Unternehmenssteuerung

Stefan Kuppinger,

Das Quellcode-offene ERP-System

Selten passt ein ERP-System wirklich zu den gewachsenen Abläufen und Strukturen einer Firma – trotz vieler branchenspezifischer Lösungen und Customizing durch Systemintegratoren. Dem Problem begegnet die Firma Wühler & Gebauer mit einem modularen System, das als „Open-Source“ individuell angepasst werden kann. Den Beweis liefern vier unterschiedliche Implementierungen.

Kleine und mittelständische Unternehmen tun sich schwer, die Steuerung von Disposition, Waren- und Betriebswirtschaft zu automatisieren. Der Grund: Die Enterprise-Resource-Planning- Systeme (ERP) der großen Software- Schmieden werden häufig als zu umständlich empfunden und lassen sich nicht einfach anpassen. Auch die Systeme kleinerer Anbieter erfüllen oft nicht die spezifi schen Anforderungen, obwohl gerade sie auf spezielle Branchen fokussieren. Oft gibt es kleine, aber wichtige Spezialitäten, die sich – wenn überhaupt – nur mit viel Aufwand integrieren lassen. Daher bleiben solche Anforderungen bei einer ERP-Einführung gerne unberücksichtigt oder werden „so gut es eben geht“ umgesetzt.

Diesem Problem begegnet Wühler & Gebauer EDV-Consulting mit einer Quellcode-offenen ERP-Lösung. Das Fundament bilden Module zu Materialwirtschaft, Disposition, Einkauf und Vertrieb, Produktion, Kalkulation und Kundenmanagement (CRM). Damit lassen sich alle relevanten Informationen vom Wareneingang über die Absatzplanung und Fertigungssteuerung bis zur Versandabwicklung abbilden und dokumentieren. Bei Bedarf kann die ERP-Software aus diesen Daten auch Statistiken generieren. Neben diesen Grundmodulen lässt sich die Software optional um weitere Standard- Bausteine für Betriebsdaten-, Projekt- und Dokumentenmanagement ergänzen. Desweiteren gibt es ein Qualitätssicherungsmodul mit integrierter Lieferantenbewertung sowie ein Management- Informationssystem.

Aufgrund der Modularisierung und Open-Source-Philosophie kann das Programm um spezifi sche Funktionen erweitert werden. Auf Anregungen von vier Unternehmen aus verschiedenen Industriezweigen wurden bereits in der Standard- Software Spezialitäten verwirklicht, beispielsweise die Verwaltung komplexer Kommissionierungsvorschriften und die exakte Verfolgung von Halbfertigteilen entlang der Prozesskette.

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Spezialitäten umgesetzt

Ein Hersteller von Bremsscheiben hat wegen der vielen verschiedenen Typen und Modelle sehr hohe Anforderungen an die Lagerverwaltung, da teilweise komplette Containerladungen mit unterschiedlichen Artikeln zusammengestellt werden müssen. Hierfür wurde im ERP-System eine Wege-Optimierung mit dem Materialstamm des Lagers kombiniert, das die Kommissionierung im Hochregallager vereinfacht. Ebenso erhalten die Mitarbeiter im Versand mit dem Auftrag die genauen Verpackungsvorschriften der einzelnen Empfänger, die in den Kundenstammdaten hinterlegt sind.

Diese Vorschriften reichen von der Art des Kartons über das Füllmaterial bis hin zu Schemabildern der richtigen Karton-Anordnung auf der Palette. Sogar die Etiketten muss der Hersteller entsprechend den Vorgaben erstellen. Dafür wurde ein eigenes Modul samt Schnittstelle zu einer speziellen Druckersoftware entwickelt. Damit kann die Software die über 30 verschiedenen Layouts auf unterschiedlichen Etikettarten für den Kommissionierlauf in der Reihenfolge der Produkte drucken. Die Reihenfolge-Planung ist auch für einen Lackierbetrieb wichtig, der ebenfalls an der Programm-Entwicklung mitgewirkt hat. In der weitläufigen Lackieranlage des Automobilzulieferers werden Spoiler, Schweller und andere Komponenten über ein Förderband zu den entsprechenden Bearbeitungsstellen transportiert, wo sie beschichtet und teilweise zusammengebaut werden.

