Diagnose in Ethernet-Netzen
Prozessdaten effizient generieren
Die Idee hinter der Vision von der 'Smart Factory' ist die eigenständige Optimierung ihres Energiebedarfs sowie die Selbstdiagnose sich schleichend entwickelnder Prozess-Anomalien. Unabdingbare Voraussetzung hierfür sind jedoch präzise Prozessdaten. Wie lassen sich diese möglichst effizient generieren?
Ein Forschungsschwerpunkt der vierten industriellen Revolution – kurz Industrie 4.0 – ist die Selbstdiagnose von Maschinen, Anlagen und ganzen Fabriken auf Basis erfasster Prozessdaten. Dabei sollen die Inbetriebnahme beschleunigt und Stillstandzeiten vermieden werden. Denn unerwartete Stillstände von Produktionsanlagen und nicht optimierte Fertigungsprozesse verursachen Kosten, die vermeidbar sind. Ziel ist es, während der Inbetriebnahme den Menschen durch ein Assistenzsystem zu unterstützen, welches ihm mitteilt, dass Komponenten fehlerhaft oder falsch konfiguriert sind.
Grund für eine Meldung des Assistenzsystems kann beispielsweise der Verschleiß an Komponenten wie etwa Antrieben sein, der zu Veränderungen des Prozesses führt. Lässt sich dieser Verschleiß frühzeitig diagnostizieren, kann der Betreiber eine Wartung rechtzeitig einplanen, ohne dass es zu unerwarteten Ausfällen an der betroffenen Anlage kommt. Im Fokus aktueller Forschungsbemühungen steht hierzu die Vision, exakte Modelle jeder Maschine und Anlage zu realisieren, um Fehlerbilder sofort entdecken und Lösungsvorschläge unterbreiten zu können.
Mit sogenannten 'hybriden Automaten' wurde für diese Aufgabenstellung im Spitzencluster Intelligente Technische Systeme OstWestfalenLippe – kurz it´s OWL – durch das Fraunhofer-Anwendungszentrum Industrial Automation (IOSB-INA) in Lemgo bereits eine erste Lösung entwickelt. Hybride Automaten erkennen selbstständig Zustände, inklusive kontinuierlicher Variablen sowie vor allem zeitlicher Einschränkungen. Sie eignen sich damit ideal, um fertigungstechnische Prozesse beispielsweise auch mit dem zugehörigen Energiebedarf zu modellieren. Wurden bislang zwei Modelle für diskrete und kontinuierliche Signale manuell mittels Expertenwissen modelliert, so ist es durch die neu entwickelten Verfahren des maschinellen Lernens nun möglich, ein kombiniertes Anlagenmodell automatisch zu generieren. Erst dieser Schritt erlaubt die praktikable Anwendung intelligenter Diagnoseverfahren im Maschinen- und Anlagenbau.
Ein Beispiel für einen hybriden Automaten ist in Bild 1 dargestellt: Er besteht aus zwei Zuständen S0 und S1, welche jeweils den Verlauf einer kontinuierlichen Variablen beinhalten. Der Übergang von Zustand S0 in Zustand S1 bedingt das Event a, welches innerhalb der zeitlichen Beschränkung t1 auftreten muss, das heißt beispielsweise zwischen Mikrosekunde 2 und 5.
Um ein System mittels hybrider Automaten jedoch effizient modellieren zu können, müssen sehr exakte Daten direkt von den Echtzeit-Systemen verwendet werden. Die praktische Erfahrung am IOSB-INA hat gezeigt, dass eine asynchrone, aggregierte oder mit einem Jitter behaftete Datenerfassung für die Diagnose mittels hybrider Automaten ungeeignet ist. Denn diese verringert direkt die Genauigkeit der Anomalie-Erkennung und führt schlimmstenfalls zu Fehldiagnosen.
In der Forschung wurde diese Thematik bis dato eher stiefmütterlich behandelt, da bislang keine intelligenten Diagnoseverfahren mit derartigen Anforderungen der Praxis zur Verfügung standen. Aus diesem Grund setzten die gemeinsamen Forschungsarbeiten des Fraunhofer IOSB-INA und der Firma Hilscher genau an diesem Punkt an – basierend auf der Erkenntnis, dass die für eine intelligente Diagnose geforderte Genauigkeit nur direkt auf Feldebene zu erreichen ist. Um die daraus letztendlich resultierenden Ergebnisse besser einordnen zu können, sei zunächst der heutige Status quo skizziert.
