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Artikel und Hintergründe zum Thema

Im Interview: Martin Dibold, Hy-Line

Andrea Gillhuber,

»Ein ‚passt schon‘ reicht nicht«

Nach und nach hat sich Hy-Line Know-how im Bereich HMI und Touch-Displays aufgebaut. Welche Vorteile dieser Schritt für die Kunden des Distributors bringt und wie der Blick fürs Detail zum Wettbewerbsvorteil wird, erläutert Geschäftsführer Martin Dibold.

© MyCreative/stock.adobe.com

Hy-Line wandelt sich vom Distributor zum Systempartner. Hat das klassische Distributionsmodell ausgedient?

Martin Dibold: Das klassische Distributionsmodell ist nach wie vor unser Kerngeschäft und wird es auch bleiben. Viele unserer Kunden kaufen Displays, Touch oder Rechner zu und ergänzen so ihr Know-how mit der passenden Hardware. Ein Beispiel: Gerade im Smart Home-Bereich sind viele reine Software-Anbieter unterwegs, wir liefern die Hardware. Aber ganz klar: Die Zukunft geht in Richtung System.

Hat sich der Wandel durch die Schnelllebigkeit beziehungsweise den Trend hin zu Industrie 4.0 beschleunigt?

Dibold: Mit der Entwicklung der PCAP-Technologie, also der Projected Capacitive Touchscreen-Technologie, im Jahr 2008 hat sich extrem viel verändert: Bei resistiven Touchscreens wurde einfach ein Gehäuse ergänzt, mit PCAP gab es plötzlich Designmöglichkeiten. Man kann mit Glas als Oberfläche spielen, Kanten sichtbar oder halbsichtbar machen, polieren, verschiedene Farben und Einfräsungen realisieren, Slider oder Glastaster. Die Kunden geben mehr Geld für die Glasoberfläche als für das restliche System aus, denn über Design können sie sich differenzieren. Allerdings sind damit neue Fragen aufgetaucht, die wir am Anfang nicht beantworten konnten. Heute sind wir Glasspezialisten: Wir können genau sagen, welches Glas sich für welche Anforderung eignet und wie es bearbeitet werden muss.

Arbeiten Sie in diesem Bereich mit Partnern zusammen?

Dibold: Die wenigsten, die Glas verkaufen, stellen es auch her. Entscheidend ist das Veredeln von Glas: Es gibt einige Glashersteller, doch nur wenige Glasveredler, sprich: die Glas bedrucken, polieren, schleifen oder Fräsungen machen. Wir arbeiten mit mehreren Partnern zusammen, denn nicht jeder kann alles.

Wie ist es in der Industrie: Sind Fingerführungen und Einfräsungen immer noch gefragt, vor allem vor dem Hintergrund des Hygiene-Gedankens?

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Martin Dibold ist Geschäftsführer bei Hy-Line Computer Components.

© Hy-Line

Dibold: Das hängt von der Anwendung ab: In der Medizin wird auf Einfräsungen verzichtet, da es eine Schmutzkante sein kann. An einer Maschine in der Produktion spielt das eine eher untergeordnete Rolle.

Technischer Support zählt zu Ihren Kernkompetenzen eines Distributors. Wie groß ist der Schritt von dort zum Entwicklungspartner?

Dibold: Für uns war es wichtig, Know-how im Haus zu haben und unabhängig zu sein. Das Know-how steckt in der Kalibrierung des Touchdisplays. Nehmen wir das Smartphone als Beispiel: Ist das Display nass, funktioniert es teilweise nicht mehr. In der Industrie undenkbar: Wir haben Anforderungen, da müssen Displays mit dicken Handschuhen auch im Regen bedient werden könnten. 

Dies einzustellen, dauert etwa eine Woche. Es war ein riesiger Schritt, dieses Know-how ins Haus zu holen und nicht beim Hersteller zu belassen. Aber es lohnt sich allein durch die Zeiteinsparung: Früher mussten wir Kundensysteme bei den kleinesten Änderungen zum Hersteller schicken – das dauert. Heute gehen wir bei Bedarf mit dem Kunden selbst ins EMV-Labor.

Finger ist nicht gleich Finger – Systemeinstellung nach Kundenwunsch

Sie sagten gerade, die Kalibrierung des Touch dauert eine Woche. Pro Display oder pro System?

