Lernwerkstatt
Der Start in die Digitalisierung
Durch die Digitalisierung verändert sich die Art und Weise, wie Industrieunternehmen Produkte, Dienste und andere Leistungen erforschen und entwickeln. Doch wie dabei vorgehen? Denkanstöße und erste Praxiserfahrungen kann ein Besuch im 'IIoT Innovation Center' liefern.
Neben Fortschritten bei Steuerung und Robotik sieht Industrie 4.0 vor allem das Entstehen neuer Geschäftsmodelle vor: Vernetzte Maschinen und Geräte ermöglichen nicht nur mehr Effizienz in der Produktion, sondern erlauben auch das Entwickeln neuer ‚smarter‘ Produkte und Dienstleistungen, die wiederum zusätzliche Umsätze einbringen. Zumindest theoretisch.
In der Praxis ringen viele Unternehmen aber nach wie vor mit der Umsetzung. Welche Dienste könnte die eigene Firma tatsächlich entwickeln? Wie schaffen sie damit einen Mehrwert für Kunden? Und wie diese dann vermarkten, bereitstellen und unterhalten? Die Beantwortung dieser Fragen fällt häufig schwer. Teils fehlen erforderliches IT-Know-how oder entsprechende Ressourcen, teils die Erfahrung im Umgang mit digitaler Technik oder ‚Industie-4.0-üblichen‘ Ansätzen bei Forschung und Entwicklung. Bisweilen fehlen häufig aber auch einfach Zeit und Raum zum Experimentieren.
Wie arbeitet es sich als vernetzter Mitarbeiter der Zukunft? Mit Wearables wie Augmented-Reality-Brille und Datenhandschuh ausgestattet, können das Besucher im Innovation Center ausprobieren.
© AccentureUm genau solche Hürden zu überwinden, hat das Beratungsunternehmen Accenture in enger Zusammenarbeit mit Partnern das ‚Industrial Internet of Things Innovation Center‘ in Garching bei München eröffnet – eine Art Lernwerkstatt für Industrieunternehmen, die auf dem Weg zu Industrie 4.0 nach neuen Impulsen suchen. In dieser können Digitalisierungs-Verantwortliche nicht nur erste Antworten auf ihre Fragen erhalten, sondern auch gleich eigene Ideen entwickeln, erste Vorhaben starten und sogar frühe Prototypen von smarten Produkten oder digitalen Diensten entwickeln.
Der Grundgedanke dahinter: Das Entwickeln neuer digitaler Angebote fällt leichter, wenn die Lernenden dafür ihr gewohntes Umfeld verlassen, mit Gleichgesinnten zusammenkommen und unmittelbar mit verschiedenen Lösungen experimentieren können. Das ist Innovation zum Anfassen, bei der neue Ideen nicht auf dem Reißbrett, sondern kollaborativ in einem inspirierenden Arbeitsumfeld erarbeitet werden.
Weil bei alledem aber der Bezug zur eigenen Erfahrung, Arbeitswelt und Expertise jederzeit gewahrt bleiben sollte, zielt das Garchinger Center darauf ab, auch dieses zu leisten – und verbindet eine industrielle Umgebung und herkömmliche Büros mit speziellen Workshop-Räumlichkeiten und Vorführbereichen für Industrie-4.0-Fallbeispiele.
Inspiration durch Anwendungsbeispiele
Konkret bietet die Einrichtung, die sich über drei Stockwerke einer Industriehalle in einem Logistikpark erstreckt, einen Shopfloor mit geschäftsrelevanten Anwendungsbeispielen für vernetzte IIoT-Lösungen in der Industrie und einer Vielzahl an Büro- und Meetingräumen. Diese teilen sich auf in den Empfangsbereich, zwölf Meetingräume, sechs moderne Büros, zwei Design-Thinking-Räume mit Lounge-Möbeln, Flipcharts und innovativen Arbeitsbereichen – verteilt auf rund 2200 m² Fläche.
Auf dem Shopfloor, dem Kern des Centers, können Besucher IIoT-Anwendungen in Aktion erleben und selbst ausprobieren. An zehn Stationen stehen Anwendungsbeispiele von Accenture und über 30 Partnerunternehmen bereit; darunter IIoT-Lösungsanbieter wie Dassault Systèmes, Microsoft, PTC, SAP und Siemens ebenso wie Industrieausrüster und industrienahe Startups.
