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Artikel und Hintergründe zum Thema

SCADA-Systeme

Ronald Düker | Lukas Dehling,

Redundanz in Webtechnik

Ortsunabhängig von jedem browserfähigen Endgerät aus auf eine Anlage zugreifen: SCADA-Systeme in reiner Webtechnik erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. Ein Manko: Bis dato war ein ausfallsicherer Betrieb nicht möglich, was sich nun mit einer 'Hot-Standby Redundanz' ändert.

© Certec

Alle Bildschirme dunkel – gleich ob der Zugang über Desktop, Tablets oder Smartphones erfolgt, nicht erreichbare Anlagen oder Anlagenbereiche, erhebliche Datenverluste, teure Ausfallzeiten: Alles Situationen, die etwa in Bereichen wichtiger Infrastrukturprojekte oder diversen Anwendungen des Maschinen- und Anlagenbaus nicht passieren dürfen. Auslöser hierfür sind in erster Linie Hardware- oder Stromausfälle, welche auch durch unerwartete Ereignisse wie (Natur-)Katastrophen herbeigeführt werden können. Um diesen Situationen vorzubeugen, werden in der Automatisierung nicht nur Steuerungen und Netzwerke redundant ausgeführt. Leit- und SCADA-Systeme stellen sich dieser Thematik, um so
einen Ausfall der Anlage aufgrund ei-ner singulär ausgeführten technischen Komponente zu verhindern.

Nun hat sich in diesem Bereich über die Jahre einiges verändert. Früher, zu  Zeiten der Bedienpulte, Schalttafeln und Drucktaster, füllte die Anlagenbedienung noch Räume. Es gab auch nur einen zentralen Zugang zu den Anlagen. Inzwischen passt ein redundantes Server-Paar unter einen Schreibtisch und man kann industrielle Prozesse von überall und mit jedem Endgerät bedienen und beobachten. Dieses ‚Update‘ lässt immer mehr Anwender über eine redundante Ausführung ihrer SCADA-Lösungen nachdenken. Dabei möchte man nun auf die neueste Technologie setzen, was sich aber als schwierig erweist. Denn wer etwa ­Kommunikation per OPC UA zu Datenquellen beziehungsweise übergeordneten Systemen wie einer Cloud-Anwendung einsetzen möchte und die Visualisierung in reiner Webtechnik erwartet, wird mit herkömmlichen Systemen in puncto Redundanz enttäuscht werden.

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Modernen Standards folgen

Was zeichnet ein modernes SCADA-System heute aus? Um Anwendern größtmögliche Freiheiten im Einsatz und der Nutzung von Software-Lösungen zu bieten, war und ist eine Grundvoraussetzung die Unterstützung moderner Standards. Nur das schließt eine Abhängigkeit geschlossener Systeme aus und gewährleistet entsprechende Investitionssicherheit. Besonders im Bereich SCADA haben sich hier in den letzten Jahren große Neuerungen durchgesetzt.

Die Topologie der ‚Atvise‘-SCADA-­Redundanz: Die Visualisierung in reiner Webtechnik sowie datenquellenseitige Kommunikation via OPC UA und OPC Classic (auch redundant).

© Certec

Da wäre einerseits OPC UA als plattformunabhängiges Kommunikationsprotokoll, das aber auch ein ausgeklügeltes Objekttypen-Konzept für ein effektives, objektorientiertes Engineer-ing mit hohem Standardisierungsgrad parat hält. Das ermöglicht den Anwendern unter anderem, den Aufwand in Projektierung und Wartung signifikant und nachhaltig zu reduzieren.

Zudem ist das Verständnis dahingehend gewachsen, dass nur reine Webtechnik ohne Plug-Ins eine barrierefreie Visualisierung sicherstellt. Denn das wiederum ist der einzige Garant, dass ortsunabhängig von jedem browserfähigen Endgerät auf die Anlage zugegriffen werden kann.

Die Produktlinie ‚Atvise‘ von Certec wurde auf Basis dieser Standards entwickelt, anstatt diese behelfsmäßig ‚außen anzuschließen‘, wodurch Performance, Erweiterungsfähigkeit und Einfachheit sichergestellt werden. Das Portfolio umfasst neben der SCADA-Lösung eine reine HMI-Lösung (‚Webmi‘) – welche als Software Development Kit (SDK) für OEMs angeboten wird – sowie eine Portal-Lösung, welche mandantenfähig eine Vielzahl an Anlagen-visualisierungen verwaltet und in der (private) Cloud zur Verfügung stellt. Was hier noch fehlte, war die logische Weiterentwicklung der SCADA-Lösung und zwar um eine Hot-Standby-Redundanz.

