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Artikel und Hintergründe zum Thema

nachgehakt! - bei Dr. Rainer Stetter, ITQ

Meinrad Happacher,

15 verlorene Jahre?

Die Mehrheit der Maschinen- und Anlagenbauer hat signifikante Schwächen hinsichtlich der Beherrschung ihrer interdisziplinären Entwicklungsprozesse – zu diesem Ergebnis kam vor 15 Jahren das Forschungsprojekt Bestvor. Rainer Stetter war maßgeblich an dem Projekt beteiligt und erläutert im Interview, wie sich diese Situation seit 2009 verändert hat.

Dr. Rainer Stetter, Geschäftsführer ITQ © ITQ

Herr Stetter, 15 Jahre sind seit dem Forschungsprojekt Bestvor vergangen. Wie hat sich die Entwicklungsthematik in der Mechatronik seither gewandelt?

Wir haben damals mehr als 100 führende Unternehmen in der DACH-Region im Rahmen des mit dem VDMA initiierten Projektes Bestvor befragt (Anm. d. R.: Bestes Vorgehen für die Entwicklung mechatronischer Systeme im Maschinen- und Anlagenbau). Das zentrale Ergebnis war, dass nahezu alle Unternehmen große Schwächen in der Abwicklung von Software-Projekten hatten und dass die Software-Abteilungen nur schlecht an die gut funktionierenden mechanischen Konstruktionsabteilungen angebunden sind. Unsere große Sorge damals war, dass die Unternehmen die damalige Innovationsführerschaft – die in der Vergangenheit oft auf der überlegenen Mechanik beruhte – verlieren werden, wenn die Unternehmen nicht ihre Software-Skills verbessern. In den letzten Jahren hat sich sehr viel im allgemeinen Softwarebereich getan. Insbesondere das Thema agile Softwareentwicklung ist überall zu hören, aber auch teilweise zu spüren. Das heißt, grundsätzlich hat sich die Awareness für das Thema Software deutlich gebessert. Jedoch: Sich einer Sache bewusst zu sein, reicht oft nicht aus. Man muss in seinem täglichen Leben auch sein normales Prozedere – in diesem Fall die Entwicklungsvorgehensweise - ändern. Und diesbezüglich hapert es in vielen Unternehmen noch sehr.

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Sie haben sich mit Ihrem Unternehmen die letzten 15 Jahre intensiv bemüht, Aufklärungsarbeit zu betreiben und eine höhere Sensibilität für das Thema Software zu schaffen. Wie erfolgreich würden Sie Ihre Bemühungen einschätzen?

Es stimmt. Wir haben viele Jahre lang intensiv mit verschiedensten Verbänden zusammengearbeitet, Forschungsprojekte wie Bestvor vorangetrieben, Benchmark-Foren zum Thema Entwicklungsmethodiken angeschoben und auch mit Tool-Herstellern zur Verbesserung der Entwicklungsabläufe kooperiert. Leider ist eine flächendeckende Einsicht, sich deutlich in Richtung Software entwickeln zu müssen, bis heute nicht überall im Maschinen- und Anlagenbau angekommen.

Wo sehen Sie die Gründe für die schleppende Verbesserung der Lage?

Dafür gibt es mehrere Gründe. Ein großes Problem ist, dass Erfolg – scheinbar - recht gibt. Über viele Jahrzehnte waren deutsche Unternehmen führend. Der hohe Qualitätsanspruch und der ideenreiche Ingenieursgeist insbesondere in der Mechanik waren out-standing im internationalen Vergleich.

Dabei hat der deutsche Maschinenbau übersehen oder verdrängt, dass die Konkurrenz im Ausland nicht schläft. Die Folge ist, dass in einigen Branchen nun hinter vorgehaltener Hand gesagt wird, dass die chinesischen Maschinen mechanisch inzwischen genauso weit entwickelt sind wie die deutschen, im Bereich der Software aber teilweise weiter beziehungsweise schneller und flexibler auf neue Anforderungen reagieren. Zudem kommt noch, dass die chinesischen Elaborate oft nur 50% der deutschen Maschinen kosten. Als Quintessenz lässt sich sagen: Deutschland hat das Thema Digitalisierung flächendeckend verschlafen. So auch in diesem Bereich.

Würden Sie die Lage als hoffnungslos beurteilen oder sehen Sie doch noch Hebel, um das Manko der Entwicklungsabteilungen im Maschinenbau zu verbessern?

Unsere Unternehmen haben nach wie vor einen guten Leumund in dieser Welt. Aber es ist wahrlich an der Zeit, dass sich die Branche am Riemen reißt und wieder erfinderisch wird, sich auf neue Dinge einlässt und die ungeliebte Software nicht als Anhängsel versteht, sondern als Ansatz für Innovation. Nur wenn der Maschinenbau endlich erkennt, dass man heute Software mit Maschine verkauft und nicht mehr Maschine mit Software, dann hat man die Zeichen der Zeit verstanden.

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