Sensor+Test 2019
"Die Branche braucht eine Messe wie diese"
Die Sensor+Test präsentiert sich mit so einigen Neuerungen, bleibt aber ihrem erfolgreichen Konzept als Special-Interest-Messe treu. Holger Bödeker, Geschäftsführer der AMA Service GmbH und Veranstalter der Sensor+Test, erklärt, worauf es ankommt.
Markt&Technik: Die Sensor+Test steht in den Startlöchern. Was sind in diesem Jahr die Highlights?
Holger Bödeker: Neben dem vielseitigen Ausstellungsprogramm und der hochkarätig besetzten „GMA/ITG-Fachtagung Sensoren und Messsysteme“ mit ihren über 100 Vorträgen und 50 Postern macht uns in diesem Jahr vor allem das Sonderthema ‘Sensorik und Messtechnik für die Prozessautomation’ großen Spaß. Aus diesem Thema heraus ist die Sensor+Test entstanden und über all die Jahre gewachsen. Die Resonanz zeigt, dass das Thema unsere Aussteller bewegt: Es steht nicht nur bei den Vorträgen hoch im Kurs, sondern auch das Sonderforum ist nahezu ausgebucht, und viele Firmen beteiligen sich an der geplanten Guided Tour. Über das Sonderthema hinaus vermittelt die Sensor+Test auch in diesem Jahr wieder Expertenwissen über die Präsentationen an den Ausstellerständen hinaus. Bislang haben wir bereits über 60 vom AMA-Ältestenrat auf ihre Qualität geprüfte Vorträge in den Foren-Programmen.
Sie bieten im Rahmen der GMA/ITG-Fachtagung erstmals eine offene, für alle Messebesucher kostenlose Session mit dem Titel „Citizen Science mit Sensoren – Sensoren für Citizen Science“ an. Was verbirgt sich dahinter?
Holger Bödeker: Hier greifen wir ein hochaktuelles Thema auf, das uns in Zukunft immer öfter begegnen wird. Im Rahmen von Citizen Science stellen sich Bürger in den Dienst der Wissenschaft, beispielsweise indem sie Messungen durchführen und ihre Ergebnisse an eine zentrale Stelle melden. Dadurch ergibt sich ein viel dichteres Messnetz, als es Industrie und Wissenschaft ohne die Mitwirkung der Bürger realisieren können. Und weil sich tatsächlich jeder Bürger beteiligen kann, wollen wir das Thema auch einer breiten Zielgruppe näherbringen. Zum Einstieg ist ein Übersichtsvortrag „Citizen Science – was, warum und wie“ geplant, ferner werden mehrere Projekte vorgestellt.
China ist zunehmend aktiv auf dem europäischen Markt. Welche Position nimmt China in der Ausstellerstatistik der Sensor+Test ein?
Holger Bödeker: Die chinesischen Unternehmen bewegen sich langsam, aber sicher in Richtung Top 3 der ausländischen Aussteller. Auf Platz 1 steht traditionell die Schweiz – die hochgenaue Sensorik ist seit jeher die Domäne der Schweizer. Platz 2 geht an die USA, gefolgt von Großbritannien oder China – das wird in diesem Jahr vor dem Hintergrund der politisch ungewissen Lage in UK spannend zu beobachten sein.
Die chinesischen Hersteller agieren auf Augenhöhe mit dem Rest der Welt. Und so stellen sie auch aus. Es wird auf der Sensor+Test also keinen „Cluster China“ oder Gemeinschaftsstand geben, sondern die Aussteller werden über die Messe verteilt sein. Darüber hinaus hat sich China bereits mit einer großen Delegation angemeldet – sogar in staatlicher Begleitung. Es sind diverse Vorträge geplant, unter anderem zu der Frage, wie man seine Eigentumsrechte schützt. Denn auch die Chinesen haben das Problem des IP-Schutzes – und das nicht nur außerhalb Chinas. Auch über die Zusammenarbeit der deutschen und der chinesischen Sensorikbranche wird gesprochen werden.
Mit voraussichtlich rund 540 Ausstellern fällt die Messe in diesem Jahr etwas kleiner aus als 2018. Was sind die Gründe dafür?
Holger Bödeker: Hier spielen zwei Faktoren eine wichtige Rolle: Zum einen findet in den geraden Jahren parallel zur Sensor+Test die Telemetrie-Konferenz ettc statt, die etwa 40 bis 50 Aussteller zusätzlich auf die Messe bringt. In den ungeraden Jahren fehlen die natürlich, daher ist die Messe in geraden Jahren immer größer als in ungeraden.
Zudem hatte unser neuer Termin Ende Juni im vergangenen Jahr keinen guten Start, da am mittleren Messetag das WM-Spiel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft übertragen wurde. An diesem Tag sind viele Besucher entweder ganz ausgeblieben oder früher abgereist. Dass unsere Aussteller davon nicht begeistert waren, ist natürlich verständlich. Aber Messetermine müssen nun einmal Jahre im Vorfeld geplant werden und können auch für Fußballspiele leider nicht geändert werden.
Erwarten Sie, dass die nun ausbleibenden Aussteller wiederkommen?
Holger Bödeker: Ja. Die Sensor+Test ist thematisch und bezüglich der Dichte der Community einzigartig und nach wie vor attraktiv für die Branche. Das bestätigt auch die Tatsache, dass wir in diesem Jahr einige Aussteller zurückgewinnen konnten, die schon länger nicht mehr dabei waren. Insofern hoffe ich, dass sich auch die in diesem Jahr fehlenden Unternehmen rückbesinnen und in den kommenden Jahren wieder dabei sind.
