ISO-Norm für Roboter
Intelligenter Assistent rückt in greifbare Nähe
Die Idee vom Roboter als „intelligenten Assistenten“ des Werkers ist nicht neu. Die Umsetzung scheiterte in der Vergangenheit allerdings insbesondere an der unklaren Normenlage hinsichtlich des Safety-Aspektes. Mit der ISO 10218-1: 2006 „Industrieroboter – Sicherheitsanforderungen“ hat sich die Ausgangssituation für ein „friedliches“ Miteinander ohne trennende Schutzeinrichtungen grundlegend geändert.
Die Gefahr, die von einer Roboterbewegung ausgeht, war bis vor kurzem weder durch den Menschen noch durch die Robotersteuerung sicher einschätzbar. Jegliche Änderung im Ablauf – selbst das einfache Reagieren auf veränderte „Umweltbedingungen“ – ist für den herkömmlich programmierten Roboter nicht möglich. Deshalb wird die Arbeitsfläche des stählernen Werkes üblicherweise auf eine klar definierte Aufgabe beschränkt und durch Schutzzäune eingegrenzt.
Meist nur einmal programmiert, arbeitet der Roboter seine Aufgaben mehr oder weniger unverändert ab und ist damit ideal dazu geeignet, monotone und klar definierte Aufgaben zu erfüllen. Das große Flexibilitäts-Potenzial industrieller Roboter-Applikationen konnte und vor allem durfte aufgrund der sicherheitstechnischen Restriktionen bislang nicht voll ausgeschöpft werden.
Mit der Entwicklung des „sicheren Industrie-Roboters“ im Jahre 2004 hat sich dies in Teilbereichen geändert. Mechanische und elektro-mechanische Begrenzungselemente, die direkt an der Robotermechanik befestigt waren, wurden durch eine sichere Positionserfassung aller Roboterachsen und sichere Software-Algorithmen auf einer elektronischen Sicherheitsbaugruppe abgelöst.
Die sichere Positionserfassung aller Roboterachsen hat es ermöglicht, die kartesische Position des Roboter-Flansches und des am Roboter befestigten Werkzeuges genau und sicher zu bestimmen. Der Roboter vergleicht nun permanent seine aktuelle Position mit den Positionen des Schutzzaunes und von Arbeits- oder Schutzräumen. Zusätzlich erlaubt der kartesische Ansatz, die aktuelle Geschwindigkeit des Werkzeuges sicher zu ermitteln und gegenüber konfigurierbaren Maximalwerten zu überwachen.
Mit diesem Entwicklungsschritt war die wichtigste Voraussetzung für die räumliche Kooperation von Werker und Roboter geschaffen. Gleichzeitig eröffneten sich damit hohe Einsparpotenziale hinsichtlich der benötigten Produktionsfläche. Zusätzlich ist es nun möglich, Handeinlegestationen mit einem minimalen Einsatz zusätzlicher Sicherheitstechnik zu realisieren. Trotzdem ist diese Entwicklung nur ein erster Schritt auf dem Weg hin zum sicheren Roboter der Zukunft, da auch hier der Arbeitsbereich von Werker und Roboter nach wie vor durch Schutzeinrichtungen abzutrennen ist.
Erst mit dem neuen, internationalen Roboter-Sicherheits-Standard ISO 10218-1: 2006, der seit Mitte 2006 Gültigkeit besitzt, können bei einer Vielzahl der Applikationen im wahrsten Sinne des Wortes die letzten „Hürden“ aus dem Weg geräumt werden. Unter dem Begriff des „kollaborierenden Betriebes“ beschreibt diese Norm zum ersten Mal explizit Maßnahmen, welche die direkte Zusammenarbeit des Werkers ohne trennende Schutzeinrichtungen mit dem Roboter erlauben. Für den Zeitraum, in dem der Werker den Roboter führt, sind nach ISO 10218-1 keine trennenden Schutzeinrichtungen erforderlich, wenn
- das Führungsgerät über einen Zustimmtaster und einen Not-Halt verfügt,
- der Roboter mit einer maximalen, kartesischen Geschwindigkeit von 250mm/s bewegt werden kann oder
- die Überwachung der aktuellen, kartesischen Geschwindigkeit des Roboters in Sicherheitskategorie 3 erfolgt.
