DSAG

Michael Moser | Meinrad Happacher,

So steht es um die SAP Industry Cloud

Die Industry Cloud von SAP soll nach deren Vorstellung zum wesentlichen strategischen Pfeiler auf der Transformationsreise der Fertigungsunternehmen werden. Ist dieses Ziel bereits erreicht? Welchen Nutzen hat die Cloud-Lösung schon heute?

© Chinnarach/AdobeStock

Die SAP positioniert die Industry Cloud prominent in der Mitte zwischen Anwendungen/Prozessen und technologischer Plattform – auf einer Ebene mit der Intelligent Suite, hinter der im Wesentlichen S/4HANA beziehungsweise  S/4HANA Cloud steckt. Sie soll die Intelligent Suite um Lösungen und Applikationen erweitern sowie ergänzen.

Kennen SAP-Anwenderunternehmen diese Positionierung überhaupt und haben sie vor, die Industry Cloud zu nutzen? Dazu hat die DSAG vor kurzem ihre Mitglieder befragt, mit ernüchternden Ergebnissen: 33 % hatten von dem Angebot noch überhaupt nicht gehört und erst 6 % nutzen die Industry Cloud. Ähnlich niedrig ist die Zahl derer, die ihren Einsatz planen: 7 %. Insgesamt stellte sich heraus, dass rund 70 % der Befragten im Portfolio der Industry Cloud keine relevanten Lösungen für ihre Branche oder ihr Unternehmen erkennen. 

Branchenprozesse erweitern und intelligenter machen

Bekanntheits- und Nutzungsgrad der 'Industry Cloud'.

© DSAG

Angesichts dieser Ergebnisse muss die Frage erlaubt sein, ob das SAP-Angebot schon reif für den praktischen Einsatz ist. Grundsätzliches Designprinzip der Industry Cloud ist es, Prozesse in der jeweiligen Branche zu erweitern beziehungsweise diese intelligenter zu machen. Damit drängen sich weitere Fragen auf: Was wurde aus den bewährten Industry-Solutions aus SAP ECC? Wurden sie mittlerweile vollständig in S/4HANA integriert? Und gibt es noch Branchen, die bei der S/4-Transformation vor überwindbaren Hürden stehen?

Positiv ist zunächst, dass SAP mit der neuen Produktgeneration mehr Branchen (aktuell 25) unterstützt als im bisherigen SAP ECC. Für 14 davon sind die aus ECC bekannten Branchen-funktionen nahezu vollständig in S/4HANA verfügbar – wesentliches Kriterium für eine Transformation. Dazu zählen die für die Fertigungsindustrie relevanten Branchenlösungen Automotive, Chemicals, Engineering Construction & Operations und Industrial Machinery & Components. Funktionseinschränkungen gibt es aktuell noch unter anderem in den Bereichen Aerospace & Defense, Oil & Gas, Defense & Security und Mill Products.

Kunden sollen (oder dürfen) selbst entwickeln

Bei der Industry Cloud handelt es sich aus Sicht der DSAG also nicht um komplette Branchenlösungen, sondern um Business-Applikationen mit dem Ziel, Prozesse einzelner Branchen zu unterstützen beziehungsweise sie intelligenter zu machen. Wer diese Applikationen entwickelt hat, spielt dabei keine Rolle. Viele dieser von SAP für jede Branche bereitgestellten Geschäftsanwendungen sollen von SAP-Partnern kommen. Aber auch jedem Kunden gibt SAP die Möglichkeit, eigene Applikationen unter dem Dach der Industry Cloud selbst zu entwerfen.

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Gründe für die Nutzung einer 'Industry Cloud'.

© DSAG

Ohne Applikationen keine Industry Cloud

Derzeit ist die Anzahl verfügbarer SAP-Apps noch recht bescheiden. Etwas mehr als 100 Partner-Apps gibt es (das sind 4,2 pro Branche) und mehr als 30 SAP-eigene Apps. Im Klar-text: Das Konzept der Industry Cloud steckt noch in den Kinderschuhen. Für erste Branchen ist sicher ein positiver Trend zu erkennen, aber um das Konzept ganzheitlich zu bewerten, muss noch einige Zeit ins Land gehen.

Business Transformation Plattform als Ersatz für NetWeaver?

