Jubiläum
»Der Linie treu und berechenbar bleiben«
In Deutschland ein kleines Halbleiterunternehmen aufzubauen, das war die Idee hinter der Gründung von iC-Haus vor 25 Jahren. »Design Häuser gab es bereits, wir aber wollten eigene ICs mit mehr Wertschöpfung und Verantwortung bauen«, sagt Dr. Heiner Flocke, Geschäftsführer von iC-Haus.
Als er die Firma zusammen mit Manfred Herz gründete, hatten sich die zwei richtigen Partner gefunden, die den Mitarbeitern und sich selbst Kreativität und den nötigen »Spaß« belassen wollen. Vor 25 Jahren, zu einer Zeit also, als weder an Handys noch Internet zu denken war, steckten die beiden Geld, teilweise von der Familie verbürgt, in die Neugründung; die Mainzer Volksbank half mit, und das Start-up machte seine ersten Schritte, zunächst mit Studenten als ersten Mitarbeitern und mit 4-Zoll-Wafern von Telefunken.
Kurz darauf stieß Ralf Burkard als Chip-Entwickler hinzu. Wie viele andere Designer auch, hinterlassen Herz und Burkard noch heute ihre Unterschrift in Form von Symbolen auf den von ihnen entwickelten iCs: Das Herz und der Burgturm stehen neben dem »iC« als Markenzeichen für integrierte Innovation. Ralf Burkard hatte lange überlegt, Elektrotechnik oder doch lieber Musik zu studieren, sich dann aber für die Elektrotechnik entschieden.
Heute profitiert iC-Haus von beiden Begabungen: Burkard führt bis heute vollständige eigene Entwicklungsprojekte durch, und auf der Jubiläums-Party greift er zur Klarinette, um die Gäste zu begrüßen: Kunden, Partner, Mitarbeiter und Freunde des iC-Hauses. Vielleicht war ja der erste Standort im Gebäude einer Schnapsbrennerei – noch heute lautet die Adresse der Firma »Am Kümmerling« – der Kreativität und dem Engagement förderlich, jedenfalls lag in diesen beiden Faktoren das Erfolgsrezept für den Anfang. Das wiederum kam bei den potenziellen Kunden gut an.
»Entscheider in großen Konzernen gaben uns Aufträge per Handschlag«, erinnert sich Flocke. Auf diese Weise hielt das kleine Unternehmen aus Bodenheim mit seinen Chips u.a. Einzug in die Airbags. Chips dieser Art hat iC-Haus noch heute im Programm, mittlerweile in vierter Generation. Damals arbeiteten in den Airbags die ersten elektronischen Steuergeräte für Autos, maßgeblich für den Fahrer. Flocke: »Heute wird auch in Kleinwagen mit verteilten Airbags und Sensoren ein umfassender Insassenschutz erreicht, mit dem jährlich viele Menschenleben gerettet werden.
»Bedenkenträger hätten diesen Schritt nicht gewagt«
Dem damaligen zuständigen Manager, der auf der Geburtstagsfeier eine launige Rede hielt und etwas aus dem Nähkästchen plauderte, gelang es nach eigenen Worten, sich mit den Auftraggebern auf die Technik zu konzentrieren und Berater und Controller fern zu halten. »Bedenkenträger und Erbsenzähler hätten diesen Schritt nicht gewagt«, so meint auch Flocke. Und Erfolg brachte nicht zuletzt der Standort, den Heiner Flocke immer wieder preist.
Auf den ersten Blick überraschend: In Rheinland Pfalz wurde effektiv und wirksam Technologie gefördert, doch es stand offenbar nie so viel Geld zur Verfügung, um die großen Fehler zu machen und wie andere Länder aus Prestigegründen und im großen Stil in staatliche Design-Zentren, Masken- und Wafer-Herstellungen zu investieren. »Ein ordnungspolitischer Sündenfall«, so Flocke. Lob verteilt er auch an die Industriepolitik in Rheinland-Pfalz: »Sie war immer effektiv und unbürokratisch.«
Zudem profitiert sein Unternehmen von der guten Infrastruktur in der Nähe von Frankfurt und – für iC-Haus sehr wichtig – von der guten Zusammenarbeit mit Universitäten. Wie schon am Anfang, so arbeiten auch heute viele Studenten in der Firma, machen Praktika oder schreiben an ihren Diplomarbeiten. »Wir haben keine großen Probleme, die richtigen Leute zu bekommen«, erklärt Manfred Herz. Und Prof. Andreas König von der Technischen Universität Kaiserslautern erklärt, dass der Mittelstand ein sehr wichtiger Faktor rund um die Sensor- und Analogtechnik sei: Flexibilität und Kreativität sind hier gefragt.
Die Studenten finden in solchen Firmen neben den Praktika auch eine klare Perspektive, sie lernen, was R&D in der Praxis heißt. Für iC-Haus ging es jedenfalls aufwärts: 1993 bezog das Unternehmen mit 20 fest angestellten Mitarbeitern und 24 Studenten sowie Hilfspersonal ein neues Gebäude. Heute erzielt iC-Haus mit 200 Mitarbeitern einen Umsatz von 30 Mio. Euro und produziert vor allem für Nischenmärkte. Ein Differenzierungsmerkmal ist die hohe Fertigungstiefe: Ein eigener Reinraum, den iC-Haus seit 2006 betreibt, und eine eigene Packaging-Line für Mikrosysteme stehen zur Verfügung.