Dibold: Touch ist abhängig vom System, in dem er eingebettet ist. Erst, wenn das System fertig ist, wird es kalibriert. In der Kalibrierung werden alle Eventualitäten mit einbezogen, dafür benötigen wir etwa eine Woche. Ein ‚passt schon‘ reicht nicht aus, daher bitten wir unsere Kunden um genaue Angaben zur Betriebsumgebung, Anwendung et cetera. Wie haben beispielsweise genau den Handschuh, mit dem das System am Ende bedient wird. Außerdem ist nicht jeder Finger gleich, daher haben wir verschiedene Testfinger bei uns.

An jedem System arbeiten verschiedene Mitarbeiter, Handschuhe können je nach Mitarbeiter unterschiedliche Materialien haben. Wie funktioniert das?

Dibold: Es geht mehr um die Dicke als um das Material an sich. Wir stellen nicht ‚auf Kante‘ ein, sondern orientieren uns an verschiedenen Szenarien. Es gibt eine physikalische Grenze, die reizen wir aus. Es gilt eine Balance zu finden zwischen ‚er funktioniert, löst aus, wenn ich ihn berühre und ist noch nicht überempfindlich‘. Herausfordernd sind die Kanten:  Auch an den Kanten möchte ich die Touchfunktion uneingeschränkt nutzen können. Denken Sie zum Beispiel an das X rechts oben in der Ecke. Dieses soll auch jederzeit bedienbar sein. Hier haben wir spezielle Edge Compensation Einstellungsmöglichkeiten. Hinzu kommt, dass Glas angeritzt und gebrochen wird; beim Brechen entstehen an den Kanten Mikrorisse, die herausgeschliffen und poliert werden. Deswegen sage ich, wir sind auch Glasspezialisten.

Hy-Line bietet Touch-Displays mit angeschlossenen Embedded-Systemen. Welche Vorteile bietet Rechenleistung direkt am Display?

Martin Dibold: »Meist ist die Hardware eng definiert, hier gibt es nicht viel Spielraum. Über Software kann ich mich differenzieren.«

© Hy-Line

Dibold: Zum einen bietet es Vorteile in der Ansteuerung des Displays: Weniger Komponenten, weniger Kabel, weniger Fehlerquellen. Außerdem können direkt am HMI Berechnungen, beispielsweise für Machine-Learning-Anwendungen durchgeführt werden. Allerdings benötige ich hierfür die nötige Rechenleistung.

Wie lassen sich Systeme auf- und umrüsten?

Dibold: Hier spielen Plattformen ihre Vorteile aus: Kontron, ehemals Fujitsu, beispielsweise bietet eine Plattform mit unterschiedlichen Rechenleistungen an. Einfach ein Board herausnehmen und ein Neues mit höhere Leistungsdichte reinschieben. Allerdings muss manchmal die Kühlung angepasst werden. Auch aus diesem Grund bieten wir ein Kühlkonzept für mehrere Leistungsstufen an.

Welche Sensoren können in den Touch eingebaut werden?

Dibold: Vom Näherungssensor über sensitive Taster, von Kameras bis hin zu RFID, Temperatur- und Feuchtesensoren – der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Welche Rolle spielt Software?

Dibold: Software wird immer wichtiger. Meist ist die Hardware eng definiert, hier gibt es nicht viel Spielraum. Über Software kann ich mich differenzieren, vor allem in Richtung Design: Sieht das Hardware-System schon sehr gut aus, kann ich über Visualisierungssoftware den positiven ersten Eindruck noch einmal verstärken. Vor allem bei holografischen Displays ist Software entscheidend.

Können Sie das weiter ausführen?

Dibold: Wie bei jedem Display habe ich einen gewissen Pixelpitch, im Prinzip die Auflösung. Bei holografischen Displays habe ich eine gewisse Limitierung, so dass eine ‚normale Software‘ nicht so gut aussieht. Die Software muss angepasst werden, damit die Größe von Buttons, die Schrift, die Platzierung von Elementen sowie Kontrast und Farbe passen. Das angezeigt Bild ist bei holografischen Displays kleiner als das Ursprungsbild, das muss ich beachten.

