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Artikel und Hintergründe zum Thema

Interview mit Stephan Menze, Rutronik

Andrea Gillhuber,

Mit System weiterentwickeln

Unter Rutronik System Solutions bündelt der Distributor sein System- und Entwicklungs-Know-how – vom Bauteil-Support bis zur Patentanmeldung ist alles möglich. Welchen Mehrwert der Distributor darin sieht, erläutert Stephan Menze, Head of Global Innovation Management.

© Adobe Stock / metamorworks

Rutronik bietet von der Teilebeschaffung über technische Beratung bis hin zur Systementwicklung alles an. Wie kam der Wandel vom Distributor zum Systempartner?

Stephan Menze: Als Distributor machen wir uns Gedanken drüber, was der Markt braucht, welchen Stellenwert die Distribution darin hat und in Zukunft haben wird. Der Wandel betrifft auch uns. So haben wir uns die Frage gestellt, welche weiteren Mehrwerte wir bieten können? Da wir mit sehr vielen namhaften Herstellern zusammenarbeiten, haben wir entsprechend guten Zugriff auf das Know-how und die aktuellsten Bauteile unserer Partner. Schon in der Vergangenheit nutzten wir diesen Zugang, um für unsere Kunden individuelle Lösungen aus verschiedenen Bausteinen anzubieten. Mit Rutronik System Solutions gehen wir nun noch einen Schritt weiter. Mit unseren individuellen Lösungen können wir vor allem in der Vorentwicklungsphase unterstützen und den Prozess der Markteinführung beschleunigen. So gelangten wir zu der Überzeugung, dass wir mit unserem Wandel hin zum Systempartner definitiv einen zusätzlichen Mehrwert schaffen, den es in dieser Form auf dem Markt noch nicht gibt.

Unter Rutronik System Solutions werden alle Entwicklungs- und Forschungskapazitäten gebündelt. Was genau bieten Sie an?

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Stephan Menze ist Head of Global Innovation Management bei Rutronik.

© Rutronik

Menze: Wir haben unsere Aktivitäten in verschiedene Support-Level gesplittet und sie anhand einer Pyramide visualisiert. Die Basis bildet unser Kerngeschäft, der Bauteileverkauf und Support auf Bauteileebene sowie im Bereich Logistik. Je weiter wir auf der Pyramide nach oben gehen, steigt der Support sowie der Umfang der Dienstleistung.

Auf Level 2 nutzen wir die Entwicklungs-Boards unserer Hersteller und entwickeln diese weiter. Zum Beispiel in dem wir sie mit anderen Boards oder Software kombinieren oder weiterdenken und so neue Systeme schaffen. Häufig sind Hersteller im Bereich Hardware topfit, der Software-Bereich liegt allerdings nicht in deren Fokus; hier unterstützen wir.

Auf Level 3 entwickeln und fertigen wir komplett eigene Boards – natürlich aus den Bausteinen unserer Hersteller. In unseren Labs, wie zum Beispiel in Litauen, werden Entwicklungs-Boards kreiert und bei Bedarf passende Software entwickelt. Bestückt werden die Boards bei externen Fertigungspartnern.

Auf Level 4, der Spitze der Pyramide, kombinieren wir unsere eigenen Boards und unsere eigene Software noch mit einer eigenen IP, sprich: mit einem eigenen Patent. Wir haben bereits ein Patent angemeldet und weitere sind in der Pipeline. Der große Unterschied zwischen Level 3 und 4 ist also, dass wir unseren Kunden eine patentierte Hard- und Softwarelösung aus der Kombination verschiedener Bausteine unserer Hersteller mit unserem Know-how anbieten können.

Wenn Sie ab Level 2 passgenaue Lösungen für Ihre Kunden entwickeln, können Sie dabei noch auf das Know-how und den technischen Support der Hersteller zurückgreifen oder werden Sie hier als Konkurrent wahrgenommen?

Menze: Der Bereich ist noch sehr jung, doch wir haben durchweg positives Feedback unserer Hersteller erhalten und bekommen uneingeschränkten Support. Die Bauteilehersteller erkennen für sich einen Mehrwert an unserem Systemgedanken und möchten daran partizipieren. Das Know-how der Hersteller steckt im Bauteil, unseres im System; den Weg gehen wir also gemeinsam.

Natürlich könnte ein Kunde auch direkt an den Hersteller herantreten, doch unser Vorteil ist, dass wir eine Lösung aus Bausteinen verschiedener Hersteller anbieten können. Jedes Unternehmen hat seine Stärken und wir als Distributor haben den großen Vorteil, uns aus den besten Bausteinen bedienen zu können. Eine Lösung besteht aus vielen Aspekten und benötigt den passenden Support. Den können wir ermöglichen.

Außerdem arbeiten wir mit Hochschulen, Universitäten und anderen Entwicklungspartnern zusammen, um unseren Kunden einen weiteren Mehrwert bieten zu können.

Vom Bauteilesupport bis zur Patentanmeldung

Wie kann ich mir einen Entwicklungsprozess vorstellen?