Prozesswerterfassung heute und morgen
Die intelligente Diagnose ist heute kein integraler Bestandteil des Automationssystems. Dieses fokussiert bislang auf die Steuerung des Prozesses und wird zumeist von einem Anbieter als geschlossenes System geliefert, das keinen Zugriff auf die Rohdaten des Echtzeit-Systems ermöglicht. Um Prozessdaten in Visualisierungs- und SCADA-Systeme zu integrieren, kommen unterschiedliche Methoden zur Anwendung, die stets auf das Prozessabbild innerhalb der SPS zugreifen.
In diesem Kontext hat sich zum Beispiel OPC DA etabliert. Darüber hinaus kommen IEC-61131-3-Kommunikationsbausteine – etwa TCP/IP, UDP/IP oder SQL – zum Einsatz, um Daten an Leitsysteme zu übermitteln oder in Datenbanken abzulegen. Die Datenerfassung erfolgt hier asynchron zum Echtzeit-Ethernet und mit Abtastzeiten, die wesentlich länger sind als beispielsweise die Zykluszeiten der Ethernet-basierten Kommunikationslösungen Profinet und Ethercat. Oftmals werden auch lediglich verdichtete Daten übertragen, die für reine Visualisierungs-, MES- oder ERP-Applikationen zumeist ausreichen. Für das automatische Lernen der Anlagenmodelle und bei der Fehlersuche im Falle eines Stillstandes sind diese jedoch ungeeignet und lassen nicht immer eine hinreichend genaue Diagnose zu.
Problematisch ist weiterhin die zunehmende Heterogenisierung der Automation. Gerade wenn Anlagen zu überwachen sind, die selbst aus mehreren automatisierten Maschinen bestehen, wird der Betreiber mit Systemen verschiedener Hersteller beziehungsweise mit unterschiedlichen Bussystemen konfrontiert, deren Daten allesamt integriert werden müssen. Ein einheitlicher Datenzugriff besteht hier, wie bereits erwähnt, erst ab der Steuerungsebene. Auch aufgrund dieser Anforderungen an intelligente Systeme in der Produktionstechnik wird erwartet, dass zukünftig auf Feldebene Prozessdaten mit einer um ein Vielfaches höheren Genauigkeit als heute möglich direkt von untereinander synchronisierter Sensorik und Aktorik abrufbar sind.
Beispielsweise ermöglicht OPC UA – der Nachfolger des bereits als De-facto-Standard zu bezeichnenden OPC DA – die direkte Implementierung auf Feldgeräten, wie das Fraunhofer IOSB-INA bereits erfolgreich unter Beweis stellen konnte: Exemplarisch wurde hier der weltweit kleinste OPC-UA-Server mit einem Footprint von nur 15 kByte auf einen Profinet-Protokollchip mit ARM9-CPU gebracht. Die gängige Ist-Situation unterscheidet sich jedoch noch von dieser Vision: Wer Echtzeit-Ethernet-Netzwerke hochgenau analysieren und Fehler diagnostizieren muss, greift in der Regel auf Ethernet-Analysesysteme wie etwa den Netanalyzer von Hilscher zurück (Bild 2). Derartige Hardware bietet die Möglichkeit, Ethernet-Netzwerke zu analysieren und Telegramme hochgenau mitzuschneiden.
Neben der reinen Erfassung der Ethernet-Telegramme stehen dabei Analyse-Methoden zur Verfügung, mit denen sich das Zeitverhalten auf dem Netzwerk und die Netzauslastung messen lassen. Die Erfassungshardware arbeitet hierbei vollkommen passiv am Netzwerk, ist demnach problemlos auch in Bestandsanlagen einsetzbar, ohne negative Auswirkungen auf den Produktionsprozess befürchten zu müssen. Zumeist arbeiten Ethernet-Analyse-Systeme auf Frame-Basis, das heißt die softwaregestützte Auswertung bezieht sich auf das Decodieren des Übertragungsprotokolls, nicht jedoch auf die transportierten Prozessdaten. Genau diese Einschränkung sollten durch das gemeinsame Forschungsprojektes des Fraunhofer IOSB-INA und Hilscher aufgehoben werden.
Tiefe Ethernet-Kenntnisse nicht erforderlich
Im Rahmen des Projekts sind spezielle Verfahren für die Extraktion von Prozessvariablen aus erfassten Profinet- und Ethercat-Telegrammen entstanden. Ziel dahinter war, dem Anwender die Möglichkeit zu bieten mit Hilfe eines Netanalyzers einen Produktionsprozess zyklusgenau direkt vom Netzwerk zu erfassen und zu analysieren. Dadurch werden die zuvor genannten Nachteile einer Datenerfassung hinter der SPS eliminiert. Hauptaugenmerk dabei war, dass sich der Endanwender nicht mit der Ethernet-Kommunikation auf Byte-Ebene auseinander setzen muss. Mit anderen Worten: Eine tiefe Kenntnis des jeweiligen Ethernet-Systems, welches die Prozessdaten transportiert, wird beim Nutzer nicht vorausgesetzt. Die Netscope-Karte (Bild 3) bietet darüber hinaus eine Prozessdatenschnittstelle nach Labview, der grafischen Programmierumgebung von National Instruments. Damit wurde die Möglichkeit geschaffen, die erfassten Prozesswerte mit einer leistungsfähigen Softwarelösung für Mess-, Steuer- und Regelsysteme weiter zu verarbeiten.
