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Artikel und Hintergründe zum Thema

Statt Touchscreen

Martin Sporn | Davina Spohn,

Gestensteuerung über Frontkamera

Die App von Myestro Interactive macht Smartphone- oder Tablet-Kameras zu berührungslosen Eingabegeräten. Ein Stück Software reicht aus, um die Geräte aus der Ferne zu bedienen. Hat der Touchscreen bald ausgedient?

Myestro Interactive stellt seine neue App zur Gestensteuerung auf dem Mobile World Congress 2014 in Barcelona erstmals auch für Mobilgeräte vor.

© Myestro

Das Ulmer Startup Myestro sorgte bereits in der Vergangenheit für Aufsehen, als es die erste passive Gestensteuerung präsentierte, die ohne Infrarot auskommt. Diese wurde nun zu einer hardwareunabhängigen Softwarelösung weiterentwickelt. Smartphones oder Tablets lassen sich berührungslos steuern, ohne dass zusätzliche Hardware nötig ist. Dafür haben die Ingenieure eine App entwickelt, welche auf die Frontkamera von Smartphone oder Tablet zugreift und deren Daten nutzt.

Anwendungsfälle

Um die Lautstärke der Musikanlage zu verändern, könnte das Smartphone zukünftig in der Dockingstation bleiben – per Gestensteuerung wäre das von der Couch aus machbar. Auch wer beim Backen die nächste Seite der Rezepte-App aufrufen möchte, dürfte über die Möglichkeiten der Myestro-Steuerung dankbar sein. "Oft sind es ja nicht die Dinge, die die Welt wirklich braucht, sondern Anwendungen, die einfach Spaß machen", meint Geschäftsführer Dr. David Wenger. Aus hygienischen Gründen wären auch Anwendungen im Medizinbereich denkbar. Um weiteren Nutzen aus der neuartigen Bedienung zu ziehen, setzt Myestro auf die Beteiligung externer Entwickler.

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Die Bedienung

Touch-Steuerung, nur ohne Touch: Die Kamera vollzieht alle Handbewegungen nach und steuert etwa den Maus-Zeiger. Die bekannten Wisch-Gesten werden ebenfalls erkannt. Das Klicken auf ein Objekt wird durch kurzes Anhalten auf einen Menüpunkt realisiert. Da die Software nur ganze Merkmalsschwärme verfolgt, kann man das Gerät auch mit Handschuhen oder einer Tasse Kaffee in der Hand bedienen. Dass das tatsächlich funktioniert, zeigt der Versuch mit einem Kindle Fire.

Technik und Details zur App

Die Technik

Auch wenn Myestro ähnlich funktioniert wie die von der Xbox bekannte Gestensteuerung Kinect, stecken verschiedene Ansätze dahinter. Während Microsofts System ein Infrarotsignal aussendet und die Daten mit einem hinterlegten Modell abgleicht, verfolgt Myestro faustgroße Objekte im Kamerabild der CMOS-Sensoren. Das hat den Vorteil, dass es in Echtzeit geschieht und auch bei Sonnenschein funktioniert. Grundlage der Technologie sind statistische Bildverarbeitung und Gestalttheorie. Chefentwickler Jens Schick beschäftigt sich seit 30 Jahren mit dem Thema und hat darin promoviert.

Damit eine zuverlässige Bedienung möglich wird, muss die Kamera des gewünschten Geräts allerdings bestimmte Bildraten liefern. Bei einigen Laptops erfordere dies noch eine externe Webcam. Bei allen Mittelklasse-Smartphones und -tablets reiche die Qualität der Frontkameras aber aus, erklärt Dr. Wenger.

Fahrplan für die App

Ab März 2014 werden Schritt für Schritt Apps für iPhone, iPad und verschiedene Android-Handys veröffentlicht. Zudem wird es Desktop-Programme geben, die z.B. MacBooks mit der Gestensteuerung ausstatten. Auf dem Mobile World Congress möchte man mit den Branchengrößen ins Gespräch kommen. Der Geschäftsführer sieht dabei eine gute Verhandlungsposition: "Wenn die Software direkt mit den Handys ausgeliefert würde, könnte sich die entsprechende Firma ein gewisses Alleinstellungsmerkmal verschaffen."

Die Firmenstrategie

Der Einstieg ins Mobilgeschäft bedeutet aber nicht den Ausstieg aus dem Digital Signage-Geschäft. Die Nachfrage nach der Myestro-Hardware zur Steuerung öffentlicher (Werbe-) Bildschirme sei zufriedenstellend. Sie übersteige sogar deutlich die aktuellen Vetriebskapazitäten, verriet uns Dr. Wenger. Oberstes Ziel sei es daher, das Vertriebsnetz zu vergrößern und gleichzeitig die Softwarequalität sicherzustellen. Darüber hinaus sei man in Kontakt mit Investoren. Zurzeit aber ist das neunköpfige Startup aus Ulm noch selbständig und eigenfinanziert.

 

Fazit: Air Gestures besser als Touch?

Bei der privaten Smartphone-Nutzung entsteht wohl eher selten der Wunsch, das Gerät auch berührungslos bedienen zu können. Texte schreiben, im Internet surfen oder Videos schauen – die häufigsten Nutzungsformen erfordern unsere volle Aufmerksamkeit und sind problemlos per Touch zu bedienen. Vielleicht ein Grund, warum die 'Air Gestures' in Samsungs Galaxy S4 eher als Spielerei denn als Innovation wahrgenommen wurden.

Wirklich spannend wird Myestros Technologie allerdings durch die Endgeräte-Unabhängigkeit. Denn dort, wo man Computer nebenbei steuern möchte, ohne den Fokus auf sie zu richten, könnte die Gestensteuerung ihre Stärken ausspielen. Beim Autofahren, im OP-Saal oder auch am Fernsehgerät könnte Myestro eine hilfreiche Alternative zur kognitiv aufwändigen Touchscreen-Bedienung sein. Ob das System den Durchbruch schafft, werden am Ende die Nutzer entscheiden. Vielleicht behält CEO David Wenger am Ende recht und die Software setzt sich durch, weil die passenden Spiele und Anwendungen einfach Spaß machen.

 

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