Nach dem kürzlich verkündeten Aus für die „lighting technology“ – sehen Sie kleinere Special-Interest-Messen gefährdet?
Holger Bödeker: Wir spüren schon, dass die Zeiten härter werden. Die Auftragsbücher der Unternehmen sind voll, die Auslastung hoch. Das Geld für eine Messebeteiligung wäre wohl da, aber eine Messe ist in solchen Zeiten eine zusätzliche Last, die noch mehr Aufträge reinbringt, die man unter der Vollauslastung kaum noch bewältigen kann. Aber – und das ist essenziell: Wichtig ist, über diese Hochkonjunkturzeiten hinaus zu blicken. Wer sich jetzt nicht zeigt, kann in schlechteren Zeiten schnell ins Hintertreffen geraten.
Zeichnet sich hier ein Trend am Messemarkt ab?
Holger Bödeker: Viele Unternehmen fokussieren sich zunehmend auf Anwendungsbereiche. Da beschließt ein Sensorhersteller beispielsweise, künftig ein Automatisierer zu sein. Ein anderer konzentriert sich auf Medizinanwendungen – und für beides gibt es ja bekanntlich große Anwendungsmessen. Die Schwierigkeit für eine Messe wie die Sensor+Test ist, dass das Anwendungsspektrum breit aufgestellt ist. Vielleicht auch zu breit. Da müssen wir als Veranstalter genau hinschauen und uns konzeptionell auf die sich verändernden Gegebenheiten einstellen.
Müssen Sie gegensteuern?
Holger Bödeker: Nein. Wir sind aktuell gut aufgestellt, müssen aber natürlich immer schauen, dass wir am Puls der Zeit bleiben. Die Branche braucht eine Special-Interest-Messe wie die Sensor+Test. Mit unserem jährlich wechselnden Sonderthema zeigen wir unsere Konzentration auf aktuelle Märkte und Applikationen, aber ansonsten ist und bleibt die Sensor+Test ein Sammelbecken und Inkubator für alles, was die Sensorik und Messtechnik betrifft. Das schätzen vor allem die kleineren Hersteller, die auf den großen Messen eher untergehen.
„GMA/ITG-Tagung Sensoren und Messsysteme“ und zukünftige Sonderthemen
Die ‘GMA/ITG-Tagung Sensoren und Messsysteme’ hätte turnusgemäß eigentlich erst 2020 auf dem Programm gestanden. Warum findet sie nun bereits in diesem Jahr statt?
Holger Bödeker: Die bisher im ungeraden Jahr stattfindenden AMA-Kongresse machen Platz für die Fachtagungen von GMA und ITG, die zukünftig diesen Termin im zweijährigen Turnus besetzen. Aus den AMA-Kongressen geht dann ab 2020 die neue „Sensor and Measurement Science International Conference“ – kurz SMSI – hervor. Neben den Themen der AMA-Kongresse werden hierbei die wissenschaftliche Messtechnik sowie die Forschung und Entwicklung für die Grundlagen und Infrastruktur der Metrologie eine wichtige Rolle spielen. Die Vorbereitungen sind hier schon sehr weit gediehen und wir freuen uns sehr, dass auch zukünftig diese beiden herausragenden Tagungen unsere Messe bereichern werden.
Wenn wir über 2020 sprechen – welches Sonderthema ist denn geplant?
Holger Bödeker: Das Sonderthema 2020 ist meines Erachtens ganz besonders spannend: „Sensorik und Messtechnik für die Zustandsüberwachung“. Dafür haben auch schon einige neue Aussteller ihre Teilnahme angekündigt.
Im Zusammenhang mit der Zustandsüberwachung dürfte auch das Thema künstliche Intelligenz an Bedeutung gewinnen. Welche Rolle spielt KI aktuell auf der Sensor+Test?
Holger Bödeker: Derzeit ist KI noch nicht im Fokus der Messe, das könnte sich aber in der Tat bald ändern. Die Sensorik ist für die Umwandlung physikalischer und elektrischer Größen in digitale Werte zuständig, in der Auswertung kann KI aber durchaus unterstützend sein. Entsprechend ändern sich die Anforderungen an Sensorsysteme. Es wird zunehmend eine „Intelligenz vor Ort“ gefordert, also clevere, vorverarbeitende Algorithmen, die die Messwerte zuerst beurteilen, bevor die Daten in die Cloud gehen. Aber ist das bereits künstliche Intelligenz? Ich denke, die entsteht erst dort, wo sich Software aufgrund von Erfahrungen selber adaptiert und Sensoren sich selber anlernen, ohne dass der Anwender etwas dafür tun muss.
Ein sinnvoller Ansatz für die Zustandsüberwachung, oder?
Holger Bödeker: Dort, wo sich Maschinen selber beobachten und optimieren können und sollen – ja.
Gefährdet KI dann nicht auch Arbeitsplätze – beispielsweise in der Zustandsüberwachung?
Holger Bödeker: Nein, denn Zustandsüberwachung ist ja noch viel mehr als nur das Erfassen und Auswerten von Sensordaten. Überwachungssysteme werden auch zukünftig von Menschen gemacht werden, die Erfahrung und Kreativität einbringen müssen, damit das zu überwachende System von der Software – wozu zukünftig sicher auch Elemente der KI gehören werden – korrekt eingeschätzt werden kann. Maschinen werden sich zwar selber überwachen können, sie werden sich aber niemals selber erfinden. Damit wird KI niemals den Menschen ersetzen können – auch nicht in der Zustandsüberwachung.
Einige abschließende Worte?
Holger Bödeker: Wer wissen will, wie die Welt digital wird, muss zur Sensor+Test kommen!
Das Interview führte Nicole Wörner.













