MINT-Fachkräftemangel

Corinne Schindlbeck,

Die Mär von den flexiblen Arbeitszeiten

Zukunftsstudien versprechen Arbeitnehmern von morgen flexible Arbeitszeiten, Autonomie und viel Raum fürs Private – das sei eine logische Konsequenz aus demographischem Wandel und Fachkräftemangel. In der Realität sind aber gerade im Ingenieursbereich viele Arbeitgeber viel weniger flexibel, als sie öffentlich werben.

Gut drei Viertel der Deutschen könnten es sich laut einer Studie vorstellen, unter einer Teilzeit-Chefin zu arbeiten. In Wirklichkeit haben das erst wenige erlebt – in der Elektronikbranche kann man Frauen in Führungspositionen immer noch mit der Lupe suchen. Bereits im Jahr 2009 hat das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung herausgefunden, warum sich junge Frauen nur zögernd für naturwissenschaftliche und technische Ausbildungen entscheiden: Ihre eingeschränkten Berufsaussichten sind maßgeblich daran schuld. Frauen, die ein MINT-Studium erfolgreich abgeschlossen haben, sind häufiger arbeitslos als Männer und kommen auch häufiger nur in befristeten und zumeist schlechter bezahlten Jobs unter. Im Vergleich zu 1999 hat sich diese Ungleichheit im Untersuchungszeitraum 2009 sogar noch erhöht – allen MINT-Initiativen zum Trotz.  Auch die Aufstiegschancen und das Angebot einer ihrer Qualifikation angemessenen Beschäftigung sind der Studie zufolge deutlich schlechter als bei Männern.

Die Vereinbarkeit von Familien- und Erwerbsarbeit werde in den männerdominierten Berufen besonders schlecht ermöglicht, lautete das Ergebnis der Untersuchung 2009. Teilzeitarbeit komme in technischen Berufen so gut wie gar nicht vor: In den Ingenieursberufen waren 2007 weniger als 5 Prozent in Teilzeit beschäftigt, in den anderen MINT-Berufen waren es gleichfalls im Durchschnitt weniger als 10 Prozent. Zum Vergleich: die Teilzeitquote bei Lehrern und Lehrerinnen lag bei fast 45 Prozent, bei den sozial- und heilpädagogischen Berufen bei knapp 40 Prozent und selbst bei Ärztinnen und Apothekerinnen bei 16 Prozent.

Vier Jahre später hat sich daran nicht viel geändert. Eine aktuelle Umfrage des VDE unter seinen Jung-Mitgliedern zeigt: Ingenieurberuf&Familie lassen sich schlecht vereinbaren, weil die Arbeit durch ständige Verfügbarkeit, häufige Überstunden und Wochenendarbeit geprägt ist, das gab jeder Zweite an. Über 30 Prozent der Young Professionals sagen, dass Ingenieurberuf und Teilzeitarbeit zueinander im Widerspruch stehen und sie ihr Privat- beziehungsweise Familienleben einschränken müssen, um beruflich voranzukommen. Rund 20 Prozent geben an, dass sie derzeit auch persönlich ihre sozialen beziehungsweise familiären Bedürfnisse nicht mit den Pflichten eines Ingenieurs in Einklang bringen können. Vor allem Frauen wünschen sich mehr Unterstützung von Seiten des Arbeitgebers, um Familie und Beruf besser miteinander verbinden zu können. »Damit steigt die Gefahr, dass ein Teil des Potentials von Frauen in MINT-Berufen ungenutzt bleibt«, folgert der VDE-Vorstandsvorsitzender Dr.-Ing. Hans Heinz Zimmer diplomatisch. Für die Studie waren insgesamt 776 Young Professionals der Elektro- und Informationstechnik befragt worden, davon rund 10 Prozent Frauen. Das Durchschnittsalter lag im besten Familiengründungs-Alter, bei 29,4 Jahren.

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Zu geringes Teilzeitangebot?

Das fehlende Teilzeitangebot könnte das Hauptproblem sein, warum der Frauenanteil in Ingenieurberufen sich nur zögerlich erhöht, darauf weisen aktuelle Studien hin.

