50 Jahre Rutronik
»Mehr als ein stabiles Logistiksystem«
Zum 50jährigen Jubiläum erläutert Thomas Rudel, warum ein Distributor mehr bieten muss als ein stabiles Logistiksystem, warum der Schritt zum System- und Entwicklungspartner entscheidend ist und welches Risiko für Europa am Halbleitermarkt besteht.
Herzlichen Glückwunsch zu 50 Jahre Rutronik! Im Rückblick: Was war der bedeutendste Meilenstein Ihres Unternehmens?
Thomas Rudel: Bei 50 Jahren als Distributor gibt es einige bedeutende Meilensteine, die alle zum Erfolg beigetragen haben. In der Retrospektive sehen wir tatsächlich in jedem Unternehmensjahrzehnt von Rutronik Wendepunkte und Meilensteine, die uns als inhabergeführten, unabhängigen Distributor geformt haben. Ein erster großer Meilenstein war die Eröffnung unserer Firmenzentrale in der Industriestraße 2 in Ispringen, drei Jahre nach der Gründung des Unternehmens durch Helmut Rudel. Den ersten technologischen Wendepunkt und auch Meilenstein sehen wir in den 1980er Jahren, als durch den großen Bedarf an Mikrochips die Halbleiterindustrie rasend schnell wuchs. Als in den 90ern dann die Mobiltelefonbranche durch die Einführung des GSM-Netzes ihren Durchbruch erlebte, sich digitale Netze etablierten und das Internet unsere Lebenswelten veränderte, hat sich auch Rutronik erheblich vergrößert, um die neu entstehenden Märkte mitzugestalten. Kurz vor dem Jahrtausendwechsel gelang es Rutronik, zu einem der führenden Broadline-Distributionsunternehmen in Europa zu zählen und das mit einem umfangreichen Produkt-, Komponenten- und Serviceangebot.
2008 folgte dann für das Unternehmen Rutronik und die Familie Rudel der emotionalste Meilenstein: Die Staffelübergabe von meinem Vater Helmut Rudel an mich. Er fungiert seit dem als Präsident des Familienunternehmens. Technologisch stellten die 2000er Jahre die Weichen für drahtlose Kommunikations- und Informationstechnologien, weshalb wir 2005 unseren Wireless-Bereich gründeten. Und weil die Digitalisierung vor keinem Markt Halt macht, setze ich den nächsten Meilenstein in den 2010er Jahren, als der Umbruch in der Automobilbranche begann. Dieser zeigte sich allen voran in Innovationen rundum Konnektivität und die internetbasierte Verknüpfung von Fahrzeugen sowie die Entwicklung alternativer Antriebssysteme. Mit unserer 2014 gegründeten Automotive Business Unit verfügt Rutronik über eine unternehmensinterne Spezialisierung, die sich explizit auf die Beschaffungs- und Entwicklungsstrukturen von Kunden im Automobilbereich konzentriert.
Künstliche Intelligenz, Big Data, Robotik und Mensch-Maschine-Schnittstellen, Automatisierung und Industrie 4.0 – hier haben wir den nächsten Meilenstein, dem wir uns aktuell und in den kommenden Jahren widmen. Dazu kommen der sich verändernde Umgang mit Ressourcen und damit verbunden Umweltschutz, sich immer wieder neu formierende Weltmärkte, Herausforderungen in der Beschaffung aufgrund politischer Umstände… es warten noch einige Meilensteine auf uns.
In 50 Jahren geht es nicht nur rosig zu – was war aus Ihrer Sicht die schwierigste Zeit für das Unternehmen?
