Mess- und Prüftechnik

Herbert Pichlik | Stefan Kuppinger,

Die Anforderungen der Automobilindustrie

Um die Qualifizierungszeiten von Bedienkomponenten und die daraus resultierenden Kosten zu minimieren, verschärft die Automotive-Industrie die Anforderungen in vielen Bereichen der Prüftechnik. Die Konsequenz: Bislang getrennte Prüfplätze müssen in einem universellen Testsystem kombiniert werden. Ein konkretes Projekt hat die Firma Systec für einen japanischen Konzern konzipiert und umgesetzt.

© Systec

Die vollautomatische Prüfstation ersetzt bislang getrennte und teilweise halbautomatisch durchlaufene Qualifizierungsbereiche wie Haptik­labor (Funktionskontrolle) und Lichtlabor. Basis des Prüfplatzes ist ein stabiles Stahlgehäuse, ein Mitsubishi 6-Achs-Knickarmroboter RV12S mit 12 kg Tragfähigkeit und ein Wechsel-Adapter. Unterschiedliche Greifer ermöglichen positionsabhängige Prüf­un­gen, von Einzel- über Dauerlaufprüfunen bis hin zu Missbrauchsprüfungen. Dabei können beispielsweise Kraft-/Wege-Messungen (Wippen- und Tasten-Haptik), Dreh­moment-/Winkel-Prüfungen, Leuchtdichte, Farbort-Bestimmung, Wellenlängen-Analysen (blickwinkelabhängig), Vibrations­messungen (Körper- und Luftschall) oder exakte Schaltpunktbestimmungen realisiert werden.

Beispielsweise lassen sich darüber Haptik-Kennlinien aufnehmen und die Antworten der Prüflinge über CAN, LIN, K-Line, FlexRay etc. synchronisieren. Ebenso sind über eine multifunktionale Prüfbeschaltung Lastnachbildungen, Steuergeräte-Simulationen und Bus-Analysen möglich. Durch gezielte Zuführung eines temperierten Luftstromes lassen sich auch thermische Beeinflussungen simulieren und deren Auswirkungen auf die Bedienkomponenten kontrollieren. Je nach Option ist außerdem die blinkwinkelabhängige Bestimmung von Leuchtdichte- und Farbort möglich. Für die Messtechnik, und Automation des Prüfablaufs inklusive Robotik kommen Labview/Labview-Realtime-Elemente der Firma National Instruments zum Einsatz. Das System kann nebenläufige Prozesse effizient abbilden. Auch komplexe Abläufe sind vergleichsweise einfach per XML, Excel oder Datenbanken konfigurier- und parametrierbar.

Neben dem 19-Zoll-Industrie-PC besteht das System aus einem PXIexpress-Chassis (PXIe) mit 18 Steckplätzen, das sich zusätzlich mit einem Realtime-Controller aufrüsten lässt. Der Front-End-Rechner fungiert als Schaltzentrale und besteht aus einem Mainboard mit Core i7-CPU, X58-Chipsatz, 24 GByte Speicher (DDR-III). Lüfterlose Direct-X11-Grafik mit minimal 1 GByte Speicher, High-Speed SATA 24/7-Festplatten (optional SSDs auf PCIe-Einsteckkarten) und BR-Brenner (Blueray) komplettieren die Hardware-Ausstattung. An Software sind Windows7, Labview/Labview RT und FPGA 2009/2010 installiert. Der Rechner kommuniziert mit dem PXIe-basierten Subsystem per TCP/IP über einen 10-Gbit-Ethernet-Switch. Die PXIe-Plattform ermöglicht mit den unterschiedlichen Messmodulen nahezu beliebige Kombinationen für die Anregung der Prüflinge und Auswertung verschiedenster Parameter. Das PXIe-System interagiert mit dem IO-System von Systec, bestehend aus Matrix-Switches, Multiplexer, Signalkonditionierung, Vierquadrantenverstärker, Spannungsversorgungen und elektronischen Lasten sowie über digitale und analoge Interfaces und diverse Bussysteme wie Profibus oder CAN.

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Komponenten des Qualifizierungssystems: Im Maximal-Ausbau deckt der automatische Prüfplatz die Anforderungen fast aller wichtigen OEMs ab.

© Systec

Ein typischer Ablauf für eine Prüfung könnte sein:

■    Spannung anlegen (verschiedene Kurvenformen);
■    Prüfling einschalten (über CAN-Bus);
■    Stromaufnahme messen;
■    Prüfbeschaltung anlegen (über Matrix-Switches; Auswertung der CAN-Messages vom Prüfling);
■    Erfassung und Auswertung der elektrischen Parameter;
■    Haptische Prüfungen (Dreh-, Tasten-, Wippen-Haptik mit zeitsynchroner Analyse der CAN-Kommunikation);
■    Lichttechnische Analysen blickwinkelabhängig über Roboterzustellung (Shape/Pattern-Matching, Oberflächenanalyse, 3D-Messungen);
■    Vibrationsmessungen positonsabhängig über Roboterzustellung (Körperschall-Analyse, Luftschall-Analyse, mit zeitsynchroner Analyse der Kommunikationsnachrichten;
■    Verhalten bei Spannungsschwankungen (über NI-FlexRIO-Komponen-
ten und 4-Quadrantenverstärker erzeugt);
■    Kommunikations-Stresstests und Analyse des Antwortverhaltens;
■    Verhalten bei Parameteränderungen (Spannungsamplitude, Temperatur etc.).