Sind im Arbeitsablauf Phasen vorgesehen, in denen der Roboter im Automatikbetrieb arbeitet – also etwa Bauteile holt oder wieder ablegt –, gelten dieselben Sicherheitsvorschriften wie bisher. In diesen Phasen sind Werker und Roboter weiterhin durch Schutzeinrichtung voneinander zu trennen.
Der intelligente Manipulator
Kuka Roboter setzt diese Technologie des menschgeführten Roboters bereits seit 2006 im Bereich der Montage- und Fügetechnik erfolgreich ein. Der sichere Industrie-Roboter wird dabei durch den Werker mittels einer Handführung bewegt und erlaubt damit selbst komplexeste Füge-Operationen ohne den Einsatz kostenintensiver und anfälliger Sensorik. Als „intelligenter Manipulator“ übernimmt der Roboter hierbei die Bewegung des Teils im Raum und folgt den Bewegungsbefehlen, die der Bediener der Robotersteuerung über die Handführung mit dreistufigem Zustimmungstaster mitteilt.
Dieser Führungsgriff ist entweder an der Robotermechanik oder am Greifer befestigt. Die Sicherheit des Bedieners ist bei diesem Konzept durch die Vorgabe einer maximal zulässigen kartesischen Geschwindigkeit am Roboter-Flansch und einer maximal zulässigen Geschwindigkeit und Beschleunigung jeder Einzelachse gewährleistet. Alle Geschwindigkeiten und Beschleunigungen werden in sicherer Technik ständig durch die Sicherheitsbaugruppe des Roboters überwacht.
Aber auch dieser Schritt allein genügt nicht, um dem Roboter wirklich neue Anwendungsfelder auch jenseits des Industrieumfeldes zu eröffnen. In den Bereichen der Medizin- und Service-Robotik beispielsweise möchte man einerseits zwar die „klassischen“ Fähigkeiten des Roboters – also Präzision, Kraft und Ausdauer – nutzen; andererseits soll er zusätzlich über „menschliche“ Sinne und Eigenschaften verfügen.
Dazu gehört zunächst ein schnelles Reagieren auf externe Krafteinwirkungen, was ein intuitives Führen des Roboters erlaubt und die Gefährdung des Menschen durch den Roboter minimiert. Neben dieser Sensibilität ist die Fähigkeit zu sehen und darüber die eigene Umwelt zu erfassen der wohl wichtigste Sinn für den Roboter der Zukunft. Mit anderen Worten: Für eine erweiterte Kooperation von Mensch und Roboter muss letzterer in der Lage sein, sich in seiner Umgebung zu orientieren, Standort und Bewegungen des Werkers sicher zu erfassen und sicher darauf zu reagieren.
Beide Sinne stehen dem Roboter bereits zur Verfügung, sind jedoch aufgrund ungenügender Fehlersicherheit zurzeit für kooperierende Anwendungen nicht einsetzbar. Heutige Sensorik wurde für den Einsatz von Robotern im Automatik-Betrieb entwickelt und kommt ausschließlich bei Robotern „hinter Gittern“ zum Einsatz. Daher sind alle bis dato verfügbaren Systeme nur einkanalig aufgebaut und erreichen nicht die durch die Norm geforderte Sicherheits-Kategorie 3.
Ungeachtet dieser noch ungelösten Punkte, lässt sich festhalten, dass drei Kriterien den intelligenten Assistenzroboter von morgen bestimmen werden:
- sichere Robotertechnik als Basis-Funktion,
- schnelle Reaktion auf Kräfte
- und sicheres Erkennen der Umwelt.
