zuruck zur Themenseite

Artikel und Hintergründe zum Thema

TSN

Jürgen Jasperneite, Sebastian Schriegel | Meinrad Happacher,

Der Digitale Zwilling

Die Eigenschaften von Ethernet TSN bringen eine hohe ­Systemkomplexität mit sich. Wie kann ein Digitaler Zwilling helfen, mit dieser Komplexität besser umzugehen?

© Fraunhofer IOSB-INA

Die industrielle Automation gehört zu den operativen Technologien (Operation Technology – OT) einer Fabrik, in der heute Feldbusse und Echtzeit Ethernet eingesetzt werden. Diese beruhen auf IEEE-802.1- und IEEE-802.3-Ethernet-Elementen die für die notwendige Echtzeit-Fähigkeit mit IEC-Standards ergänzt wurden. Die Systeme (Profinet, Sercos III, Ethercat) sind untereinander nicht interoperabel.

Die bisherige (links) und die zukünftige Automatisierungsarchitektur mit den entsprechenden Applikations- und Kommunikationseigenschaften.

© Fraunhofer IOSB-INA

Für die Vernetzung auf den höheren funktionalen Ebenen einer Fabrik werden IT-Technologien wie Ethernet und TCP/IP verwendet, welche nach dem Best-Effort-Prinzip arbeiten. Die Kopplung zur Feldebene erfolgt über Gateways. Die Konfiguration von Kommunikationsbeziehungen und die Zuordnung von Variablen zwischen Kommunikationssystemen und Applikationen erfolgt manuell und statisch.

Für Industrie-4.0-Applikationen wird eine durchgängige Vernetzung vom Sensor bis in die Cloud gefordert, die flexibel ist und eine stoßfreie Rekonfiguration während der Laufzeit zulässt. Die Architektur, welche dies leisten soll, wird als Industrial Internet of Things (IIoT) bezeichnet und löst die hierarchisch organisierte Automatisierungspyramide ab. IEEE 802.1 Ethernet TSN (Time-Sensitive Networking) wird dabei als Kandidat für die Kommunikations-Infrastruktur gesehen, welche dies leisten kann, da verschiedene zeitsensitive und nichtzeitsensitive IT- und OT-Protokolle gleichzeitig das Netzwerk nutzen können. Neben der angestrebten IT/OT-Konvergenz ermöglicht Ethernet TSN Flexibilität (stoßfreie Re-Konfiguration) und eine skalierbare Kommunikationsleistung mit Bandbreiten von 10 Mbit/s bis 10 Bit/s.

Es handelt sich bei Ethernet TSN im Wesentlichen um neue beziehungsweise erweiterte IEEE-802.1-Ethernet-Bridging- Standards. Verschiedene Interessensgemeinschaften und Nutzerorganisationen kombinieren Ethernet TSN mit Kommunikationsprotokollen sowie Methoden der Gerätemodellierung und Konfiguration zu Gesamtlösungen. Beispiele sind die Profibus Nutzerorganisation (Profinet over TSN), Sercos International (Sercos over TSN), die OPC Foundation (OPC UA mit TSN) oder die CPLA (CC-Link IE TSN).

Um dem Anwender eine praktikable Lösung zu bieten, werden aus diesen IEEE-802.1-Standards einzelne Mechanismen ausgewählt (Preemption, Traffic Shaper, Link Speeds) und Ressourcen festgelegt (Anzahl der Stream-Einträge, Speicher, Latenzzeit, Queues, Zeitstempel-Auflösung). Um eine Konvergenz einer Lösung für die industrielle Automation zu gewährleisten, arbeiten die IEEE und die IEC an einem gemeinsamen TSN-Profil (IEC/IEEE 60802 TSN-IA), welches die TSN-Mechanismen und Ressourcen für das Anwendungsfeld der industriellen Automation definieren und auf das die Protokolle dann aufsetzen können. Durch Ethernet TSN soll die Netzwerk-Technik in der industriellen Automation also einheitlicher und damit interoperabel werden. Ein homogenes Profil kann aber aufgrund der Einsatzbreite vom Sensor bis in die Cloud nicht erreicht werden, da eine anforderungsgerechte Abdeckung der unterschiedlichen Einsatzgebieten entsprechend ausgeprägte Komponenten erfordert: So geht eine hohe Übertragungsgeschwindigkeit (Bandbreite) heute zumeist mit einer höheren Verlustleistung einher, was wiederum Einflüsse auf Baugröße, Geräteschutzklassen und auch Herstellungskosten hat. Darum ist der Planung von Ethernet-TSN-Netzwerken ein besonderes Augenmerk zu schenken.

