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Artikel und Hintergründe zum Thema

Materialfluss / Handling

Ronald Kretschmer | Günter Herkommer,

FTS und Roboter - Eckpfeiler moderner Intralogistik

Die Effizienz erhöhen ist eine Forderung, die nicht nur für den Produktionsprozess gilt, sondern gleichermaßen im vor- oder nachgelagerten Lager. Was moderne Fahrerlose Transportsysteme (FTS) in diesem Kontext leisten können, zeigt ein Beispiel aus der Getränkeindustrie.

© EK Automation

Die Getränkeindustrie ist prädestiniert für einen automatisierten Transport und Materialfluss – zumal bei den Lagerprozessen in dieser Branche häufig große Stückzahlen gleichförmiger und gut stapelbarer Ware anfallen. Gängig sind hier Blocklagersysteme mit einem hohen Raumnutzungsgrad und einer hohen Flexibilität bei vergleichsweise geringen Kosten. Letztere lassen sich durch automatisierte Prozesse weiter senken, der Betreiber spart Zeit und reduziert damit nicht zuletzt mögliche Fehlerquellen. Darüber hinaus tragen geeignete Technologien dazu bei, viele Prozesse auch ergonomischer zu gestalten.

Damit ein FTS unter dem Strich die gewünschten Ergebnisse bringt, sind im Rahmen der Systemauslegung zunächst eine Reihe von Kernfragen zu klären:

  • Welche Last soll wie transportiert und übergeben werden?
  • Wie beweglich muss das Fahrzeug sein beziehungsweise wie viel Platz steht zur Verfügung?
  • Wie lang sind die Wegstrecken? 
  • Wie viele Transporte werden pro Stunde getätigt?
  • Welche Spurführung oder Navigation ist am besten geeignet?
  • Wie sieht das Energiekonzept in Abhängigkeit von der Einsatzdauer aus?
  • Gibt es besondere Sicherheitsaspekte oder schwierige Umweltbedingungen?
  • Reicht eine einfache Rufsteuerung mit Verkehrsregelung aus oder ist eine komplexe Leitsteuerung mit vielfältigen Funktionen wie etwa einem Lagerverwaltungssystem erforderlich?

Ein Beispiel: Die konkrete Aufgabenstellung eines Unternehmens aus der Getränkeindustrie lautete, ein FTS für ein Blocklager zu entwickeln, das 10.000 Paletten auf 80 × 80 Metern Lagerfläche fassen kann. Die Paletten sollten auf vier Ebenen automatisch und präzise übereinandergestapelt werden. Dabei musste die oberste Palette in ca. 5,2 Metern Höhe abgestellt oder wieder aufgenommen werden können. Ein großer Vorteil des Blocklagers ist die hohe Flexibilität: Da es komplett auf Regale verzichtet, lässt es sich ohne großen technischen Aufwand umbauen – sprich Lagerzeilen lassen sich beispielsweise verschieben und drehen.

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Mit seiner Doppelgabel mit Zinkenverstellung ermöglicht der vollautomatisierte Gegengewichtsstapler den Transport von zwei Paletten gleichzeitig – für den Personenschutz sorgen vorne und hinten angebrachte Scanner.

© EK Automation

Als Lösung für diese Aufgabenstellung schlug das auf Transportrobotik-Lösungen für automatisierte Materialfluss- und Lagersysteme spezialisierte Unternehmen EK Automation mit Hauptsitz im niedersächsischen Rosengarten vollautomatisierte Gegengewichtsstapler vor, welche über einen Hub von 5,5 Meter verfügen und mit einer Doppelgabel mit Zinkenverstellung für den Transport von zwei Paletten gleichzeitig ausgestattet wurden. Konkret han­delte es sich dabei um Fahrzeuge aus der sogenannten Compact-Linie, deren Modelle für den mittelschweren Lastenbereich von bis zu 2.500 Kilogramm Lastgewicht optimiert sind. Der verwendete Compact GG zeichnet sich durch eine kompakte Bauform und ein Fahrwerk mit kleinem Wenderadius aus und bot sich damit ideal für den Einsatz in Blocklagern mit geringer Gangbreite an. Er erreicht Hubhöhen von bis zu acht Metern und eine Fahrgeschwindigkeit von bis zu 2 m/s vor- sowie rückwärts. 

