Interview mit Martin Cotter, ADI
Durch Zusammenarbeit zum Erfolg
Mit dem ADI Catalyst verfolgt Analog Devices einen neuen Ansatz in der Produkt- und Systementwicklung. Im Interview spricht Martin Cotter, President Analog Devices EMEA, über unternehmensübergreifende Entwicklung, tiefes Vertrauen und was Europa damit zu tun hat.
Warum hat Analog Devices den Catalyst gegründet?
Martin Cotter: Tatsächlich ist der Analog Devices Catalyst entstanden, weil wir erkannt haben, dass die Halbleiter-Technologie in der Lage ist, mehr Kunden zu bedienen. Viele Unternehmen entwickelten kleine analoge Schaltungen selbst, jetzt verlangen sie mehr – auch von uns. Unsere Kunden möchten die digitale Welt der Daten für sich nutzen und unsere Technologien können dabei helfen. Für uns heißt das, wir müssen das System verstehen, um es mit unseren Technologien zu beeinflussen. Ein Beispiel: Um von einer unserer Innovationen in der nächsten Produktgeneration, beispielsweise eines neuen Roboters, profitieren zu können, bedarf es mehrerer Adaptionszyklen bei mehreren Zulieferern des Roboterherstellers. In der Vergangenheit besuchten wir diese Zulieferer etwa alle drei Monate für eine Woche, um mit ihnen an den Komponenten zu arbeiten. Es dauerte also sehr lange, bis die Auswirkungen unserer Technologie beim Endverbraucher, dem Anwender des Roboters, ankamen. Im ADI Catalyst kommen alle Parteien zusammen, um gemeinsam an dem System zu arbeiten. Durch den kollaborativen Entwicklungsansatz verkürzen wir die Zeit für die Einführung einer neuen Technologie um vielleicht zwei Jahre pro Zulieferer, die Markteinführung neuer Endprodukte letztendlich um drei bis vier Jahre.
Martin Cotter, President von Analog Devices (EMEA), verantwortet als Senior Vice President den Geschäftsbereich Industrial and Multi Markets.
© ADIWelche Vorteile entstehen für den Roboteranwender durch ADI-Technologien und den neuen Entwicklungsansatz?
Cotter: Ein Roboter automatisiert die Produktion, liefert aber auch Informationen. Unsere Kunden, in diesem Beispiel der Roboterhersteller, sehen die Notwendigkeit, durch die digitale Welt einen Mehrwert zu schaffen: Durch Sensorik können Produktionsprozesse überwacht werden und die gesammelten Daten dabei helfen, den Prozess zu optimieren. Die Datenverarbeitung erfolgt in der Regel direkt an der Roboterapplikation. Es geht also um intelligentere Technologie an der Edge – und die kommt von ADI. So werden wir zu einem Teil seiner Differenzierung, denn der Roboteranwender ist mit unserer Technologie in der Lage, Prozesse zu optimieren, sie flexibler zu gestalten und die Produktvielfalt in der Produktion zu erhöhen.
Wann genau kommen Ihre Kunden zu Ihnen: Während der Produktentwicklung oder während des Prototypings?
Cotter: In der Regel kommen die Kunden während des Prototypings, sie wollen die erste Generation eines Produkts herstellen. Das Ziel ist, die Einführung neuer Technologien zu beschleunigen.
Am Anfang dachten wir, wir müssten unsere Partner von ADI Catalyst überzeugen. Doch letztendlich beginnt es bei ihnen: Sie haben ein Problem und kommen zu uns, um ihr System zu verbessern. Was wir herausgefunden haben, ist, dass es sich in der Regel um ein Problem von größerer Tragweite handelt. Ist es ein gutes, ein wertvolles Problem, investieren sie und wir. Es ist also eine Zusammenarbeit, bei der jede Seite Vorteile genießt: Wir können das Problem allein nicht lösen, da wir nicht genug darüber wissen; unsere Partner können es nicht lösen, da sie unsere Produkte und ihre Eigenschaften nicht kennen. Gemeinsam kommen wir der Lösung des Problems auf eine andere Art und Weise näher, an die wir vorher nicht gedacht hatten.
Damit das funktioniert, müssen alle Partner sehr offen mit ihrem Know-how umgehen. Wie können Sie sie also davon überzeugen?
Cotter: Es besteht ein sehr hohes Maß an Vertrauen. Es muss von vornherein klar sein, was wir und sie anbieten und was wir voneinander erwarten können. In der Regel ist das sehr klar definiert.
Europa ist ein sehr interessanter Ort für diesen Ansatz, denn die Europäische Union mit ihren 30 Jahren Erfahrung in EU-Projekten basiert auch auf Zusammenarbeit. Fast alle europäischen Projekte erfordern mehr als ein Partnerland und mehr als ein Land sowie klare Rollendefinitionen, und wir lehnen uns an dieses Modell an. Das heißt, der Schutz des geistigen Eigentums der einzelnen Partner und die Rechte an zukünftigem geistigen Eigentum aus dem Kooperationsprojekt sind klar definiert. Vereinfacht gesagt: Was uns gehört, gehört uns, was ihnen gehört, gehört ihnen, was wir gemeinsam entwickeln, nutzen wir gemeinsam. Die Zusammenarbeit beginnt aber nicht mit einem umfangreichen Vertrag, sondern mit dem Aufbau von gegenseitigem Vertrauen.
Funktioniert der europäische Ansatz auch für Partner aus Asien und
Amerika?
Cotter: Internationale Unternehmen sind es gewohnt, in Europa zu operieren. Dieses europäische Modell zu verwenden, ist ihnen nicht fremd. Meiner Meinung nach kann in anderen Ländern wie den Vereinigten Staaten und Asien derselbe Ansatz mit demselben Rahmen für geistiges Eigentum umgesetzt werden.