Die Erfassungs-Hardware wird zur Aufzeichnung der Prozessdaten normalerweise direkt an der SPS an das Netzwerk angeschlossen. Mit ihr wird die gesamte Kommunikation zwischen SPS und Feldgeräten mitgehört. Durch die im Hintergrund ablaufende automatische Analyse des Telegrammverkehrs ist schließlich eine Extraktion der Prozesswerte möglich.
Bei Profinet beispielsweise läuft die Erfassung wie folgt ab: Eine SPS baut zu jedem Teilnehmer eine dedizierte Verbindung auf und legt fest, wo in den jeweiligen Echtzeit-Frames Prozessdaten einzelner Module zu finden sind. Diese Informationen werden von dem Analyse-Werkzeug genutzt, um die Zuordnung der einzelnen Prozessvariablen zu Telegramm-Inhalten zu ermöglichen. Zusätzlich zu den Informationen aus dem Verbindungsaufbau können GSDML-Dateien zu Profinet-Geräten nachgeladen werden, um eine weitere Unterteilung der einem Modul zugeordneten Prozessdaten zu ermöglichen und Klartextnamen zu einzelnen Werten darzustellen. Für Ethercat läuft die Erfassung ganz ähnlich ab: Hierbei werden die Klartextnamen der einzelnen Prozesswerte direkt aus der ENI-Datei importiert (Bild 4).
Letztlich wird es so auf einfache Art und Weise möglich, Variablen einzelner Feldgeräte im Netzwerk mitzuschneiden und die korrekte Funktionalität des Automationssystems zu überprüfen, Fehler direkt im Feld zu diagnostizieren und den Prozess zu optimieren. Besonderer Vorteil dabei ist, dass kein direkter Zugriff auf die SPS oder das SPS-Programm notwendig ist, um die Daten zu erfassen. Geschlossene Systeme lassen sich damit jederzeit und ohne großen Aufwand durch einen passiven Abgriff der Ethernet-Telegramme direkt auf dem Netzwerk untersuchen.
Der Weg in Richtung Industrie 4.0
Die vorgestellte Lösung bietet zunächst einen Zugriffspunkt zum Automatisierungsprozess, um Daten passiv und hochgenau erfassen zu können. Damit ist heute eine gezielte Fehlersuche, Optimierung und Überwachung des Produktionsprozesses möglich. Zukünftig ist denkbar, dass diese Datenzugriffspunkte eine einheitliche und standardisierte Schnittstelle zur Verfügung stellen. Über diese können die Messwerte dann an überlagerte Diagnose-Werkzeuge übergeben werden. Sie ermöglichen eine Diagnose und Zustandsüberwachung der gesamten Produktionsstrecke aus der Gesamtmenge aller erfassten Daten von unterschiedlichsten Stellen im Netzwerk. OPC UA bietet die notwendige technologische Basis zur Bereitstellung der Werte.
Große Anlagen, die geografisch weit verteilt sind, erfordern das parallele Mitschneiden von Prozesswerten an unterschiedlichen Stellen im Netzwerk sowie über viele verschiedene Messpunkte hinweg. Um auch hier die sehr hohen Anforderungen an die zeitliche Genauigkeit erfüllen zu können, sind mehrere Messpunkte untereinander zu synchronisieren. Mit dem Precision Time Protocol (PTP) nach dem Standard IEEE 1588 steht dafür deine standardisierte Technologie zur Verfügung, mittels derer eine einheitliche, synchronisierte Zeitbasis mehrerer Messstellen mit einer sehr hohen Genauigkeit realisierbar ist. Der Standard IEEE 1588 wird dabei stets dem aktuellen Stand der Technik angepasst, wie erst im September auf der vom Fraunhofer-Anwendungszentrum veranstalteten ISPCS in Lemgo geschehen.
Eine anlagenglobale, synchronisierte und umfassende Erfassung von Prozessmesswerten bildet dann schlussendlich die Basis für die Selbstdiagnose gesamter Fabriken und schafft damit die Voraussetzung zur Steigerung der Produktivität in der Industrie 4.0.
Autoren: Florian Pethig ist Mitarbeiter des Fraunhofer IOSB-INA;
Holger Pfrommer ist Gruppenleiter Netzwerk-Analyse bei Hilscher.














