Die Software macht den Unterschied

Hans P. Fritsche | Günter Herkommer,

Drei Beispiele für einen effizienten Roboter-Einsatz

Roboter sind heute unver­zichtbare Helfer in Industrie und Handwerk. Sie allein machen jedoch noch keine erfolgreiche Anwendung aus. Neben an den jeweiligen Prozess angepassten Greifern, Werkzeugen und intelligenten Sensortechniken kommt insbesondere der Software eine immer höhere Bedeutung zu – wie die folgenden Beispiele zeigen.

© ABB

Steter Tropfen höhlt den Stein – dieses Prinzip nutzt die Firma KMT Robotic Solutions mit ihren Hochdruck-Wasserstrahlschneidsystemen. Während konventionelle Hochdruck-Wasserstrahlanlagen in Portalbauweise nur plane Schnitte aus plattenförmigen Materialien ermöglichen, ist das Unternehmen aus Wetzlar in der Lage, auch komplexe räumliche Geometrien zu bearbeiten. Möglich wird dies durch den Einsatz hochflexibler Industrieroboter.


Mit Drücken bis zu 4100 bar tritt bei den Anlagen von KMT ein nur wenige Zehntelmillimeter dünner Wasserstrahl aus der robotergeführten Düse. Die Austrittsgeschwindigkeit erreicht dabei das Zwei- bis Dreifache der Schallgeschwindigkeit. Damit verbunden ist eine sehr hohe kinetische Energie, die den Wasserstrahl zu einem schnell, präzise und wirtschaftlich arbeitenden Schneidwerkzeug macht. Die Trennschnitte erfolgen staubfrei und ohne thermische oder mechanische Beeinträchtigung der zu bearbei-tenden Materialien. Vor allem beim Zuschneiden komplex geformter Schall-Isolationen, von Dachhimmeln, Bodenteppichen und Kofferraum-Auskleidungen aus Textilien oder Kunststoffen, aber auch beim Bearbeiten von Heckklappen aus faserverstärkten Kunststoffen, wie SMC (Sheet Molding Compound), hat sich das Verfahren etabliert.

Je nach Aufgabenstellung und Größe der zu bearbeitenden Bauteile installiert KMT bis zu vier Sechsarm-Industrieroboter vom Typ IRB 2400 des Herstellers ABB in eine Roboterzelle. Die hängend montierten Roboter haben störkonturfreien Zugang zu allen Oberflächen der zu bearbeitenden Bauteile. Optional lassen sie sich auch an einer zusätzlichen Linearachse über dem Arbeitsbereich anbringen, um auch größere Bauteile bearbeiten zu können.

Wie bei allen Roboteranwendungen ist auch bei KMT die Programmierung das A&O für einen effizienten Robotereinsatz. Mussten Anwender früher noch profunde Kenntnisse in komplizierten Programmiersprachen zum Codieren von Robotersteuerungen haben und viel Zeit in das Programmieren der Bewegungsbahnen investieren, so reicht bei den von KMT eingesetzten Robotern heute einfaches „Teachen“. Das heißt: Der Verarbeiter führt den Roboterarm von Hand an die wichtigsten Stützpunkte des zu bearbeitenden Bauteils und gibt an den einzelnen Bearbeitungspositionen die jeweils erforderlichen Arbeitsanweisungen ein. Auf Basis dieser Daten generiert die Software dann selbstständig das zugehörige Steuerungsprogramm.

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Kooperierende Roboter ermöglichen deutlich kürzere Bearbeitungszeiten beim 3D-Hochdruck-Wasserstrahlschneiden.

