70 Jahre Endress+Hauser
»Die Digitalisierung bleibt ein Treiber auf vielen Ebenen«
Endress+Hauser blickt in diesem Jahr auf bereits 70 Jahre Firmengeschichte zurück. Wir sprachen anlässlich dieses Jubiläums mit Matthias Altendorf, seit 2014 CEO der Endress+Hauser-Gruppe.
Matthias Altendorf ist seit 2014 CEO der Endress+Hauser-Gruppe. 2024 wird er als Präsident in den Verwaltungsrat wechseln und die operative Leitung an Dr. Peter Selders übergeben.
© Endress-HauserHerzlichen Glückwunsch zu 70 Jahren Endress+Hauser! Im Rückblick: Was war die bedeutendste technologische Entwicklung Ihres Unternehmens?
Das ist gar nicht so einfach zu sagen, weil es bei Endress+Hauser – ausgehend von den kapazitiven Füllstandsensoren, die unser Gründer Georg H. Endress in den Markt brachte – in 70 Jahren viele wegweisende Entwicklungen gab: vom ersten Coriolis-Durchflussmessgerät mit geradem Messrohr über die kontaktlose, digitale ‚Memosens‘-Technologie für die Flüssigkeitsanalyse bis hin zum selbstkalibrierenden Thermometer ‚TrustSens‘. Aber wenn man Markterfolg und Nutzen ansieht, dann verdient wahrscheinlich der ‚Liquiphant‘ dieses Etikett. Unser Füllstands-Grenzschalter hat vermutlich hunderttausende Tanks vorm Überfüllen geschützt und ebenso viele Pumpen vorm Leerlaufen bewahrt!
Das Schwinggabelprinzip des Grenzstandschalters ,Liquiphant‘ – seit Jahrzehnten ein Bestseller im Programm – wurde von A bis Z bei Endress+Hauser entwickelt.
© Endress+HauserGibt es einen absoluten ‚Bestseller‘ und was macht ihn aus?
Lange Zeit war tatsächlich der ‚Liquiphant‘ das Produkt, das wir in den größten Stückzahlen hergestellt haben. Neuerdings ist es unser ‚iTherm‘-Temperaturtransmitter ‚TMT82‘. Das zeugt von unserem dynamischen Wachstum in der Temperaturmesstechnik – und vom hohen technischen Anspruch, den wir haben.
In 70 Jahren geht es nicht nur rosig zu – was war aus Ihrer Sicht die schwierigste Zeit für das Unternehmen?
Die Weltwirtschaftskrise 2008/2009 war schwierig, weil zeitgleich sehr viel Geschäft weggefallen ist, auch die Corona-Pandemie, weil sie mit Sorge um die Gesundheit der Menschen verbunden war. Aus beiden Krisen sind wir gestärkt hervorgegangen – auch weil wir von Anfang an klar gemacht hatten, dass die Arbeitsplätze sicher sind. Eine wirklich kritische Phase liegt länger zurück. Endress+Hauser hatte Anfang der 70er-Jahre neu gebaut. Das Projekt wurde erheblich teurer. Dann kam die Ölkrise. Zudem verstarb um diese Zeit Miteigentümer Ludwig Hauser, und seine Nachkommen wollten ausbezahlt werden. Endress+Hauser musste um die 70 Arbeitsplätze abbauen und die Mitarbeitenden andernorts unterbringen, etwa bei einem Schokoladenhersteller. Aber schon zwei Jahre später stand das Unternehmen wieder sehr gut da. Wir haben durch Übernahmen und Gründungen neue Arbeitsgebiete erschlossen – und die meisten freigestellten Mitarbeitenden sind wieder an ihre Arbeitsplätze zurückgekehrt!
Der ‚iTherm‘-Temperaturtransmitter ‚TMT82‘ ist heute das meistverkaufte Produkt von Endress+Hauser. Er ermöglicht die optimale Auswertung von Sensorsignalen.
© Endress+HauserWie sieht denn die Roadmap für die nächsten zehn bis 15 Jahre aus?
Wir möchten weiter organisch über dem Durchschnitt wachsen. Unsere Strategie hilft uns dabei, die richtigen Entscheidungen zu treffen – etwa, um uns mit Vertrieb und Angebot noch besser auf unsere Kunden in aller Welt auszurichten, um die Möglichkeiten der Digitalisierung in unseren Produkten und Prozessen zu nutzen, um unsere Strategie für die Analyse in Labor und Prozess voranzutreiben – und um auch in Zukunft junge Talente und erfahrene Fachkräfte für die Arbeit bei Endress+Hauser zu begeistern. Als Familienunternehmen erleben wir gerade, wie die dritte Generation Verantwortung übernimmt. Es wird auf absehbare Zeit kein Mitglied der Familie mehr operativ im Unternehmen arbeiten, aber unsere Gesellschafterfamilie bleibt Endress+Hauser eng verbunden und wird etwa über den Verwaltungsrat prägend Einfluss nehmen.
Welche technologischen Trends sehen Sie, die für Endress+Hauser wichtig sind beziehungsweise werden?
Die Digitalisierung bleibt ein Treiber auf vielen Ebenen. Wir sind in den meisten Bereichen der verfahrenstechnischen Industrien gerade erst dabei, das Potenzial anzuzapfen. Ethernet-APL wird hier sicher ein Booster sein. Schon heute erleichtern Bluetooth-Technologie und Apps die Bedienung und Konfiguration unserer Geräte. Unsere ‚Heartbeat Technology‘ ermöglicht durch Gerätediagnose und -verifikation den Einstieg in die vorausschauende Wartung. Cloud-Lösungen und kluge Algorithmen öffnen die Tür für neue Anwendungen wie unseren Fermentation Monitor ‚QWX43‘. Daneben sehen wir noch großes Potenzial in den optischen Analyseverfahren. Inline-Messungen mit Raman-Spektroskopie beispielsweise entfalten in immer mehr Anwendungen großen Nutzen.
Was glauben Sie, was wird die größte Herausforderung der nächsten Jahre, geschäftlich und/oder technisch?
Die geopolitischen Spannungen mit ihren Auswirkungen auf die Lieferketten und den offenen Zugang zu den Märkten stellen uns vor Aufgaben, ebenso die demografische Entwicklung – Stichwort Fachkräftemangel. Aber die größte Herausforderung für unsere Gesellschaft, die verfahrenstechnischen Industrien und unser Unternehmen ist die Nachhaltigkeit, insbesondere der Klimaschutz. Es geht darum, die benötigte Energie – ein Vielfaches von dem, was wir heute weltweit verbrauchen – klimaneutral, sicher und verlässlich herzustellen. Zugleich ist das aber auch die größte Chance, die sich uns bietet. Wir möchten unsere Kunden dabei unterstützen, ihre Anlagen und Prozesse zu dekarbonisieren, neue Konzepte der Kreislaufwirtschaft umzusetzen und ein Höchstmaß an Energie- und Ressourceneffizienz zu erreichen. Parallel dazu haben wir uns auf den Weg gemacht, unseren eigenen CO2-Fußabdruck Schritt für Schritt verkleinern. Das alles muss gelingen, ohne den wirtschaftlichen Erfolg zu vernachlässigen – nur dann können wir ökologische Verantwortung wahrnehmen und soziale Sicherheit geben. Wir können und wollen dazu beitragen, dass unsere Welt lebenswert bleibt!















