VDE-Studie - Generation 55 plus

Von Corinne Schindlbeck | Günter Herkommer,

Ältere Elektroingenieure vor Beschäftigungsboom

Frühverrentung und Abfindungsangebote für Ingenieure ab 50 sind immer noch an der Tagesordnung. Demographiegerechte Personalpolitik? Für 65 Prozent der Unternehmen noch ein Fremdwort - doch diese Mehrheit unterschätzt die Welle, die gewaltig auf den deutschen Arbeitsmarkt zurollt. Dies belegen neue Zahlen des VDE.

Differenziert nach Berufsordnungen fehlten laut VDI/IW mit 36.300 Personen am meisten Maschinen- und Fahrzeugbauingenieure. Die zweitgrößte Lücke bestehe bei Elektroingenieuren mit 21.600 Personen. Regional seien vor allem Baden-Württemberg, Bayern und Nordrhein-Westfalen betroffen.

© VDI/Thomas Ernsting

Prognose von Ersatzbedarf an Elektroingenieuren und Absolventen im Studium Elektrotechnik und Informationstechnik. Der erwartete zusätzliche Bedarf ist ohne Prognose.

© VDE

2013 war das letzte Jahr mit hohen Schulabgängerzahlen – von nun an geht’s bergab. Ältere Elektroingenieure – 55 plus - werden bereits in wenigen Jahren vor einem Beschäftigungsboom stehen. Das belegen neue Zahlen des VDE. Die Unternehmen kümmert das aber noch wenig: 65 Prozent der Unternehmen haben noch keine besonderen Maßnahmen getroffen, um sich auf ältere Elektroingenieure einzustellen.

Und das, obwohl Arbeitslosenquote der Elektroingenieure seit Jahren nur noch einen Bruchteil der allgemeinen Arbeitslosenquote in Deutschland beträgt. In diesem Jahr hat sie den Niedrig-Rekordwert von nur noch 1,5 Prozent erreicht. Der Anteil Älterer darunter, das belegt ein Blick auf die Statistik,  schrumpfte seit 2001 von 62 Prozent auf 45 Prozent in 2010. Noch 2001 war das Risiko für ältere Elektroingenieure, arbeitslos zu werden, 7,3mal höher als für Absolventen. Davon ist nicht mehr viel übrig geblieben: das Verhältnis betrug im Jahr 2009 nur noch 1,7.   

Die Absolventen-Schwemme (rund 520.000 spülten die Universitäten in diesem Jahr auf den Arbeitsmarkt), mag so manches Unternehmen in Sicherheit gewiegt haben. Doch ist sie trügerisch, denn die Einmaleffekte G8 und Wegfall der Wehrpflicht, die dazu geführt haben, werden sich so nicht mehr wiederholen.

 

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Schon im nächsten Jahr werden die Schulabgänger mit Fachhochschulreife und  Hochschulreife nur noch knapp 460.000 erreichen. Ab ca. 2020 dann geht es empfindlich nach unten, bis auf rund 415.000 Hochschulabgänger in 2025.

Gleichzeitig drückt die demographische Entwicklung von der anderen Seite und schiebt das Angebot an Fachkräften zusammen in Richtung einer immer älter werdenden Beschäftigtengeneration, die an den Rändern durch Ruheständler  - unumkehrbar – abbröckelt.

Das führt zu einem steigenden Ersatzbedarf. Der VDE rechnet damit, dass dieser Ersatzbedarf zwar noch durch Absolventen abgedeckt werden kann – nicht mehr jedoch der zu erwartende zusätzliche Bedarf durch Expansion. „Dies wird durch die wachsende Bedeutung der Elektrotechnik und Informationstechnik in der deutschen Wirtschaft induziert“, sagt der Autor der Studie Dr. Michael Schanz, Arbeitsmarktexperte beim VDE mit Blick auf Projekte wie Elektromobilität, Energiewende, Medizintechnik, Gebäudeautomatisierung, um nur einige zu nennen.

