Anbieterumfrage
Windows 7 in der Automation
Über 60 Millionen Windows-7-Lizenzen hat Microsoft bereits verkauft – die meisten in Consumer-PCs. Anders als bei Windows Vista wird die Industrie den Betriebssystemwechsel mitgehen. Die notwendigen Tests laufen sowohl bei Anbietern als auch bei Maschinen- und Anlagenbauern bereits auf Hochtouren. Das zeigt unsere Kompakt-Umfrage bei vier Automatisierungs- und IPC-Experten.
Im Gegensatz zu Notebooks oder Desktop-PC, bei denen immer das aktuelle Betriebssystem zum Einsatz kommt, ist im Automatisierungsbereich das Betriebssystem Bestandteil der Steuerungslösung. Bevor Anwender eine Maschine oder Anlage mit einem neuem Betriebssystem ausrüsten und die Applikationssoftware portieren, wird ein neues Betriebssystem daher zunächst auf Herz und Nieren geprüft.
Stefan Hoppe, Produktmanager TwinCAT, Connectivity & Embedded Systems, bei der Firma Beckhoff in Verl: „Viele Maschinen-und Anlagenbauer bereiten den Wechsel auf Windows 7 vor.“
„Dementsprechend ist Windows 7 bei vielen Unternehmen, die bisher beispielsweise Windows XP im Einsatz haben, zur Zeit in der Evaluierungsphase", beschreibt Ingrid Einsiedler, Marketing Managerin Automation beim IPC-Spezialisten Kontron die Situation. „Wir liefern aber auch schon Systeme mit Windows 7 aus."
Auch bei Beckhoff Automation in Verl spürt man eine deutliche Nachfrage nach der Verfügbarkeit von Industrie-PCs mit Windows 7. „Maschinenbauer, die eine neue Steuerungsgeneration für ihre Maschinen evaluieren, fragen bereits gezielt nach Windows 7 als Plattform", betont Stefan Hoppe Produktmanager Twincat bei Beckhoff.
Unisono Raimund Ruf vom Österreichischen Konkurrenten B&R Industrie-Elektronik: „Erste Anfragen liegen uns vor." Aktuell sieht er jedoch keine akute Notwendigkeit, warum Anwender wechseln sollten. Sein Argument: Im Bereich der Industrie wird im Wesentlichen die Embedded-Version nachgefragt. Die Freigabe von Windows Embedded Standard (WES 2011) plant Microsoft allerdings erst für den Sommer. Ruf ist sich aber sicher: Windows 7 wird mittelfristig Windows XP Professional und Windows XP embedded ablösen.
Software-Kompatibilität spielt große Rolle
Das sieht Heinz Eisenbeiss, Leiter Simatic Marketing & Promotion bei Siemens genauso: „Viele große Kunden haben sich bereits entschieden, 2010 sukzessive auf Windows 7 umzustellen - sowohl im Office als auch in der Produktionsumgebung."
Heinz Eisenbeiss, Leiter Simatic Marketing & Promotion der Siemens-Division Industry Automation in Nürnberg: „Für Migrationsdruck sorgen die Konzern-IT und der abgekündigte Support von Windows XP.“
Die Automobilindustrie wirkt hier als Multiplikator und wird kurzfristig dazu beitragen, dass auch die Anlagenlieferanten nach Windows 7 fragen. Dabei gilt es nicht nur die Kompatibilität der Hardware zu beachten, sondern auch der Software, zum Beispiel WinCC oder Step 7. Einsiedler bringt als einzige auch andere Betriebssysteme ins Spiel: „Windows 7 wird vor allem die Vorgänger-Generationen ablösen, den Absatz des konkurrierenden Linux aber kaum beeinflussen."
Neben Kontron liefert auch Beckhoff seine Hardware bereits mit Windows 7 und Applikationssoftware aus, konkret seit dem 1 Februar. „Unsere Automatisierungsplattform Twincat funktioniert ohne Probleme auf Windows-7-Systemen," so Produktmanager Hoppe.
