Condition Monitoring
Am Puls der Maschine
Bei Maschinen und Anlagen, die im Dauerbetrieb laufen, ist die kontinuierliche und möglichst automatische Überwachung der Mechanikkomponenten eine geeignete Methode, um die Service- und Stillstandkosten in den Griff zu bekommen. Aktuelle Ansätze gehen hier dahin, das „Condition Monitoring“ direkt in die Betriebsführungssteuerung zu integrieren.
Matthias Schagginger
Bewegliche mechanische Systeme unterliegen den Grundprinzipien von Belastungsalterung und Verschleiß. Wo bereits mit dem Einbau von Komponenten deren „Ablaufdatum“ theoretisch feststeht, sind Diskussionen um Wartungsund Service-Intervalle vorprogrammiert. Insbesondere großmechanische Komponenten der Kraftübertragung wie Triebstränge, Getriebe und Kupplungen, aber auch Lager sind in diesem Kontext aufgrund ihrer essenziellen Rolle und der meist zeit- und kostenintensiven Austausch-Arbeiten von zentraler Bedeutung.
Die in der Vergangenheit üblichen Lebensdauer-Wartungsintervalle oder der häufig angewandte „betriebsstunden-abhängige Austausch“ haben den Nachteil, dass dabei die individuell unterschiedlichen Alterungsgeschwindigkeiten vermeintlich gleicher Bauteile unberücksichtigt bleiben. Dies führt in vielen Fällen dazu, dass durch die vorsichtige Festlegung des präventiven Austausches zu viel Restlebensdauer verschenkt wird. Darüber hinaus fehlt diesen Konzepten die Sensitiviät für spontan auftretende mechanische Defekte. Beides lässt sich oberflächlich betrachtet durch laufende Inspektionen der Maschinen und Anlagen entschärfen – resultiert allerdings auch in hohen Betreuungskosten. Zudem stellt sich die Frage, ob laufende manuelle Inspektionen tatsächlich eine ausreichende Analysetiefe bringen. Dies gilt speziell dann, wenn aus derselben Serie stammende Mechaniken im Betrieb auch ohne vorliegende Beschädigung unterschiedliche Charakteristika zeigen – zum Beispiel hinsichtlich ihrer Akustik.
Ein Lösungsansatz für diese Problematik ist Condition Monitoring, sprich die kontinuierliche automatische Überwachung während des Betriebs. Neben den zur Betriebsführung ohnehin notwendigen Messgrößen wie Temperaturen, Leistungen oder Ströme sind in diesem Zusammenhang insbesondere Vibrationsmessungen von Interesse. Hierbei werden mit piezo-elektrischen Sensoren die Oberflächenbeschleunigungen beispielsweise an Lagerschalen oder Getriebegehäusen gemessen und entweder als Gesamt-Amplitude oder frequenz-selektiv ausgewertet. Somit lassen sich Hinweise auf sich anbahnende Exzentrizitäten/Unwuchten, Ausbrüche an Zahnflanken, Pitting an Lagern oder sonstiger Verschleiß sowohl aufspüren als auch quantifizieren. Auf Basis dieser Erkenntnisse kann der Instandhalter Wartungsintervalle dem tatsächlich aufgetretenen Verschleiß anpassen und bedarfsgerecht einplanen. Nicht zuletzt ist es auf diese Weise möglich, bei unerwarteten beziehungsweise spontan auftretenden Fehlern gegebenenfalls einen vorübergehenden Notbetrieb mit reduziertem Maschinentakt oder eingeschränkter Leistung einzuleiten.
Integriert statt parallel
Die Condition-Monitoring-Systeme (CMS) der ersten Generation entstammen dem Umfeld der Komponentenlieferanten. Sie wurden individuell auf die diversen Bauteile wie etwa Lager oder Getriebe abgestimmt und bieten daher in der Regel nur wenig Transparenz, um ein großes mechanisches Gesamtsystem hinreichend zu erfassen. Oft von Endkunden nach der Gewährleistungsfrist installiert oder bei der Erstausrüstung als Sonderzubehör eingefordert, handelt es sich bei diesen „Gerätschaften“ meist um autonome Black-Box-Systeme, welche parallel und unabhängig von der Sensorik und Steuerung der betriebsführenden Automatisierung arbeiten. Ergo mangelt es nicht selten an einer durchgängigen Integration in die Kommunikations- oder Signal-Infrastruktur sowie in das Sicherheitskonzept der Anlagen selbst. Durch die doppelte Ausführung von Prozessorsystem, Speicher- und Kommunikationseinrichtungen, Drehzahl- und sonstiger Signal-Erfassung, sind solche Konstellationen zum Teil mit erheblichen Zusatzkosten auf der Komponentenseite verbunden; durch die mit einem solchen CMS einhergehenden Analyse- und Kalibrier-Dienstleistungen entstehen weitere Kosten.
