Sichere Automation
Generationswechsel bei Pilz
Erstmals hat Pilz in 2016 die Umsatzmarke von 300 Mio. Euro überschritten. 2017 steht im Zeichen des Generationswechsels: Zum Jahresende wird Renate Pilz die operativen Geschäfte komplett in die Hände ihrer Kinder Susanne Kunschert und Thomas Pilz übergeben.
Konkret ist Pilz im abgelaufenen Geschäftsjahr, das laut Susanne Kunschert umsatztechnisch von „großen Schwankungen gekennzeichnet war“, um 6,2 % auf 306 Mio. Euro gewachsen. Rund 75 % des Umsatzes entfielen auf Europa, rund 15 % auf Asien und knapp 10 % auf Amerika. Zu den Töchtern mit dem größten Wachstum zählten 2016 neben den asiatischen Ländern auch die Landesgesellschaften in Indien, Brasilien sowie Südeuropa. Um international weiter wachsen zu können, investierte das Unternehmen aus Ostfildern auch im vergangenen Jahr in den Ausbau seines Vertriebs- und Service-Netzwerks: So erhöhte sich mit der Eröffnung von Pilz South East Asia die Zahl der Tochtergesellschaften auf nunmehr 40.
Auch die ersten drei Monate das laufende Geschäftsjahres verliefen laut Firmenchefin Renate Pilz „wirklich großartig“. Dabei wird es wohl das letzten Mal gewesen sein, dass sie als Vorsitzende der Geschäftsführung im Rahmen des Jahres-Pressegespräches über die Zahlen berichtete: Zum Ende des Jahres wird sie sich aus dem operativen Geschäft verabschieden. Die Leitung des Familienunternehmens liegt dann fortan komplett in den Händen von Tochter Susanne Kunschert und Sohn Thomas Pilz - beide sind bereits seit gut zehn Jahren in der Geschäftsführung tätig. Konkret wird Susanne Kunschert zusätzlich zu ihren bisherigen Aufgaben (Finanzen, Controlling, Personal und Organisation) den Geschäftsbereich „Markt“ übernehmen, für den Renate Pilz bis dato verantwortlich ist. Hierzu zählen die Abteilungen Customer Support, Marketing and Communications, Product Management sowie Sales International. Thomas Pilz ist wie gehabt für die Bereiche IT, Einkauf, Forschung & Entwicklung, Qualitätsmanagement sowie die Produktion zuständig.
I4.0 und Robotik treiben den Wandel
Absolut gesehen der wichtigste Umsatzträger (66 %) bei Pilz blieb auch im vergangenen Geschäftsjahr der Produktbereich Steuerungstechnik mit Antriebstechnik. Daneben tragen aber inzwischen die Bereiche Sensorik (15 %) und Dienstleistungen (13 %) jeweils im zweistelligen Bereich zum Umsatz bei. Von besonderer Bedeutung für die weitere Entwicklung speziell des Dienstleistungsgeschäftes ist laut Thomas Pilz die sichere Robotik: Der zunehmende Einsatz von Robotern im industriellen Umfeld stehe immer häufiger in Verbindung mit einer möglichst engen Kollaboration zwischen Mensch und Maschine. Thomas Pilz: „Aktuell erproben wir den praktischen Einsatz einer schutzzaunlosen Roboterapplikation in unserer eigenen Produktion. Eine mobile, flexible Robotereinheit unterstützt den Prozess der Lasergravur von Gehäusen. An dieser MRK-Applikation können unsere Applikations-Ingenieure unter realen Bedingungen sowohl unsere Produkte als auch die notwendigen Schritte auf dem Weg zu sicheren MRK-Applikation erproben.“
Ein weiteres Thema, dass den Spezialisten für sichere Automation derzeit massiv beschäftigt, ist die Digitalisierung. Mit ihr und dem Einzug von Internet-Technologien in die Fabrikhallen „drängen auch neue Player auf den Markt“, betont Thomas Pilz und ergänzt: „Früher waren wir im Wettbewerb mit Firmen wie Siemens oder Rockwell – nun treten zusätzlich Unternehmen wie Amazon, Google, SAP oder die Telekom auf die Automatisierungsbühne. Dem müssen wir uns stellen!“
Dem Wandel Rechnung trägt Pilz unter anderem mit enormen Investitionen in Forschung und Entwicklung. Rund 20 % des Umsatzes werden hierfür Jahr für Jahr bereitgestellt. Durch den Umzug der Produktion am Stammsitz Ostfildern in das neue Peter Pilz Produktions- und Logistikzentrum Ende 2015 wurde zudem Platz geschaffen für die Erweiterung der F&E-Kapazitäten. Hierzu baut das Unternehmen aktuell für rund 7 Mio. Euro seine bisheriges Produktions- und Verwaltungsgebäude in ein hochmodernes Forschungs- und Entwicklungszentrum um.
Industrie 4.0 – mehr als “bunte Bilder”?
Was die Entwicklung verlässt und letztlich als Produkt auf den Markt kommt ist bei Pilz längst nicht mehr nur mit dem Thema Safety behaftet. Denn im Sinne von Industrie 4.0 beschäftigt man sich mittlerweile intensiv beispielsweise mit der Anbindung der klassischen Automatisierung an die Cloud. Als Antwort hierauf ist auf der bevorstehenden Hannover Messe bereits ein eigenes IIot-Gateway basierend auf dem Raspberry Pi Compute Module zu sehen. Auch das Thema Cloud an sich beziehungsweise welche Möglichkeiten sich damit für die industrielle Steuerungstechnik ergeben, steht derzeit ganz oben auf der Agenda.
Bei aller Euphorie um Industrie 4.0: Auch in Ostfildern hat man zur Kenntnis nehmen müssen, dass das Thema heute für die Anwender noch ganz schwer fassbar ist - oder wie Klaus Stark, Leiter Innovationsmanagement bei Pilz, es formuliert: „Es gelingt uns in der Branche momentan allen, sehr viele bunte Bilder zu Industrie 4.0 zu malen; die Orientierung leidet jedoch vielfach an der Stelle.“ Auf die Frage, was denn nun den Unterschied zwischen der Fabrik von heute und er von morgen ausmacht, antwortet Stark: „Was wir heute in der Produktion haben, ist Planwirtschaft. Da kommt einer von oben der sagt, was getan wird und das bricht man dann auf die Linien und Maschinen herunter. Die Zukunft beziehungsweise Industrie 4.0 hingegen ist das, was wir heute als ‚freie Marktwirtschaft‘ haben – nämlich autonomes Arbeiten; genau dies müssen wir künftig auch in der Automation umsetzen. Entscheidend dabei ist: Die Schlacht wird hier nicht mit Produkten beziehungsweise Komponenten geschlagen, sondern mit der Antwort auf die Frage: Wie gut gelingt es uns, modulare und sich dynamisch ändernde Fertigungsstrukturen effizient und konsistent im Engineering abzubilden.“
Zum Abschluss kommt Stark noch einmal auf die Kernkompetenz von Pilz zu sprechen – die sichere Automation: „Wenn wir künftig immer mehr Module von unterschiedlichen Herstellern haben, die sich zur Laufzeit finden, müssen sowohl die Safety als auch die Security in das Modul wandern. Insbesondere bei Security ist dies heute nicht der Fall, da entsprechende Lösungen sich in der Regel an der Linie oder gar am Werk orientieren. Kurzum: Es muss uns gelingen, Safety und Security auf Sicht deutlicher zu versahnen – daran arbeiten wir!“