Die eigenen Grenzen erkennen und den Überblick bewahren
Das ist für die Fertigung der optischen und magnetischen Sensormodule sehr wichtig. »Für diese meist kundenspezifischen Module ist tiefes Prozess- und Fertigungs- Know-how erforderlich, das können wir nicht per Zeichnung in Asien herstellen lassen«, sagt Flocke. Aber gibt es nicht Beispiele für Chip-Start-ups, die innerhalb sehr viel kürzerer Zeit zu Milliarden- Dollar-Konzernen aufgestiegen sind? »Haben wir also etwas falsch gemacht?«, fragt Flocke rethorisch, aber auch neugierig und selbstkritisch.
Die eigenen Grenzen erkennen und den Überblick bewahren
Und gibt sich gleich selbst die Antwort: »Wir sind unserer Linie treu geblieben, waren in diesem Sinn also eher beratungsresistent. « Was er als ganz wichtig einschätzt: Die eigenen Grenzen zu erkennen und den Überblick zu bewahren – auch was die Finanzakrobatik angeht. »Unser Steuerberater sagt immer: ‘Zivilrecht geht vor Steueroptimierung’«, lacht Flocke. Und in Hinblick auf die Geburtstagsparty: »Das Zelt hier ist geliehen, aber die Getränke sind gekauft.«
Der Linie treu bleiben, das heißt für ihn auch: berechenbar zu sein, sowohl für die Kunden als auch für die eigenen Mitarbeiter. »Wir sind ein Inhaber-geführtes Familienunternehmen und gehen als solches in die Zukunft.« Wie anders es in Firmen zugeht, die in sehr kurzer Zeit in die Milliarden-Liga vorgestoßen sind, dazu gab Daniel Schoch, heute Geschäftsführer von iC-Haus in Vermont/ USA, einen anschaulichen Erlebnisbericht (siehe Kasten). Einem der ursprünglichen Gründer von Broadcom drohen heute übrigens 100 Jahre Gefängnis, u.a. wegen Finanzakrobatik. Wie sieht die Zukunft aus?
Entziehen kann sich iC-Haus der derzeitigen Situation selbstverständlich nicht. Ein Umsatzeinbruch im industriellen Sektor von 40 Prozent muss seine Spuren hinterlassen. iC-Haus setzt aber weiter auf Innovationen und sein starkes Team. Vom BMBF unterstützte Forschungsprojekte laufen intensiv weiter. BiSS soll nach dem leidigen Patentrechtsstreit verstärkt als Open-Source-Standard vorangetrieben werden, derzeit gibt es weltweit 155 Lizenznehmer, in zunehmendem Maße auch in Asien. Die Entwicklung neuer ICs läuft ebenfalls weiter. Dazu zählen Chips für magnetische Zeilenkameras, die z.B. die Echtheit von Geldnoten überprüfen oder Schäden in Pipelines aufspüren.
Zudem arbeiten die Ingenieure daran, kombiniert optische und magnetische Sensoren auf einem einzigen Chip zu integrieren. »Kurzarbeit in der Entwicklung darf nicht sein und würde eine Auszeit bedeuten«, erklärt Flocke. Das Motto lautet also: Durch Innovationen die Marktposition stärken, das kundenspezifische Packaging weiter vorantreiben, durch Distributoren, Partner und Schwesterunternehmen internationaler werden und in weitere Nischenmärkte vordringen.
Berechenbarkeit statt Paranoia
Zu »Paranoia« kann Daniel Schoch eine kleine Geschichte aus eigener Erfahrung erzählen. In der Schweiz geboren und ausgebildet, siedelte er Anfang der 90er-Jahre ins Silicon Valley über, um bei Rockwell zu arbeiten. Dort war er an der Entwicklung von Modem-ICs beteiligt, »Consumer-ICs sind besonders hart für Designer, weil die Marktfenster sehr eng sind. Im Schlafsack in der Firma zu übernachten, ist nichts Besonderes, es herrscht Paranoia«, so Schoch.
Hinzu kam, dass mit Broadcom plötzlich ein Wettbewerber auftrat, der aggressiv und besser war, Rockwell verpasste den Umstieg auf die 56-KBit/s-Modems. »Plötzlich fuhren auf der Straße vor dem Rockwell-Gebäude Lastwagen auf und ab, die die Aufschrift trugen: ‘Winning Engineers Don’t Work for Loosing Companies’«, erinnert er sich. 2002 wechselte auch er zu Broadcom, jedoch zu spät, um mit Aktienoptionen reich zu werden. Jedenfalls mangelte es den Ingenieuren außer an Zeit an fast nichts, zumindest bis zur Adhoc-Abteilungsauflösung.
Der Consumer-IC-Paranoia entkam er auch dort nicht, bewundert aber die Aufsteh-Mentalität in Amerika. Seit 2007 leitet er die iC-Haus Corp. als Design-Center und ist an der Schwesterfirma von iC-Haus in den USA beteiligt. Hier steht nun mehr die Technik im Vordergrund, weniger die Paranoia. Ein berechenbarer Arbeitgeber hat eben auch was für sich.










