Schaltschrankkühlung
Die Möglichkeiten passiver Kühlmethoden
Im Zeitalter der Digitalisierung ziehen immer mehr Elektronik-Komponenten in den Schaltschrank ein – was in puncto Wärme-Entwicklung zum Problem werden kann. Dementsprechend gilt es, das Thema der Luftführung im Schrank bereits in der Planungsphase ‚intelligent‘ anzugehen.
Bauteile und Elektronik im Schaltschrank werden bei gleichbleibender Schaltfunktion immer kompakter. Dies führt jedoch nicht zu einer sinkenden Wärmeverlustleistung und kann auch die Wärme-Entwicklung im Schaltschrank nicht verhindern. Ganz im Gegenteil: Durch wärmeproduzierende Bauteile addiert sich Hitze und die Wärme nimmt kontinuierlich zu. Die Folge: Es entstehen ‚Hot Spots‘. Bei den an diesen Wärmenestern positionierten Bauteilen ist von einer sinkenden Lebensdauer auszugehen. Mit anderen Worten: Ein schleichender Wärmetod ist vorprogrammiert. Letztendlich bringen die Komponenten nicht mehr die gewünschte Leistung, fallen aus und führen zu einem Stillstand der Anlage beziehungsweise Maschine. Kurzum: Innovative Bauteile im Schaltschrank bringen in der Regel die negative Konsequenz mit sich, dass zunehmend gekühlt werden muss.
Ist der Einsatz eines herkömmlichen Kühlgerätes die Lösung? Bisher erfolgt die Dimensionierung der Kühlgeräte für eine Innentemperatur im Schaltschrank von etwa 25 bis 30 °C bei einer höchstmöglichen Umgebungstemperatur auf die theoretisch maximal notwendige Kühlleistung. Dies bedeutet, dass überdimensionierte Kühlleistungen eingebaut, aber meist nicht unmittelbar benötigt werden. Verschärft wird die Problematik noch durch die Erderwärmung mit ihren Temperaturspitzen – auch in gemäßigten Zonen, wie zum Beispiel Deutschland.
Bild 1: Rückansicht eines Airstream-Rahmens mit Airblade zur zielgerichteten Kühlluftführung (unten links) und Airblower zur Homogenisierung des Schaltschrankklimas (oben).
© LützeDemnach ist die Lösung des Problems nicht der Einsatz eines überdimensionierten Kühlgerätes; vielmehr geht es um die Entwicklung einer intelligenten Kühlluftführung im Schaltschrank (Bild 1). Wie ein solches Lösungskonzept aussehen kann, soll im Folgenden am Beispiel des sogenannten AirStream-Konzeptes von Lütze veranschaulicht werden. Dieses umfasst neben dem Verdrahtungssystem, welches mit allen gängigen Schaltschränken kompatibel ist, einen Online-Konfigurator sowie ein Online-Tool zur Berechnung der Thermik und Optimierung bestehender wie neu geplanter Schaltschränke.
Bevor mit Hilfe des Online-Konfigurators der Verdrahtungsrahmen geplant wird, gilt es Hintergrundinformationen für die Geometrie und die Definition, wie beispielsweise die Höhe, die Breite oder die Tiefe des Schaltschrankes, zu sammeln. Der Verdrahtungsrahmen wird individuell an die Komponenten angepasst. Der Rahmen selbst besteht aus Aluminium-Modulen, bei dem für die Verdrahtung eine weitere Ebene in der Tiefe des Schaltschranks hinter den Bauteilen genutzt wird. So gibt es keine lüftungstechnisch ungünstigen Kabelkanäle mehr. Der Rahmen kann dann optimal angepasst werden und ist in wenigen Schritten online planbar. Das Resultat dieser Planung wird in einer Datei ausgegeben, die sich in jedes CAD-Programm importieren lässt. Konstrukteure profitieren mit der Integration des Verdrahtungssystems im Eplan-Portal darüber hinaus von Engineering-Tools wie Projektierung, 3D-Layout, Fertigung und Montage.
Zusätzliche Hilfestellung bei der Planung des Verdrahtungssystems bietet seit Kurzem die webbasierte AirTemp-Anwendung. Das Tool zur Wärme-Analyse ermöglicht spontane und schnelle Analysen unterschiedlicher Verdrahtungsarten und Kühlsysteme und liefert darauf basierend fundierte Ergebnisse zur Wärme-Entwicklung und -verteilung im Schaltschrank. Mit anderen Worten: Der Wärmesimulator bietet die Möglichkeit einer Wärmeprognose, die über eine einfache Ist-Zustandsbeschreibung hinausgeht, und erlaubt damit bereits in der Konstruktionsphase eine Bestimmung der Wärme-Entwicklung im Schaltschrank.