Die dort gezeigten Beispiele veranschaulichen konkrete Lösungen zu Themen wie integrierte Hardware- und Software-Entwicklung, Digital Engineering und Digital Manufacturing, Shopfloor-Optimierung, vernetztes Asset Management, vernetzter Mitarbeiter, Künstliche Intelligenz, Cybersecurity und digitaler Industrievertrieb. Besucher können sich beispielsweise durch miteinander vernetzte Product-Lifecycle- und Application-Lifecycle-Software klicken, eine vollvernetzte Modell-Fertigungslinie mittels Co-Bot selbst mit Werkstücken befüllen oder sich am Bearbeiten komplexer Verkabelungs-Arbeiten versuchen – unterstützt durch AR/VR Technologien.
Die Showcases liefern Industriemanagern zahlreiche praxisnahe Anregungen für die eigentliche Kreativ- und Konzeptarbeit. Diese findet dann nicht nur auf dem Shop-flor statt, sondern wird durch Design-Thinking-Workshops in den Meeting- und Kreativräumen des Centers ergänzt. Hier führen Accenture-Experten ganze Kundengruppen durch die Workshops, Planungsrunden oder auch Strategiediskussionen. Nicht selten planen die Kunden dafür zwei bis drei Tage ein, um genug Zeit für Inspiration, erste konkrete Ideen und die Erarbeitung von umsetzbaren Konzepten zu haben.
Umsetzung erster Ansätze
Das Center ist aber nicht nur eine ‚Ideenfabrik‘, sondern unterstützt die Unternehmen auch bei der Umsetzung erster Ansätze in relevante und marktfähige Lösungen. So können Besucher beispielsweise Konzepte, die sie während eines Workshops erarbeitet haben, an Accenture-Experten zur Weiterentwicklung übergeben. Diese erstellen daraus dann innerhalb weniger Tage einen funktionsfähigen Prototypen wie etwa eine Software-App oder einen Hardware-Prototypen mit IIoT-Fähigkeiten und Software-Features.
Für diese Art der Lösungsentwicklung nach dem Motto ‚Prototypen, keine Powerpoints‘, greift die Center-Belegschaft auf die sogenannten Liquid-Studios von Accenture zurück: flexibel einsetzbare Entwickler-Teams, die sich auf die Erstellung von Prototypen spezialisieren, über ganz bestimmte Verfahrens- und Industrie-Expertise ver-fügen und darüber hinaus in der Lage sind, mit Kunden agil und schnell zusammenzuarbeiten.
Bewährt sich ein Prototyp tatsächlich, können die Mitarbeiter der Garchinger Einrichtung auch bei der weiteren Entwicklung und Vermarktung unterstützen: Das IIoT Innovation Center ist fester Bestandteil von Accentures weltweitem ‚Industry X.0 Innovation Network‘, das weitere Leistungen auch rund um die Industrialisierung von IIoT-Lösungen bietet, und überdies darüber hinaus mit den anderen Geschäftsbereichen von Accenture verbunden ist.
Außerdem ist die Einrichtung eng mit weiteren Partnern vor Ort vernetzt: Im Netzwerk des Zentrums finden sich namhafte Tech-Konzerne und Industrieunternehmen aus dem Großraum München ebenso wie die wichtigen Hochschulen und Start-Ups der Region.
Die Nutzung all dieser Möglichkeiten ist jedoch kein Muss. Einige Kunden nutzen die Prototypen-Dienste des Centers daher auch ‚nur‘ zur Erweiterung der eigenen Kreativ-Workshops – etwa, um das IIoT wirklich greifbar zu machen. Ein Beispiel: Führungskräfte eines Unternehmens sollten einen kleinen Tischaufsteller-Getränkeautomaten ‚smart‘ machen. Die teilnehmenden Entscheider verfielen daraufhin auf die Idee einer Maschine, die Anwender mittels Gesichtsscan ‚wiedererkennt‘ und dann selbstständig deren Lieblingsgetränk bereitstellt. Die nötige Umrüstung des Automaten mit Sensoren und Kabeln übernahmen die Beteiligten selbst – die erforderliche Steuerungssoftware entwickelten Accenture-Experten zeitgleich im Nachbarbüro, unterstützt von Kollegen aus anderen europäischen Software-Entwicklungszentren.
