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Artikel und Hintergründe zum Thema

Blockchain-Technologie

Der Status quo

Ihren Anfang nahm die Blockchain 2009 von Japan aus als Finanztransaktions-System für Bitcoins. Inzwischen ist die Blockchain-Technologie auch im Industrie-Umfeld angekommen und könnte die Industrie revolutionieren.

© usethebitcoin

Die Vorteile von verteilten Journalen (Distributed Ledger) liegen auf der Hand. “Blockchain ist im Grunde ein Computer, den wir alle teilen”, fasst Professor Dr. Roman Beck, IT University of Copenhagen, auf der Blockchain-Konferenz des Münchner Kreises zusammen. Die Vorzüge der Blockchain liegen  darin, dass sie volle Transparanz über Transaktionen bietet und damit ein weitgehend sicheres Verfahren für Transaktionen darstellt, die mittels kryptografischer Verfahren miteinander verkettet sind. “Märkte könnten durch die Blockchain ganz neu definiert beziehungsweise re-engineert werden”, so Beck. Einsatzmöglichkeiten für die Blockchain-Technologie gibt es in allen Industrie-Bereichen, denen eine Übertragung von Vorgängen zugrunde liegen. Dieses Potenzial haben auch Großkonzerne wie IBM, Microsoft, Daimler und Deutsche Telekom für sich entdeckt und forschen und entwickeln teils mit mehreren hundert Mitarbeitern an Anwendungsszenarien für die Blockchain.

Blockchain-Standardisierung

Flankierend dazu wird seit Frühjahr 2017 mit der ISO TC 307 ISO/TC 307 ‘Blockchain and distributed ledger technologies’ auch an einer weltweiten Standardisierung der Blockchain gearbeitet. Die ISO-Arbeitsgruppe entstand auf Initiviative von Australien. “Deutschland und die USA waren erst einmal gegen eine Standardisierung”, erklärt Prof. Beck. Deutschland hatte die Ablehnung nicht begründet; die USA waren der Ansicht, dass Standardisierung nicht förderlich für Innovationen sei. Wie schon bei Industrie 4.0 forcieren die USA gerne anwendungsgetriebene De-facto-Standards.

Am 3. April fand die Gründungssitzung in Sydney statt. Den Vorsitz der ISO-Gruppe hat Australien. Insgesamt 17 ISO-Mitglieder waren bei der Gründungssitzung vertreten, darunter auch Deutschland. Trotz der ursprünglich ablehnenden Haltung will Deutschland an der Gestaltung der Standardisierung aktiv mitarbeiten. Prof. Dr. Volker Skwarek von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg wurde zum Convenor der Smart Contracts Study Group gewählt. Mitte November fand in Japan die zweite Vollversammlung der ISO-Gruppe statt. “Dort wurden erste Ergebnisse dargestellt, und viele potenzielle Anwendungsbereiche traten zutage, aber auch viele Herausforderungen rund um die Technologie wurden evident”, so Beck.

Kontrovers diskutiert wurde dabei auch die Frage, ob in diesem frühen Stadium der industriellen Blockchain-Entwicklungen eine Standardisierung bereits sinnvoll ist. Ein Grund für die frühen Standardisierungsbestrebungen ist laut Auskunft von Beck, dass auf diese Weise Wildwuchs vermieden werden soll, der nicht mehr global kompatibel ist. Allerdings könne es wohl noch bis zu fünf Jahren dauern, bis ein ISO-Standard final verabschiedet ist, schätzt Beck. Er setzt sich als Dozent der IT University of Copenhagen intensiv mit der Blockchain-Technologie auseinander. “Wir müssen unsere Studenten in die Lage versetzen, die Zukunft der Blockchain mitzugestalten”, fordert Beck und hat dies bereits im eigenen Haus umgesetzt: Er ist Gründer der „Blockchain Summer School“ an der Universität Kopenhagen, die interessierten Studenten aus aller Welt in den Semesterferien Wissen rund um die Blockchain vermittelt.

Solche Initiativen sind in Europa allerdings noch die Ausnahme. “Russland hat eine Menge investiert, um bei der Blockchain-Technologie vorne mit dabei zu sein, das sollte in Deutschland auch so sein”, meint Beck und bringt seine Forderung auf den Punkt: “Wir brauchen ein eurpäisches Blockchain-System.”

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Smarte Verträge in Form von Software

Damit die Blockchain-Technologie für derartige Transaktionen nutzbar ist, bedarf es Smart Contracts. Smart Contracts sind keine klassischen Verträge in Textform und im zivilrechtlichen Sinne, sondern ein Stück Software. Über diese Software werden Transaktionen automatisch abgewickelt, sofern alle beteiligten Akteure die zuvor niedergelegten Konditionen erfüllt haben. Vorzugsweise kann die Software selbst überprüfen, ob die Parteien ihre Leistungen erbracht haben. Die Standardisierung der Smart Contracts ist in der ISO über eine eigene Study Group unter Leitung von Deutschland organisiert (s. oben).