Friedliches Nebeneinander – die Umsetzung
Wie sind diese Aspekte nun konkret technologisch umsetzbar und welche Auswirkungen hat dies auf den Umgang mit dem Roboter beziehungsweise auf dessen Programmierung?
Ein Kraft-Momenten-Sensor, der zwischen Roboter-Flansch und Werkzeug angebracht ist, setzt beim menschgeführten Roboter die Krafteinwirkungen am Werkzeug direkt in Roboterbewegungen um. Damit ist es dem Werker möglich, den Roboter über das Werkzeug direkt zu bewegen. Die Sicherheit des Werkers garantieren in diesem Fall ein zusätzlicher, zweikanaliger Zustimmtaster und eine sichere Überwachung der kartesischen Geschwindigkeit des Roboters. Diese sehr feinfühlige und intuitive Art der Roboterführung wird in Zukunft zum einfachen Programmieren von komplexen Roboterbahnen zur Anwendung kommen und herkömmliche Programmierphilosophien mittels textueller Bediengeräte ablösen.
Der Werker greift den Roboter direkt am Flansch oder dem Werkzeug und führt ihn an der gewünschten Bahn entlang. Diese Bahn wird gespeichert und kann sofort danach durch den Roboter in Automatik abgefahren werden. Speziell bei hochflexibler Fertigung mit kleinen Losgrößen reduziert die vereinfachte Programmierung die Kosten drastisch. Zusätzlich bietet dieser Ansatz den großen Vorteil, dass zur Programmierung eines Roboters kein „Roboter-Know-how“ mehr erforderlich ist und die Anwendung allein vom Applikations-Spezialisten umgesetzt werden kann.
Was die Anforderung an den Roboter betrifft, selbstständig und flexibel auf eine veränderte Umwelt zu reagieren, so versetzen zwei- oder dreidimensionale Vision-Systeme den Roboter bereits heute in die Lage, Bauteile im Raum oder auf Transportbändern zu lokalisieren und zu greifen. In diesem Punkt ist der Schritt von der positionsgebundenen Programmierung hin zum mehr oder weniger freien Reagieren bereits vollzogen. Ein gefahrloses Nebenund Miteinander von Mensch und Roboter zu garantieren, dazu sind diese Systeme jedoch sicherheitstechnisch nicht geeignet!
Hierzu bedurfte es der Entwicklung von sicheren Kamerasystemen. Mit Hilfe eines solchen „sicheren Auges“ lassen sich Bewegungen im Arbeitsbereich des Roboters erfassen und an den Roboter übermitteln. Die Reaktion des Roboters kann ein sofortiger Stopp oder aber eine distanz-abhängige Geschwindigkeitsreduzierung sein.
Wegezeiteneinsparung bis zu 10 % möglich
Erste Versuche mit dem sicheren Kamerasystem „Safety Eye“ der Firma Pilz haben gezeigt, dass sich die Eigenschaften des sicheren Roboters und einer sicheren, externen Positionserfassung auf ideale Weise ergänzen. Über eine sichere, zweikanalige Schnittstelle erhält der Roboter bei dieser Lösung Informationen über seine „Umwelt“. Gerade bei Handeinlegestationen kann diese Zusammenarbeit zu einer deutlichen Taktzeitreduzierung und Kosteneinsparungen führen.
Die Annäherung des Werkers zum Einlegen eines Bauteils in den Robotergreifer wird dem Roboter durch das Kamerasystem übermittelt. Sollte der Roboter sich zu diesem Zeitpunkt noch bewegen, reduziert er sicher seine Geschwindigkeit auf einen anhand einer Gefährdungsanalyse ermittelten Maximalwert. Dadurch kann sich der Werker ohne überflüssige Wartezeit bereits jetzt dem Roboter nähern.
