Kommentar: Vom "gefährlichen Trend" zur "Mode-Diagnose"

Corinne Schindlbeck,

Alles nur Jammerer?

Burnout - nur eine Modediagnose? Immer mehr Experten bezweifeln die stark angestiegen Diagnosen "Totale Erschöpfung". "Burnout dient vielen als willkommene Entschuldigung für Selbstmitleid“, meinen zum Beispiel die Berufsberaterin Uta Glaubitz. Dabei gehören "Ausgebrannte" in den seltensten Fällen zu den "Jammerern".

Ist Burnout eine Krankheit? Darüber streitet selbst die Fachwelt. Unstrittig ist allerdings, dass Burnout-Diagnosen zugenommen haben.

© Fotolia

Wie schnell sich die Zeiten ändern!  Noch vor kurzem war die Manager-Krankheit „Burnout“ ein Trend, der es bis auf den Spiegel-Titel geschafft hat: Im Juli warnte das Nachrichtenmagazin vor den Gesundheitsgefahren durch Dauerstress, die Titelseite zeigte einen Krawatten-tragenden Mittvierziger eingepfercht in einem Kasten sitzen, was wohl die Ausweglosigkeit seines Arbeitsalltags verdeutlichen sollte. Nun mehren sich die Anzeichen, dass gerade ein Gegen-Trend kreiert und ausgeschlachtet werden soll. Die Überschrift knallt: „Schluss mit dem Burnout-Gejammer“ lautet nun die Schlagzeile auf Karriere-Spiegel.de. Das B-Wort sei ein Modebegriff geworden - und diene vielen als willkommene Entschuldigung für Selbstmitleid, schreibt die Berufsberaterin Uta Glaubitz. Wirksames Gegenmittel: „Sehen Sie sich nach einem Job um, mit dem Sie glücklich werden.“

Selbstmitleid? Es sind ja gerade nicht die Jammerer, die von Burnout betroffen sind. Sondern im Gegenteil häufig emotional über die Maßen engagierte Menschen, die Ihre eigenen Bedürfnisse und  Körpersignale bis zum Umfallen ignorieren und leugnen. Nicht umsonst wurde die Gesundheitsstörung zum ersten Mal in pflegenden Berufen diagnostiziert und beschrieben. Ein Burnout-Syndrom (englisch (to) burn out: „ausbrennen“) bzw. Ausgebranntsein ist, Zitat Wikipedia, „ein Zustand ausgesprochener emotionaler Erschöpfung mit reduzierter Leistungsfähigkeit. Es kann als Endzustand einer Entwicklungslinie bezeichnet werden, die mit idealistischer Begeisterung beginnt und über frustrierende Erlebnisse zu Desillusionierung und Apathie, psychosomatischen Erkrankungen und Depression oder Aggressivität und einer erhöhten Suchtgefährdung führt.“

Wer Burnout hat, hat Probleme damit, sein Leben zu bewältigen, ist körperlich, emotional und geistig erschöpft, weil er beruflich überlastet ist, den (ursprünglich oft positiven) Stress  nicht mehr bewältigen kann. Und eben nicht muss dazu die Arbeit ungeliebt und die falsche sein, wie es Glaubitz suggeriert. So warnte der mittlerweile emeritierte Arbeitspsychologe Prof. Dr. Lutz von Rosenstiel, einer der angesehensten Experten auf seinem Gebiet, bereits zur Jahrtausendwende in einem Interview mit Markt&Technik  davor, dass großes Engagement, Freude und Leistungsbereitschaft bei der Arbeit nicht vor Burnout schütze. Gegenstand des Interviews waren damals die zahlreichen Internet-Start-ups, deren Lebens- und Arbeitsgefühl derart ineinander geflossen war, dass Mitarbeiter ihre Matratzen unter den Schreibtisch legten und so selten zuhause waren, dass Stellenanzeigen auf Pizzakartons die Zielgruppe optimal trafen.

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Geld ist die verbreitete Form der Anerkennung

Zusammenbruch durch Überlastung – das kann vor allem solche treffen, die mit dem Beruf verschmelzen, die die notwendige Distanz zwischen Beruf und sich selbst nicht mehr hinkriegen, die Alarmsignale (ich sehe die Kinder nur am Wochenende, meine privaten Hobbys finden nicht mehr statt, ich habe Eheprobleme, meine Blutwerte sind schlecht, aber mir fehlt die Zeit, gegenzusteuern) klein reden oder aufschieben.

Aber auch das Arbeitsumfeld trägt dazu bei, weil es sich verändert hat. Frau Glaubitz schreibt hier flockig, dass man sich doch einfach einen neuen Job suchen solle, wenn man unglücklich sei. Und verkennt dabei, dass es flächendeckend veränderte Bedingungen sind, die gerade die Hochqualifizierten vor Probleme stellen, nicht den gelangweilten Niedriglöhner, der am Fließband Otto-Kataloge einpackt. Denn dieser kommt abends zwar mit Rückenschmerzen nach Hause, lässt den ungeliebten Job aber außerhalb seiner vier Wände und ist froh, Feierabend zu haben.

Bei Hochqualifizierten dagegen fließen Privates und Berufliches oft zwanghaft in einander über, wird das E-Mails-Checken per Smartphone zur Regel, auch im Urlaub. Burn-out-Kandidaten arbeiten hart, sind gut in ihrem Job und glauben, dass sie unersetzbar sind. Und sehr oft hindert sie eine regelrechte Berufung daran, kürzer zu treten. Nicht zuletzt deshalb sind zum Beispiel Polizisten und Krankenschwestern häufige Burnout-Kandidaten.

Und noch ein weiteres Merkmal der heutigen Arbeitswelt füttert Burnout-Erkrankungen: der Wettlauf um Anerkennung, meist geliefert in Form von Boni und Leistungszulagen. Wer am Jahresende eine satte Provision einstecken kann, hat gut gearbeitet und kann sich auf die Schulter klopfen. Wer leer ausgeht, hat nicht gut gearbeitet. Die tägliche Anerkennung im Alltag, eine ehrliche Anteilnahme und Fürsorge für den Mitarbeiter, ist dagegen die Ausnahme und eher unter der Sparte „Gedöns“ abgespeichert – wohlgemerkt häufig auch von Mitarbeitern. Ihnen ist ein Scheck in der Regel wichtiger als ein ehrliches Interesse – zumindest solange es Ihnen gut geht. 

Welche Erfahrungen haben Sie mit Burn-out? Schreiben Sie mir oder diskutieren Sie mit in unserem Blog!

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