Menze: Hat der Kunde ein konkretes Problem, steigen wir natürlich bei dieser Thematik ein und sehen im ersten Schritt nach, ob wir bereits einen vorhandenen Lösungsansatz haben, den wir gegebenenfalls anpassen können. Ist dies nicht der Fall, stehen uns weitere Möglichkeiten offen – bis hin zur Entwicklung neuer Boards. Die Lösung ist in der Theorie oft einfacher als in der Praxis. Aufgrund unserer Lagerkapazitäten und guter Kontakte zu unseren Herstellern sind wir auch in Zeiten von Allokationsproblemen in der Lage, kurzfristig Proof-of-Concepts zu erstellen. Entpuppt sich das Problem als deutlich komplexer, ziehen wir externe Entwicklungspartner hinzu.

Wie schon erwähnt, arbeiten wir mit Hochschulen und Universitäten aus den unterschiedlichsten Forschungsbereichen sowie anderen externen Partnern zusammen. Dabei sind schon einige Ideen und Lösungen entstanden, die wir weiter vorantreiben und der Industrie zugänglich machen. Wenn wir es schaffen, aus der Idee ein eigenes Patent zu machen, wie es uns zum Beispiel bei unserem hybriden Energiespeichersystem namens HESS bereits gelang, dann ist es für uns ein großer Erfolg. Allerdings kann eine Patentanmeldung schon mal etwas dauern…

Wie unterscheiden sich die Ansätze von Hochschulen, Universitäten und Industrie?

Menze: Während Hochschulen schon deutlich in Richtung angewandter Technologie unterwegs sind, sind Universitäten in ihrer Forschung mehr theoretisch veranlagt. Die unglaubliche Tiefe in der Theorie in Bezug auf physikalische Prinzipien ist wichtig, wenn es darum geht zu entscheiden, ob neue Messprinzipien überhaupt möglich sind. Doch nicht alles, was theoretisch möglich ist, ist auch praktisch umsetzbar. Die Industrie möchte am Ende eine Lösung, die funktioniert. Ein Beispiel: Theoretisch ist vor allem im Bereich Roboterautomatisierung vieles möglich, in der Praxis scheitert es häufig an der Umsetzbarkeit aufgrund von Platz, Auflösung oder rechtlichen Vorgaben.

Die Grundlagenforschungen der Universitäten zeigen theoretische Möglichkeiten auf. In Zusammenarbeit mit Hochschulen und Industrie können neue Ansätze gefunden werden, diese in die Praxis umzusetzen.

Welche Rolle spielt Software im Entwicklungsprozess und bei den fertigen Systemen?

Menze: Bauteile-Hersteller sind in der Regel absolute Hardware-Spezialisten und natürlich Experten für ihre eigenen Produkte. Die Software spielt jedoch eine entscheidende Rolle, denn im System macht sie am Ende den Unterschied. Am Beispiel Sensor Fusion lässt sich das gut fest machen: Mittlerweile lassen sich sehr viele physikalische Größen sehr genau und sehr gut erfassen, am Ende aber muss aus diesen Informationen ein Mehrwert gezogen werden. Und das gelingt nur über Software. Auch im Bereich Automation: Möchte ich Dinge automatisieren, muss ich verschiedenste Größen berücksichtigen, kombinieren sowie miteinander und aufeinander abstimmen. Die Software regelt das Ganze am Ende.

Viele Kunden befassen sich immer mehr intelligenten Anwendungen der Smart Factory beziehungsweise dem Smart Home. Allerdings fehlt ihnen noch das Know-how im Bereich Software. Hier helfen wir: Wir bieten zu unseren Proof-of-Concepts Software-Modelle an, die auf die jeweiligen Anwendungen unserer Kunden individuell angepasst werden können.

In der Industrie kommen mehr App Stores auf. Darin können Unternehmen ähnlich wie bei Google und Apple Applikationen für Plattformen veröffentlichen. Wie sehen Sie diesen Trend und wird es auch einen App Store von Rutronik geben?

Menze: Ich denke, das wird definitiv der zugänglichste Markt für die Endanwender werden. Wir sind allerdings in dieser Richtung noch nicht unterwegs. Wir bieten aktuell unsere Software zusammen mit den Boards im entsprechenden Download-Bereich an. Im Moment ist unsere Software sehr individuell auf Mikrocontroller und Boards zugeschnitten. Im Zuge der Corona-Pandemie haben wir mit „Lisa-Test“ bereits eine App entwickelt und möchten dieses Know-how natürlich auch für Rutronik System Solutions nutzen. Wir werden daher den Markt weiter beobachten und den Bedarf unserer Kunden analysieren. Ich möchte es mal so sagen: Wenn wir den Nutzen sehen, werden wir nicht die Letzten sein, die zu der Gruppe stoßen.

Welche Trends sehen Sie in Zukunft auf die Automatisierung zukommen?

Menze: Wir haben für uns verschiedene Zukunftsmärkte definiert, die Automatisierung nimmt dabei einen hohen Stellenwert ein. Gerade Themen wie Künstliche Intelligenz, Machine Learning und Sensor Fusion spielen in der Automatisierung eine große Rolle. Wir bekommen mehr und mehr Anfragen bezüglich automatisierter Qualitätsprüfung, zum Beispiel unter Einsatz von Robotersystemen. Ganz klar spielt in diesem Bereich Bildverarbeitung und Machine Learning mit rein: Durch intelligente Vision-Systeme lassen sich verschiedene Objekte und Muster automatisiert erkennen. Das wird die Produktion auf ein anderes Level bringen. Deswegen haben wir Automatisierung als Zukunftsmarkt definiert und werden in diesem Bereich auch investieren.

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