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Artikel und Hintergründe zum Thema

Nachgehakt bei Wolfgang Schenk

Meinrad Happacher,

Ein neues Echtzeit-Ethernet

Die IEEE-Arbeitsgruppe 802.1 ist für die weltweite Standardisierung von Ethernet zuständig. Eines ihrer Teams – die Audio/Video Bridging Task Group – ist jetzt dabei, bis 2016 einen Standard zu spezifizieren, der einen neuen Meilenstein im deterministischen Verhalten von Ethernet setzen soll. Hirschmann ist in der Task Group vertreten; Geschäftsführer Wolfgang Schenk erläutert die Details.

Wolfgang Schenk, Geschäftsführer bei Hirschmann "Es wird nur einen IEEE-Standard geben"

© Hirschmann

Herr Schenk, die IEEE will bis 2016 ein neues deterministisches Ethernet-Verfahren standardisieren. Sind die verfügbaren Lösungen nicht deterministisch genug?

Es gibt verschiedene Verfahren, die Determinismus garantieren können, das stimmt. Aber es gibt bis heute kein einheitliches Verfahren. Mit anderen Worten: Der Markt ist in mindestens zehn verschiedene Lösungen zersplittert, von denen Ethercat, Profinet, Powerlink und Sercos III sicherlich die wichtigsten sind. Aber keine dieser Lösungen ist so verbreitet, dass sie ein gewisses Potenzial – sprich Stückzahlen – für ein günstiges Preisniveau erreichen könnte. Nur durch einen offenen und weltweit einheitlichen Standard für alle zeitkritischen Anwendungen wird die Akzeptanz für Ethernet und damit auch das Produktangebot erheblich größer werden als bei den bisherigen anwendungsspezifischen Lösungen. Deshalb hat sich die IEEE auf die Fahnen geschrieben, einen solchen Standard zu definieren. Zudem wird dadurch die Interoperabilität der Produkte in einem viel größeren Rahmen gewährleistet, wovon vor allem die Anwender profitieren.

Welche Anwendungsgebiete sollen mit dem Standard erreicht werden?

In der Automation sind das etwa Motion Control, also die Antriebssteuerung, oder schnelle Steuerungssysteme. Aber der IEEE-Ansatz geht viel weiter und umfasst letztlich alle Anwendungen, die ein deterministisches Verhalten des Netzwerks erfordern. Neben Automatisierern engagieren sich vor allem Unternehmen aus der Automobilindustrie in der Arbeitsgruppe. Sie wollen ein deterministisches Ethernet für Steuerfunktionen im Fahrzeug verwenden. Andere Treiber kommen aus den Bereichen Messtechnik, Luftfahrt, Schienenverkehr und dem professionellen Audio- und Videobereich; ganz entscheidend ist, dass die Chiphersteller mit dabei sind, die das Ergebnis dann in Silizium gießen werden.

Wie werden die Leistungs-Eckdaten des neuen Standards aussehen?

Sie gehen buchstäblich bis an die Grenzen des technisch Machbaren. Denn die Konzepte, die in der Diskussion sind, werden kürzeste Laufzeiten, Bandbreitenreservierung und ein exakt vorhersehbares Verhalten des Netzwerks bei kritischen Datenströmen garantieren. Außerdem soll das neue Verfahren so definiert werden, dass es skalierbar ist. Dadurch können auch Anwendungen, die heute noch gar nicht absehbar sind, in Zukunft abgedeckt werden.

Braucht es eine solche Leistungsfähigkeit im industriellen Umfeld wirklich?

Viele Anwendungen, vor allem im Bereich Motion Control, bei denen ein strenger Determinismus und minimale Lauf- und Zykluszeiten notwendig sind, können mit den existierenden Verfahren realisiert werden. Aber der technologische Fortschritt, da muss man kein Prophet sein, wird nicht stehen bleiben. Es wird komplexere Anwendungen geben, die noch strengere Anforderungen stellen. Das können etwa Schutz- und Steuerungsapplikationen im Smart Grid sein oder inno­vative Automatisierungskonzepte mit durchgängigen Hochleistungs-Netzwerken über die gesamte Fertigungskette, wie sie unter dem Stichwort „Industrie 4.0“ aktuell diskutiert werden. Alle Ansätze haben eines gemeinsam: Sie beruhen auf innovativen Informations- und Kommunikationstechnologien, frei nach dem Motto „schneller, höher, weiter“. Und dazu sind Systeme erforderlich, die unter anderem große Datenmengen verarbeiten können und extrem kurze Reaktionszeiten haben.

Die Feldbus-Vergangenheit hat gezeigt, dass sich maßgebliche Anbieter gerne gegen offene Standards sperren und die Marktdurchdringung blockieren. Droht den Aktivitäten der AVB Task Group nicht dasselbe Schicksal?

Nein, keineswegs. Die angedeuteten Vorgänge haben sich vornehmlich in der IEC abgespielt. Dort geht es um branchenspezifische Standards. Und wenn man sich nicht auf ein Verfahren einigen kann, werden eben mehrere verabschiedet. Das gibt es bei der IEEE nicht. Man denke nur an den Wireless-LAN-Standard 802.11n, um den lange gerungen wurde, denn es gab mehrere konkurrierende Verfahren. Am Ende hat sich die Philosophie der IEEE durchgesetzt: Es kann je Anwendung nur eine Technologie geben. Die Arbeitsgruppe 802.1 ist das mit Abstand wichtigste Gremium für die Definition der Ethernet-Technologie. Was dort beschlossen wird gilt und zwar weltweit. Außerdem geht es bei dem neuen deterministischen Ethernet-Verfahren, wie schon erwähnt, nicht um eine reine Lösung für die Automatisierung. Das macht schließlich auch den besonderen Reiz aus. Denn der Markt für Automatisierungstechnologie ist begrenzt. Wenn jedoch zig Millionen Kraftfahrzeuge oder zahlreiche Bildverarbeitungssysteme damit ausgestattet werden, reden wir nicht über ein Volumen von Hunderttausend Geräten pro Jahr, sondern von vielen Millionen. Das ist allemal den „Schweiß der Edlen“ wert.

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