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So einfach und elegant die Methode auch ist – sie hat einen entscheidenden Nachteil: Während des Teachens kann der Roboter nicht produzieren. Deshalb setzt KMT hier auf Offline-Programmierung. Das heißt: Während der reale Roboter weiter produziert, erstellt der Bediener am PC rein virtuell das nächste Anwendungsprogramm auf Basis vorhandener 3D-CAD-Daten. Zudem kann er das Programm vor dem Einspielen in die reale Robotersteuerung anhand umfangreicher Simulationen auf eventuelle Fehler prüfen und diese beseitigen. Das führt laut Frank Thorn, Geschäftsführer bei KMT Robotic Solutions, zu einer deutlich höheren Maschinen- und Anlagenausnutzung, zu niedrigeren spezifischen Anlagenkosten, kürzeren Programmierzeiten und einer präziseren Produktionsplanung. Weiter speichert die Software optional alle aktuellen Produktions- und Anlagendaten der Roboterzelle. Dieser Aspekt gewinnt heute im Rahmen des Qualitätsmanagements und der Rückverfolgung von Aufträgen immer mehr an Bedeutung.

Beim 3D-Wasserstrahlschneiden kommt es aber nicht nur auf das Führen der Düsen an. Die zu bearbeitenden Werkstücke müssen zudem auf geometrisch angepassten Schneidaufnahmen fixiert sein. Diese Schneidaufnahmen entwickelt, optimiert und fertigt KMT auf Basis der vom Kunden bereitgestellten 3D-CAD-Produktdaten.  Auch dabei helfen umfangreiche Simulationen an virtuellen Schneidaufnahmen, wertvolle Zeit zu sparen und kostenintensive Nacharbeit an den realen Modellen zu vermeiden. Weiter ermittelt KMT die späteren Produktionsdaten, Zykluszeiten sowie optimalen Bearbeitungswinkel und stellt sie dem Kunden als CAD-File zur Verfügung.

Kleinteile-Zuführung mit integrierter Qualitätskontrolle

Der IRB 360 mit integriertem Pick-Master sorgt bei der Zahnbürsten-Herstellung für eine höhere Ausbringung gegenüber konventionellen Sortiertechniken. Aktuell erreicht das System 70 Teile pro Minute.

© ABB

Mit rund 600 Mitarbeitern an neun Standorten entwickelt und produziert die Firma Zahoransky Spritzgießwerkzeuge, Blisterverpackungsmaschinen sowie Maschinen und Anlagen für die Fertigung von Besen, Industrie- und Haushaltsbürsten sowie für Zahnbürsten. Bei letzteren können sich die Verbraucher heute die für sie ideale Zahnbürste aus einem riesigen Sortiment aussuchen: große, kleine, dicke oder dünne Zahnbürsten, mit geriffelten oder glatten Griffen, kurzen oder breiten Bürstenköpfen. Weiter können sie unterschiedliche Qualitäten hinsichtlich Länge und Härte der Borsten sowie Farbe und Design wählen – und stetig kommen neue Modelle hinzu.

Die steigende Variantenzahl führt beim Hersteller jedoch zu abnehmenden Losgrößen und damit zu einem erhöhten Aufwand für Umrüst-Arbeiten bei Produkt- und Formatwechseln. Vor allem die Zuführsysteme konventioneller Produktionsanlagen stellen unter diesen Bedingungen einen kritischen Engpass dar, da die Anlagen für den Austausch der vielen Maschinenteile oft mehrere Stunden stillstehen müssen. Genau hier setzten die Entwicklungsingenieure von Zahoransky an. Sie beauftragten den Systemintegrator Robomotion aus Stuttgart mit der Konzeption und dem Bau einer bildgesteuerten Roboterlösung.

Robomotion-Geschäftsführer Dr. Andreas Wolf wählte als Basis einen Deltaroboter vom Typ FlexPicker IRB 360 inklusive PickMaster (System- und Prozess-Software für alle ABB-Roboter in Verpackungslinien). Das Programm eignet sich darüber hinaus für robotergestütztes Handling in der Fertigung sowie für das Sortieren von Produkten innerhalb verketteter Prozesse. Hierzu verfügt es über Kameraschnittstellen und eine Bandfolgesteuerung zur Synchronisation der Roboter mit kontinuierlich oder diskontinuierlich laufenden Förderbändern. Aus den von der Kamera erfassten Positions-, Form- und Lagedaten erstellt PickMaster die erforderlichen Roboterbahnen und steuert darüber hinaus die Greifwerkzeuge für präzises Pick&Place der Zahnbürstenrohlinge. Durch Bildvergleich kann die Software die optischen Qualitätsmerkmale der Produkte hinsichtlich Formgenauigkeit oder Unversehrtheit beurteilen.

