Stemmer Imaging
Die dritte Dimension des Lichts
Mit Bildverarbeitung auf Basis von polarisiertem Licht lassen sich unter anderem verborgene Produkteigenschaften wie Spannungen in Kunst-stoffen oder Gläsern erkennen. Die Möglichkeiten der Technologie erläutert Jan Sandvoss von Stemmer Imaging.
Herr Sandvoss, beschreiben Sie bitte kurz die Polarisations-Technologie
Sandvoss: Um die Funktionsweise von Polarisationskameras besser zu verstehen, muss man die physikalischen Grundlagen betrachten: Licht lässt sich durch eine sich ausbreitende elektromagnetische Transversalwelle beschreiben, bei der eine elektrische Welle und eine magnetische Welle senkrecht zueinander und zur Ausbreitungsrichtung schwingen. Die Polari-sation wird durch die Schwingungsebene der elektrischen Welle definiert. Üblicherweise ist das Licht nicht polarisiert, das heißt, alle Schwingungs-richtungen der elektrischen Wellen sind gleich wahrscheinlich. Ist nur eine Schwingungsrichtung vorhanden, spricht man von linear polarisiertem Licht. Sind die Phasen der senkrechten und parallelen Komponenten der elektrischen Welle unterschiedlich, ist das Licht elliptisch polarisiert. Zirkular polarisiertes Licht dagegen entsteht, wenn die Phasen beider Komponenten genau um 90° verschoben sind.
Diese Aussagen gelten für das gesamte elektromagnetische Spektrum und somit auch für das Lichtspektrum, zu dem die Bereiche ultraviolettes Licht, sichtbares Licht mit Wellenlängen zwischen 440 und 650 nm, nahes Infrarot-licht und kurzwelliges Infrarotlicht zählen.
Jan Sandvoss: »Mit einem geeigneten Polarisations-system lässt sich die dritte Dimension des Lichts zum Vorschein bringen und für die industrielle Bildverarbeitung nutzbar machen – also Eigenschaften und Defekte erkennbar werden lassen, die mit keiner anderen Methode sichtbar sind«.
© Stemmer ImagingWas ist der wesentliche Unterschied zwischen unpolarisiertem und polarisiertem Licht?
Sandvoss: Unpolarisiertes Licht besteht aus vielen Wellen, die zufällig in verschie-denen Richtungen schwingen – etwa das Licht von Glühlampen oder das Sonnen-licht. Diese Form der Beleuchtung hat in der industriellen Bildverarbeitung den Nachteil, dass sich vor allem bei Prüf-objekten mit glänzenden Oberflächen Reflektionen in Teilbereichen praktisch nicht vermeiden lassen. Polarisiertes Licht hingegen bedeutet, dass alle von einer der Lichtquelle ausgehenden Wellen die gleiche Polarisation aufweisen und somit in den Richtungen der elektrischen Felder übereinstimmen. Durch die geschickte Nutzung von polarisiertem Licht lassen sich somit unerwünschte Reflektionen ausfiltern.
Bei Verwendung eines Polarisators wird nur der Teil des Lichts durchgelassen, der parallel zur optischen Achse des Polarisators schwingt.
© Stemmer ImagingWelche typischen Anwendungsbeispiele gibt es?
Sandvoss: Generell können verschiedene Merkmale den Polarisationszustand von Licht verändern: Einfluss haben beispiels-weise die Oberflächenbeschaffenheit von Objekten wie deren Rauheit, Kratzer, Dellen oder Beschichtungen, oder auch andere physikalische Eigenschaften wie mechanische Belastungen oder Doppelbrechungen. Vor allem bei der Inspektion von glänzenden, spiegelnden oder reflektierenden Oberflächen wie Folien, Metall oder Glas ermöglichen Polarisationsaufnahmen eine verbesserte Bildverarbeitung – etwa die einfachere Erkennung von Kratzern oder das robuste Lesen von Codes auf mehrschichtigen Folien.