Detektiert das Kamerasystem den Werker in unmittelbarer Nähe des Roboters, stoppt der Roboter automatisch. Während des Einlegens eines Bauteils direkt in den Robotergreifer steht der Roboter, die Antriebe bleiben in Regelung und der Stillstand wird sicher überwacht.
Nach dem Einlegen tritt der Werker nur kurz zurück und gibt den Roboter frei, woraufhin sich dieser bewegt. Die aktuelle Geschwindigkeit des Roboters hängt dabei von dem durch das sichere Kamerasystem übermittelten Abstand des Werkers ab: Je weiter sich der Werker vom Roboter entfernt, umso schneller bewegt sich der Roboter. Die Ermittlung des aktuellen Abstandes des Werkers erfolgt über die Definition vorkonfigurierter Zonen im Arbeitsbereich des Roboters und in der Zellen-Peripherie.
Versuche haben gezeigt, dass durch die Zusammenarbeit von sicherem Roboter und sicherem Kamerasystem bei Handeinlegestationen Wegezeiten je nach Applikation um 5 bis 10 % reduzierbar sind, ohne die Sicherheit des Werkers zu beeinträchtigen.
Kamerasystem an Robotermechanik erlaubt mobile Robotik
Sicherer Roboter und sicheres Kamerasystem werden also in Zukunft das „friedliche“ Nebeneinander von Werker und Roboter ohne Schutzzaun ermöglichen. Dazu gilt es jedoch, sowohl die Verarbeitungszeit und die Auflösung des sicheren Kamerasystems weiter zu steigern, als auch die Schnittstelle des sicheren Roboters zu erweitern. Das heißt im Detail:
- Die interne Verarbeitungszeit des sicheren Kamerasystems vom Erfassen des Werkers bis zum Signal an den Roboter, dass dieser die Geschwindigkeit reduzieren oder stoppen muss, ist auf etwa 20 ms zu reduzieren.
- Das sichere Kamerasystem muss zukünftig in der Lage sein, zwischen der Annäherung eines Werkers und der Annäherung eines anderen Roboters zu unterscheiden.
- Die Schnittstelle zwischen beiden Systemen beruht zurzeit auf reinen E/A-Signalen. Läge die Verarbeitung der kartesischen Bildinformationen direkt im Sicherheitssystem des Roboters, ließen sich die Reaktionen deutlich „feiner“ realisieren.
Die Installation des Kamerasystems direkt an der Robotermechanik erlaubt schließlich den Schritt hin zur mobilen Robotik. Bereits heute finden zu diesem Zweck Laser-Scanner Verwendung, deren Auflösungsvermögen allerdings im Hinblick auf Objekt-Erkennung und -Unterscheidung deutlich hinter den Möglichkeiten einer optischen Kamera liegt. Erfolgt zusätzlich die Verarbeitung der Videosignale direkt in der Robotersteuerung, ist ein sehr differenziertes Reagieren auf Veränderungen oder Bewegungen im Arbeitsbereich möglich. Dann wird der Roboter nicht nur in der Lage sein, seine Geschwindigkeit entsprechend dem Abstand zum Menschen zu reduzieren oder zu stoppen, sondern auch intelligent auszuweichen.
Auf den Punkt gebracht: Nicht nur im Bereich der automobilen Endmontage – ein Bereich mit noch sehr niedrigem Automatisierungsgrad – sondern auch in den neuen Anwendungsbereichen der mobilen Service- und Medizin-Robotik ist das „sichere Sehen“ für den Roboter unverzichtbar. Wird dieser Sinn für den Roboter noch weiter erschlossen und perfektioniert, eröffnen sich für die sichere Robotik ungeahnte Anwendungspotentiale.
Autor: Peter Klüger ist bei Kuka Roboter im strategischen Produktmanagement verantwortlich für die Bereiche Automobilindustrie und Sicherheitstechnik.