Neuere Ansätze in Richtung einer Messwert-Erfassung im SPS-Umfeld lösen zwar einen Teil der genannten Probleme; für „echtes“ Condition Monitoring sind übliche Analogkarten aber weder in punkto Abtastraten – typisch sind hier 2 bis 3 ms, selten um die 400 μs – noch hinsichtlich der Abtastkonsistenz mehrerer Kanäle ausreichend. Gleiches gilt für die typischen Auflösungen von 12 oder 14 Bit; selbst mit 16 Bit ist man für viele relevante Effekte noch zu grob unterwegs.
Die Grade der Integration von Steuerung und CMS: stand-alone CMS (links), Steuerung und CMS im Zusammenspiel (Mitte) sowie integriertes CMS (rechts).
Als Reaktion auf diese Erkenntnisse hat Bachmann Electronic ein Konzept entwickelt, welches die Messdatenerfassung für Condition Monitoring voll in das Steuerungssystem integriert. Integriert steht dabei nicht nur für „auf derselben Backplane“, sondern meint insbesondere, dass entsprechende Auswertungen auch auf die gesamte Signalpalette der Basis-Automatisierung Zugriff haben.
Hardware-Grundlage der Lösung ist eine Baugruppe im Formfaktor der M1-Steuerungsplattform von Bachmann, welche den Anschluss von bis zu neun Piezo-Beschleunigungssensoren über die ICP-Schnittstelle (für Vibrationsmessungen übliche Analogschnittstelle) ermöglicht. Um weitere physikalische Größen wie Kräfte, Ströme oder Leistungen in die synchrone Abtastung einbeziehen zu können, bietet das Modul zusätzlich drei Kanäle für das ±10-V-Einheitssignal. Alle zwölf Analog-Eingänge erlauben die Abtastung mit bis zu 50 kSamples/s, wobei die Messdaten direkt per Hardware in einen lokalen Speicher übertragen werden. Um insbesondere bei Spektral-Auswertungen zu einer drehzahl-unabhängigen Ordnungsanalyse übergehen zu können, ist auf der Baugruppe bereits eine Lage-Erfassung integriert. Über einen Inkrementalgeber-Eingang oder alternativ zwei digitale Initiatorsignale werden Position respektive Drehwinkel ermittelt.
Condition-Monitoring im Kompaktformat: Das Messmodul für die M1-Industriesteuerung verfügt über zwölf Analog-Eingänge, die jeweils die Abtastung mit bis zu 50 kSamples/s ermöglichen.
Die Auswertung der Daten übernimmt eine Standard-CPU des M1-Systems. Dies erlaubt unmittelbar die Nutzung der umfangreichen Kommunikationsmöglichkeiten über Feldbusse wie CAN, Profinet, Devicenet, Modbus oder Ethernet sowie der lokalen Festspeicher wie PC-Card und Compact-Flash. Bei gemeinsamem Betrieb von Betriebsführung und CM-System auf einer Steuerung läuft das CM-System mit geringerer Ausführungspriorität (Multitasking). Das heißt: Die Echtzeit-Steuerung erhält voll die benötigte CPU-Zeit und das CM-System nutzt die „freien“ Zeiten dazwischen. Ergo gilt: Je schneller die CPU, desto mehr Messzyklen je Zeiteinheit können durchgerechnet werden. Eine permanente Online-Überwachung ist ohnedies nur für Maximal-Amplituden oder einfache Mittelwertbildungen zielführend. Die aufwendigen Algorithmen zum Aufspüren von beginnenden Schadstellen benötigen oft die Korrelation mit Referenzdaten, welche nur in einigen wenigen Lastzuständen verglichen werden können. Das heißt: Nach jedem hochauflösenden Messzyklus wird zuerst geprüft, ob die Anlage in einem der Referenzzustände war, und nur dann wird die volle Auswertung durchgezogen.