Mit einem geeigneten Polarisationssystem lässt sich beispielsweise sehr einfach untersuchen, ob die Aufreißlaschen von in Folie eingeschweißten Kartendecks fehlerfrei sind. Bei einer Untersuchung mit unpolarisiertem Licht sind derartige Fehler deutlich schwieriger und bisweilen gar nicht zu erkennen. Weitere Beispiele sind klassische Pick&Place-Anwendungen, bei denen glänzende, oft metallische Bauteile unter verschiedenen Beleuchtungs- und Polarisierungswinkeln in unterschiedlichen Bildbereichen immer zu Reflek-tionen führen. Durch die Kombination von reflektionsfreien Ausschnitten der unter unterschiedlichen, teilweise virtuellen Polarisationswinkeln aufgenommenen Bilder zu einem Gesamtbild ist es möglich, gut auswertbare Bereiche zusammenzuführen und somit die Bildverarbeitung und Erkennung der Objekte und ihrer Lage auf diesem synthetischen Bild zu vereinfachen.
Die Unterschiede
Polarisationsaufnahmen und die Abbildung auf dem HSV-Farbraum erlauben die Visualisierung von Spannungen im Material, hier in der Struktur eines Lineals.
© Stemmer ImagingSeit wann ist die Polarisation für die Bildverarbeitung interessant?
Sandvoss: Sony hat im Herbst 2018 einen CMOS-Bildsensor vorgestellt, dessen auf Pixelebene integrierte Polarisationsfunktionen die Lösung bestimmter Aufgabenstellungen ermöglichen. Seitdem hat das Thema in der Bildverarbeitung deutlich an Fahrt aufgenommen. Der Sensor kann Licht in vier Ebenen mit 0°, 45°, 90° und 135° filtern und nur den Teil des Lichts durchlassen, der parallel zur optischen Achse des jeweiligen Polarisators schwingt.
Einige Hersteller von Industriekameras haben auf Basis dieses Sensors Produkte vorgestellt: Stemmer Imaging etwa arbeitet hier mit Allied Vision, JAI und Teledyne Dalsa zusammen. Wie bei Flächenkameras sind auch hier vier Polarisationsfilter mit verschiedenen Polarisationswinkeln realisiert, die direkt erfasst werden können. Sowohl bei Flächen- als auch bei Zeilenpolarisations-kameras ist es jedoch möglich, durch die Interpolation aus den vier Haupt-richtungen auch andere ‚virtuelle‘ Polarisationswinkel zu errechnen, um die optimale Ausrichtung für unterschiedliche Aufgabenstellungen zu erzielen.
Durch das Kombinieren von Teilbildern mit unterschiedlicher Polarisation (links: 0°, Mitte: 90°) zu einem Gesamtbild ist es möglich, die gut auswertbaren Bereiche zusammenzuführen und somit die Bildverarbeitung auf dem synthetischen Bild (rechts) zu vereinfachen.
© Stemmer ImagingWie unterscheiden sich Bilder von Polarisationskameras und Bilder herkömmlicher Kameras?
Sandvoss: Grundlage für Polarisations-bilder ist der so genannte Stokes-Vektor, über den sich die Polarisation des Lichts quantitativ bestimmen und mathema-tisch darstellen lässt. Dieser Vektor besteht aus vier Werten, mit denen sich die Richtung und Intensität und somit der Grad der linearen, zirkularen oder elliptischen Polarisation elektro-magnetischer Wellen definieren lässt. Nach der Aufnahme von Objekten mit einer Polarisationskamera ist es möglich, Bilder für die ersten drei Stokes-Parameter darzustellen. Diese lassen sich in einem weiteren Schritt zur Berechnung des linearen Polarisationsgrads und des -winkels verwenden. Zur besseren Visualisierung können diese Bilder auch auf dem HSV-Farbraum abgebildet werden, um zum Beispiel Spannungen in der Struktur von Objekten aus Kunststoff einfacher darzustellen. Auch die nachfolgende Bildauswertung wird durch diese Darstellungsform vereinfacht.
Welches Equipment ist zur Aufnahme von Polarisationsbildern nötig?
Sandvoss: Neben einer Polarisations-kamera sind auf der Hardware-Seite passende Beleuchtungen und Optiken erforderlich, um qualitativ hochwertige Bilder aufnehmen zu können. Zur Auswertung von Polarisationsbildern enthalten einige Software-Umgebungen, wie unter anderem die von Stemmer Imaging entwickelte Software-Bibliothek ‚Common Vision Blox‘, bereits die passenden Tools.


