Early Adopter – Use Cases

 Während die Blockchain-Technologie hierzulande durch die öffentliche Hand noch wenig Aufmerksamkeit erfährt, forschen die großen Industriekonzerne fleißig an Use Cases. So sieht Robert Bosch nach Auskunft von Christoph Schäfers von Robert Bosch in der Blockchain eine Technologie, die IT auf ein neues Level hebt. Anwendungsszenarien erprobt Robert Bosch derzeit in der Logistik, etwa um Güter auf dem Transportweg zu tracken, bis hin zum autonomen Fahren. “Das Prinzip der Blockchain bringt Transparenz in die Logistik-Kette. Jeder in der Kette erhält eine Verlaufskopie, so dass sichergestellt ist, dass alle Beteiligten die relevanten Informationen haben.”

Autonomes Fahren ist auch das Stichwort für Jonas von Mallotki von der Daimler AG. Der Automobilkonzern ist in zahlreichen Blockchain-Entwicklungen aktiv, und von Mallotki attestiert der Blockchain ebenfalls großes Potenzial. Ins Detail der Blockchain-Entwicklungen von Daimler geht er aber – wohl aus Vertraulichkeitsgründen – nicht. Nur so viel: “Unsere Vision ist eine intuitive Mobilität, in der Software eine große Rolle spielen wird. Mobilität ändert sich. Software wird immer entscheidender, und OpenSource siegt über proprietär – das sind die Paradigmen, mit denen wir es zu tun haben.” Ist die Blockchain also ein Allheilmittel für den Mobilitätssektor? “Wir entwickeln, fertigen und finanzieren Autos. Aber nicht jeder Use Case passt für die Blockchain”, entgegnet von Malottki.

Auch gibt es für die Mobilhersteller noch einige Probleme zu lösen: “Wie kann zum Beispiel festgestellt werden, ob ‘Ich’ wirklich ‘Ich’ bin in der Blockchain? Diese Fragen sind noch nicht gelöst”, so von Malottki. Durchaus denkbar wäre der Einsatz der Blockchain zum Beispiel zum Auftanken von Stromtrankstellen für Elektrofahrzeuge. Strom und die Blockchain sind die Stichworte für Stefan Jessenberger von Siemens Energy Management. »Wir brauchen Energiesysteme, die autonome Operationen von Millionen von Assets ermöglichen”, erklärt Jessenberger. Er sieht in der Blockchain und der assoziierten Smart-Contract-Technologie Schlüssel-Funktionen für transaktive Energiesysteme. “Blockchain kann die Kosten für Energieverwaltung deutlich senken, und letztlich haben die Verbraucher mehr Wahlmöglichkeiten durch automatisierte Trading-Prozesse”, so Jessenberger. Zudem könnten Verwaltungskosten gesenkt und Forecasts über den Energieverbrauch präzisiert und erleichtert werden.

Blockchain löst auch nicht alle Problem

Neben vielen Konjunktiven in Zusammenhang mit der Blockchain-Technologie gibt es auch erste Praxiserfahrungen: Michael Reuter, Gründer und COO von Datarella, schildert auf der Münchener Blockchain-Konferenz ein Projekt, das sein Unternehmen vor einem Jahr für die United Nations umgesetzt hat: die Blockchain als Transaktions-Plattform für die Verteilung von Hilfsgüter in einem Flüchtlingslager in Jordanien. »Bisher wurde die Vergabe von Hilfsmitteln im Camp vor Ort durch die Ausgabe von Gutscheinen abgewickelt. Mithife der Blockchain kann dieses Procedere nun automatisiert werden, gleichzeitig erhalten die Flüchtlinge mehr Autonomie. “Wir wollten das System mit 50 Flüchtlingen testen, versehentlich wurde die Einladung zum Systemtest aber an 5000 Flüchtlinge per SMS verschickt.” Das System habe die Feuerprobe auf Anhieb bestanden, berichtet Reuter. “Das ist das erste Mal in meiner Karriere, dass eine Software in der Testphase bereits einwandfrei funktioniert hat.”

Der Einsatz der Blockchain-Technologie hat nicht nur im Camp Vorteile, wie Reuter erläutert: “Die UN leben von Spenden der Geberländern und müssen über die Vewendung der Spenden Rechenschaft ablegen. Dabei können auch mehrere Hilfsorganisationen an einem Programm partizipieren. Aber Hilfsorganisation untereinander trauen sich nicht. Die Blockchain hat nun den Vorteil, dass sie die derzeit einzige Möglichkeit ist, Institutionen, die sich nicht vertrauen, zu einer gemeinsamen Kontoführung anzuregen.” Unter diesem Aspekt könnte die Blockchain in der Industrie noch viele weitere Einsatzgebiete finden, etwa in der Lieferkette von Elektronik-Komponenten, um den Verkauf von gefälschten oder defekten Bauteilen einzudämmen. “Natürlich ist die Blockchain nicht perfekt, und wir dürfen nicht davon ausgehen, dass die Blockchain alle Probleme löst. Aber wenn man nach perfekten Systemen sucht, müssen wir noch ein Jahrhundert oder länger warten”, resümiert Beck.

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