SCADA mit Hot-Standby-­Redundanz

Deshalb hat sich Certec entschlossen, sein bestehendes SCADA-Portfolio um eine Redundanz zu erweitern. Die Re-dundanz selber wurde mit allen Optionen umgesetzt – unter anderem mit Switch-Over, Fail-Over, Split-Betrieb und Vitalitätsstatus. Die Realisierung erfolgte wie bei allen ‚Atvise‘-Produkten in reiner Webtechnik, somit ohne Plugin oder sonstige Hilfsmittel im Webbrowser. Das ist bei einer Redundanz allerdings nicht selbstverständlich. Denn beim Umschalten zwischen den redundanten Servern darf sich die Visualisierung weder verabschieden noch ‚verschlucken‘, sondern soll unterbrechungsfrei weiterarbeiten – und das unter Einhaltung von Web-Standards.

Der Redundanz-Status im Webbrowser zeigt den Vitalitätsstatus der Systeme und den Zustand der Netzwerke zwischen der Visualisierung und den Rechnern sowie zwischen den Rechnern selbst.

© Certec

Mit ‚Atvise‘ ab der Version 3.0 kann nun eine Redundanz zwischen zwei Servern konfiguriert werden. Hierbei gibt es einen betriebsführenden und einen nicht betriebsführenden Server. Diese kommunizieren über eine redundante Verbindung miteinander. Der ak-tive Server leitet den Betrieb und ist grundsätzlich der führende Server, über den die Anlage visualisiert wird. Der passive Server läuft parallel mit, übernimmt aktuelle Prozessdaten sowie deren Status vom aktiven Server und puffert zusätzlich Informationen von den Datenquellen, die er aber nicht ins Prozessabbild übernimmt, so lange die Anlage sich im Normalzustand befindet. Im Fall eines Fail-Overs, also dem Totalausfall des betriebsführenden Servers, gehen wiederum keine Daten verloren, da der passive Server nun auf die gepufferten Daten von den Datenquellen zurückgreifen kann.

Das Engineering Tool: Der ‚Atvise‘-Builder mit Redundanz-Status-Display bietet eine grafische Zeichenober­fläche zur Anpassung der Visualisierung sowie ent­sprechende Parametrier­möglichkeiten.

© Certec

Beim laufenden Abgleich von Änderungen im Prozessabbild zwischen den Servern werden auch Strukturänderungen übertragen. Das bedeutet zum Beispiel: Legt man im ‚Atvise‘-Builder – dem Engineering-Tool – am aktiven Server einen Datenpunkt an, wird diese Änderung synchronisiert und vom passiven Server übernommen.

Das System überwacht den ‚Gesundheitszustand‘ beider Rechner sowie all ihre Verbindungen und zeigt den Ist-Zustand über den Vitalstatus an. Die Bewertung des Vitalstatus kann im ‚Atvise‘-Builder über eine Vielzahl an Kriterien wie beispielsweise Zustand des Netzwerks, Geschwindigkeit der CPU oder Leistungsfähigkeit des Arbeitsspeichers konfiguriert und parametriert werden (zum Beispiel Grenzwerte oder Gewichtung). Möchte man nun manuell in die Redundanz eingreifen und den betriebsführenden Server wechseln, so wird ein sogenannter Switch-Over eingeleitet, der unter der Bedingung umgesetzt wird, dass beide Server den gleichen Vitalstatus besitzen. Dieser ist auch ausschlaggebend für einen Wechsel zwischen den Rechnern, denn sollte sich der Vitalitätsstatus eines Servers verschlechtern, wird ein Fail-Over eingeleitet. Umgekehrt wird wieder in den Urzustand ­gewechselt, sollte sich der Vitalitätsstatus des ursprünglich betriebsfüh-renden Rechners wieder verbessert haben. Die bösartigste Form des Fail-Over jedenfalls ist der vollständige Ausfall des betriebsführenden Servers. Wenn dieser Fall eintritt, hat sich die Investition in die Redundanz bereits amortisiert.