Eine Untersuchung des Instituts für Arbeit und Qualifikation der Uni Duisburg-Essen hat beispielsweise folgendes ergeben: Mütter arbeiten heute zwar häufiger als früher, doch dafür mit weniger Wochenstunden. Durchschnittlich haben westdeutsche Frauen je nach Alter ihrer minderjährigen Kinder ein Wochenpensum zwischen 6,3 und 19,1 Arbeitsstunden. Das hat die IAQ-Arbeitsmarktforscherin Christine Franz aus Mikrozensus-Daten berechnet. Je kleiner und zahlreicher die Kinder,  umso geringer ist die Wochenarbeitszeit der Mütter. Selbst Frauen mit 15- bis 17-Jährigen Kindern stehen dem Arbeitsmarkt immer noch nur mit halber Kraft zur Verfügung.

Ein wenig anders ist es in Ostdeutschland: Hier arbeiten schon die Mütter von drei- bis fünfJährigen durchschnittlich 20 Wochenstunden, allerdings steigt auch hier der Wert nur auf 25 Stunden bei Frauen mit fast volljährigen Kindern. „Der Vergleich von 2000 zu 2007 zeigt, dass die Arbeitsvolumina in fast allen Altersgruppen gesunken sind“, so die Wissenschaftlerin. Vor allem der Anteil der in Vollzeit beschäftigen Mütter ist zurückgegangen, stellt Christine Franz fest. Selbst bei schon 15-jährigen und älteren Kindern arbeitet nur rund jede vierte Vollzeit.

Es stellt sich die Frage, woran das liegt. Wollen die Mütter fast erwachsener Kinder gar nicht länger arbeiten, oder bekommen sie nach längerer Erziehungs-Auszeit  mit Teilzeitbeschäftigung keine Vollzeit-Stelle mehr? Beide Schlussfolgerungen hält Arbeitsmarktforscherin Franz für plausibel, kann dazu aber keine wissenschaftlichen Daten liefern. „Das ist noch nicht untersucht.“

Laut Umfragen würden auch Väter gerne – zumindest temporär – in Teilzeit arbeiten. Bislang sind es jedoch nur ca. 3 bis 4 Prozent der westdeutschen Väter. Zwar liegt der Anteil in Ostdeutschland etwas höher, jedoch muss  laut Christine Franz davon ausgegangen werden, dass die Teilzeitbeschäftigung hier (wie auch bei ostdeutschen Frauen) häufig nicht freiwillig gewählt wird. Lediglich bei einem kleinen Teil der Väter mit Kindern unter zwei Jahren sieht Christine Franz Indizien für eine familiär bedingte Arbeitszeitreduzierung, also genommener Elternzeit. Das Erwerbsverhalten von Männern insgesamt aber scheine bisher nicht familienfreundlicher geworden zu sein.

"Gedrehte" Entlohnung

Dabei sagt eine neue Studie des Zukunftsinstituts im Auftrag der Zeitarbeitsfirma Adecco/DIS AG voraus, dass die Arbeitswelt im Jahr 2020 moderner sein werde, mit eigenen Gestaltungsmöglichkeiten, Freiheit, Autonomie und Networking. „Tiefgreifend“ solle sich die Arbeitswelt bis dahin verändert haben – dank Demografie und Globalisierung. Der Trend gehe hin zu flexibleren Beschäftigungsverhältnissen - und zwar sowohl was die Angebote von Unternehmen betrifft als auch in Bezug auf die Wünsche von Arbeitnehmern. Laut Studie bedeute dies für Unternehmen, dass sie mit Angeboten wie  flexiblen Arbeitszeiten, individuellen Weiterbildungsmöglichkeiten, sozialem Engagement oder leistungsbezogenen Boni überzeugen müssen. "Die Studie zeigt vor allem eines: Die Arbeitswelt wird flexibler, und ebenso flexibel müssen in Zukunft nicht nur Mitarbeiter, sondern auch Unternehmen sein", sagt der Vorstand der DIS AG, Peter Blersch.

Heißt das, dass Chefinnen in Teilzeit bald die Regel sein könnten? Bislang haben Unternehmen eher Angst, dass gerade Teilzeit-Chefinnen Autoritätsprobleme drohen. Die Personalberatung Rochus Mummert hält diese Sorge für unbegründet. Sie hat die gerade veröffentlichte repräsentative Umfrage zur Akzeptanz von Teilzeit-Chefinnen durchgeführt. Als leitende Teilzeitangestellte hätten Frauen die Chance, nicht nur Beruf und Familie, sondern auch Karriere und Familie miteinander zu verbinden, so die Berater. Noch sei allerdings branchenübergreifend nicht einmal jede vierte Führungsposition im mittleren Management mit einer Frau besetzt.