Über das ERP-Tool erhält das System die Anweisungen, welcher Arbeitsschritt als nächstes folgt und wohin die Teile transportiert werden müssen. Bislang müssen diese Informationen noch bei der Arbeitsvorbereitung von Hand im ERP eingegeben werden. Künftig soll diese Steuerung über die Artikelnummer erfolgen. Gleichzeitig werden in der Software alle technischen Parameter für die Lackierer und Fertigungsanlagen bis hin zu den einzelnen Farbcodes verwaltet. Die entsprechenden Aufträge erhält das Lackierunternehmen per DFÜ von seinen Kunden. Das ERP-Programm wurde daher so angelegt, dass diese Anweisungen direkt ins System übernommen und weiterverarbeitet werden können.

Tracking und Tracing von Halbfertigteilen

Intelligente Materialverwaltung: Die Kombination der Artikelnummer mit einem variablen Fertigungscode bringt Transparenz in die Lagerung von Halbfertigteilen.

© ThyssenKrupp

Komplexe Anforderungen an Materialwirtschaft und Disposition brachte ein Bandstahl-Produzent in die Entwicklung der Software mit ein. Der Betrieb walzt Stahlbahnen nach spezifischen Kundenvorgaben zu Bändern oder Stäben. Daher gibt es keinen festen Artikelstamm. Jeder Auftrag ist individuell und setzt sich aus vielen technischen Angaben zusammen: Härte, Legierung, Format und Verpackung. Selbst die Drehrichtung der Stahlcoils auf der Palette ist vorgegeben, damit der Kunde diese automatisiert in seine Maschinen einlegen kann. Sämtliche Parameter können trotzdem zusammen mit den üblichen Auftragsdaten in der Unternehmenssoftware erfasst und an die Fertigung weitergegeben werden.

Eine besondere Herausforderung für die Materialverwaltung stellen die Halbfertig- Produkte dar, die schon einen oder mehrere Arbeitsschritte durchlaufen haben und auf die Weiterverarbeitung an der nächsten Maschine warten. Bei der klassischen Materialverwaltung wird das Material aus dem Lager ausgebucht und erst als Fertigteil wieder eingetragen. Daher erscheint das Lager im ERP-System in der Zwischenzeit leer, obwohl die Ware dort noch vorhanden ist und teilweise auch mehrmals dort abgelegt wird, wenn sich der nächste Fertigungsschritt verzögert. In einer anderen Variante werden solche Teile bis zur Fertigstellung in der Lagerverwaltung aufgeführt. Dann meldet das System Lagerplätze als belegt, die eigentlich frei sind.

Um das zu verhindern, wurde in die Effective-company-Software die Möglichkeit implementiert, auch Zwischen- Zustände zu dokumentieren: Dazu kombiniert das ERP-Modul die Artikelnummer beim Einbuchen in das System mit einem variablen Fertigungscode, der den aktuellen Bearbeitungsschritt beschreibt. So lässt sich jeder Auftrag und das zugehörige Material im System abbilden und finden. Die Rückmeldung jedes Arbeitsschritts ermöglicht zudem eine genaue Bestandsbewertung und verlässlichere Aussagen zu den Lieferterminen.

Kalkulation von Serien- und Einzelfertigung

Einem Hersteller von Leuchtreklame und anderen Werbeträgern ging es vor allem um die Flexibilität bei unterschiedlichen Leistungen. Der Betrieb fertigt Schriftzüge oder Schilder sowohl als Einzelstücke wie auch in Serie für große Filialketten. Hinzu kommen individuell abzurechnende Dienstleistungen vom Design bis zur Planung und Montage der Schilder. Diese unterschiedlichen Tätigkeiten muss das ERP-Programm abdecken. Dazu wurde die Option eingerichtet, Stücklisten der benötigten Teile eines Auftrags in die Vertriebsbelege einzupflegen und dann zusammen an die Fertigung zu übergeben. Hierzu kann der Vertriebsmitarbeiter entweder auf definierte Teile-Sets aus dem Materialstamm zurückgreifen oder die Komponenten je nach Auftrag individuell zusammenstellen.

In der Lackiererei eines Automobilzulieferers durchlaufen die Werkstücke verschiedene Bearbeitungsstationen. Der Transport zwischen den einzelnen Stationen soll künftig über die im ERP-System hinterlegte Artikelnummer gesteuert werden.