Beim Compact GG lassen sich verschiedene Navigationsarten kombinieren. So wurde etwa im beschriebenen Fall eine Hybridnavigation eingesetzt, deren Steuerung über Laserscanner und Magnetpunkte erfolgt. Die Lasernavigation sorgt für die Positionsbestimmung, das heißt ein am FTF angebrachter Lasersensor ermittelt mithilfe der an verschiedenen Stellen in der Halle angebrachten Reflektoren die aktuelle Fahrzeugposition. Die Magnetpunktnavigation wiederum ist durch die entlang der Fahrspur im Boden eingelassenen Magnete für den Fahrtweg verantwortlich. Die Leitsteuerung übernimmt ein PC-Server, sämtliche Kommunikation wird über WLAN abgewickelt.

Ein wichtiger Aspekt einer FTS-Anlange ist nicht zuletzt das geeignete Energiesystem. Hier spielen Einflussfaktoren wie Einsatzdauer, Schichtbetrieb, Investitionskosten und Fußboden eine Rolle. Im gewählten Beispiel hat man sich letztlich für ein effizientes automatisches Batteriesystem mit automatischer Nach­ladung entschieden, das eine optimale Versorgung rund um die Uhr garantiert. 

Palettenerkennung in 3D

Eine Besonderheit des beschriebenen Falls ist die Höhe, die dieses Blocklager mit 5,2 Metern Übergabehöhe erreicht. Ermöglicht hat dies erst eine Neuentwicklung von EK Automation: Für ein präzises Stapeln in großer Höhe lassen sich deren Fahrzeuge mit einer 3D-Paletten­erkennung ausstatten. Diese erlaubt eine genaue Auswertung der Ist-Position der Palette und damit eine reproduzierbare Ein- und Auslagerung wie folgt: Der Stapler fährt die programmierte ­Soll-Position an, erstellt ein 3D-Foto und wertet dieses aus. Dann wird die Gabel­position seitlich und in der Hubhöhe ­entsprechend der Palettenposition justiert und das Fahrzeug nimmt die Palette sicher auf.

Gilt es ein Lager zu automatisieren, in dem auch Personenverkehr stattfindet, sind zudem besondere Sicherheitsmaßnahmen erforderlich. Hierfür hat EK Automation ein modulares Baukastensystem entwickelt, mit dem sich eine auf den Einsatzfall optimierte Kombination an Schutzvorrichtungen zusammenstellen lässt. Im Falle des Blocklagers werden die Fahrzeuge zum Schutz der Mitarbeiter vorne und hinten mit Personenschutzscannern ausgerüstet. Mit diesen Scannern, bei denen sich Warn- und Schutzfelder flexibel einstellen lassen, ist das Fahrzeug in der Lage, seine Umgebung genau abzutasten - auch wenn es mit den Zinken vorausfährt. Gerät eine Person oder ein Gegenstand in das Schutzfeld, bremst das FTF sanft ab. Im beschriebenen Fall, bei dem in vier Ebenen in die Höhe gestapelt wird, darf allerdings nur eingewiesenes Servicepersonal im Lager zugegen sein.

Grundsätzlich können mittels FTS automatisierte Lager in der Getränkeindustrie in unterschiedlichen Ausprägungen konzipiert werden: Von einzelnen Pufferzeilen für die Abgabe oder auch Aufnahme von bereitgestellten Paletten in der Produktion oder im Lager bis hin zu flächenfüllenden Pufferzeilen. Ein klassisches Beispiel ist die über drei Schichten laufende Produktion und ein über zwei Schichten laufender Warenausgang. Das Fahrerlose Transportsystem übernimmt dann beispielsweise in der Nachtschicht das Puffern der laufenden Produktion in einem Blocklager und stellt parallel die Waren für den Versand im Warenausgang bereit.