Die Probanden werden mit Originalsteckern oder Prüfnadeln (optional) adaptiert. Neben Automotive-Schnittstellen wie CAN, LIN, K-Line, Most, FlexRay unterstützt das System Interfaces wie Ethernet, USB, Fire­wire oder RS232. Plattform für die wichtigen Automotive-Kommunikations-In­terfaces CAN und FlexRay ist die Na­tional Instruments X-Net-Familie. Die NI-X-Net-CAN-Con­troller er­mög­lichen mikrosekundengenaues Timing und garantieren präzises und verläss­liches Transak­tionsmanagement bei nebenläufigen Prozessen. Die Prüf­beschaltung ist variabel und über Matrix-Switches und Multiplexer (Phot­Mos-Relais, Leistungsrelais, Hochspannungsrelais) programmierbar. Mit Hilfe eines Flex­RIO-Moduls und des Vierquadrantenverstärkers ist eine multifunk­tionelle Ansteuerung, Messdatenerfassung und -auswertung möglich. Mittels Prüfbeschaltungen lassen sich optional Präzisionsstrom- und Spannungsquellen sowie hochgenaue Widerstände und Spannungsteiler vollautomatisch kalibrieren. Auch diese Komponenten sind modular aufgebaut und damit schnell gegen kalibrierte Ersatzmodule tauschbar.

Die Software des Testsystems basiert zu über 90 % auf Labview (Windows/RT/FPGA) unter Verwendung eines nebenläufigen objektorientierten Test&Automation-Frameworks, mit dem sich beispielsweise fest definierte Schnittstellen zwischen den Softwarekomponenten und eigene Module aus einem Baukastensystem dynamisch nachladen lassen.

Lichtlabor wird überflüssig

Die Kraft/Weg-Kennlinie für Taster.

© Systec

Die Bildverarbeitung und lichttechnischen Analysen des Systems ersetzen ein komplettes Lichtlabor. Neben Vi­sion-Systemen mit High-End-Ka­meras (Zeilenkameras/Matrixkameras mit Camera-Link, Gigabit-Ethernet, Firewire) ist eine Leuchtdichte- und Farbmesskamera integrierbar, die komplexe Leuchtdichte- und Farbverteilungen erfasst. Bei Bedarf können verschiedene Normale (zum Beispiel für Leuchtdichte) ergänzt werden. Durch die Verwendung eines Wechselsystems lassen sich auch verschiedene Spektrometer implementieren. Letztere sind für die exakte Bestimmung der dominanten Wellenlänge wichtig.

Die patentierte Tasten-Haptik ermittelt anhand eines überlastgeschütz-ten Dreiachs-Kraftsensors und der präzisen Zustellung über eine vorgespannte Kugelspindelachse mit Servo­antrieb die genaue Kraft-Weg-Kor­relation. Den exakten Schaltpunkt registriert das Prüfsystem über den CAN-Bus. Das Subsystem der Tastenhaptik (Servoantrieb) wird per Knickarmroboter zugestellt. Die Ansteuerung über das Labview-RT/FPGA-Subsystem (VxWorks) gestattet eine rasche Ansteuerung und Analyse aller Parameter. Für jede Taste lassen sich dabei getrennte Haptik-Grenzwerte einstellen.

Die Kraft/Weg-Kennlinie für Drehschalter.

© Systec

Bei der Drehhaptik – mittlerweile in der 5. Generation – von Systec kommt eine neue Messspindel zum Einsatz, deren verbesserter Fluchtungsfehlerausgleich für eine größere Unempfindlichkeit gegen Störlasten (Radial- und Axiallasten) sorgt. Darüber hinaus ist die Messspindel in allen Freiheitsgraden gegen Überlast geschützt. Die Kalibrierung und Justage des Subsystems erfolgt automatisch mithilfe des integrierten Kalibrierkopfes. Für jeden Drehsteller sind getrennte Grenzwerte für alle Parameter einstellbar.

Optional kann – ebenfalls CAN-Nachrichten-gesteuert – der genaue Schaltpunkt ermittelt werden. Weitere Vorteile gegenüber Laborsystemen sind der beliebig einstellbare Winkel von 0,02° bis 107 und die Drehraten von 10–7 U/s bis 30 U/s. Der überdimensionierte Antrieb mit elektronischem Getriebe reduziert die dynamischen Einflüsse. Alle Komponenten sind so ausgelegt, dass ein störungsfreier 24/7-Betrieb möglich ist (überwachtes USV-Subsystem). Das System kalibriert sich optional komplett selbstständig, bei Bedarf sogar vor jedem Prüfdurchlauf. Die jeweiligen Prüfsequenzen sind komfortabel parametrierbar, die Protokollierung hält allen Anforderungen von Automotive-, Healthcare- und Aerospace-Industrie stand.

Autor: Herbert Pichlik ist Bereichsleiter Test&Automation bei Systec in Nürnberg.

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