Der Prozess selbst läuft wie folgt: Die nach Art sortierten Bürstenrohlinge kommen als Schüttgut in das Zuführsystem. Hier nimmt der kameragesteuerte Deltaroboter ausschließlich fehlerfreie Rohlinge vom Band und fixiert sie in Halterungen für den anschließenden Bestopfungsprozess, bei dem die Bürstenköpfe ihre Borsten erhalten. Von der Bildverarbeitung als fehlerhaft erkannte Teile ignoriert der Roboter und lässt sie auf dem Förderband zur Ausschleusungsstation durchlaufen. Mit 70 Teilen pro Minute ist die Ausbringung im Vergleich zu früher um ein Vielfaches höher – und dabei sind längst noch nicht alle Reserven ausgereizt. Für Zahoransky ist die Umstellung jedoch schon jetzt ein voller Erfolg, da die stundenlangen Maschinenstillstände während des Umrüstens auf neue Muster der Vergangenheit angehören und die Anlagen eine deutlich höhere Produktivität erreichen.

Für ein anwenderfreundliches Arbeiten sorgt bei Zahoransky die windowsbasierte Bedienoberfläche. Statt aufwendig zu programmieren, genügt ein nahezu intuitives Parametrieren der Software. Das stellt eine erhebliche Arbeitserleichterung dar, da die Bediener hierzu keine Kenntnisse höherer Roboterprogrammiersprachen benötigen.

Roboter im Handwerk

Speziell für die Anwendung entwickelte mechanische Greifer gewährleisten ein sicheres Handhaben der unterschiedlichen Rohlinge bei der Zahnbürstenherstellung.

© ABB

Die Integration von Robotern in überwiegend handwerklich geprägte Arbeitsabläufe ist noch ein Novum. Für Neil Perryman, Inhaber der im australischen Adelaide ansässigen Spezialitätenbäckerei Perryman’s Bakery stand jedoch von Anfang an fest, dass er der gestiegenen Nachfrage nach seinen Lebkuchenmännchen nur mit Hilfe modernster Automa-tisierungstechnik nachkommen kann. Deshalb beauftragte er den Integrationsspezialisten Sage, eine auf seinen Bedarf zugeschnittene Automationslösung zu konzipieren.

Die Roboterspezialisten analysierten zunächst alle bei der Lebkuchenproduktion anfallenden manuellen Arbeiten. Dabei machten sie das Auftragen von vier Glasurtupfen für Augen, Nase und Bauchnabel der Lebkuchenmännchen als Engpass aus. Geschieht dieses Aufbringen nicht in der richtigen Geschwindigkeit und mit der erforderlichen Präzision, bremst es alle vorgelagerten und nachgelagerten Verarbeitungsgänge. Hinzu kommt ein weiterer Schwachpunkt beim manuellen Auftragen. Die Arbeit ist äußerst monoton und körperlich ermüdend, was oft zu weiteren Fehlern führt. Das Ergebnis: Produktionsausschuss und sinkende Produktivität. Deshalb entwarfen die Ingenieure von Sage speziell für diesen Arbeitsschritt eine kompakte, flexible Roboterzelle auf Basis eines IRB 140 von ABB.

Dieser Sechsachs-Knickarmroboter mit vollständig innenliegender Verkabe-lung hat eine Handhabungskapazität von 5 kg bei einer Reichweite der fünften Achse von 810 mm.
Von der Konzeption bis zur Realisie-rung des Projektes vergingen nur knapp zwölf Wochen. Ein wesentlicher Faktor für den geringen Zeitaufwand war dabei die Prozess-Simulation mit der Simulations- und Offline-Programmiersoftware RobotStudio. Das Windows-Programm stellt eine virtuelle Kopie der realen Robotersteuerung bereit und erlaubt so am PC wirklichkeitsnahe Simulationen mit realen Roboterprogrammen inklusive der entsprechenden Konfigurationsdateien.