Unter anderem lassen sich auf diese Weise die unterschiedlichen Temperaturschichten im Schrank – egal ob mit Montageplatte oder Verdrahtungssystem – präzise bestimmen. Hierzu wird der Schaltschrank in drei Zonen (oben, Mitte, unten) eingeteilt. In den Zonen kann die Temperatur exakt definiert werden. Zunächst muss der Anwender die Eckdaten bestimmen. Beispielsweise ob der Schaltschrank freistehend ist oder ob er an eine Wand angebaut wird. Anschließend muss lediglich die Verlustleistung der eingebauten Komponenten eingegeben werden. Darauf basierend liefert das Tool schließlich Daten und Informationen beispielsweise darüber, wie sich die Anordnung der Bauteile im Schaltschrank aus thermischen Gesichtspunkten verbessern lässt beziehungsweise wie Kühlmöglichkeiten sich innerhalb des Schaltschrankes auswirken. Ziel muss es letztlich sein, die Bauteile bereits in der Planungsphase des Schaltschrankes optimal zu platzieren und so die Effizienz zu steigern.
Luftströme zielgenau führen
Eine sehr effiziente Möglichkeit, das Klima im Schaltschrank zu homogenisieren beziehungsweise Wärmenester direkt zu belüften, ist die zielgenaue Führung der Luftströme über Luftleitbleche (AirBlades) in Kombination mit entsprechenden Lüftern (AirBlower). Die Entwärme-Leistung des Schaltschranks wird dadurch deutlich verbessert. Die Praxis zeigt, dass auf diese Weise das Temperaturniveau im Schaltschrank innerhalb weniger Minuten ausgeglichen und um bis zu 10 Kelvin gesenkt werden kann.
Mit Hilfe von Wärmebildaufnahmen lässt sich der positive Effekt einer optimierten Luftzirkulation und des damit einhergehenden Kamineffektes im Schaltschrank veranschaulichen. Obwohl Leistungsbauteile mit entsprechend hoher Wärme-Entwicklung im Schaltschrank verbaut sind, wird bei dem in den Bildern 2 und 3 dargestellten Versuchsaufbau auf eine aktive Kühlung verzichtet.
In Bild 2 ist das mittlere Wärmeniveau kurz nach Inbetriebnahme der Maschine oder Anlage im Schaltschrank zu sehen. Um die Leistungsbauteile herum zeigen sich die warmen Bereiche. Die Farben Gelb und Weiß stellen die Gebiete mit der höchsten Temperatur dar. Es ist zu erkennen, dass demnach Leistungsbauteile mit einer hohen Wärme-Abgabe im unteren mittleren Bildbereich vorhanden sind. Die kühleren Zonen zeigen die blauen und violetten Bereiche. Insgesamt ist die Temperatur im Schaltschrank noch auf einem annehmbaren Niveau.
Bild 3: Existenzbedrohende Hot-Spots sind 80 Minuten später um die Leistungsbauteile herum entstanden.
© LützeEtwa 80 Minuten später hat sich das Bild dramatisch verändert. Der Schaltschrank befindet sich in Betriebstemperatur und die Komponenten verhalten sich wie Heizelemente. Die entstehenden Wärmenester gefährden wärmeempfindliche Komponenten. Wie in Bild 3 ersichtlich ist, hat sich das Wärmeniveau im gesamten Schaltschrank deutlich erhöht und ist für alle Bauteile bedrohlich. Um die Leistungsbauteile hat sich ein Hotspot gebildet. Über kurz oder lang wäre daher mit Schäden an der Elektronik zu rechnen. In dieser Phase kommt der besagte Airblower im Schrank zum Einsatz.
Bild 4: Weitere acht Minuten später: Luftleitbleche und Lüfter haben zu einer Homogenisierung der Wärmeverteilung im Schaltschrank geführt.
© LützeBild 4 wurde acht Minuten später aufgenommen. Nur wenige Minuten haben also ausgereicht, um die Hotspots rund um die Leistungsbauteile gänzlich abzubauen und das mittlere Wärmeniveau im Schaltschrank auf ein erträgliches Maß zu senken. Zusätzlich ist anzumerken, dass der Betrieb des Airblower deutlich weniger Energie benötigt als ein aktives Kühlaggregat und obendrein nicht im Dauerbetrieb eingesetzt werden muss.
Der Einbau der 24-Volt-Lüftermodule ist ohne großen Aufwand zu realisieren. Die Lüfter sind dabei auf Stegmodulen mit wahlweise 700, 900 oder 1100 mm Steglänge montiert. Eine Einhängevariante für die nachträgliche Aufrüstung ist ebenfalls vorhanden. Diese ist auch bei 500 mm breiten Schränken einsetzbar. Gesteuert werden die Module über eine Regeleinheit, die einen frei parametrierbaren Betrieb der Lüfter ermöglicht.
Bleibt festzuhalten: Praxiserfahrungen mit spezifischen Industrie-Anwendungen und empirische Untersuchungen zeigen Energie-Einsparungen von bis zu 23 % auch ohne externes Kühlgerät. Neben der Kostenersparnis wirkt sich dies positiv auf die CO 2-Bilanz aus. Zur Verdeutlichung: Schon im Jahr 2011 konnte in Deutschland von rund 3,5 Mio. aktiven Schaltschränken mit etwa 900.000 installierten Kühlgeräten ausgegangen werden. Dies entspricht einer Anschlussleistung von etwa 600 MW. Um diesen Energiebedarf decken zu können, müssen sich rund 300 Windräder drehen oder ein klassisches Kohlekraftwerk betrieben werden.
Autor:
Michael Bautz ist Produktmanager bei Lütze.