‚Build your Own‘ – mit anderen Worten: Anwendungserstellung auf eigene Faust durch die Kunden – soll es richten und für die kritische Masse sorgen. Technische Basis dafür ist die Business Technology Plattform (BTP). Man könnte meinen, SAP wolle mit der BTP eine Art neuen NetWeaver aufbauen. Wird vielleicht S/4HANA künftig auf die altbewährte Plattform zum Aufbau von Geschäftsanwendungen sogar verzichten?

Im Wesentlichen besteht die SAP BTP aus vier Eckpfeilern: ‚Database & Management‘, ‚Analytics‘, ‚Intelligent Technologies‘ und ‚Application Development & Integration‘. Aus Anwendersicht ist insbesondere Letzterer von Bedeutung. Hier stehen zwei Produkte zur Verfügung, mittels derer sich bestehende Prozesse wie erwähnt erweitern und optimieren lassen: die SAP-Integration Suite und die SAP Extension Suite. Die DSAG sieht erste gute Ansätze im S/4HANA-Kontext, aber über das gesamte Portfolio ist noch eine längere Strecke zurückzulegen. Vor allem die Erweiterbarkeit von Cloud-Applikationen wird für Kunden künftig zum wichtigen Thema. Darin liegt ein wesentlicher Hebel für die Differenzierung der Geschäftsprozesse zwischen den Unternehmen.

Lichtblick API Business Hub

Besondere Bedeutung haben in diesem Kontext außerdem die Themen User-Experience, Security & Identity-Management sowie das Domain-Model. Hier sind erste positive Entwicklungen wahrzunehmen, wie der API Business Hub – ein Werkzeug nicht nur für Entwicklungsabteilungen, sondern auch für IT-Architekten, die darin solide Referenzarchitekturen mit den zugehörigen Best-Practice-Prozessen finden.

Michael Moser ist Fachvorstand Produktion & Supply-Chain- Management der Deutschsprachigen SAP-Anwendergruppe e. V. (DSAG).

© DSAG

Interessant ist das Erweiterungskonzept auch für Kunden, die in der Vergangenheit stärker auf Third-Party-Produkte gesetzt und dort ein durchgängiges Erweiterungs- und Integrationskonzept vermisst haben. Sie können nun erstmalig die Integration ihrer Third-Party-Produkte vorantreiben und somit etablierte Prozesse weiterentwickeln. Eine Transformation in die Cloud verursacht eben doch nicht nur Aufwand, sondern hält auch so manche Chance bereit.

Wichtig wird in der SAP-Strategie schließlich die Rolle der Hyperscaler. Hier muss es auf Grund der unterschiedlichen Partnerschaften mit SAP zwingende Unterschiede geben. Im Fall von Microsoft und Google beobachtet die DSAG vermehrt Aktivitäten, dass Technologien von diesen in den SAP-Business-Applikationen verbaut werden. Eine weitere Präzisierung der Hyperscaler-Strategie von SAP wäre wünschenswert.

Forum Edge & Cloud Control

Zentral oder dezentral? Diese Grundsatzfrage zieht sich schon seit rund drei Jahrzehnten durch die Automatisierungstechnik. Aktuell scheiden sich die Geister bei der Entscheidung: Was ist besser – Daten zentral in der Cloud oder dezentral am Edge in der Fertigung vorzuhalten und abzuarbeiten?

Für Automatisierer und Maschinenbauer, den OT-Experten/Expertinnen schlechthin, kommt erschwerend hinzu: Themen wie Cloud, Edge und künstliche Intelligenz haben ihren Ursprung in der IT. Damit prallen zwei Welten aufeinander: Die Zusammenarbeit ist häufig geprägt durch Missverständnisse und ein „aneinander vorbeireden“ bei dem Versuch, Probleme gemeinsam zu diskutieren und zu lösen.

Das Forum Edge & Cloud Control der Computer&Automation trägt genau dieser Problematik Rechnung: Im Automatisierer- und Anwender-Jargon beleuchtet das Forum die aktuellen Trends und Entwicklungen des Datenhandlings für industrielle Applikationen – von der Edge bis in die Cloud.

Werfen Sie einen Blick auf das Programm und melden Sie sich an!

 

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