Rudel: Hier denke ich vor allem an die Wirtschaftskrise 2008 / 2009, als das Umsatzvolumen der Distribution (DTAM, Distribution Total Available Market) im Bereich der deutschen Elektronik- und Elektroindustrie auf ein Rekordtief von nur etwas mehr als 2,5 Milliarden Euro fiel. Die Weltwirtschaftskrise und der damit verbundene Negativtrend hinsichtlich der Preisstrukturen haben die Margen enorm reduziert. Dieses Tief forderte viele Unternehmen heraus, sich aus ihren Komfortzonen zu bewegen oder der Krise zum Opfer zu fallen. Neben den klassischen Distributionsleistungen wurden damals die „Extras“ zum entscheidenden Faktor, wo und ob ein Kunde kauft. Ein stabiles Logistiksystem reichte längst nicht mehr aus. Die Stärke von Rutronik lag und liegt darin, den Markt und vor allem die kommenden Entwicklungen und Trends genauestens zu kennen und analysieren. Entsprechend sind wir in der Lage frühzeitig unser Geschäftsmodell anzupassen, ergänzen Serviceleistungen und setzen eigene Leuchttürme, mit denen wir uns von Mitbewerbern unterscheiden und Krisen überstehen.
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Wie sieht denn die Roadmap für die nächsten zehn bis 15 Jahre aus?
Rudel: Unser Ziel ist natürlich weiterhin vernünftig zu wachsen. Das beinhaltet den kontinuierlichen Ausbau unserer F&E-Tätigkeiten und unsere Weiterentwicklung in Richtung Systemanbieter. Mit der Gründung der Rutronik System Solutions haben wir dafür bereits den Grundstein gelegt und bieten unseren Kunden mit dem RDK2, RDK3 und RDK4 sowie diversen Adapter Boards die Möglichkeit in der Vorentwicklungsphase ihrer Applikationen erheblich Kosten und Zeit einzusparen.
Weltweit setzen wir auf eine Regionalisierungsstrategie, um noch näher am Kunden zu sein und den länderspezifischen Markterfordernissen mit gewohnter Exzellenz begegnen zu können.
Als großer Ausbildungsbetrieb in der Region Pforzheim sehen wir uns zudem in der gesellschaftlichen Verantwortung. Wir bilden qualifizierte, junge Menschen aus, zum Beispiel durch ein duales Studium der Elektrotechnik, und ermöglichen qualifiziertem Nachwuchs den Weg in die Elektronik.
Welche technologischen Trends sehen Sie, die für Rutronik wichtig sind beziehungsweise werden und wie gehen Sie diese an?
Rudel: Wir denken in Zukunftsmärkten und wie sich diese miteinander verknüpfen beziehungsweise wie sich Technologien möglichst effizient und wirtschaftlich einsetzen und weiterentwickeln lassen. Wir verfolgen dafür auch einen „Deep-Tech-Ansatz“. Bei Grundlagenforschungen und Basis-Untersuchungen entsteht für Unternehmen immer ein extrem hohes Risiko, weshalb wir hier ansetzen und unseren Kunden bereits geprüfte und funktionierende Lösungen, basierend auf wissenschaftlichen Resultaten, anbieten. Entscheidend ist es dabei, immer einige Schritte voraus zu sein, weshalb wir regelmäßig tiefgreifende Marktforschung betreiben und uns intensiv der Zusammenarbeit mit einigen Hochschulen sowie Universitäten widmen. So entdecken wir immer wieder Ansätze, wie die gedruckte Elektronik, die das Potenzial haben disruptiv auf existierende Geschäftsmodelle einzuwirken und sie nachhaltig zu verändern.
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Was glauben Sie, was wird die größte Herausforderung der nächsten Jahre, geschäftlich und/oder technisch?
Rudel: Mit Sicherheit wird vor allem die Halbleitersituation nicht nur die Elektronikbranche weiterhin beschäftigen. Zu den größten Herausforderungen zählen wir dabei die Tatsache, dass der europäische Anteil am weltweiten Halbleitermarkt sich auf weniger als zehn Prozent beläuft. Dazu kommt, dass gerade einmal zehn Hersteller rund zwei Drittel des Gesamtmarktes ausmachen – mit nur zwei europäischen Unternehmen, die jedoch amerikanische Investoren besitzen. In dieser Entwicklung sehen wir erhebliche Risiken für den europäischen Wirtschaftsstandort. Für uns als der einzige große europäische Distributor bedeutet das leider einige erhebliche Hürden und Nachteile im internationalen Wettbewerb.