© Dürr

Durch den Mischbetrieb war es zudem notwendig, sowohl für die Vor- als auch für die Nachkalkulation frei definierbare Schemata zu implementieren. Darüber hinaus wurde eine komplexe Preisfindung mit Einzel- oder Pauschalkosten ermöglicht, die zusätzlich zwischen Preisen nach Ländern unterscheiden kann. Weitere, ebenfalls realisierte Sonderlösungen umfassen das Management externer Fertigungen mit und ohne Beistell- Teile, die Verwaltung von Konsignations-Lagern oder die Steuerung einer chaotischen Lagerhaltung. Auch die Anbindung an Industriesteuerungen ist im Rahmen einer spezifischen Anpassung möglich. Darüber können Auftragsdaten zur Maschine übertragen werden, die Mitarbeiter vor Ort wählen nur die Anweisung aus und können direkt mit der Produktion beginnen. Ebenso lassen sich Daten aus der Fertigung abfragen.

Auf diese Weise meldet beim erwähnten Bandstahlhersteller eine Waage am Ende der Verpackungsstraße das Gesamtgewicht ins System zurück. Darüber hinaus verfügt W&G effective company über verschiedene Schnittstellen zu externen Systemen. Standard ist unter anderem die Anbindung an die Finanzbuchhaltung von Datev und Varial. Um auch in internationalen Betrieben eingesetzt werden zu können, lässt sich die Software auf unterschiedliche Schriftgrößen, Sprachen und Währungen einstellen. Außerdem sind die Programm-Masken korrespondierend angelegt, was die Datenbearbeitung beschleunigt: Öffnet man beispielsweise in der Registerkarte eines Kunden ein Fenster mit dessen offenen Posten, ändern sich diese Ansichten und Angaben entsprechend automatisch mit, sobald im Register ein anderer Kunde ausgewählt wird. Aufgrund der so genannten 3-tier-Technologie, eine Gliederung in drei Leistungsschichten, ist die Effective-company-Software plattformunabhängig auf allen Geräten mit einer Java Runtime lauffähig.

Autoren:

Klaus Gebauer ist Geschäftsführer bei Wühler & Gebauer EDV Consulting in Hambrücken.

Hans Peter Wühler ist Geschäftsführer bei Wühler & Gebauer EDV Consulting in Hambrücken.

Das Open-Source-ERP

Den Begriff „Open-Source“ bezieht Wühler & Gebauer in erster Linie auf den Quelltext (Source-Code), also die lesbare Struktur der Software mit allen Kommandozeilen und Parametern. Während diese Daten üblicherweise vom Hersteller im Safe verschlossen bleiben, stellt der ERP-Anbieter seinen Kunden alle Informationen zur Verfügung, um bei Bedarf selbst Anpassungen an der Software vornehmen zu können. Konkret erhalten die Entwickler Zugriff auf den vollständigen Code aller Programmbestandteile der ERP-Software „effective company“. Zusätzlich werden das Programmier- und das Betriebshandbuch zur Verfügung gestellt.

Bei der Entwicklung kommen zudem nur gängige Programmierwerkzeuge wie Eclipse, Java und Groovy zum Einsatz. Dadurch kann jeder Käufer oder Mieter der Software die Funktionen in seiner Programmversion nach seinen eigenen Vorstellungen und Bedürfnissen umgestalten und eigene Applikationen einfügen. Diese Offenheit der Daten ist nicht zu verwechseln mit Freeware oder Programmen unter GPL-Lizenz (General Public Licence), deren Nutzung und Verbreitung kostenfrei sind. Das Programm „effective company“ wurde Mitte 2010 veröffentlicht und wird derzeit bei vier Unternehmen unterschiedlicher Industriezweige implementiert.

Die Firma bietet die ERP-Software als Kauflizenz, zur Miete mit und ohne Application Service Providing (ASP) sowie als Software- und Gesamtprojektleasing. Bei ASP wird die Software geschützt auf den Servern eines darauf spezialisierten Providers betrieben. Der Kunde benötigt damit keine große IT-Infrastruktur und muss sich nicht selbst um die Wartung kümmern. Dieses Service- Modell ermöglicht auch kleinen Betrieben und Mittelständlern die Einführung von Unternehmenssoftware ohne große Investitionen.

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