Nachgehakt bei Reinhard Schrieber
Der Status quo des Life-Cycle-Management
Ende letztes Jahres erstellte der ZVEI-Arbeitskreis Systemaspekte einen Leitfaden zum Thema Life-Cycle-Management.Warum dieses Thema und ein entsprechender Leitfaden gerade für die heimische Automatisierungsindustrie so wichtig sind, erläutert Reinhard Schrieber von Siemens Sector Energy, stellvertretend für die Akteure des ZVEI Arbeitskreises.
Herr Schrieber, warum ist aus Ihrer Sicht Life-Cycle-Management (LCM) generell ein wichtiges Thema?
Die Wettbewerbsfähigkeit einer Anlage ist nicht allein vom Erstinvest abhängig, sondern in ungefähr gleichem Umfang von den Kosten während der gesamten Nutzzeit der Anlage. Sprich: Die Life-Cycle-Costs (LCC) der leittechnischen Einrichtungen haben einen wesentlichen Anteil an den Gesamtkosten eines Produktionsprozesses. Soll oder muss dieWirtschaftlichkeit einer Anlage optimiert werden, kommt den Modellen zur systematischen Analyse und den Strategien des LCM folglich eine hohe Bedeutung zu.Und es ist offensichtlich, dass kaum ein Unternehmen um die Optimierung der Wirtschaftlichkeit seiner Anlagen herum kommt.
Und warum ist Life-Cycle-Management für unsere Automatisierungsindustrie so wichtig?
Es ist eine riesige Chance für diese Branche: LCM erfordert von diesen Herstellern, geeignete Strategien bereitzustellen, und in Kooperation mit den Betreibern spezifische Masterpläne zu erstellen und umzusetzen. Die vom ZVEI AK durchgeführte Branchenanalyse hat zudem ergeben, dass ohne Ausnahme hohe Anforderungen an die Kompatibilität der Anlagenkomponenten gestellt werden. Es liegt also in den Händen der Hersteller, Neu- und Weiterentwicklungen kompatibel zu gestalten. LCM erzeugt somit darstellbaren Kundennutzen und hat das Potenzial, die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Automatisierungsindustrie zu verbessern.
LCM ist doch seit Jahren ein Diskussionsthema.Warum führt es in der Praxis immer noch ein Schattendasein?
Es fehlt noch an einer breiten Anwendung der Methoden des Total-Cost-of-Ownership (TCO), die als ein entscheidender Treiber für das Life-Cycle-Management einzustufen ist. Eine ganzheitliche Betrachtung inklusive technischer Möglichkeiten und Grenzen sind erforderlich und die Chancen des proaktiven Handelns müssen stärker erkannt werden. In diese Lücke zielt der Leitfaden des ZVEI.
Welches sind die noch größten anstehenden Knackpunkte für eine durchgreifende Anwendung von LCM?
Alle Akteure in derWertschöpfungskette – vom Planer über den Hersteller bis zum Betreiber –müssen LCM als Potenzial verstehen, Nutzen zu generieren und ihre Prozesse und Entwicklungen mehr danach ausrichten. Die Anwendung der vorgeschlagenen Modelle, Begriffe und Strategien – insbesondere eine systematische Kompatibilitätsbetrachtung – bedürfen einer Intensivierung in den Unternehmen.
Gibt es Branchen, die eine gewisse Vorreiterrolle einnehmen? Und was ist in diesen Branchen bereits in der Anwendung?
Der Leidensdruck der Branchen divergiert in Abhängigkeit von der Nutzzeit der Anlage und den Geschäftszielen des Betreibers. Deshalb nimmt die Auseinandersetzung mit LCM in den Branchen Energie, Chemie und Transport bis dato den höchsten Stellenwert ein.
Sie haben zum Jahreswechsel innerhalb des ZVEI den bereits erwähnten Leitfaden zu Life-Cycle-Management erstellt.Welches Ziel verfolgen Sie mit dem Leitfaden und welches Feedback bekommen Sie?
Es waren im wesentlichen drei Projektziele. Erstens: Ein konsistentes Referenzpapier aus technischer Sicht zu erarbeiten, als Ergänzung existierender Marketingstudien. Zweitens: Einen Impuls zu geben für mehr strategisches Vorgehen und mehr proaktives Handeln. Und drittens: Life-Cycle-Excellenz als Beitrag zur Steigerung der Wirtschaftlichkeit zu verstehen. Die überdurchschnittliche Anfrage nach Vorträgen und Diskussionen sowie die Nachfrage nach dem Leitfaden belegt das große Interesse – die Inhalte werden als sehr hilfreich bewertet.
Bis wann glauben Sie, wird sich LCM in der Breite durchsetzen?
Eine breitflächige Anwendung wird Zeit brauchen und kann sicher nur in Schritten erreicht werden – beginnend bei den Anwendungen mit dem größten Nutzen der Branchen Chemie und Energie. Insbesondere der Einzug des proaktiven Vorgehens – beispielsweise die Berücksichtigung von Kompatibilität bei der Erarbeitung von Normen und Standards – erfordert einen langen Atem.










