TE Connectivity
RJ45-Stecker in der Automatisierung - Ein Auslaufmodell?
Im industriellen Umfeld hat der RJ45-Stecker deutliche Schwächen. Unter Vibrationen kann er Ausfälle verursachen. TE Connectivity will daher eine alternative Schnittstelle am Markt etablieren, die robuster und deutlich kleiner ist. Gijs Werner, Strategic Marketing Manager, spricht über die Bedeutung der neuen Schnittstelle.
Warum braucht die Automatisierungsbranche eine neue Schnittstelle?
Gijs Werner: Weil der Industrial RJ45 in vielen Fällen nicht geeignet ist für den Einsatz im industriellen Umfeld, und schon gar nicht für die Anwendung in anspruchsvollen und sicherheitsrelevanten Applikationen. Nahezu jeder andere Steckverbinder in der Industrie-Umgebung, etwa der Board-to-Board-Verbinder, verfügt über eine doppelte Kontaktzone, in der Stecker und Steckerbuchse durch zwei Kontakte verbunden sind, die vor allem in industriellen und vibrationsreichen Umgebungen für Verlässlichkeit sorgt. Beim RJ45 ist diese aber nicht vorgesehen. Das ist ein großer Nachteil. Auch unsere Kunden aus dem Industrie-Umfeld fragen sich zunehmend, ob der RJ45 heute noch ein adäquater Steckverbinder ist. Robustheit und Platzbedarf sind in industriellen Anwendungen oftmals wichtige Kriterien - und beide Anforderungen erfüllt dieser Steckverbinder nicht. Daher wollen wir unseren neuen Steckverbinder 'Industrial Mini I/O' am Markt etablieren. Dieser ist zuverlässiger und kompakter.
Aber der Steckverbinder RJ45 ist doch weltweit verbreitet. Und auch im Industrie-Umfeld hat er sich mittlerweile auf breiter Ebene etabliert…
..und das ist Segen und Fluch zugleich. Der RJ45 kommt heute in so vielen unterschiedlichen Anwendungen zum Einsatz, selbst in sicherheitskritischen Applikationen. Und dabei ist es problematisch, einheitliche Qualität zu erhalten. Was wir zudem sehen, ist dass zum Beispiel in einer Applikation die Kabel sehr hochwertig ausgeführt sind, während die RJ45-Buchse in der gleichen Anwendung billige Consumer-Ware ist. Und wir sprechen hier von Industrie-Anwendungen, bei denen es auf jede einzelne Komponente im System ankommt. Je höher die Anforderungen, desto kritischer ist das im Einzelfall. Bei Hochgeschwindigkeitsapplikationen wie etwa Real Time Industrial Ethernet kann das Kontaktsystem des RJ45 dazu führen, dass es zu Mikro-Unterbrechungen bei der Übertragung kommt. Und diese sind dann die Ursache für Fehler und Ausfälle in den Automatisierungsprozessen.
Und was spricht gegen den M12-Steckverbinder in diesen Anwendungen, der im rauen Umfeld umfassend erprobt ist?
Der M12-Steckverbinder hat natürlich seine Berechtigung. Der M12 ist aber ein ganz anderer Steckverbinder als der RJ45, allein schon aufgrund seiner Handhabung bzw. der Verschraubung. In den vergangenen Jahren hat sich klar gezeigt, dass es Unternehmen gibt, die entweder den klassischen Datenstecker bevorzugen oder aber metrische Rundstecker für zum Beispiel IP67-Anwendungen. Mit unserem 'Industrial Mini I/O' wollen wir den erst genannten Unternehmen eine zuverlässige Alternative zum RJ45 zur Verfügung stellen. Der Industrial Mini I/O ist daher auch so konzipiert, dass er in punkto Handhabung vergleichbar mit dem RJ45 ist, darüber hinaus verfügt er aber über ein verbessertes Design.
Welche Erwartungen haben Sie an den 'Industrial Mini I/O'-Steckverbinder. Wollen Sie tatsächlich einen neuen Standard am Markt etablieren?
Absolut, weil sich auch die Anforderungen und die Hierarchien in der Automatisierung verändern. Dadurch entsteht ein Bedarf nach neuen Schnittstellen! Die Industrie versucht, die Intelligenz auf die niedrigste Ebene in der Automatisierung herunterzubringen. Dazu ist es eine zwingende Voraussetzung, dass das Ethernet aus der Office-Welt bis auf das unterste Niveau in der Automatisierungsapplikation vordringt. Und das ist eine Entwicklung, die bereits im Gange ist. So findet man zunehmend Sensoren auf der untersten Ebene, die dort immer mehr Daten erfassen, messen und verarbeiten. Beispiele dafür, wo das bereits im umfangreichen Maße stattfindet, sind Flugzeugmotoren und Kraftwerke. Diese Entwicklung zu insgesamt mehr Intelligenz in den Elektroniksystemen erfordert aber eine Infrastruktur für die zuverlässige Datenkommunikation. Der Industrial Mini I/O kann in diesem Bereich eine wichtige Rolle einnehmen.