Der Anteil der über 50-Jährigen an den sozialversicherungspflichtig beschäftigten Elektroingenieuren in Deutschland hatte bereits 2010 die Marke von 30 Prozent überschritten – und die Tendenz zeigt nach oben. Der Anteil der jüngeren liegt in dieser Berufsgruppe nur noch bei 18 Prozent – Tendenz fallend. „Damit haben sich die Anteile dieser Altersgruppen an den beschäftigten Elektroingenieuren im Zeitraum 1999 bis 2011 praktisch umgekehrt“, sagt Schanz.

 

Was heißt "älter"?

Unternehmen müssen sich baldigst darauf einstellen, ihren Betrieb künftig mit einer älteren Belegschaft zu realisieren – mit allen Vor- und Nachteilen, die das mit sich bringt.

Was heißt „älter“? Noch um die Jahrtausendwende bezeichnete man Ingenieure ab 45 plus als „ältere Ingenieure“. Heute spricht der VDE-Ausschuss „Beruf, Gesellschaft und Technik“ von „55 plus“ für die ältere Generation an Ingenieuren, die nicht mit dem PC groß geworden ist. Dabei handele es sich im Prinzip um die gleiche Personengruppe.

Diese Generation werde angesichts ihrer positiven Eigenschaften unterschätzt: sie sei erfahren in Branche und Produkt und dadurch in hohem Maße innovationsfähig, geschickt in Verhandlung und Akquise,  kompetent in Qualitätsfragen. Dabei realistisch genug, was die Machbarkeit von Projekten betreffe, ohne typischen Anfängerfehlern zu unterliegen. Die Liste der Pluspunkte ist noch lang.

Vorurteile, wonach Ältere weniger lernbereit, leistungsbereit und teamfähig seien, haben sich laut VDE nicht bestätigt und auch eine neue Studie des Max-Planck-Instituts weist in diese Richtung. „Sie sind kein Erfolgsrisiko für Unternehmen“ sagt Michael Schanz. Warum halten die Vorurteile sich dann so hartnäckig? „Sie sind eine Folge des Personalabbaus und der Möglichkeiten zum Vorruhestand in den vergangenen Jahren. Damit fehlen heute vielen Unternehmen Erfahrungen mit älteren Beschäftigten. In einer wachsenden Zahl von Unternehmen hingegen werden Ältere längst wieder als Leistungsträger wahrgenommen!“, sagt Schanz.

„Jugendwahn“ könne sich das Gros der Unternehmen in Zukunft schlicht nicht mehr leisten – anders als noch um die Jahrtausendwende, wo Frühverrentung sogar staatlich gefördert worden war.
Warum ist die Personalpolitik in den meisten Unternehmen aber immer noch nicht als „demographiefest“ zu bezeichnen? So werden Ältere zum Beispiel nicht in gleichem Maße wie jüngere weitergebildet: Zwischen 2002 und 2011 ist die Bereitschaft dazu aber laut IAB immerhin um 6 Prozent gestiegen.

Jeder vierte Betrieb hält seine Älteren inzwischen länger im Betrieb, 2007 waren es erst 16 Prozent. Dazu kommt die hohe Nachfrage nach Fachkräften, die geringen Möglichkeiten für Vorruheständler und die zunehmende Nachfrage nach Beratungsdienstleistung, die wie geschaffen ist für die Silver Workers.

Immerhin: Neueinstellungen von älteren Elektroingenieuren werden in Einzelfällen inzwischen vorgenommen, sofern hohe fachliche und methodische Kompetenz und spezifische Erfahrung vorhanden sind und die Persönlichkeit passe, meldet der VDE.  „Im Vertrieb treten die Fachkenntnisse sogar hinter die persönliche Eignung und Marktkenntnisse zurück“, weiß Schanz. „Deshalb werden seit wenigen Jahren freigesetzte Ingenieure um 55 plus wieder durch Headhunter vermittelt und ältere Altersteilzeitler wieder zurückgeholt“.

In einem neuen Empfehlungspapier (im Anhang) gibt der VDE Tipps, wie Unternehmen ältere Elektroingenieure in ihre Personalpolitik einbeziehen können.

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