Betriebsmodi für alle Fälle

Die ‚Atvise‘-Redundanz unterscheidet zwischen zwei Betriebsarten: Eine gemäß dem beschriebenen Redundanzbetrieb sowie einem sogenannten Split-Betrieb. Dieser wird vom Anwender manuell eingeleitet. Während dieses Zustands besteht nahezu keine Kommunikation zwischen den Servern – außer ‚Keep-Alive‘, Status und Vorzugslage. Das heißt, es findet auch keine Synchronisation des Prozessabbilds zwischen den Servern statt. Im Moment der Trennung übernimmt der ursprünglich aktive Server den Zustand des SOP (Split Operational) und bleibt der betriebsführende Rechner, während der zuvor passive Server nun zum SNOP (Split Non-Operational) wird und keinen Einfluss hat. Im Split-Betrieb kann man den Status der Server wechseln, also SOP wird SNOP und umgekehrt.

Der Split-Betrieb dient zu Wartungszwecken an einem der Server. In dieser Betriebsart agieren beide Server eigenständig und beeinflussen sich nicht gegenseitig, da der Redundanzbetrieb aufgehoben ist. Dadurch können Sie Ihre Anlage weiterhin mit dem betriebsführenden Server betreiben, welcher noch den alten Stand der Applikation besitzt, während zum Beispiel auf dem nicht betriebsführenden Server ein Hardwaretausch oder größere Änderungen an der Applikation durchgeführt werden können. Beim Übergang in den Redundanzbetrieb, welcher auch wieder manuell eingeleitet wird, werden die beiden Rechner wieder abgeglichen und die applikatorischen Änderungen samt aktuellem Prozessabbild auf den zweiten übertragen.

Die Voraussetzungen

Um diese Redundanz erfolgreich umzusetzen, waren viele Grundvoraussetzung vonnöten: Unter anderem wurde der Kernel in Richtung ‚Threading Building Blocks‘ (Intel TBB) getrimmt, um eine skalierbare, verbesserte Nutzung der vorhandenen Ressourcen wie Prozessoren und Kerne zu erreichen. Sinn der Maßnahme ist darüber hinaus eine Steigerung der Performanz.

Als nächstes wandten sich die Entwickler der Überarbeitung des Historien-Moduls zu – ein Kernthema in Sachen Ausfallsicherheit. Denn ein verlustfreier, automatischer Abgleich der Online-/Historischen Daten im laufenden Betrieb und ebenso nach einem Switch-Over beziehungsweise einem Ausfall müssen gewährleistet sein. Das führte auch zu einer Optimierung des ‚Atvise‘-Historien-Schirms.

Anschließend gerieten die Datenquellen in den Fokus. Hier galt es, auch solche in den Griff zu bekommen, welche redundant ausgeführt sind. Zudem kann jede Datenquelle ebenfalls mit einer redundanten Netzwerk-Verbindung aus- gestattet sein. Die Kommunikation mit redundanten Datenquellen kann über OPC UA sowie über OPC Classic erfolgen. Denn bei ‚Atvise‘-Produkten ist OPC UA immer die erste Wahl und zwar seit Anbeginn. Dieses Feature steht bei ‚Atvise 3.0‘ auch im Stand-alone Betrieb zur Verfügung.

Final integrierten die Entwickler das neueste OPC UA SDK sowie ein Update der internen Libraries wie zum Beispiel QT 5 oder OpenSSL. Zudem ­unterstützt die neueste Version das ­Kommunikationsprotokoll SNMP V1/V2C inklusive der Berechnungen und Verknüpfungen von OIDs (Object ­Identifier). SNMP ist die Basis für ein Netzwerk-Management und ermöglicht das Überwachen und Steuern von Netzwerk-Elemente wie Router, Server und Switches.

Erste Anwendungen in ­Umsetzung

Inzwischen hat sich vertriebstechnisch viel bewegt: Als Certec mit der Entwicklung der Redundanz begann, war die Nachfrage groß, hier eine derartige SCADA-Lösung etwa für Infrastrukturprojekte wie Wasser/Abwasser umzusetzen. Inzwischen haben sich vielerlei Anfragen aus weiteren, unterschiedlichen industriellen Segmenten wie der Logistik, Öl und Gas, der Marine sowie Bereiche der Automobilindustrie ergeben.

„Das Interesse an der weltweit ­ersten SCADA-Lösung mit Hot-Standby-Re-dundanz in reiner Webtechnologie ist größer als erwartet“, meint hierzu Certec Geschäftsführer Leopold Matouschek. „Die ersten Anwendungen sind bereits in ­Umsetzung und werden wohl ab dem vierten Quartal in ­Betrieb ­gehen. Be­richte darüber werden folgen.“

Autor:
Ronald Düker ist Leiter Marketing/Produktmarketing bei Certec.

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