Anzeige

Die IT- und OT-Netzwerk-Planung

Was ist bei der Planung eines Ethernet-TSN-Netzwerkes anders als bei einer reinen IT- oder OT-Netzwerk-Planung?

Bei einer IT-Netzwerk-Planung werden auf Basis von Anforderungen eine Topologie und Gesamtarchitektur, ein Sicherheitskonzept, die Dienstgüte (QoS), ein Adressierungsschema und Verfügbarkeitskonzepte festgelegt. Die Netzwerke stellen aber grundsätzlich nur eine Kommunikation nach dem Best-Effort-Prinzip oder mit einfachen Prioritätsklassen zur Verfügung. So sind Anwendungen, die TCP/IP nutzen, in der Regel elastisch und nutzen die Bandbreite, die verfügbar ist. Andere Anwendungen, wie etwa Multimedia, erfordern eine gewisse minimale Bandbreite. Das macht eine Planung vergleichsweise einfach, da die Datenströme für die einzelnen Anwendungen gar nicht oder nur grob geplant werden müssen.

Bei einer OT-Netzwerk-Planung sind die Anforderungen wie Rechtzeitigkeit sowie hohe Verfügbarkeit der Datenübertragung zu beachten. Die erforderlichen Ressourcen müssen also während der Netzwerk-Planung richtig dimensioniert werden. Die klassische zyklische Prozesskommunikation mit Feldbussen  zwischen einer Steuerung und dezentralen Feldgeräten in einer Funktionseinheit macht es dem Anwender leicht: Es sind wenige Angaben notwendig, wie die Topologie, die Anzahl der Teilnehmer, die Datenmenge pro Teilnehmer und die minimale Zykluszeit, um eine Netzwerk-Planung durchzuführen. Für den sicheren übergreifenden vertikalen und horizontalen Kommunikationsbedarf werden diese Funktionseinheiten dann über Gateways miteinander gekoppelt. Diese Art der Planung ist einfach und pragmatisch, bei Änderungen oder Anpassungen einer Maschine oder Anlage in deren Lebenszyklus aber unflexibel.

© Computer&AUTOMATION

Daher sollen diese Netzübergänge mit ihren manuellen Konfigurationsbedarfen im IIoT entfallen und die oben bereits erwähnte einfache und rekonfigurierbare Vernetzung ermöglichen. Ethernet TSN ist dafür ein Lösungsansatz, da dessen Protokolle durchgängig und konvergent in einem Netzwerk genutzt werden können. Durch die beschriebenen Ausprägungen von Komponenten für Ethernet TSN (Bandbreiten, Pufferspeicher, Port-Anzahl, Cut-Through, Traffic Shaper und Preemption) und einer freien Topologiewahl (Linie, Stern, Ring) kann TSN sehr gut an die Anforderungen angepasst werden. Da die einzelnen Datenströme bei TSN explizit konfiguriert werden müssen und die TSN-Komponenten unterschiedliche Fähigkeiten haben können, werden die Konfiguration und die Planung komplexer.

Das Netzwerk-Teil des Zwillings

Dem interoperablen Austausch von Informationen zwischen Lebenszyklusphasen von Maschinen und Anlagen, die automatisch interpretierbar sind, werden allgemein große Potenziale für Effizienzsteigerung und Flexibilisierung zugesprochen. Bereits heute entstehen über den Lebenszyklus Daten und Modelle, zum Beispiel CAD- und Simulationsmodelle, Konfigurationen für Maschinen oder Optimierungen des Ressourcenverbrauchs. Diese liegen jedoch in unterschiedlichen Datenformaten mit unterschiedlicher Datenstruktur und in unterschiedlichen Werkzeugen vor. Zukünftig soll ein Digitaler Zwilling die ganzheitliche Sicht auf Produkte und Produktionssysteme entlang ihres Lebenszyklus ermöglichen. Im it’s OWL-Leitprojekt ‚Technische Infrastruktur für Digitale Zwillinge‘ werden unter der Koordination vom Fraunhofer IOSB-INA solche Systeme entwickelt und erprobt.