Über den Daumen lässt sich abschätzen, dass in punkto Rechenleistung mindestens eine CPU der „Pentium“-Klasse mit mindestens 100 MHz Taktfrequenz gewählt werden sollte, da die zu verarbeitenden Rechenmodelle durchaus anspruchsvoll sind und übliche Embedded-Mikrocontroller damit schnell überfordert wären. Normalerweise würde man mit Blick auf die notwendigen Rechenoperationen eher zu DSPs greifen – diese sind aber wiederum für allgemeine Steuerungsanwendungen wenig komfortabel einsetzbar und erfordern unter anderem eine aufwendige Programmierung. Im Detail hängt die erforderliche Leistung von der Komplexität der gerechneten Modelle (SW-abhängig), der geforderten Anzahl von Mess-/Berechnungsdurchläufen je Zeiteinheit und der Parallelbelastung durch die Steuerungsaufgaben ab. Manche Anwendungen erfordern aus versicherungstechnischen Gründen einen getrennten Aufbau von CM-Systemen und den normalen Alarmierungs- und Steuerfunktionen – dann lassen sich auch langsamere CPUs einsetzen.
Bestehendes Know-how bleibt erhalten
Der Wegfall von Spezialhardware und die damit einhergehende Kostenersparnis ist nur einer der Vorteile des neuen CM-Ansatzes. Ein weiterer besteht darin, dass hier die Möglichkeit der individuellen Gestaltung der Analysesoftware gegeben ist, statt die Auswertungen in ein festes Korsett zu zwängen. Zum einen sind die Kanalwerte direkt im Zyklus der Steuerungsanwendung verfügbar, zum anderen besteht Zugriff auf die konsistent abgetasteten, hochauflösenden Zeitreihen. Durch die freie Programmierbarkeit der Steuerung in IEC 61131, C, C++ oder Matlab/Simulink stehen dem Systemintegrator oder Maschinenbauer alle Möglichkeiten zur Auswahl, und aufgrund des offenen CPU-Konzepts basierend auf x86-kompatiblen-Prozessoren und VxWorks als Echtzeit-Betriebssystem sind nahezu beliebige Portierungen von bestehenden Analyse-Systemen möglich. Umgekehrt ist die Rückführung von Analyse-Resultaten in die eigentliche Automatisierung nicht von einer konfigurations-intensiven Fremdschnittstelle abhängig. Dies ist speziell vor dem Hintergrund relevant, dass die Maschinenbauer und Komponentenlieferanten aufgrund langjähriger Service-Praxis oft selbst ausgezeichnetes Know-how im Condition Monitoring erworben haben und auch zahlreiche spezialisierte Software-Unternehmen in diesem Umfeld ihre Dienste anbieten.
Um die Realisierungszeit der CMS-Applikation durch den Anwender zu verkürzen, ist derzeit der Ausbau der Matlab/Simulink-Ankopplung im Gange. Das bedeutet: Künftig werden frame-basierte Auswerte-Funktionen, wie sie im „Signal Processing Blockset“ von The Mathworks vorhanden sind, besonders unterstützt und in die Version 1.20 von „M-Target for Simulink“ aus dem Hause Bachmann einfließen.
In Summe lässt sich festhalten: Die Realisierung von Condition Monitoring als integraler Bestandteil der Basis-Automatisierung spart einerseits Kosten für zusätzliche Hard- und Software. Andererseits lassen sich damit Erfahrungswerte von Konstrukteuren, Servicepersonal und Theoretikern komplexer Kinematik direkt in einem System abbilden – und zwar skalierbar von der einfachen Schwellwert-Überwachung bis hin zur konsistenten Multi-Kanal-Ordnungsanalyse. Rohdaten und End-Ergebnisse im direkten Zugriff gestatten nicht zuletzt eine system-übergreifende Betrachtung und erhöhen die Transparenz unabhängig vom Mechanik-Zulieferer.
Autor
Matthias Schagginger ist Senior Manager im Bereich Produkt-Management bei Bachmann Electronic.













