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Artikel und Hintergründe zum Thema

Negativpreis verliehen

Annina Schopen,

50 Jahre Plagiarius: Wie dreiste Produktfälschungen Innovation schädigen

Zum 50. Mal rückt die Preisverleihung des „Plagiarius“ dreiste Produktkopien ins Licht der Öffentlichkeit. Der Negativpreis macht sichtbar, wie groß die wirtschaftlichen, sicherheitsrelevanten und gesellschaftlichen Schäden von Produkt- und Markenpiraterie sind und warum der Schutz geistigen Eigentums aktueller ist denn je.

Der Negativpreis "Plagiarius" wird jährlich verliehen. Trophäe ist ein schwarzer Zwerg mit goldener Nase. © Aktion Plagiarius

Produkt- und Markenpiraterie ist längst ein globales Milliardengeschäft. Sie reicht von einfachen Nachahmern bis zu professionell organisierten Netzwerken und bringt große Mengen ungeprüfter, falsch deklarierter und nicht EU-konformer Waren auf den europäischen Markt. Das schadet dem fairen Wettbewerb und birgt Risiken für Verbraucher. Wirtschafts- und Handelsverbände fordern daher eine konsequentere Durchsetzung bestehender Gesetze, mehr Verantwortung für Plattformbetreiber sowie besser ausgestattete Zoll- und Marktüberwachungsbehörden. Ebenso wichtig bleibt die Aufklärung: Ohne Nachfrage kein Geschäft.

Vor diesem Hintergrund wurde der Negativpreis „Plagiarius“ im Februar 2026 zum 50. Mal verliehen. Die Auszeichnung macht auf besonders dreiste Produktkopien aufmerksam und versteht sich als gesellschaftliches Signal, nicht als rechtliches Urteil. Ziel der Initiative ist es, den Wert geistigen Eigentums sichtbar zu machen und für die wirtschaftlichen, sozialen und sicherheitsrelevanten Folgen von Fälschungen zu sensibilisieren.

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Die Zahlen unterstreichen die Dimension des Problems. Allein 2024 wurden in der EU mehr als 112 Millionen gefälschte Produkte beschlagnahmt. Der internationale Handel mit Fälschungen macht laut Schätzungen einen relevanten Anteil des Welthandels aus, bei hoher Dunkelziffer. Neben wirtschaftlichen Schäden sind Fälschungen häufig mit mangelhafter Qualität, Sicherheitsrisiken und problematischen Arbeitsbedingungen in der Herstellung verbunden.

Zugleich nimmt der Druck durch Billigimporte aus Drittstaaten weiter zu. Milliarden von Kleinsendungen gelangen jährlich in die EU, oft ohne wirksame Kontrolle. Die bestehenden Regeln, etwa im Rahmen des Digital Services Act, gelten als ausreichend, werden aber bislang nur unzureichend durchgesetzt. Erste politische Maßnahmen wie zusätzliche Abgaben auf E-Commerce-Sendungen könnten gegensteuern, ersetzen jedoch nicht eine konsequente Marktaufsicht. Entscheidend bleibt, Innovationen wirksam zu schützen und gleiche Wettbewerbsbedingungen durchzusetzen.

Die Preisträger 2026 des Negativpreises „Plagiarius“

1. Preis: Flaschen- Set für Neugeborene „Philips Avent Natural Response“
Links Originale: Koninklijke Philips N.V., Eindhoven, Niederlande
Rechts Fälschungen: Dongyang Onibebi Plastic Products Factory, Zhejiang, VR China
Beschlagnahmt: u.a. bei Razzien in Lateinamerika, Nigeria, Südostasien
Vertrieb: Über Social Media (u.a. Facebook) und Online-Plattformen

Flaschen-Set für Neugeborene „Philips Avent Natural Response” © Aktion Plagiarius

Avent (Original) vs. Aveat (Fälschung). Insbesondere bei Produkten für Neugeborene steht Sicherheit an erster Stelle. So bestehen die Philips Avent Flaschen aus BPA-freiem Kunststoff und sind geruchs- und geschmacksneutral, geeignet für den Übergang zwischen Stillen und Flaschenfütterung. Die irreführenden Aveat-Fälschungen wurden in China hergestellt und online, über Social Media sowie vor Ort in Lateinamerika, Nigeria und Südostasien vertrieben. Laut Verpackung sind auch sie BPA-frei. Der extrem niedrige Preis - ein Fünftel des Originals - sowie Fotos aus den „Fabriken“ der Fälscher lassen an der Qualität und Eignung des Kunststoffs, insbesondere für Babyprodukte, zweifeln. Hygienische Zustände? Mehr als bedenklich! Qualitäts- und Sicherheitskontrollen? Fehlanzeige! Nach einer Razzia und Beschlagnahme bei Onibebi hat ein Gericht die Firma zu Unterlassung und Schadenersatz verurteilt. Philips zieht Fälscher konsequent zur Rechenschaft.