"Unternehmen, die für qualifizierte Frauen als Arbeitgeber attraktiv sein möchten, sollten sich beeilen, Führungskultur und Führungsprozesse auf Teilzeitmodelle auszurichten", sagt Bernhard Walter, Senior-Berater bei Rochus Mummert. "Dabei geht es nicht um die Erfüllung wie und von wem auch immer berechneter Frauenquoten, sondern um das ureigene Interesse der Firmen, im Kampf um die besten Köpfe auch auf alle Köpfe zugreifen zu können. Die Definition von Arbeitgeberattraktivität hört in diesem Zusammenhang eben nicht beim Betriebskindergarten auf, sondern umfasst genauso das Aufzeigen klarer Karriereperspektiven."

„Korrektur der Lohnprofile ist unabdingbar“

Doch noch liegen Wunsch und Wirklichkeit weit auseinander. Nach der aktuellen Analyse von Rochus Mummert ist derzeit nur knapp ein Viertel der Jobs auf der zweiten und dritten Führungsebene in deutschen Unternehmen mit Frauen besetzt. "Während sich also die öffentliche Diskussion um eine - egal wie sinnhafte - Frauenquote für Vorstandsgremien und Aufsichtsräte dreht, fehlt oftmals schlichtweg der notwendige Unterbau im mittleren Management", sagt Walter. "Die Tatsache, dass nur noch jeder fünfte deutsche Arbeitnehmer Männer für die besseren Chefs hält, sollte da doch Motivation genug sein, dieses Missverhältnis endlich anzugehen."

Doch noch immer ziehen manche Unternehmen in Deutschland junge männliche Bewerber jungen Frauen vor und stellen auch kaum ältere Arbeitnehmer ein. Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim. Die wesentliche Ursache für diese - angesichts der demografischen Entwicklung und dem angeblichen drohenden Fachkräftemangel wenig nachhaltigen – Personalstrategie ist: Geld. Steile Betriebszugehörigkeits-Lohnprofile in Unternehmen erschweren es Frauen, eingestellt zu werden. Mitarbeiter werden in den ersten Jahren ihrer Betriebszugehörigkeit unterhalb ihrer Produktivität und in den letzten Jahren ihrer Berufstätigkeit oberhalb ihrer Produktivität entlohnt. Diese "gedrehte" Entlohnung sorgt zwar für eine feste und lange Bindung motivierter Mitarbeiter ans Unternehmen, macht aber gleichzeitig die Einstellung junger Frauen vor der Familiengründungsphase und älterer Arbeitnehmer unattraktiv. "Um die in Zukunft notwendige verstärkte Einstellung junger Frauen sowie älterer Arbeitnehmer zu erleichtern, ist eine Korrektur der steilen Betriebszugehörigkeits-Lohnprofile in den betreffenden deutschen Unternehmen unabdingbar", sagt Thomas Zwick, Research Associate am ZEW und Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität, München.

So nehmen etwa junge Frauen aus familiären Gründen oftmals Auszeiten oder kehren nach der Familienphase gar nicht mehr in den Betrieb zurück. Den Lohnabschlag in den ersten Beschäftigungsjahren in Betrieben mit gedrehter Lohnstruktur empfinden sie daher als unattraktiv, denn sie wissen nicht, ob sie davon später auch profitieren werden. Die Unternehmen wiederum schrecken vor der schlecht kalkulierbaren und der zu erwartenden geringeren betrieblichen Verbleibdauer junger Frauen zurück.

Um die Eintrittshemmnisse für junge Frauen und ältere Arbeitnehmer abzubauen und sich so ein für die Zukunft wichtiges Fachkräftepotenzial zu erschließen, rät Zwick zu verschiedenen Wegen. So könnten entweder die "Bleibeprämien" sinken und parallel dazu die Einkommen junger Mitarbeiter für alle Beschäftigten oder gezielt für die bisher bei Einstellungen benachteiligten Beschäftigtengruppen erhöht werden. "Dies bedeutet allerdings, dass an die Stelle steiler Betriebszugehörigkeits-Lohnprofile neue und möglicherweise teurere Instrumente der Mitarbeiterbindung wie individuelle Leistungslöhne und Beförderungswettbewerbe treten müssen", erklärt Zwick.

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