Nachgehakt bei Joachim Stieler
Der WZM-Markt China
Für die Hersteller von High-Tech-Werkzeugmaschinen wird China auf absehbare Zeit der wichtigste Wachstums- und Absatzmarkt der Welt sein. 214 in diesem Markt tätige Hersteller von Werkzeugmaschinen (WZM) hat die Stieler Technologie- & Marketing-Beratung in einer Marktstudie genauer betrachtet. Joachim Stieler erläutert, was in China in den nächsten 15 Jahren zu erwarten ist.
Herr Stieler, ist der chinesische WZM-Markt wirklich so wichtig wie laufend postuliert wird?
Die Bedeutung dieses Marktes ist nicht hoch genug einzuschätzen: Die Volksrepublik China ist bereits seit 2003 der weltweit größte Absatzmarkt für Werkzeugmaschinen. 2011 entfielen auf das Reich der Mitte etwa 37 % des globalen Umsatzes mit Werkzeugmaschinen. Auch bei der Produktion konnte sich das Land in den vergangenen Jahren auf den Spitzenplatz vorarbeiten; in den letzten zehn Jahren wuchs die chinesische WZM-Produktion durchschnittlich um 25 % pro Jahr; der größte chinesische WZM-Bauer, Shenyang Machine Tool Group, stieg innerhalb von neun Jahren vom 36. auf den 1. Platz in der Rangliste aller weltweit tätigen WZM-Hersteller – bei einem Ex-portanteil von bisher lediglich 5 %!
Können die Chinesen technologisch denn wirklich schon mithalten?
Sie haben noch so ihre Probleme, etwa einen Mangel an eigenen NC-Steuereinheiten und anderen Schlüsselkomponenten für das mittlere und obere Segment – der ausländische Technologie-Anteil in diesem Bereich liegt zwischen 80 und 90 %; und sie sind noch schwach im Bereich der Bearbeitungszentren; außerdem haben sie noch eine Produktqualität, die oft zu wünschen übrig lässt und eine geringe Innovationsfähigkeit, vorrangig aufgrund schwacher Technologiebasis und einem Mangel an fähigem Personal zur Steuerung komplexer, interdisziplinärer Entwicklungsprojekte.
Ausländische High-Tech-Produkte sind also nach wie vor gefragt?
Absolut! Da chinesische Hersteller insbesondere die Nachfrage nach verlässlichen und präzisen Maschinen nicht befriedigen konnten, wuchs der Absatz von ausländischen Werkzeugmaschinen und Schlüsselkomponenten im oberen Preissegment überproportional. In den vergangenen Jahren betrug er je nach Schätzung zwischen 29 und 41 % am gesamten Werkzeugmaschinenabsatz in China.
Das wird die deutschen Hersteller freuen?
Sie sind gewarnt! Die chinesische Regierung hat ehrgeizige Ziele. Sie erachtet eine starke und unabhängige WZM-Industrie als eine der wesentlichen Grundlagen dafür, das Land zum weltweit führenden Standort für Hochtechnologie zu machen.
Für den Zeitraum des 12. Fünfjahres-Plans von 2011 bis 2016 wird das Erreichen folgender Ziele angestrebt: Die jährliche Produktion von 250 000 NC-Werkzeugmaschinen. Zum Vergleich: Im Jahr 2010 belief sich die Produktion auf rund 190 000 Einheiten. Weiter sehen die Pläne eine dauerhafte Steigerung des Marktanteils inländischer Werkzeugmaschinen auf mehr als 70 % und die Steigerung des Exports auf 15,7 % der Gesamtproduktion vor – im Vergleich zu 8,9 % anno 2010.
Verbunden damit wollen die Chinesen eine einheimische Wertschöpfungskette von NC-Werkzeugmaschinen, einschließlich der Steuerungssysteme und weiterer Schlüsselkomponenten aufbauen. Der Anteil ausländischer Technologie soll von 50 auf 30 % bis 2020 schrumpfen und letztlich sollen die einheimischen Hersteller auch im mittleren und oberen Segment den chinesischen Markt beherrschen.
Der Aufbau einer leistungsfähigen, einheimischen Werkzeugmaschinen- sowie einer damit verbundenen Komponenten-Industrie wird stärker und deutlicher formuliert als in anderen Branchen, die wir in der Vergangenheit in China untersucht haben. Vor diesem Hintergrund sollten die hier formulierten Absichten ernst genommen werden.
Keine rosigen Aussichten für die deutschen Hersteller!
China wird auf absehbare Zeit der wichtigste Wachstums- und Absatzmarkt auf der Welt sein – für alle internationalen Hersteller von High-Tech-Werkzeugmaschinen. Allerdings auch der am härtesten umkämpfte. Wer die Führung in diesem wichtigsten Absatzmarkt verliert, der wird mittelfristig auch auf dem Weltmarkt Probleme bekommen. Eine der wichtigsten Aufgaben für das Management etablierter WZM-Hersteller wird es deshalb sein, den Erfolgshunger und eine hohe Innovationskraft in ihren Organisationen zu bewahren. Abhängig von der jeweiligen Situation, gewissenhaft vorbereitet und mit der nötigen Einsatzbereitschaft durchgeführt, können Kooperationen mit chinesischen Unternehmen durchaus eine attraktive Option darstellen. Vergleichbares gilt für Komponentenhersteller.
Insbesondere was Präzision und Verlässlichkeit angeht, haben etablierte Hersteller noch deutliche Wettbewerbsvorteile. Allerdings setzt die chinesische Regierung viel daran, dies im kommenden Jahrzehnt zu ändern. Ausländische Komponentenhersteller sollten daher ihre internationalen und auch ihre aufstrebenden Wettbewerber aufmerksam beobachten.