2. Preis: Waschtischmischer „AXOR MyEdition
Links Original: Hansgrohe SE, Schiltach, Deutschland
Rechts Fälschung: Chinesisches Fälscher-Netzwerk - 3 Personen in Haft, Kaiping / Guangdong, VR China
Vertrieb über diverse Online-Shops, u.a. auf taobao.com

Waschtischmischer „Axor MyEdition“ © Aktion Plagiarius

Hansgrohe konnte, nach monatelanger Recherche und in Zusammenarbeit mit dem lokalen Kaiping PSB Public Security Bureau, in einer Razzia ein großes chinesisches Fälscher-Netzwerk zerschlagen. Kopiert wurden neben den von Hansgrohe geschützten Designs vor allem die international renommierten, auch in China eingetragenen Marken „hansgrohe“ und „Axor“. Die Fälschungen wurden online, u.a. auf taobao.com, mit Originalfotos beworben und zu Spottpreisen angeboten. Entsprechend minderwertig sind Materialien und Verarbeitung der Fälschungen. Großer Erfolg: Drei Hauptverantwortliche des Netzwerks wurden inhaftiert und werden aktuell strafrechtlich verfolgt.

3. Preis: Stapelliege Klassik (Design: Rolf Heide, 1966)
Oben Original: Müller Möbelwerkstätten GmbH, Bockhorn, Deutschland
(Exklusives weltweites Recht für Herstellung, Vertrieb und Vermarktung der Stapelliege)
Unten Plagiat: Vertrieb: La Redoute S.A.S., Roubaix, Frankreich

Stapelliege Klassik (Design: Rolf Heide, 1966) © Aktion Plagiarius

Die Stapelliege ist ein Designklassiker von Rolf Heide aus dem Jahr 1966 mit einem zeitlosen Design und hoher Flexibilität. Sie ist intelligent konstruiert und einfach im Auf- und Abbau. Ob als Sofa, als gestapeltes Kinderbett, als Doppelbett oder flexibles Gästebett: Sie ist ein platzsparendes Multitalent. Müller Möbelwerkstätten hat das exklusive weltweite Recht für deren Herstellung und Vertrieb. Das Billigplagiat von La Redoute kostet, inklusive „Lattenrost“, der aus einfachen, zu weit auseinanderstehenden Brettern besteht, ein Fünftel des Original-Gestells. Kunden strafen das Plagiat als „billig gemacht, schlecht verarbeitet und unstabil“ ab. Der ästhetische Gesamteindruck beider Stapelbetten ist identisch: So wurden beim Plagiat alle prägenden formalen und funktionalen Gestaltungsmerkmale des Originals übernommen, insbesondere die schwungvollen Abrundungen der seitlichen Wangen, die die Stapelfähigkeit ermöglichen. Umso erschreckender ist die mangelhafte Passgenauigkeit beim Plagiat.

Sonderpreis „Plagiats-Tsunami“: Besteck-Sets „Klikk“ und „Klikk Pocket“
Vorne Originale: koziol »ideas for friends GmbH, Erbach, Deutschland
Plagiate (in Welle): Vertrieb: Über alibaba.com
Betreiber: Alibaba.com Singapore E-Commerce Private Limited, Singapur
Anbieter: Unzählige chinesische Hersteller und Händler