Durch Zusammenarbeit zum Erfolg - Fortsetzung
Sind die Entwicklungen und Lösungen im Catalyst hardware- oder softwaregetrieben?
Cotter: Im Catalyst arbeiten wir lösungsorientiert und eine Lösung besteht aus Hard- und Software. Nehmen wir eine Antriebslösung als Beispiel: Das Ziel ist ein energieeffizientes Antriebssystem mit einer sehr präzisen Motorsteuerung. Ein Schrittmotor hat etwa ein Zehntel der Leistungsaufnahme eines Induktionsmotors, er bietet also einen Vorteil. Zu einem vollen Antriebssystem wird er durch die Motorsteuerung bestehend aus Halbleiter-Architekturen und einem einzigartigen Algorithmus. Der Wert der Gesamtlösung ergibt sich also aus der Kombination aus Hard- und Software: Die Hardware hat eine spezifische Architektur, aber die Software ermöglicht es, die Flexibilität in der Architektur zu nutzen.
Stichwort Energieeffizienz: Digitalisierung wird als eine Schlüsseltechnologie auf den Weg zu einer höheren Energieeffizienz angesehen. Digitale Lösungen erfordern aber auch Server für die Datenverarbeitung, die bekanntlich viel Energie für den Betrieb benötigen. Widerspricht sich das nicht?
Cotter: Das ist eine sehr komplexe Frage, die nicht nur den gesamten Energiebedarf einbezieht, sondern auch die Frage nach dem Mehrwert beziehungsweise dem Nutzen einer Technologie. Ich denke, es liegt in der Verantwortung aller, eine Technologie zu ihrem besten Zweck zu nutzen – in diesem Fall die Digitalisierung. Und Rechenzentren sind Teil dieser neuen Welt. Unser Ziel ist es, Ineffizienzen entgegenzuwirken und gerade im industriellen Bereich ist das Potenzial für Energieeinsparungen riesig. Bleiben wir beim Beispiel Rechenzentren: Wir bieten eine Stromversorgungslösung an, die eine 48-V-Spannungsversorgung bis hinunter zu den einzelnen Kernen einer Serveranlage erlaubt. Das heißt, mit der Lösung lässt sich eine Wandlung im Stromkreis umgehen und so der Systemwirkungsgrad um drei bis vier Prozent steigern. Das bedeutet, wir können die Ineffizienz um ein Drittel verbessern. Ein weiteres Beispiel für ein hohes Potenzial an Energieeinsparung sind Motoren im industriellen Umfeld. Mehr als die Hälfte der Elektromotoren in industriellen Applikationen ist über zehn Jahre alt und hat keine variable Frequenz-regelung. Würde man jeden dieser älteren Motoren in jeder Fabrik weltweit durch ein modernes Antriebssystem ersetzten, hätte dies die schnellste und massivste Auswirkung auf den Energiebedarf weltweit. Der Austausch läuft schleppend, da Unternehmen ungern in eine funktionierende Fabrik investieren. Man muss also einen Weg finden, Investitionen in energieeffiziente Technologien attraktiv zu gestalten. Europa geht hier voran und hat ein Gesetz erlassen, das den Einsatz von energieeffizienten Motoren in industriellen Anlagen regelt.
Dennoch: Der Anteil der Energiekosten an den Gesamtbetriebskosten liegt im hohen zweistelligen Prozentbereich. Die Amortisationszeit für energieeffiziente Motoren ist also kurz. Meiner Meinung nach wird sich daraus eine Dynamik entwickeln und auf diesen Moment sind wir sehr gespannt. Energieeffizienz – Nachhaltigkeit im Großen und Ganzen – liegt uns sehr am Herzen und wir versuchen, mit unseren Entwicklungen und Lösungen beizutragen, den Kohlenstoffausstoß zu reduzieren.
Zurück zum ADI Catalyst und die Produktentwicklung mit Partnern – ist dies die neue Art für Unternehmen, wettbewerbsfähig zu sein und zu bleiben?
Cotter: Ja, absolut! Man muss aber darauf vertrauen, dass das Ergebnis der Zusammenarbeit besser ist als das, was jeder für sich allein tun könnte. Es ist eine neue Art des Wettbewerbs und ich glaube, dass sich die klügeren Unternehmen dafür öffnen werden. Im Prinzip ist es wie ein Dorf: Nur als Gemeinschaft kann man die großen Ziele erreichen. Wie ich eingangs schon erwähnt hatte, dachten wir, wir müssten bei unseren Partnern für das Konzept Überzeugungsarbeit leisten. Und jetzt sehen Sie sich um: Es funktioniert ganz von selbst!
| ADI Catalyst |
|---|
| Mit den ADI Catalyst hat Analog Devices eine Einrichtung für kollaborative Entwicklung geschaffen. Angeschlossen ist der Hub an das europäische Forschungs- und Entwicklungszentrum im Raheen Business Park in Limerick, Irland. Auf einer Fläche von knapp 10.000 m² soll die Zusammenarbeit zwischen Kunden, Geschäftspartner, Lieferanten und ADI beschleunigt werden. Dabei geht es um die schnellstmögliche Entwicklung von Lösungen. Derzeit befindet sich das Zentrum im Aufbau. Bis zum Jahr 2025 möchte das Unternehmen 100 Millionen Euro investieren und bis zu 250 neue Arbeitsplätze schaffen, die sich primär auf die Entwicklung von softwarebasierten Lösungen und Innovationen im Bereich Künstliche Intelligenz (KI) für Anwendungsfelder wie Industrie 4.0, nachhaltige Energie, Elektrifizierung von Fahrzeugen und Konnektivität der nächsten Generation konzentrieren. |