Bei Siemens läuft derzeit die Freigabe der aktuellen Hard- und Software für Windows 7. Ebenso rüstet sich B+R für die ersten Anwendungen, mit denen Ruf im zweiten Quartal 2010 rechnet.
Offen für neue Techologien
Was treibt nun die Automatisierer zum Umstieg auf die neue Betriebssystemgeneration? Bei Windows Vista war diese Dynamik schließlich nicht zu spüren. Sind es die besonderen Features wie Multi-Touch?
Ingrid Einsiedler, Marketing Managerin Automation bei Kontron in Kaufbeuren: „Die vielen Patches haben Windows XP träge werden lassen.“
Die Wahl von Windows 7 basiert nicht nur auf einzelnen Funktionalitäten, wie Multi-Touch, verbesserter Security, dem 64-Bit-Support oder Silverlight, ist sich Hoppe sicher: „Kunden setzen auf ein modernes Betriebssystem, mit dem sie ihre bestehende Software weiterhin nutzen können, aber gleichzeitig für neue Technologien offen sind." Eisenbeiss bringt es auf den Punkt: „Der Auslöser sind zum Einen meist zentrale Entscheidungen der Konzern-IT, welche letztendlich bis in die Produktionsumgebung wirken.
Der auffälligste Grund für den Umstieg auf Windows 7 ist jedoch die Supportabkündigung von WinXP durch Microsoft". Bei XP ist die Weiterentwicklung hinsichtlich weiterer Features und Implementierung neuer Treiber abgeschlossen. „Damit ist dessen Ablösung eine logische Konsequenz, um ein langfristig verfügbares und stabiles Betriebssystem sicherzustellen", so Ruf. Dabei geht es auch um Performancezuwächse.
„Die unzähligen Patches und Servicepacks haben Windows XP immer träger werden lassen," nennt Einsiedler ein weiteres Problem. Einige Kunden denken konkret auch über das User-Interface nach, um beispielsweise ein Look&-Feel mit Aero-Oberflächen zu ermöglichen. Interessanter ist für viele aber ohnehin Windows Embedded Standard 2011, bei dem Entwickler die Komponenten flexibel zusammenstellen können.
Neue Konzepte dank Multi-Touch
Die Multi-Touch-Technologie ermöglicht ganz neue Konzepte; erste Visualisierungstools unterstützen bereits das Zoomen in Teilbereiche einer Anlage. Ebenso werden Bedienkonzepte aus dem Mobiltelefonbereich schrittweise auch bei Bedienungen in der Automatisierungswelt greifen.
Raimund Ruf, Business Manager HMI bei B&R Industrie-Elektronik in Eggelsberg: „Das Thema Windows 7 wird mit der Embedded-Variante ab dem Sommer erst richtig spannend.“
„Beckhoff hat bereits Teile der Multi-Touch-Technologie integriert, weitere folgen noch in 2010", sagt Hoppe. Auch Kunden aus der Medizintechnik sind sehr am Thema Multi-Touch-Bedienung interessiert, weil keine Maus für Funktionen wie Vergrößern oder das Drehen von Fenstern benötigt wird. „Das ist im Operationssaal sehr interessant", so Einsiedler.
In einem sterilen Umfeld stellt eine Maus eher einen potenziellen Herd für Keime dar, als ein sinnvolles Bediengerät. Für solche Applikationen sind Panel- und Tablet-PC prädestiniert, deren Ergonomie sich mit Multi-Touch nochmals steigern lässt.
Auch Eisenbess sieht mit der Verfügbarkeit der ersten industrietauglichen Multi-Touch-Displays das Thema an Bedeutung gewinnen. Ein Nachteil besteht allerdings: Multi-Touch ist noch vergleichsweise teuer. Deshalb braucht es noch einen gewissen Schub aus dem Consumerbereich, damit diese Technologie auch für die Automatisierungssysteme erschwinglich wird.














