Fahrwerks- und Antriebskonzepte sowie Nutzlasten, Aufbauten und Manipulatoren oftmals erheblich unterscheiden.

 

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