© Computer&AUTOMATION

Die Netzwerk-Technik ist Teil eines Produktionssystems. Ergo bildet die Unterstützung während der Planungsphase eines Ethernet-TSN-Netzwerkes nicht nur die Basis für das Netzwerk-Management über den gesamten Lebenszyklus, sondern ist entsprechend ebenfalls Teil des Digitalen Zwilling. Der (Ethernet-TSN-basierte) Netzwerk-Teil eines Digitalen Zwillings einer Maschine besteht aus drei Grundkomponenten: einem Modell der Kommunikationsbedarfe, einem Modell des physikalischen Netzwerkes und einem Modell der Ethernet-TSN-Konfiguration inklusive des Scheduler, der zur Laufzeit genutzt werden soll. 

Die Applikation besteht aus dem Maschinensteuerungsprogramm und den verteilten Komponenten, wie Antriebe, Aggregate, IO-Stationen. Von besonderem Interesse ist zudem der für die Funktion notwendige Datenaustausch zwischen den Geräten (Endpunkte). Der notwendige Datenaustausch umfasst die Menge der zu übertragenden Daten, die Zykluszeit/Updatezeit – mit der die Daten aktualisiert werden –  sowie die Anforderungen an die Übertragungsverzögerung, die Synchronität zur Applikation und die stoßfreie Medienredundanz.

Der Digitale Zwilling einer Maschine umfasst auch das Ethernet-TSN-Netzwerk inklusive Scheduler.

© Fraunhofer IOSB-INA

Um in der Planungsphase sicher und präzise zu bestimmen, ob die Ressourcen eines TSN-Netzwerkes ausreichen, ist auch hier schon der gleiche Scheduler notwendig, der später im realen System eingesetzt werden soll. Steht dieser nicht zur Verfügung oder sind andere Teile des Digitalen Zwillings des Ethernet-TSN-Netzwerkes unvollständig, können auch mehr Ressourcen geplant werden (Over Provisioning): zum Beispiel höhere Bandbreiten und mehr Switches, um die Topologie anpassen zu können. Hier entstehen entsprechend höhere Anschaffungskosten. Zudem lassen sich keine Komponenten verwenden, die aufgrund Baugröße und Verlustleistung nicht mit den hohen Ressourcen ausgestaltet sind (z. B. Gigabit-Schnittstellen). Die Präzision der Modelle, die zum Planungszeitpunkt vorliegen, bestimmen also, wie präzise die Komponenten ausgewählt werden können.

Die Geräte-Eigenschaften lassen sich während der Planungsphase (offline) digitalen Datenblättern oder Gerätebeschreibungsdateien (eCl@ss, GSDML) entnehmen oder während der Inbetriebnahme oder Rekonfigurationsphase (online) über das Netzwerk einlesen (SNMP MIB, YANG, OPC-UA-Informationsmodell). Die Netzwerk-Topologie muss während der Planungsphase händisch geplant werden.

Die Werkzeuge

Netzwerk-Planungswerkzeuge sind bereits von den Automatisierungstechnik-Herstellern her bekannt. Das mit Ethernet TSN verwandte Profinet IRT kann beispielsweise mit allen Gerätedetails und auch dem entsprechenden Scheduler offline geplant werden; inklusive der Garantie, dass das Netzwerk online genauso funktioniert. Da die Profinet-IRT-Mechanismen allerdings eine stoßfreie Rekonfiguration nicht vorsehen, ist ein aktives Online-Netzwerk-Management mit Plug-and-Play-Services während der Inbetriebnahme, des Betriebes oder der Rekonfiguration nicht notwendig und daher mit der Nutzung einer digitaler Netzwerk-Modellierung mit einem Digitalen Zwilling nicht zu vergleichen.