Autor:
Ronald Kretschmer ist Leiter Vertrieb & Marketing bei EK Automation.

FTS + Roboter – eine ideale Kombi

Das Chassis der Carry-Pick-Fahrzeuge ist an die Abmessungen der Europaletten angelehnt.

© Swisslog

Ein weiteres Beispiel für ein modernes FTS-basiertes Konzept ist das Lager- und Kommissioniersystem CarryPick-System von Swisslog, welches sich ideal auch mit robotergestützten Lösungen kombinieren lässt. 

Das CarryPick-System besteht zum einen aus den eigentlichen Transportfahrzeugen. Diese können  Aufträge jeweils unabhängig voneinander ausführen und dabei Warenträger mit einem Gewicht von bis zu 600 kg anheben. Die zum System passenden Regale dagegen sind variabel und lassen sich je nach Bedarf mit Einlegeböden, Fächern, Schubladen, Wannen oder auch Hängestangen ausstatten. An den jewei­ligen Arbeitsplätzen wiederum unterstützt die Lösung anwendungsspezifische Prozesse per Pick-by-Light und Put-to-Light – und genau hier kommt die Robotik ins Spiel:

Unterstützt von 3D-Vision ermög­licht die Robotik den flexiblen Umgang mit sich ändernden ­Warensortimenten.

© Swisslog

Mit dem ItemPiQ hat Swisslog eine Lösung für die wiederholte Stückkommissionierung konzipiert. Deren Herzstück – die Roboterzelle – lässt sich nahtlos in Ware-zur-Person-Systeme wie CarryPick integrieren. Ein Multifunktionsgreifer kann dabei verschieden große Artikel kommissionieren. Das Grundmodell mit seinen vier Fingern ist eine Kombina­tion aus einer plus drei Saugeinheiten. Die drei Finger können außerdem Artikel klemmen, um so durch die Kombination von Saugen und mechanischem Greifen die Kommissionierung eines breiten Sortiments unterschiedlicher Produkte zu ermöglichen. Für die Objekterkennung im Quellbehälter kommt eine Vision-Technologie zum Einsatz, bestehend aus einer 3D-Kamera, die eine Punktwolke erkennt, sowie einer 2D-Kamera, die die Produkttexturen identifiziert. Über einen  Softwarealgorithmus ist das Bildverarbeitungssystem in der Lage, Greifpunkte unbekannter Produkte zu bestimmen. Besonders in Logistik­umgebungen mit Tausenden von Artikeln ist dies ein großer Vorteil, denn es vereinfacht den Einlernprozess neuer Produkte deutlich.

Soviel zum bereits heute Machbaren: Während die Weiterentwicklungsmaßnahmen bei den FTS sich in den vergangenen Jahren vornehmlich auf Themen wie das Sicherheits-Scanning, die Fahrzeugnavigation sowie das Flottenmanagement konzentrierte, werden  in der Forschungs- und Entwicklungsabteilung von Swisslog und seiner Konzernmutter Kuka derzeit die nächsten Schritte hin zu künstlich intelligenten FTS-Systemen eingeleitet. Ein  Ziel dabei: Wichtige Entscheidungen sollen von den herkömmlichen Flottenmanagement-und WMS-Lösungen zu den autonomen Transportfahrzeugen selbst weitergegeben werden. In der ‚Smart Logistics Factory‘ von morgen sollen zudem Menschen und Maschinen nicht nur miteinander kommunizieren und kooperieren können, sondern auch in der Lage sein, Wissen zu teilen, voneinander zu lernen und sich autonom auf neue Aufgaben einzustellen. Mit anderen Worten: Die simple Anforderung an FTS-Systeme, Güter von A nach B zu befördern, wird in der von maschinellem Lernen geprägten Welt in Zukunft eher die Ausnahme denn die Regel sein. Vielmehr wird das FTS der Zukunft in der Lage sein, Situationen zu antizipieren und für jede Situation innerhalb kurzer Zeit die jeweils adäquate Entscheidung innerhalb der Lieferkette zu treffen.

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