Ein weiterer Punkt ist die Bedienfreundlichkeit. Eine intuitive Bedienbarkeit ist wichtig, allerdings unterscheiden sich die Vorstellungen je nach Branche. Sie muss zielgruppenspezifisch sein.

Re-Design aufgrund von Lieferschwierigkeiten

Apps können auch auf Smartphones installiert werden. Wird das Smartphone bzw. das Tablet klassische Industrie-HMI ersetzen?

Dibold: ‚Bring your own Device‘ ist hier das Schlagwort. Toll in der Theorie, in der Praxis aber mit Hürden verbunden. Die industriellen Anforderungen an das Bediengerät sind immer noch hoch, Staub, Feuchtigkeit, et cetera. Außerdem muss Anwendungssoftware immer an das aktuelle Betriebssystem-Update von gängigen Smartphones angepasst werden; der Aufwand ist also sehr hoch.

Welche Trends haben sich im Bereich Bedienen und Beobachten durch Corona ergeben bzw. verstärkt?

Dibold: Berührungslose Bedienkonzepte sind gerade im öffentlichen Bereich spannend – nicht nur wegen Corona, sondern auch aufgrund der Bedienerfreundlichkeit. Im Grunde kann man sagen: Alles, was der Kunde im Privatbereich nutzt, möchte er auch in der Industrie bzw. am Arbeitsplatz haben. Das heißt, alles, was ich heute im Auto oder auf dem Smartphone habe, kommt zeitverzögert in der Industrie an. Sprachsteuerung ist gang und gäbe, Gestensteuerung wird kommen.

Stichwort Sprachsteuerung: Benötigt man dann überhaupt noch ein Touch-Display?

Dibold: Wir stellen uns schon länger die Frage: Was kommt nach Touch? Was erwartet uns in fünf Jahren? Sprachsteuerung ist spannend, aber was ist mit Menschen, die heiser sind oder generell nicht sprechen können? In Umgebungen, wo ich häufig die Hände voll oder verschmutzt habe, ist Sprachsteuerung super. Ich denke dabei an den Medizinbereich oder Großküchen. Ähnlich verhält es sich bei Gestensteuerung. Berührungslose Steuerungen sind klasse, im Moment braucht es aber noch eine weitere Steuerungsmöglichkeit.

Welche Geschäftsmodelle entstehen durch und mit Software?

Dibold: Im Moment ist Software hauptsächlich ein Mittel, um die Hardware und der Anwendung noch zum nächsten Schritt zu verhelfen. In Zukunft wird sie aber auch zum Stand-alone-Produkt, als Beispiel sei die Sprachsteuerung erwähnt.

Welche Frage wird Ihnen beinahe immer gestellt?

Dibold: Im Prinzip geht es meist um Langzeitverfügbarkeit, sei es in der Automatisierung oder der Medizintechnik. Im Moment ist aber die erste Frage: Kannst du liefern?

Und, können Sie?

Dibold: Wir haben die gleichen Herausforderungen wie andere auch. Bis jetzt läuft es relativ gut und wir können das meiste liefern. Manchmal bieten wir Alternativen an. Ein Beispiel: Ein Display war nicht mehr lieferbar und wir haben es Form-Fit-Function-kompatibel entwickelt, weil der Display Controller nicht erhältlich war. Wir haben einen anderen verfügbaren Controller verwendet. Einzig die Software-Ansteuerung für dieses Bauteil musste angepasst werden, was einen Tag Aufwand bedeutete. Kein Vergleich zu einer monatelangen Wartezeit auf den ursprünglichen Controller.

Worin sehen Sie Ihre Hauptaufgabe als Entwicklungspartner?

Dibold: Unsere Aufgabe ist es, viel zu hinterfragen: Was genau sind die Zielanwendungen? Was ist das Traum-USP? Was ist ‚must have‘, was ist ‚nice to have‘? Im Grunde ist es ein Abwägen zwischen Entwickler, Produktmanager und Einkäufer, denn hier treffen drei Interessen aufeinander: der eine möchte eine möglichst technisch interessante Lösung anbieten, der andere möchte viel verkaufen und der Dritte möglichst wenig zahlen. Unsere Aufgabe ist es, alles zusammenzubringen und das bestmögliche System zum bestmöglichen Preis anzubieten.

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