Besteck-Sets „Klikk“ und „Klikk Pocket“ © Aktion Plagiarius

Wie eine Tsunamiwelle überfluten Billigplagiate die erfolgreichen Koziol Besteck-Sets „Klikk“ und „Klikk Pocket“. Die Original-Bestecke sind kompakt, robust und werden bei Koziol in Erbach/Odenwald hergestellt. Das Material ist spülmaschinengeeignet, lebensmittelecht und 100% recycelbar. Die Bestecke wurden seit ihrer Markteinführung zigfach kopiert und unzählige Nachahmer und Onlinehändler abgemahnt. Besonders uneinsichtig: Der Plattformbetreiber Alibaba.com: Nach Hinweis auf den EU-weiten Designschutz werden rechtsverletzende Angebote zwar entfernt, aktiv und automatisch durch KI unterbunden werden sie aber nicht. Trotz wöchentlichem „Notice-and-Take-Down“ unzähliger Plagiate durch Koziol dürfen Händler problemlos immer wieder dieselben Plagiate mit denselben Werbetexten und -fotos einstellen. Das zeigt das geringe Interesse und den mangelnden Willen zur Prävention seitens Alibaba. Die instabilen Billigplagiate liegen 80 bis 95% unter dem Originalpreis. Ob sie hinsichtlich Material und Sicherheit den europäischen Vorschriften entsprechen, ist mehr als fragwürdig.

Sonderpreis „Fake-Shop“: Website www.germens.shop
Links Original-Shop: Germens artfashion Markeking GmbH, Chemnitz, Deutschland
Rechts Fake-Shop: www.jeffkelleher.shop / www.noemibishop.shop
Betreiber: Nicht zu ermitteln - Shops nach monatelangem Betrieb gelöscht

Website www.germens.shop © Aktion Plagiarius

Ein „Fake-Shop“ ist ein komplett gefälschter Online-Shop. Die Betreiber locken mit günstigen Angeboten, kassieren Geld, liefern jedoch keine Ware. Immer häufiger werden Verbraucher:innen Opfer dieser Betrugsmasche. Die Shops sind professionell gestaltet und sehen täuschend echt aus. Jüngst betroffen: Der Germens-Shop. Germens-Hemden stehen für hochwertige Stoffe und ausgefallene, von Künstlern entworfene Designs. Von Juli bis November 2025 gaben sich zwei Fake-Shops als „Germens“ aus. Logo, Texte und Produktfotos wurden kopiert. Angeboten wurden die Produkte zu Dumpingpreisen unterhalb der Herstellungspreise. Ein Impressum gab es nicht, die Widerrufbedingungen waren rechtswidrig. Typisch: Oft gibt es eine Auswahl an Zahlungsmethoden, am Ende der Bestellung ist dann aber nur Zahlung per Vorkasse möglich. Gütesiegel müssen verlinkt sein zum Siegel-Betreiber. Unter „verbraucherzentrale.de/fakeshopfinder“ können Verbraucher:innen verdächtige Shops überprüfen, und es gibt Tipps zum Erkennen von Fake-Shops.

Auszeichnung: (Licht-) Schalterprogramm „Busch-balance SI“
Oben Originale: ABB AG - Busch-Jaeger, Lüdenscheid, Deutschland
Unten Plagiate: Handelshaus Klein GmbH, Trostberg, Deutschland

(Licht-)Schalterprogramm „Busch-balance SI“ © Aktion Plagiarius

Die „Anlehnung“ an das Busch-Jaeger Original ist eindeutig gewollt. Nicht nur Design und technische Details der „Busch-balance SI“ Serie sind fast identisch übernommen. Beworben wird die Nachahmung zudem mit „Das Schalterprogramm BBwhite, passend zu Busch-Jäger Balance Si [sic] in Alpinweiß RAL9010, bietet eine kostengünstige Option“. Busch-Jaeger geht gerichtlich dagegen vor. Darüber hinaus hebt Handelshaus Klein in der Beschreibung seiner Nachahmung hervor, dass „die ballige Oberfläche einzigartige Designakzente ermöglicht“. Tatsächlich haben zumindest die namhaften Originalhersteller alle ihr eigenes, einzigartiges Design.

Auszeichnung: Ersatz-Rasierklingen „Philips OneBlade“
Links Original: Koninklijke Philips N.V., Eindhoven, Niederlande
Rechts Plagiat: KionCare, Zhejiang, VR China
Vertrieb: weltweit, u.a. über Temu

Ersatz-Rasierklingen „Philips OneBlade“ © Aktion Plagiarius

Genau wie Zahnbürstenaufsätze oder Druckerpatronen müssen Ersatz-Rasierklingen alle paar Wochen neu gekauft werden. Gefühlt sind sie immer zu teuer. Das rückt solche Produkte ins Visier der Fälscher: So wurden 2024 allein in der EU über 900.000 gefälschte Rasierklingen sichergestellt, die nicht den EU-Sicherheitsstandards entsprachen und somit Verletzungsrisiken bargen. Auch die Kundenbewertungen der KionCare-Plagiate sind vernichtend: „Unbrauchbar, stumpf, verursachen Hautirritationen, reißen an den Haaren, nicht kompatibel“. Die Anbieter solcher Fälschungen haben oftmals weder ein Impressum noch Infos zu Widerrufbedingungen etc. Philips schützt all seine Produkte über eingetragene Marken, Designs und Patente, führt regelmäßig Razzien vor Ort durch und zieht (Online-) Nachahmer weltweit zur Rechenschaft.

