Interview
Der Kunde tickt heute ganz anders
Wie veränderte sich die Automatisierungstechnik in den vergangenen zehn bis 15 Jahren? Prof. Dr. Klaus Wucherer, langjähriger Lenker der Automatisierungstechnik beim Marktführer Siemens, lässt im Interview die letzte Dekade Revue passieren und wagt einen Ausblick in die nächsten zehn Jahre Automation.
Herr Prof. Wucherer – „Der PC verdrängt in ein paar Jahren die SPS“, war Mitte der 90´er eine prognostizierte These. Wie beurteilen Sie aus heutiger Sicht diese Aussage?
Dr. Wucherer: Ja, 1995 dachten viele, der PC wird bis zum Jahr 2000 der SPS einen Marktanteil von 50 % wegnehmen. Stand heute ist aber: Der Anteil PC-basierten Steuerns macht immer noch nicht mal 3 % aus. Die SPS besaß damals und besitzt auch heute noch unschätzbare Vorteile: Beispielsweise was die extrem hohe Stabilität betrifft – etwa beim Wiederanlauf von Maschinen; oder das Thema Aufwärtskompatibilität – beim PC heute immer noch ein heißes Eisen. Sicher, wenn man das reine Steuern verlässt und andere Automatisierungsaufgaben mit betrachtet, etwa Visualisierung und Datenmanagement, kommen wir auf einen Anteil des PC von knapp 10 % – heute! Und in einigen Branchen hat sich der PC tatsächlich inzwischen durchgesetzt.
Die SPS bekam damals nicht nur vom PC Konkurrenz, sondern gerade aus dem unteren Leistungsbereich – auch von den Logikmodulen, die beispielsweise Siemens 1996 unter dem Namen Logo und Moeller 1998 mit Easy auf den Markt brachten. Sie selbst vertraten damals die Ansicht, dass diese Steuerungen der klassischen SPS das Leben schwer machen würden.
Dr. Wucherer: Ich meine, diese Steuerungen haben exakt ihren Weg gefunden, nur ging es wesentlich langsamer, als ich es mir erhofft hatte. Technisch gesehen waren diese Geräte von Anfang an rund. Wunder Punkt war allerdings die Frage: Wie kommen wir mit dieser neuen Klasse von Geräten an den Kunden heran?
Prof. Dr. Klaus Wucherer: „Das Thema CIM war nie tot. Es wurde nur viel zu früh propagiert.“
Die Steuerungen haben letztlich ihren Einsatzschwerpunkt in der Gebäudeautomation gefunden. Ihre Intention war aber doch auch, den Geräten einen breiten Einzug an der Maschine zu eröffnen.
Dr. Wucherer: Ja, natürlich! Aber dadurch, dass die Kunden-Akzeptanz schleppender anlief als gedacht, schloss sich das Zeitfenster hierfür in der Gestalt, dass – auf Siemens bezogen – sich die S7- 200 im Leistungsspektrum nach unten entwickelte.
Wenn wir ins Jahr 1999 zurückblicken, so finden wir von Ihnen folgende Zitate: „Die Fortschritte in der Mikroelektronik halten mindestens noch zehn Jahre an; die Dezentralisierung wird sich fortsetzen bis zu einer Verlagerung und Verteilung der Intelligenz in Sensoren und Aktoren.“ Wie stehen Sie heute zu den Aussagen?
Dr. Wucherer: Im Endeffekt geben die Zitate einen Trend und ein Ziel wider, das ich nie aus den Augen verloren habe.
... und das wäre?
Dr. Wucherer: Computer Integrated Manufacturing – kurz CIM. Die Idee war schon immer richtig! Wir hatten Mitte der 80er, als CIM das Hype-Thema in der Fertigungstechnik war, nur leider noch gar nicht die technischen Möglichkeiten, das Ziel auch umzusetzen. Uns fehlte allein schon die Infrastruktur – wir hatten weder Speicherplatz und Rechnerleistung noch die notwendige Bus-Technologie.
Das Thema in den 90ern schlechthin – die Bus-Technologie!
Dr. Wucherer: Ja, sowohl für die ganze Branche, als auch für Siemens. 1996 haben wir angefangen, die Bus-Technologie in der Breite einzuführen; zuerst bei den Steuerungen, dann den Antrieben, den Schaltgeräten, dann bei den Produktionsmaschinen und den Werkzeugmaschinen – wir nannten das damals Totally Integrated Automation.
