Verarbeitendes Gewerbe
Produktions-Auswanderung
Nach einer Studie des Fraunhofer-Instituts für System-und Innovationsforschung (ISI) im Auftrag des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI), verlagerten zwischen 2004 und 2006 etwa 6600 deutsche Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes erhebliche Teile der Produktion ins Ausland. Mehr als die Hälfte der Unternehmen entschied sich für die neuen EU-Staaten in Osteuropa, knapp ein Viertel für China.
Das entscheidende Argument für die Umsiedelung nach China sind laut der Studie bei etwa 70 Prozent der deutschen Unternehmen niedrigere Löhne. Mit 55 beziehungsweise 44 Prozent folgen die strategischen Motive „Markterschließung“ und „Kundennähe“. Der Schwerpunkt in Osteuropa, insbesondere Tschechien und Polen, liegt bei nahezu allen befragten Unternehmen auf den Personalkosten. Die Kriterien Markterschließung und Kundennähe spielen dagegen kaum eine Rolle.
Dr. Steffen Kinkel, Leiter des Competence-Center Industrie- und Serviceinnovationen am Fraunhofer ISI fasst zusammen: „In China steht bei deutschen Unternehmen das lockende Marktpotenzial im Fokus, während die Osteuropa-Staaten eher als verlängerte Werkbank betrachtet werden“. China ist der Favorit für innovative, forschungsintensive und renditestarke Unternehmen mit einem höheren Qualifikationsniveau, die komplexe Produkte in Mittelserien fertigen. Meist handelt es sich um große Betriebe aus dem Maschinenbau und der Elektroindustrie. Die neuen EU-Länder sind dagegen für Unternehmen mit niedrigerer Rendite und einem rigiden Kostenmanagement, die mittel-komplexe Großserienprodukte im Bereich Fahrzeugbau, Kunststoff- und Elektroindustrie herstellen, interessant“.
Dr Willi Fuchs, VDI-Direktor sieht mit den Ergebnissen der Studie die Warnung des VDI vor dem Kostenargument bestätigt: „Wer sich im Ausland Märkte erschließen will und die Nähe zum Kunden braucht, für den kann eine Verlagerung von Produktionskapazitäten eine sinnvolle Option sein. Die Flucht vor mutmaßlich zu hohen Kosten insbesondere nach Osteuropa erweist sich dagegen allzu oft als Milchmädchenrechnung mit fatalen Folgen für die Beschäftigten hier vor Ort, die Umsatz- und Gewinn-Entwicklung der Unternehmen sowie für die deutsche Volkswirtschaft“. Glücklicherweise“, fügt Fuchs an, „ist der Trend zur Standortverlagerung ins Ausland seit etwa vier Jahren gebremst“. Gründe sieht Fuchs unter anderem in der trügerischen Euphorie der 90er Jahre und einer inzwischen nüchternen Betrachtung, weil in den meisten Fällen die Rechnung nicht aufgegangen sei. „Nur selten sind durch die Produktion im Ausland tatsächliche Kostensenkungen zu verzeichnen“, erklärt Fuchs.
In der vom Fraunhofer ISI durchgeführten Studie wurden zwischen 1995 und 2003 in regelmäßigen Abständen Unternehmen im Kernbereich des verarbeitenden Gewerbes, Metall- und Elektroindustrie, Chemische und Kunststoffverarbeitende Industrie, befragt. Ab 2003 wurde die Erhebung auf das gesamte verarbeitende Gewerbe in Deutschland ausgedehnt.