An einer Umsetzung einer zentralen Netzwerk-Management-Umgebung für zeitsensitive und sichere Netzwerke arbeitet das Fraunhofer IOSB-INA im BMBF-Projekt FlexSi-Pro (Flexibilität und Sicherheit in der Produktionsanlage der Zukunft). Das Projekt ist Teil der 5G-Industrielle-Internet-Initiative des BMBF. Die Umsetzung des Digitalen Zwillings des physikalischen Netzwerkes (Gerätemodellierung) wird hier als OPC-UA-Informationsmodell vorgenommen. Die einzelnen Geräte nutzen einen OPC-UA-Server, der den Online-Zugriff auf die Digitalen Zwillinge ermöglicht (Lebenszyklusphasen: Inbetriebnahme, Betrieb, Rekonfiguration). Als Basis für eine Netzwerk-Management-Umgebung findet der Open-Source-SDN-Controller Open Dayligth Verwendung. Dieser wurde zunächst mit einem Plug-and-Play-Konfigurationsmechanismus für Geräte-Adressen und Routen erweitert. Die Konfiguration der Bridges erfolgt in dieser Umsetzung mit dem OpenFlow-Protokoll. Diese Lösung enthält also noch keine zeitsensitiven Protokolle. Im nächsten Schritt sollen bei Fraunhofer IOSB-INA entworfene Ethernet-TSN-Scheduling-Verfahren integriert werden, die das Ziel haben, möglichst einfach in der Handhabung zu sein und einen Einstieg in Ethernet-TSN-Scheduled Traffic zu ermöglichen.

Die Entwicklung und Nutzung von Digitalen Zwillingen für das Netzwerk-Management ist also in vollem Gange. Eine einheitliche Umsetzung gibt es bisher allerdings nicht. Die IEEE arbeitet derweilen an YANG-Modellen für die Darstellung von TSN-Funktionen, zum Beispiel P802.1Qcw – YANG Data Models for Scheduled Traffic, Frame Preemption, and Per-Stream Filtering and Policing. In der IEC/IEEE 60802 Joint TSN-Industrial Profile ist der Digital Twin als Use Case 34 mit den Anforderungen an ‚Reliable planning, development, testing, simulation and optimization‘ aufgenommen.

Bei Fraunhofer IOSB-INA werden die interoperable Einbettung von Netzwerk-Management-Modellen in die Digitalen Zwillinge von Maschinen und Anlagen unter anderem im it’s OWL-Leitprojekt ‚Technische Infrastruktur für Digitale Zwillinge‘ betrachtet.

Autoren:
Prof. Dr. Jürgen Jasperneite ist Leiter des Fraunhofer IOSB-INA in Lemgo, Vorstandsmitglied im Institut für industrielle Informationstechnik (inIT) und Professor für Computernetzwerke an der Hochschule Ostwestfalen-Lippe;
Sebastian Schriegel leitet bei Fraunhofer IOSB-INA in Lemgo die Arbeitsgruppe Industrielle Kommunikationssysteme und IoT.

  • Xing Icon
  • LinkedIn Icon
Anzeige
zurück zur Themenseite
Anzeige

Das könnte Sie auch interessieren

Anzeige

TSN

Ankommen in der Realität!

Time Sensitive Networking hat sich fest im Vokabular der Automatisierungsbranche ­etabliert. Alle namhaften Anbieter haben Aktivitäten zur Evaluierung oder sogar zur Einführung von TSN gestartet. Doch wo genau liegen die Ziele für den ­TSN-Einsatz...

mehr...
Anzeige
Anzeige
Anzeige

Industrie-Netzwerke

OPC UA und DDS vereint

Bis dato wurden OPC UA und DDS oft als Konkurrenten dargestellt. Konkurrenten, die beide auf dem Ethernet-Standard TSN aufsetzen werden. – Der Schlüssel einer erfolgreichen Automation von morgen liegt aber vielmehr in einer Kombination der drei...

mehr...

Industrie-Netzwerke / 5G

Wo es bei 5G noch hakt

5G in der Automation – ein derzeit heiß gehandeltes Thema. Wie schnell ist ein industrieller Einsatz von 5G tatsächlich zu erwarten? Welche Hemmnisse gilt es noch auszuräumen? Thomas Schildknecht fasst im Interview wesentliche Punkte zusammen.

mehr...
Anzeige
Anzeige
Anzeige

AS-Interface

Datenpipeline ASi-5

Hohe Datenbreite, kurze Zykluszeiten, verbesserte Integration intelligenter Sensoren und Aktuatoren mittels IO-Link sowie ­Cloud-Konnektivität per OPC UA – ASi-5 macht AS-Interface fit für die Anforderungen der Digitalisierung.

mehr...

Standards

OPC UA, MQTT und Co.

Das Industrielle Internet der Dinge (IIoT) deckt ganz unterschiedliche Anwendungsbereiche ab. Genauso vielfältig wie die Anwendungsbereiche sind die zur Auswahl stehenden Konnektivitätstechnologien und Standards. Wie lässt sich die jeweils passende...

mehr...
Jetzt Newsletter abonnieren