Es war richtig, in den 90er Jahren auf auf Feldbusse zu setzen
Doch kaum war die Bus-Technologie einsatzfähig, drohte schon deren Verdrängung durch die Ethernet-Technologie. Wobei sich Siemens nicht unbedingt als Vorreiter erwies!
Dr. Wucherer: Das ist so nicht ganz richtig! Wir propagierten schon 1986 Ethernet für die Fabrik, wenn auch für die übergeordneten Netze. Es waren damals zwei wesentliche Gründe, warum Ethernet für die Vernetzung bis runter in die Peripherie nicht in Frage kam: zum einen die hohen Anschlusskosten und zum anderen das Thema Deterministik. – In den 90er Jahren auf die Feldbusse zu setzen, war definitiv die richtige Antwort. Und sehen Sie sich die Verkaufszahlen an. Wir sagten damals, die Feldbus- Technologie hat mindestens ein Zeitfenster von zehn bis 15 Jahren – und diese Rechnung geht mehr als gut auf. Profibus- und ASI-Knoten sind immer noch Verkaufsschlager; beide haben noch einige gute Jahre vor sich.
Wann kam ein Umdenken in Richtung Ethernet?
Dr. Wucherer: Anfang 2000 zeichnete sich ab, dass es möglich sein könnte, einen kostengünstigen Ethernet-Anschluss zu realisieren, der auch deterministisch ist. Eine Möglichkeit, mit der wir Anfang der 90er tatsächlich nicht gerechnet hatten.
... und Ethernet schon bald bis hinunter an die Sensoren bringen wird?
Dr. Wucherer: Wir sind sicher noch lange nicht am Ende des Weges angelangt. Die Funktionalität, der Speicherplatz, die Frequenz der Prozessoren, alles nimmt noch zu, bei ständig fallenden Preisen. Da haben wir noch eine spannende Zeit vor uns.
„Anfang der 90er rechneten wir nicht damit, für den Feldeinsatz einen deterministischen Ethernet-Anschluss zu vertretbaren Kosten herstellen zu können.“
Neben der Infrastruktur spielt das Engineering eine wesentliche Rolle bei der Umsetzung der CIM-Vision …
Dr. Wucherer: …weshalb ja auch unser Zukauf der Firma UGS im Jahr 2007 soviel Aufsehen in der Branche hervorrief. Der Kauf machte deutlich, mit welchem Nachdruck wir das Thema CIM verfolgen. Denn wir brauchen neben einer datentechnischen Durchgängigkeit im Produktionsumfeld unbedingt die Verknüpfung der Konstruktion und der Simulation mit der realen Produktionswelt. Wir müssen uns aber darüber im Klaren sein, dass die Verknüpfung von Engineering und Produktionsumfeld ein langfristiges Programm ist, wie damals Totally Integrated Automation. Das hat sich nicht in einem halben Jahr erledigt! Zumal wir jetzt ganz intensiv die Mechanik in die Überlegungen einbeziehen müssen – sprich wir müssen zu einheitlichen mechatronischen Datenstrukturen kommen. Eine aufwendige und komplexe Angelegenheit.
Wenn wir die letzten zehn Jahre Revue passieren lassen. Wie haben sich die Wünsche und Verhaltensweisen der Kunden verändert?
Dr. Wucherer: Vehement! Bis Mitte der 90er war bei den Kunden der Einkauf auf den Einzelpreis der Komponenten fixiert. Erst jetzt begann eine neue Denkweise. Was kostet mich die Anlage beziehungsweise das ganze System über die Lebenszeit? Wie einfach ist es, neue Software einzubringen, die die Produktivität oder Qualität erhöht? Alles Aspekte, die bis dahin beim Einkauf eine geringe Rolle spielten. Der Kunde ist auch anspruchsvoller geworden: Sie müssen die Produkte heute bis kurz vor Herstellung den Kundenwünschen anpassen können. Und begnügte sich der Kunde vor 10 Jahren noch damit, Standardprodukte zu bekommen, wünscht er sich heute auf ihn zugeschnittene Geräte. Auch in punkto Liefersicherheit und -qualität hat sich vieles verändert; Lieferverzögerungen, die früher gang und gäbe waren, finden heute kein Verständnis mehr.