Auszeichnung: Sektgläser „Cheers“ (mit Druck)
Oben Originale: koziol »ideas for friends GmbH, Erbach, Deutschland
Unten Plagiate: Vertrieb: Norma Lebensmittelfilialbetrieb Stiftung & Co. KG, Nürnberg, Deutschland
Herstellung: Spanien

Sektgläser „Cheers“ (mit Druck) © Aktion Plagiarius

Scherben bringen nicht immer Glück. Die Sektgläser „Cheers“ von Koziol aus thermoplastischem Kunststoff sind langlebig und nahezu unzerbrechlich, 100% recycelbar, und das Material isoliert 4x besser als Glas. Das hatte 2021 auch Norma überzeugt. Genau diese fünf bedruckten Koziol-Sektgläser wurden wochenlang erfolgreich vertrieben. Ein erneutes Angebot 2023 wurde abgelehnt, man „komme preislich nicht klar“. Auf ein Angebot 2025 folgte gar keine Antwort. Dafür eine Überraschung: Ab 8. Dezember 2025 hatte Norma stattdessen die fünf optisch sehr ähnlichen Nachahmungen aus Spanien mit exakt denselben Sprüchen im Angebot - für weniger als ein Drittel des Originalpreises: Euro 3,99 für zwei Sektgläser statt Euro 6,95 für ein Sektglas. Dafür jetzt instabil und nicht recycelbar.

Auszeichnung: Gebäckformer „F450“
Links Original: Niederrheinische Formenfabrik Janssen GmbH, Krefeld, Deutschland
Rechts Plagiat: TMAK Gida Makineleri A.S., Istanbul, Türkei

Gebäckformer „F450“ © Aktion Plagiarius

Dreister Technik- und Design-Klau, letzterer mäßig kaschiert durch eine übergestülpte Blechverkleidung. Der mehrfach prämierte Gebäckformer F450 besteht aus zahlreichen technischen Einzelkomponenten, deren Funktionsweisen, Aufbau und Geometrie von Janssen individuell entwickelt, und über Designrechte und Patente geschützt wurden. Der türkische Hersteller TMAK hat mehr als 25 dieser technischen Einzelkomponenten optisch identisch kopiert. Und obwohl das Plagiat trotz 24,61% Rabatt immer noch teurer ist als das Original, zeigte es bei einer Live-Präsentation auf der iba 2025 (internationale Bäckereiausstellung) gravierende Defizite und Funktionsausfälle.

Auszeichnung: Thermochromer Tintenroller „Pilot FriXion Ball“ (mit radierbarer Tinte)
Links Original: Pilot Corporation, Tokio, Japan
Rechts Fälschung: Vertrieb: Alix Industrial Co., Ltd., Shanghai, VR China

Thermochromer Tintenroller „Pilot FriXion Ball“ (mit radierbarer Tinte) © Aktion Plagiarius

Die „Pilot FriXion“ Stifte sind das Original, wenn es um radierbare Tintenroller, Fineliner und Textmarker geht. Entwickelt wurde die FriXion-Serie vom japanischen Schreibgerätehersteller Pilot Corporation. Die Stifte, die es in vielen Farben gibt, verwenden einzigartige thermosensitive Tinte, die sich bei Temperatur verändert. Jeder FriXion Stift besitzt eine Radierkugel, die durch Reibung Wärme erzeugt, so dass die Tinte transparent wird und Fehler sich wegradieren lassen. Die Bestseller-Serie ist über eingetragene Marken (FriXion), Designs und Patente weltweit geschützt. Die Firma Alix ist Wiederholungstäter. Bereits 2020 wurden auf Messen Stifte konfisziert, die Pilot-Designs verletzten. Beim aktuellen Fall wurde nicht nur das Design, sondern auch die Wort-Bildmarke „FriXion“ kopiert. Alix präsentiert sich quasi als autorisierter Händler. Beschlagnahmt wurde die billig verarbeitete Fälschung auf der Messe „Ambiente 2025“.

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