Sie haben bereits über die höhere Zuverlässigkeit des Industrial Mini I/O gesprochen. Welche Rolle spielt der Platzbedarf?
Das hängt natürlich von der jeweiligen Applikation ab. Beispielsweise auf der Leiterplatte ist Platz fast immer ein wichtiges Kriterium. Und wenn Sie sich den Footprint eines RJ45-Steckverbinders ansehen, stellen Sie fest, dass dieser Stecker schon sehr viel Platz beansprucht und ziemlich groß ist. In punkto Miniaturisierung ist die Steckverbinder-Industrie längst weiter. Und das zeigen wir auch mit unserem Industrial Mini I/O, der rund 50 Prozent weniger Platz benötigt als der RJ45 in SMT-Ausführung und auch wesentlich kleiner ist als ein USB-Steckverbinder.
Applikationen für Industrial Mini I/O
Welche Applikationen werden Sie zuerst adressieren?
Zu den ersten Applikationen, in denen der Industrial Mini I/O zum Einsatz kommt, gehören I/O-Module. Diese sind in den vergangenen Jahren immer kleiner gestaltet worden. Nur die Größe des Steckverbinders ist dem nicht gefolgt. Dank der neuen Schnittstelle lassen sich jetzt sogar bestimmte Module noch kompakter gestalten. Daneben wird der Steckverbinder heute vor allem im Bereich Motion & Drives eingesetzt. In der elektrischen Antriebstechnik spielt vor allem seine Robustheit und Zuverlässigkeit eine entscheidende Rolle. Das sind typische Anwendungen, in denen wir den Steckverbinder etablieren können. Zwar befinden sich diese Applikationen natürlich nicht auf der unteren Ebene der Automatisierung, aber auch dorthin wollen wir künftig mit unserer Schnittstelle vordringen.
Wollen Sie das neue Steckverbindersystem eigentlich alleine einführen und vermarkten oder streben Sie eine Second-Source-Vereinbarung an?
Vielen Dank für die Frage. Da wir einen neuen Standard am Markt setzen wollen, ist es für den Markterfolg entscheidend, dass der Steckverbinder von unterschiedlichen Lieferanten bezogen werden kann. Entsprechende Gespräche führen wir bereits seit einiger Zeit, so dass wir schon bald – aber auf jeden Fall noch in diesem Kalenderjahr - eine entsprechende Vereinbarung bekannt geben können.
Auf welche Resonanzen stoßen Sie bei Ihren Kunden? Treffen Sie auch auf Skepsis, weil Erfahrungswerte im Umgang mit der neuen Schnittstelle fehlen?
Das ist sehr abhängig von den jeweiligen Unternehmen, und interessanterweise auch von der Größe der Firmen. Die sehr großen OEMs sind zum Teil konservativ, so dass wir hier Schwierigkeiten haben, unser neues Steckverbindersystem zu platzieren. Anders sieht es bei den Tier-2- und Tier-3-Anbietern aus. Dort finden wir viele Firmen, die sehr aufgeschlossen gegenüber neuen Technologien sind. Diese kleineren OEMs – die mit Verlaub zum Teil immer noch einen Umsatz von 500 Millionen Euro und mehr erzielen – wachsen in ihren Marktsegmenten mit jährlich sieben bis zehn Prozent, und damit deutlich schneller als der Markt. Und diese Unternehmen signalisieren großes Interesse an neuen Technologien im Allgemeinen und auch an unserer Entwicklung im Speziellen.
Wie wird sich die Infrastruktur und Verbindungstechnik in der Automatisierung in den nächsten Jahren verändern?
Eine große Veränderung ist, dass immer mehr Telecom/Datacom-Anforderungen in die industrielle Umgebung vordringen. Wie beobachten, dass in diesem Umfeld plötzlich ganz neue Unternehmen auftreten, die man sonst nur im Telekommunikationsbereich angetroffen hat. Zu diesen 'Newcomern' gehören auch sehr große Konzerne wie Cisco und HP, für die das Industrieumfeld als Absatzmarkt immer interessanter wird und die sehr viel Erfahrung in dieses Segment einbringen. Für die Automatisierungsbranche bedeutet das eine signifikante Veränderung, weil Themen wie Sicherheit und Software dadurch eine größere Bedeutung bekommen. Es findet also ein Umdenken auf vielen Ebenen statt.
Das Interview führte Corinna Puhlmann-Hespen