Genau in solchen praxisnahen Experimenten entsteht der wohl größte Zusatznutzen, den Besucher ziehen können: Sie vermitteln nämlich neben den konkreten Antworten auf die mitgebrachten Digitalisierungsfragen auch Erfahrung im schnellen Erarbeiten und Umsetzen digitaler Ideen. Auf diese Weise nimmt ein Besuch im Center darüber hinaus ein Stück weit die Angst vor dem ‚Mammutprojekt‘ digitale Transformation.
Best Practices für Ideen-Entwicklung
Dass Unternehmen, die neue Wege bei der Innovation gehen, auch wirtschaftlich erfolgreicher sind, belegt eine neue Studie (siehe Kasten). Resultat: Besonders erfolgreiche Firmen verknüpfen die bewährten Arbeitsweisen erfahrener Industrieunternehmen – vor allem solche zur Planung und Steuerung von Entwicklungsvorhaben – mit neueren Ansätzen von Tech-Start-ups. Zudem öffnen sie die eigene Forschungs- und Entwicklungsarbeit für externe Partner, um Zugang zu weiteren Ideen und Know-how zu bekommen, und somit den gesamten Innovationsprozess zu beschleunigen und Kostenvorteile in Forschung und Entwicklung zu erreichen.
Dieselbe Untersuchung zeigt allerdings auch, dass bisher nur eine Minderheit der Unternehmen – etwa 20 % – diese Verbindung wirklich beherrscht. Die große Mehrheit beschränkt sich nach wie vor auf die beständige Verbesserung ihrer bereits vorhanden Hardware-Erzeugnisse. Das, meinen die Verfasser der Untersuchung, dürfte in Zukunft nicht mehr genügen: Industrieunternehmen müssten dringend nicht nur ihre Betriebe und Leistungen digitalisieren – sondern eben auch ihre Forschung und Entwicklung.
Autoren:
Andreas Schuler ist Leiter des IIoT Innovation Centers bei Accenture;
Matthias Wahrendorff ist Chef von Accenture Research in Deutschland.
Ideen entwickeln wie ein Start-up
Wie sehr die Digitalisierung der Industrie auch Forschung und Entwicklung verändert, zeigt die Accenture-Marktuntersuchung ‚Beyond the Product: Rewriting the Innovation Playbook‘. Dieser zufolge können Industrieunternehmen nach ihrer Herangehensweise an Innovation und Innovationsmanagement in vier Gruppen unterschieden werden:
Market Share Protectors: Die größte Kategorie; rund 43 % aller untersuchten Unternehmen gehören in diese Gruppe. ‚Marktanteilsschützer‘ konzentrieren sich auf die stete Weiterentwicklung bereits vorhandener Produkte und bedienen sich dabei überwiegend herkömmlicher Verfahren.
Efficient Executors: Ähnlich wie die Marktanteilsschützer entwickelt auch diese Gruppe überwiegend Produkte weiter – dies allerdings anhand erheblich stärker mittels strukturierter Abläufe. Die Firmen in dieser Kategorie – 37 % der Stichprobe – sind daher vergleichsweise effizient.
Value Maker‘ Die erste ‚Gewinnergruppe‘ in der Untersuchung; 13 % der untersuchten Unternehmen entsprechen dieser Kategorie. ‚Wertschöpfer‘ entwickeln nicht nur Produkt-Innovationen, sondern auch neue Dienstleistungen und Kunden-Erlebnisse. Hierfür gehen die Vertreter der Gruppe vom Kunden aus (und nicht vom Produkt) und setzen überdies auf die Zusammenarbeit mit Ökosystem-Partnern.
Early Innovators: Die zweite Gewinner-Gruppe und klarer Sieger im Vergleich. ‚Frühe Innovatoren‘ suchen gezielt nach Marktlücken und ungedeckten Kundenbedürfnissen und entwickeln gezielt und anhand stark standardisierter Abläufe entsprechende Lösungen. Forschung und Entwicklung erfolgen strategisch und in enger Rückbindung an die Geschäftsentwicklung; strukturierte Experimente und schrittweises Vorgehen nach dem ‚fail fast‘-Ansatz sind die Regel.
Unter allen genannten Gruppen erreichen nur die ‚Value Maker‘ und die ‚Early Innovators‘ erhebliche Wettbewerbsvorteile: Die Unternehmen dieser Gruppe erkennen Kundenbedürfnisse früher, bringen neue Lösungen schneller auf den Markt und verzeichnen mehr erfolgreiche Markteinführungen als ihre Wettbewerber. Für die Marktuntersuchung wurden weltweit 350 Unternehmen untersucht.