Das in der Software enthaltene virtuelle Programmiergerät ermöglicht das Simulieren der Bedienung des Roboters über diese Schnittstelle und eignet sich ideal zum Schulen des Bedienpersonals. Der wesentliche Vorteil von RobotStudio ist jedoch, dass Anwender hier offline alle Roboterparameter entwickeln, testen und optimieren können. Das umfasst das Erstellen von Bewegungspfaden oder Programmieren und Überprüfen kompletter Produktionsprogramme, das Erkennen und Visualisieren von Kollisionen, Zyklusdauerschätzung und nicht zuletzt auch Machbarkeitsstudien. So konnte Sage im Vorfeld alle robotergesteuerten Prozesse auf Herz und Nieren prüfen, bevor es an die eigentliche Fertigung der realen Roboterzelle ging.

Der Prozess im Überblick: Ein Perryman-Mitarbeiter füllt die Teigmassen manuell in den Aufnahmetrichter der Lebkuchen-Formmaschine. Die Lebkuchenmännchen gelangen anschließend über ein schräges Förderband auf da-runter liegende Backbleche, von denen jedes 120 Lebkuchen in einer 10×12-Matrix aufnimmt. Der Mitarbeiter setzt die fertig bestückten Bleche in fahrbare Backgestelle und schiebt sie in den Ofen. Nach dem Backen holt er sie wieder heraus und füllt die gewünschte Glasur in den Vorratsbehälter der Ro-boterzelle. Danach verlässt er die Roboterzelle, schließt die Sicherheitstür und legt von außen ein volles Blech in die Blechaufnahme eines zweiteiligen Drehtellers der Produktschleuse. Mit einer Drehung um 180° bringt der Drehtisch die Bleche wechselseitig in den Arbeitsraum des Roboters beziehungsweise in die davon getrennte Aufnahme- und Entnahme-Station.

Schnell, flexibel und mit höchster Präzision setzt der Roboter täglich über 60 000 Tupfen in einer australischen Lebkuchen-Bäckerei.

© ABB

Der hängend montierte IRB 140 kann die einzelnen Lebkuchen störkonturfrei ansteuern. Da die Lebkuchen durch Erschütterungen während des Transports auf den Blechen verrutschen können, muss der Roboter solche Lage-Änderungen erkennen können. Diese Aufgabe übernimmt das installierte Vision-System Cognex Insight 5403. Es verleiht dem Roboter quasi die Fähigkeit des Sehens und ermöglicht ihm, auf Veränderungen seiner Arbeitsumgebung flexibel und zielgerichtet zu reagieren. So kann er die Lebkuchenmännchen rund 40 Mal in der Minute mit der Dosiereinheit für den Glasurauftrag präzise ansteuern. Bei einer Tagesleistung von 125 Blechen sind das immerhin 60 000 präzise gesetzte Tupfen pro Tag.

Durch die robotergestützte Automa-tion konnte Perryman seine Produktion von 5000 bis 6000 Einheiten pro Tag auf nun über 15 000 steigern. Weil der Roboter jetzt für das richtige Tempo und die erforderliche Präzision beim Glasieren sorgt, ist der Anteil an Gutprodukten deutlich gestiegen – und so konnte Perryman dank der Robotertechnik auch neue Jobs in anderen Bereichen wie der Verpackung schaffen. Und dadurch, dass Visualisierung, Programmierung und virtueller Test der Anlage zur Lebkuchenverzierung vor Produk-tionsbeginn mit der Software Robot-Studio erfolgte, ließ sich die Zeit von der Konzeption bis zur Realisation auf nur zwölf Wochen reduzieren.

Autor: Hans P. Fritsche ist freier Technikjournalist.

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