Wie sehen Sie den Anbietermarkt? Welche Zukunft hat die deutsche Automatisierungstechnik?
Dr. Wucherer: Die Europäer und hier wiederum speziell wir Deutschen haben einen Riesenvorteil gegenüber anderen Kontinenten; wir haben einen hervorragenden Maschinenbau, der hohe Ansprüche stellt; wir haben die Automobilindustrie, die Pharmaindustrie und die Chemie als Kundenbranchen. Eine bessere Spielwiese für innovative Entwicklungen gibt es nicht!
China wird die Fabrik des Globus
Es gibt Marktbeobachter, die vertreten die Meinung, dass es zwei Gewinner der Globalisierung geben wird. Zum einen China, als die Fabrik des Globus und zum anderen die Deutschen, als die Ausrüster dieser Fabriken. Würden Sie diese Aussage so unterschreiben?
Dr. Wucherer: China wird allein schon aufgrund der Größe die Fabrik des Globus werden, das glaube ich auch. Aber China wird auch mit seinen großen Universitäten intensiv daran arbeiten, eine starke Ausrüster- Rolle einzunehmen. Es wird uns in Zukunft also sicher nichts geschenkt! Wir müssen technologisch immer vorne mitspielen.
Kann man denn in China mit einem fairen Wettbewerb rechnen? Sprich, werden die Besten Ihre Chancen behalten?
Dr. Wucherer: Kein wirtschaftlich denkender Mensch wird aus irgendwelchen Gründen zweitklassige Ware abnehmen, wenn er erstklassige bekommen kann. Wenn wir also weiterhin an der Spitze bleiben in punkto Systemgedanke, Kostenfaktoren, Liefertreue und der Geschwindigkeit der Umsetzung, dann spielen wir auch zukünftig vorne mit – da bin ich mir ganz sicher!
Herr Professor Wucherer, können Sie noch drei Technologien oder Trends benennen, die die Automation in den nächsten zehn Jahren stark prägen werden?
Dr. Wucherer: Das bleibt mit Sicherheit die Mikrotechnologie, also die Entwicklung bei den Mikroprozessoren, der Speichertechnologie, der Software und das weite Feld der Informationstechnologie. Hier werden die Entwicklungen weitergehen, die in den letzten Jahren die Automatisierungstechnik stark geprägt haben. Der zweite Punkt ist: Wir müssen in den nächsten 10 Jahren die Integration der unterschiedlichen Disziplinen in die CIMWelt umsetzen. Und der dritte Punkt ist die Nanotechnologie: Sie wird uns ganz neue Möglichkeiten in der Aktorik und Sensorik eröffnen.
Zur Person Klaus Wucherer
Die berufliche Laufbahn von Prof. Dr.-Ing. Dipl.-Ing. Klaus Wucherer(64) begann 1970. Und zwar als Projekt-Ingenieur bei der Siemens AG in der Zweigniederlassung Bremen.
Nach den Zwischenstationen als Gruppenleiter der Technischen Abteilung Geregelte Drehstrom- und Gleichstromantriebe Simatic in der Zweigniederlassung Bremen (ab 1973) und als Fachbereichsleiter der Technischen Abteilung Antriebe, Simatic, Prozessrechner, ebenfalls in Bremen (ab 1978), zog es ihn 1983 nach São Paulo/Brasilien. Dort leitete er drei Jahre lang die technische Abteilung und den Vertrieb Anlagen Siemens S.A..
Es folgte die Leitung der Geschäftszweige beziehungsweise Geschäftsgebiete in Nürnberg und Erlangen: Industrielle Kommunikation, Software-Haus, Automatisierungssysteme für Werkzeugmaschinen und Industrie-Automatisierungssysteme (Simatic) bis 1996.
Darauf folgte die Mitgliedschaft (bis 1998) und der Vorsitz des Bereichsvorstands Automatisierungs- und Antriebstechnik.
1999 wurde Dr. Wucherer Mitglied des Vorstands der Siemens AG, in 2000 Mitglied des Zentralvorstands der Siemens AG.
Seit Ende 2007 ist Dr. Klaus Wucherer für Siemens beratend tätig. Schwerpunktmäßig für das Geschäftsgebiet Industrial Solutions and Services (I&S) und dort mit Fokussierung auf die Märkte Asien und Australien.












